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Eiscafé Cortina_St. Wendel

Juni 11, 2019

2020 feiert es sein 50-jähriges Bestehen, aber es wirkt überhaupt nicht altersschwach oder angestaubt: Eines dieser 4000 Eiscafés in Deutschland, mit dem wohl fast jede/r Bewohner/in der jeweiligen Stadt Erinnerungen teilt – vom aufregenden Treffen mit der ersten Liebe bis zu Klön-Nachmittagen mit anderen Omas und Opas (bei denen man dann auch von den Peinlichkeiten der ersten Turtelstunden erzählen kann).

Vier Eiscafés Cortina“ gibt es im Saarland, weitere 15 im Gebiet zwischen Frankfurt, Trier und Stuttgart. Aber nur dieses hat neben gutem Eis noch eine historische Besonderheit zu bieten: Im Jahr 1814 nächtigte hier nicht nur der spätere preußische Kaiser Wilhelm, sondern auch Feldmarschall von Blücher, nachdem sie kurz zuvor in einer spektakulären Aktion Truppen über den Rhein geführt hatten. Von diesem 1710 erbauten Haus aus verkündete letzterer – nach einem Jahrhundert französischer Herrschaft über die linke Rheinseite – den Wiederanschluss der Saarregion an „deutsches“ Gebiet. Dies betraf zunächst vor allem den Handel.

Eiscafé Cortina_St.Wendel © Ekkehart Schmidt

Eiscafé Cortina_St.Wendel © Ekkehart Schmidt

Eiscafé Cortina_St.Wendel © Ekkehart Schmidt

Eiscafé Cortina_St.Wendel © Ekkehart Schmidt

Eiscafé Cortina_St.Wendel © Ekkehart Schmidt

Eiscafé Cortina_St.Wendel © Ekkehart Schmidt

Letzten Freitag suchten wir jedenfalls ein Lokal für die Mittagspause. Ich hätte ein cooles oder abgewracktes Café bevorzugt, aber dann war diese Wahl genau richtig. Wir orientierten uns erst in die Tiefe des Lokals, bestellten und setzten uns dann doch ans Fenster.

Als unser ältester Sohn sein Eis bekam, war er verblüfft und enttäuscht. Er hatte ein Eis in einer echten Waffel erwartet, nicht eins auf einer Porzellanschale, die wie eine Waffel aussah. Die Kellnerin verstand das – mit halbem Ohr zuhörend, eigentlich schon im Gehen begriffen – sofort und kam kurz drauf mit einer Waffel zurück und packte beide Bällchen drauf: Johann strahlte…

Eiscafé Cortina_St.Wendel © Ekkehart Schmidt

Eiscafé Cortina_St.Wendel © Ekkehart Schmidt

Eiscafé Cortina_St.Wendel © Ekkehart Schmidt

Eiscafé Cortina_St.Wendel © Ekkehart Schmidt

Eiscafé Cortina_St.Wendel © Ekkehart Schmidt

Ich bekam einen guten Espresso (und nichts vom Eis ab), liebäugelte kurz mit dem Kuchen, hatte dann aber eher Lust, per Kamera in einer kurzen Aktion das Lokal zu dokumentieren. So kann ich das Ergebnis des großen St. Wendeler Eisdielentest nicht beurteilen. Bei diesem schnitt das Cortina unter fünf Eisdielen in Bezug auf Lage, Geschmack und Sortenvielfalt sehr gut ab, auch der „Tropffaktor“ war positiv, während an den Waffeln herumgemäkelt wurde… Johann sagte nichts Negatives, froh, dass auf seine Wünsche eingegangen worden war… So ist das manchmal.

Eiscafé Cortina_St.Wendel © Ekkehart Schmidt

Der von diesem Fensterplatz aus einsehbare Markt mit seinen kleinen Absonderlichkeiten zog mich an, für eine Zigarette nach draußen zu gehen und mir auch das anzuschauen. Es wirkt – angesichts der alles dominierenden Wendalinusbasilika (errichtet 1360, die Kuppelhaube wurde jedoch erst 1753 aufgesetzt und wirkt bei dieser Geschichte irgendwie preußisch) eher unscheinbar. Kein geringerer als der Philosoph und Theologe Nicolaus Cusanus war ab 1442 für 20 Jahre ihr Pfarrherr, ehe der Papst ihn nach Rom rief.

