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Dolo in Bobo

Mai 31, 2019

„Dolo“ ist wie „Bobo“ – als Abkürzung des Namens der zweitgrößten Stadt in Burkina Faso, Bobo Dioulasso – eines dieser uralten, in ihrer Einfachheit faszinierenden westafrikanischen Wörter. Und es knallt: „Dolo“ heißt das seit Jahrhunderten täglich tausendfach privat aus Sorghumhirse gebraute Bier. Also nicht aus Hopfen und Malz, auch nicht in Flaschen abgefüllt oder in Kneipen ausgeschenkt, aber dennoch berauschend und von großer sozialer Bedeutung. Denn man trinkt es mit den Nachbarn direkt nach der Herstellung – die ziemlich archaisch ist.

In manchen Dörfern scheint früher (oder immer noch) sehr exzessiv durch alle Altersklassen und beide Geschlechter Dolo getrunken worden zu sein, berichtet jedenfalls Ine Stolz von den Dagara in Dano. Dort habe es in den Jahren ihres Aufenthalts als Agrarexpertin von 2008-11 das ganze Jahr hindurch so etwas wie ein 24-stündiges “ Komasaufen“ gegeben. In jedem zweiten Haus habe sich eine Brauerei befunden. Jedenfalls in den katholischen Teilen dörflichen Lebens.

Von meinen zwei Aufenthalten in Burkina Faso kann ich nicht beurteilen, ob das immer noch so ist oder eher eine etwas übertriebene Darstellung. Ich habe nur Zeit in den beiden Metropolen des Landes verbracht und diesen Januar von Bobo aus einen Ausflug in ein Lehmdorf gemacht: Koumi. Dort wurde auch Dolo gebraut. Aber nur in einem Haus, vor dem – hinter einem Fetischstein – drei dieser charakteristischen Tonkrüge standen:

Dolo in Bobo © Ekkehart Schmidt

Dolo in Bobo © Ekkehart Schmidt

Dolo in Bobo © Ekkehart Schmidt

In der Altstadt von Bobo Dioulasso hatte ich mein einziges echtes Dolo-Erlebnis, das mir freilich die von Ine Stolz geschilderten denkbar erschienen liessen. Wir hatten uns – wie das üblich ist – gegen eine kleine Gebühr einem „Guide“ anvertraut, der uns authentische Einblicke in das traditionelle Leben bot und uns dabei auch an diesen Brau-Ort an der Hauptstraße durch die Altstadt brachte.

Dolo in Bobo © Ekkehart Schmidt

Dolo in Bobo © Ekkehart Schmidt

Dolo in Bobo © Ekkehart Schmidt

Dolo in Bobo © Ekkehart Schmidt

Dolo in Bobo © Ekkehart Schmidt

Die Grundsubstanz wird offenbar aus Sorghumhirsen hergestellt. Das Malz entsteht durch Keimung der mit Wasser versetzten Hirse. Sie wird getrocknet, dann mit Wasser versetzt und bekommt einige Tage zum keimen, ehe sie gemaischt und dann aufgekocht wird. Beim Kochen kommen verschiedene Pflanzen hinzu, die zur Klärung der Brühe beitragen. Zum Abschluss wird Hefe hinzugeben, um den Gärungsprozess auszulösen. So entsteht ein rotes und leicht trübes Gesöff, das bald süß, bald sauer ausfallen kann. Nach dem mehrere Tage dauernden Kochvorgang hat sich ein Bodensatz gebildet, der abgetrennt wird. Die Flüssigkeit kann süß getrunken oder durch Zusatz von Hefe und geschmacksverbessernden Stoffen vergärt werden. Der Alkoholgehalt beträgt zwei bis vier Prozent.

Wir setzten uns zu ein paar Männern und bekamen sofort eine Kalebasse mit Dolo. Farblich ein wunderbarer Anblick. Ehe man trank, hatte man – gewissermaßen in Erinnerung an die Ahnen – einen kleinen Schwapps auf den Boden zu schütten, wurde uns erklärt.

Dolo in Bobo © Ekkehart Schmidt

Dolo in Bobo © Ekkehart Schmidt

Dolo in Bobo © Ekkehart Schmidt

Dolo in Bobo © Ekkehart Schmidt

Ich war sehr schnell ziemlich beduddelt. Aber von diesem Erlebnis so beeindruckt, dass ich mir später im Grand Marché drei solcher Kalebassen kaufte. Abends in der Villa Bobo trank ich freilich weiter meinen Wein.

Neben den spannenden sozial-soziologischen Aspekten der Dolo-Braukultur gibt es auch sehr bedenkliche ökologische Aspekte, die auch zu erwähnen sind. Der Raubbau an den Waldressourcen des Landes hat eben neben dem Brennholzbedarf auch mit dem für Dolo nötigen Hirseanbau zu tun, wie Ine Stolz schreibt:

  • „Wegen des Bierbrauens wurde überall, wo irgend möglich, Hirse angebaut. Also in Burkina Faso war Hirse nicht das Hauptnahrungsmittel, sondern wurde als Getreide zur Bierherstellung angebaut. Es wurde nicht viel gegessen bei den Dagara, das Bier half über den Hunger hinweg“.
  • „Dolo Bier muss drei Tage auf dem Feuer kochen. Es wird in großen Tonkesseln gebraut. Das Sammeln von Brennholz und das Ernten der Hirsekolben ist Sache der Frauen. Sie tragen extreme Lasten kilometerweit auf dem Kopf. Auch die Zubereitung des Bieres liegt in Frauenhand.

Zuletzt noch zwei Zitate zu den Besäufnissen:

„Sobald so 100 Liter Bier in einem Tonkessel gebraut waren, mussten sie umgehend getrunken werden, da es keine Möglichkeit gab, das Bier zu konservieren. Das heißt im Klartext: Sobald irgendwo das Bier fertig war, gingen alle dorthin und tranken es leer. Das Bier wurde aus dem Kessel geschöpft, in Kalebassen gefüllt und daraus getrunken. Manchmal wanderte die Kalebassse reihum, manchmal hatte jeder eine eigene in der Hand.“

Selbst Babys habe man Dolo gegeben, um sie zu beruhigen, wenn sie schrien, damit sie gut schliefen. Und zur Feldarbeit habe man einen 5 Liter Kanister mitgenommen. Und dabei – wie sonst auch zu oft – getrunken, bis man umfiel.

Ich kann all diese Erfahrungen nicht aus eigener Ansicht bestätigen. Aber sie wurden mir in Koumi und Bobo vorstellbar.

Verwendete Quellen: Kase, Aaron: Bier und Lethargie in Burkina Faso, vice.com, 18.11.2014;   Stolz, Ine: Alte Seele Afrika. Taten und Sachen – Entwicklung und Hilfe, Berlin 2017, S. 145ff; Dolo (Bier), Wikipedia

Dolo in Bobo © Ekkehart Schmidt

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