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Letzte Weihe per Graffiti_Luxemburg

Juni 19, 2019

Jean-Claude Lin, Editorialist der Zeitschrift „à tempo“ (einer Beilage der Kundenzeitschrift der dm-Märkte) zitierte in der Juni-Ausgabe den Autor Raimund Petschner, dessen bei ArtPress in Berlin erschienenes Buch „Kurze Entfernung aus dem Gespräch“ eine der dort veröffentlichten, „Miniaturen“ genannten Beobachtungen. In „Hände“ ist die Rede von Beobachtungen, von einer Wachheit für das Singuläre, für Typenhaftes und Serielles. Und vom Blick auf die solchen Beobachtungen zugrunde liegenden Strukturen.

Das passte perfekt zu meinem Entdecken eines Graffitikünstlers, dessen immer gleiche Werke ich seit etwa zwei Jahren wahrgenommen, aber in ihrer Substanz bislang nicht verstanden hatte. Seine Wolkengebilde sprayte er auf hölzerne Wände, mit denen zum Abriss geweihte Häuser vor dem Eindringen von Obdachlosen und anderen geschützt werden sollen. Das hatte ich jetzt endlich beim leerstehenden Lokal des ehemaligen Damenbekleidungsgeschäfts „Pompadour“, unmittelbar neben meinem Arbeitsplatz, verstanden.

Letzte Weihe per Graffiti_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Letzte Weihe per Graffiti_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Das war nur die Hälfte. Der Impuls, das zu dokumentieren, kam erst letzten Samstag, als mir klar wurde, dass er oder sie etwas Serielles unternommen hat und dabei sehr konstant ist (wenn auch nicht überall in Luxemburg präsent). So hielt ich die Kamera parat auf dem Weg per Bus über Hollerich nach Kockelscheuer, wo ich einen Stand beim Fest vun der Natur aufzubauen hatte – und fand gleich vier weitere Wolkendreiecke, erst am Hotel Alfa und dem Haus daneben an der Gare, dann in Hollerich:

Letzte Weihe per Graffiti_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Letzte Weihe per Graffiti_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Letzte Weihe per Graffiti_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Letzte Weihe per Graffiti_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Letzte Weihe per Graffiti_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Anfangs hat er/ sie wohl ausschließlich blaue Wolkengebilde gesprayt. In der rue de Hollerich, an der Gare und an der riesigen Baustelle am Hamilius entdeckte ich aber dieser Tage erstmals auch andersfarbige und ganz bunte:

Letzte Weihe per Graffiti_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Letzte Weihe per Graffiti_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Letzte Weihe per Graffiti_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Letzte Weihe per Graffiti_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Letzte Weihe per Graffiti_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Letzte Weihe per Graffiti_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Letzte Weihe per Graffiti_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Das ist jetzt wohl der Beginn einer langen Recherche, bei der ich mich in den nächsten Wochen auf die Spur einer Serie machen werde, die wirklich faszinierend ist. Der oder die Künstlerin bewegt sich aber offenbar nicht durch alle Ecken der Stadt, so findet sich an den Abbruchhäusern der Route de Thionville keiner dieser „Stempel“. Aber vielerorts anderswo.

Mal sehen, ob ich das richtig interpretiert habe, dass da protestiert wird gegen den Abriss von Gebäuden oder die Umwandlung authentischer Lokale in etwas künstlich durchdesignetes. Markiert werden jedenfalls Verluste. Als letzte Weihe, im Wissen, dass die besprayten Flächen bald verschwinden.

„What is your dream?“ und „Get high on life“ sind zwei Botschaften, die ich unter Wolken entdeckt habe, die offensichtlich auch vom Künstler stammen. Er entwickelt sich also kontinuierlich weiter. Hier zwei neue Werke vom Oktober 2019 (zunächst am ehemaligen Hotel Alfa, dann am Drogenhilfezentrum an der Route de Thionville:

Letzte Weihe per Graffiti_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Letzte Weihe per Graffiti_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

.Letzte Weihe per Graffiti_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Nachtrag vom 6. November: Im Kontext einer Bewerbung der „Luxembourg Art Week“, die vom 8.-10. November stattfindet, entdeckte ich diese Graffitis als Teil eines weitaus umfassenderen Werks des 1987 in Metz geborenen Künstlers Thomas Iser, der wohl vor allem im Atelier arbeitet und sich auf Performance, Fotographie und Graffiti spezialisiert hat. In einer Selbstbeschreibung sagt er, dass er sich wünscht, dass die Menschen ihr Leiden  zur Erfüllung ihrer Träume nutzen. Er hat aber auch laut Essentiell den Mut zu heiterer Kunst, wie sie mir begegnet ist. Diese Graffitis scheinen in seinen Aktivitäten eher eine Nebenrolle zu spielen. Aber egal: Hier ist er mir begegnet und hat mich zumNachdenken gebracht.

Letzte Weihe per Graffiti_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

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