Eiscafé Cortina_St.Wendel © Ekkehart Schmidt

Eiscafé Cortina_St.Wendel © Ekkehart Schmidt

Eiscafé Cortina_St. Wendel © Ekkehart Schmidt

Eiscafé Cortina_St. Wendel © Ekkehart Schmidt

Das auf der Tafel hochgehobene Ereignis von vor 200 Jahren habe ich später natürlich recherchiert. Damals galt der Rhein als unberechenbarer Strom, der nur mit Fähren und im Winter nur unter großen Gefahren zu überqueren war. Umso bemerkenswerter erschien das historische Ereignis von  Blüchers Rheinübergang in der Neujahrsnacht 1813/1814: Der 71-jährige Marschall Gebhard Leberecht von Blücher überschritt bei Kaub mit rund 50 000 Soldaten der aus Preußen und russischen Verbündeten bestehenden „Schlesischen Armee“, 15 000 Pferden und 182 Geschützen die damalige Außengrenze Frankreichs und läutete damit das Ende von Napoleons Kaiserreich und den späteren Anschluss großer Teile des heutigen Saarlandes an Preußen ein.

Frankreich umfasste damals das gesamte linksrheinische Territorium Deutschlands – nach der Annexion durch französische Revolutionstruppen 1793/94 zunächst als Teil der Republik und seit 1804 als Teil jenes Kaiserreichs Napoleon Bonapartes. Über Kreuznach und Kusel traf die „Schlesische Armee“ am 8. Januar 1814 in St. Wendel ein. Am nächsten Tag proklamierte der Feldmarschall die Wiederaufnahme des freien Handels zwischen dem Saardepartement und dem rechtsrheinischen Gebiet.

Was nicht auf der Wandtafel, wohl aber auf der Rückseite der Cortina-Eiskarte steht: „Um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert betrieben in diesem Hause die Brüder Philipp und Karl der italienischen Einwandererfamilie Cetto ein Handelsgeschäft.“ Karl Cetto, 1810 von Kaiser Napoleon zum Ritter der Ehrenlegion ernannt, amtierte bis 1817/18 als Bürgermeister der Stadt. Eine schöne Kontinuität also.

So, genug der historischen Tiefenbohrungen. Aber wenn ich schon mal dabei bin, dann nicht nur in Bezug auf nationale Kriegshelden, sondern hier konkret auf die Eisproduktion 150 Jahre später: Auf dem Weg von der Toilette im umgebauten Gewölbekeller die Treppe zurück hoch, fiel mein Blick auf eine leicht angerostete Eismaschine:

Eiscafé Cortina_St. Wendel © Ekkehart Schmidt

Eiscafé Cortina_St. Wendel © Ekkehart Schmidt

1929 gründete Hugo Kunzi mit seiner Frau Martha die BOKU Maschinenfabrik in Stuttgart. Ihre ersten Maschinen waren Speiseeismaschinen in der klassischen Rührwerkstechnik mit Vertikalantrieb. Dieses Konstruktionsprinzip hat sich in der Grundfunktion bis heute bewährt. So sind immer noch Maschinen im Einsatz, die in den 30iger Jahren gebaut wurden, aber natürlich auch moderne Speiseeismaschinen und Verfahren zur Eis-Herstellung. Von wann dieses Exemplar ist, kann ich nur ahnen: 1970er? Es wirkt, als wäre es nicht mehr in Betrieb. Ich kam leider nicht dazu, der aufmerksamen Kellnerin diese Frage zu stellen. Nächstes Mal.

Nächstes Mal war am 12. August: Ich lernte, dass Lucio Antoniazzi, nach dem das Lokal den Beinamen „Bei Lucio“ erhalten hat, vor zwei Jahren an Leukämie verstorben ist. Unsere nette Kellnerin war seine Frau. Es sei sehr schnell gegangen, erzählte sie. Sechs Monate…

Was auch immer dieses Haus damals war. Schon ein Lokal? Oder Haus des Bürgermeisters? Auch das könnte man recherchieren. Schwierig. Ich fand immerhin heraus, dass das Eiscafé zunächst im Haus links gegenüber bestand, ehe dieses vor 20 Jahren abbrannte (heute befindet sich dort – nach umfangreicher Sanierung – das Rathaus). Danach zog es in dieses historische Haus um.

Dass es so viele Eiscafés diesen Namens gibt, liegt übrigens an der Herkunft der Inhaber aus den zwei berühmten „Tälern der Gelatieri„, dem Val di Zoldo und dem Val di Cadore bei Cortina d’Ampezzo in den Dolomiten, aus denen ursprünglich fast alle Eismacher in Deutschland kamen. Ob das auch für Lucio Antoniazzi zutrifft, vergass ich zu fragen. Nächstes Mal.

Adresse: Balduinstr. 2, 66606 St. Wendel, Tel: 06851-9999352

Verwendete Quellen: Friedrich, Klaus: Vor 200 Jahren kamen die Preußen, Saarbrücker Zeitung, 06.01.2014; Holzer, Lena: Der große St. Wendeler Eisdielentest, in: Sankt Wendeler Landnachrichten, 23.06.2016; Wikipedia-Artikel Gebhard Leberecht von Blücher und St. Wendel

Eiscafé Cortina_St. Wendel © Ekkehart Schmidt

From → Cafés, SaarLorLux

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