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Krähen über Kahler

Juli 23, 2019

„Viele Menschen nehmen Kahler gar nicht wahr, wenn sie durchfahren“, meint Alain Welter. Sein Heimatdorf an der luxemburgisch-belgischen Grenze sei zu einem Durchfahrtsdorf geworden. Besser gesagt einem Vorbeifahrdorf. Der Illustrator hatte eine Idee, wie man das ändern könnte: Er überlegte sich das Projekt „Make Koler Kooler“. Koler heißt der Ort auf Luxemburgisch. Angefangen hat es als seine Bachelorarbeit im Studiengang Illustration in Berlin. „In dieser ging es um die Rolle des Gestalters in Zeiten der Urbanisierung und was dieser zur Lösung der Probleme, die durch die Urbanisierung entstehen, tun kann“, erklärt der 24-Jährige. Seine Antwort war 2017 die Schaffung eines Mehrwertes durch Kunst: die Gestaltung bunter Hausfassaden im Einverständnis der Dofbewohner*innen.

Krähen über Kohler  © Ekkehart Schmidt

Ein paar Jahre später zieren Musik spielende Affen,  ein radelnder Frosch oder wild flatternde Raben die Fassaden einiger Häuser. Am Ortseingang unterhalb der Unterführung durch die Autobahn wurden acht Betonpfeiler durch Graffiti gestaltet und am anderen Ende des 300-Seelen-Ortes grasen Kühe vor dem in großen Lettern – in Anlehnung an das Wahrzeichen von Hollywood – aufgestellten luxemburgischen Namen des Dorfes. „Make Kahler Kooler“ nannte und vermarktete Welter sein Projekt ziemlich erfolgreich.

Vorgestern konnte ich mir das 2018 (vorerst) vollendete Projekt anschauen. „Vorerst“, weil es sich Welter als kontinuierlich wachsendes Projekt eines dörflichen Museums vorstellt.

Der Chronologie meiner Durchfahrt von Nord nach Süd wegen beginne ich hier mit den Betonpfeilern, von denen mir aber eigentlich nur eins wirklich gefällt. Die anderen haben mit Koler nichts zu tun.

Krähen über Kohler  © Ekkehart Schmidt

Krähen über Kohler  © Ekkehart Schmidt

Krähen über Kohler  © Ekkehart Schmidt

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Dass Welter, dessen Künstlername „Mope“ ist, einen Hintergrund als Illustrator hat, merkt man seinen Graffitis an. Sie wirken oft sehr plastisch und lebendig und fallen sofort ins Auge, auch weil man solche Werke eher in einer Stadt und nicht einem kleinen Dorf vermutet.

Damit er seine Vision umsetzen konnte, musste Welter jedoch zunächst Bürgermeister Georges Fohl überzeugen, die Entscheidung in einem partizipativen Prozess mit einzubeziehen und Anwohner zu finden, die ihre Hausfassade zur Verfügung stellen würden. „Anfänglich waren noch viele Nachbarn verunsichert. Nachdem ich aber mit der ersten Mauer angefangen hatte, kamen sogar Anwohner auf mich zu, bei denen ich nicht angefragt hatte, und fragten, ob ich nicht auch bei ihnen etwas machen könnte“, erinnert sich der junge Künstler gegenüber dem Letzebuerger Journal. Je weiter das Projekt fortschritt, desto größer wurde auch die Aufmerksamkeit im Dorf, aber auch darüber hinaus. „Meine Idee hat schneller Anklang gefunden, als ich gedacht hätte“, resümiert er.

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Sein Elternhaus hat Welter, anders als man denken könnte, 2018 als letztes bemalt: mit einem radelnden Froschwesen. Wenige Häuser weiter findet sich eine Schnecke, die mir wegen der unnötigen Striche rechterhand als einzigem „Mural“ nicht wirklich gefiel.

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Es folgt der neu gestaltete Eingang eines Kinos (!) als Teil des „Duerfzenter Koler“ hinter einem sehr authentischen Dorfgebäude.

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Café Jungen_Koler © Ekkehart Schmidt

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Sehr angemessen zurückhaltend die Bemalung eines Pferdestalls. Dann ein Porträt und Raben und ein Bauernhausidyll im Abstand weniger Meter.

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Bei den Raben handelt es sich um eine Anspielung auf das Wappen des Dorfes. Es machte Spaß, diese Ecken zu entdecken. Aber einige habe ich übersehen: Es gibt 16.

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Aus Kahler eine Art „kleines Hollywood“ zu machen, war auch so eine Idee von Alain Welter: Auf einer Anhöhe mitten auf einer Kuhweide steht der Name in Großbuchstaben geschrieben, ein wenig wie auf jenem Hügel über Los Angeles. Der Bürgermeister bestätigte später, wie wichtig Identifikation für die Bewohner*innen ist, gerade wenn es so spaßig herüberkommt.

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Es lohnt wirklich – am besten wie wir per Rad – noch ein wenig ab der Hauptstrasse die Ränder des Dorfes zu durchforsten, um noch die eine oder andere Entdeckung zu machen. Leider gibt es hier keine Gaststätte mehr, seitdem – und das ist schon Jahrzehnte her – das Café Jungen geschlossen hat.

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Krähen über Kohler © Ekkehart Schmidt

Natürlich kann man diese Art salonfähige Urban Art auch kritisch sehen: Im Text „Hip, hip, tot“ (woxx, 02.08.2019) wird darauf hingewiesen, dass Street Art vielerorts unter dem Begriff der Urban Art kommerzialisiert und zum hippen Aushängeschild für Unternehmen und Städte wird. Das könne die Szene der „dreckigen“ und spontanen Graffitikunst zerstören. Für Koler trifft dies freilich nicht zu. Da gab es bislang keine Graffitis.

Das Projekt ist aber dennoch ein Paradebeispiel dafür, „wie Bürgerbeteiligung der Entwicklung ländlicher Gebiete eine neue Dynamik verleihen kann“, so das Luxemburger Wort. Das habe sich nicht nur am Kino, sondern auch beim Jugendclub gezeigt. Aus dieser Dynamik heraus sei Welters Projekt entstanden. Sie habe zu einem anderen Miteinander in der Gemeinde geführt. „Früher, wenn jemand im Ort Garnich von Kahler sprach, dann sagte er ‚hannert dem Bierg‘. Und umgekehrt auch. Heute sage das niemand mehr, so Bürgermeister Georges Fohl.

Verwendete Quellen: Ewen, Luc: Das Vorbild aus Kahler, Luxemburger Wort, 03.09.2019; derselbe: Kleine bunte Welt, Luxemburger Wort, 12. 09.2019; Hansem, Melody/ Sylvestre, Didier: Wiesen, Kühe und Fortschritt, Tageblatt, 31.08 2019; Karier, Jeff: Mehrwert durch Kunst, Lëtzebuerger Journal, 25.05.2018, Welter, Alain: Make Kahler Kooler

Krähen über Kahler © Ekkehart Schmidt

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