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Auf Plastikstühlen am Nil

Mai 29, 2019

„Der Nil“ – fast jeder Mensch hat bei der Nennung dieses Flussnamens seine eigenen Assoziationen. Ich muss da etwas länger ausholen, ehe ich mich mit euch bei einem Tee auf einen Plastikstuhl setzen kann…

Meine Erinnerung an den Moment, als ich im März 1988 erstmals sein Wasser sah, ist eher diffus. Aber es wird wohl hier, im Zentrum von Kairo nahe des Tahrir-Platzes gewesen sein. Nach fast einem Monat Anreise per Anhalter, Bus und Schiff über Jugoslawien, die Türkei, Syrien und Jordanien. Im Wissen, dass dieser mythische Strom als „Weißer Nil“ tief im tropischen Afrika in den Bergen von Ruanda und Burundi entspringt, Tansania, Uganda, Südsudan und Sudan durchfliesst, wo ein zweiter Arm, der aus Äthiopien kommende „Blaue Nil“, dazu kommt, dessen Verlauf durch Schluchten ich 2011 erleben durfte. Nach 6650 km mündet er in Ägypten in das Mittelmeer und ist – gemeinsam mit dem Amazonas – der längste Fluss der Welt.

Aber das ist gar nicht so von Bedeutung. Eher, dass er als einziger Fluss der Erde mit der Sahara vollständig eine Wüste durchquert und somit extrem unterschiedliche Welten verbindet. Und natürlich weiss man, dass die besonderen Eigenheiten des Flusses – vor allem die jährlichen, fruchtbaren Schlamm bringenden Überschwemmungen – an seinen Ufern eine der frühesten Hochkulturen entstehen liess. Auch heute noch ist er für Ägypten von entscheidender, lebensspendender Bedeutung, nicht nur für die Landwirtschaft. Mangels Regen und anderer Wasserressourcen besteht jede Träne, die hier geweint wird, jedes Glas Tee und jedes Salatblatt aus Nilwasser. Zuverlässig, seit Jahrtausenden.

Die sich abzeichnende Klimakatastrophe könnte dies in fataler Weise verändern.

Auf Plastikstühlen am Nil_Kairo © Ekkehart Schmidt

In Kairo, etwa 250 km vor der Mündung, wird der Fluss nach mannigfaltiger Transformation in Bewässerungs- und Trinkwasser, plötzlich – erstmals nach Khartoum, Assuan und Luxor – wieder in ein festgemauertes Bett gepresst, das er seit der Vollendung des Assuan-Staudammes 1971 selbst zu Zeiten der jährlichen Flut, nicht mehr verlassen kann. Und wirkte für mich damals fast enttäuschend schmal. Jedenfalls beim Blick hinüber auf die Insel Zamalek mit dem Cairo-Tower, hinter der freilich noch ein kleinerer Arm nordwärts fliesst. Heute bin ich immer neu überrascht, wie breit der Fluss trotz mannigfacher Nutzung immer noch ist.

Viele hundert Male bin ich hier seitdem – meist per Taxi – die „Corniche“ hoch und hinunter gefahren. Der Anblick des Nils hat sich schnell tief eingeprägt, wenn ich auch vergleichsweise selten eine der beidseitigen Uferpromenaden entlang gelaufen und nur ein halbes Dutzend Mal per Boot auf dem Wasser war. Gleichwohl war jede Begegnung mit dem Strom beeindruckend, allein durch die Erkenntnis meiner täglichen Verortung hier, kurz vor der Mündung dieses historisch und geografisch so wichtigen Flusses. Parallel zum Erleben der gestressten Bus- und Autofahrer, die sich durch die Staus quälen, bietet die Corniche den Kairenern frische Luft, Erholung und die kleinen Vergnügungen zwischenmenschlicher Art in einem anonymen, unbeaufsichtigten Freiraum. Und informellen Händlern eine Chance, Geld zu verdienen: Im Verkauf von Bretzeln an Autofahrer im Stau ode, im Anbieten von Kutschfahrten für Touristen

Auf Plastikstühlen am Nil_Kairo © Ekkehart Schmidt

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

Von Norden kommend gelangt man an die Qasr en-Nil Brücke mit ihren emblematischen Löwen aus der Zeit des Neustadtbaus und des britischen Protektorats. Vor allem abends laufen viele Menschen aller sozialer Schichten und Generationen halb oder ganz hinüber, die frische Luft und den weiten Blick geniessend, während sich neben ihnen die Autos hinüber quälen.

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

Nord- und südwärts bietet sich ein faszinierender Blick auf die „Waterfront“, die seit den 1980er-Jahren entstandenen Hochhäuser – Hotels und Bürogebäude – entlang dieses attraktiven Ufers. Mit modernen Vergnügungsschiffen wie Felluken, deren Bauweise seit Jahrhunderten unverändert ist.

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

Irgendwann vor ein paar Jahren (die folgenden Fotos habe ich in einer ruhigen halben Stunde Anfang 2018 gemacht) fiel mir ein informelles Lokal auf. Also ein Ort, an dem man etwas zu trinken bekommt. Unterhalb der Corniche die Sitzplätze, oberhalb – durch den Zaun getrennt – die Kochstelle für Tee.

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

In Kairo, etwa 250 km vor der Mündung, wird der Fluss nach manigfaltiger Transformation in Bewässerungs- und Trinkwasser, plötzlich - erstmals nach Khartoum, Assuan und Luxor - wieder in ein festgemauertes Bett gepresst, das er seit der Vollendung des Assuan-Staudammes 1971 selbst zu Zeiten der jährlichen Flut nicht mehr verlassen kann. Und wirkte für mich damals fast enttäuschend schmal. Jedenfalls beim Blick hinüber auf die Insel Zamalek mit dem Cairo-Tower, hinter der freilich noch ein kleinerer Arm nordwärts fliesst. Heute bin ich immer neu überrascht, wie breit der Fluss trotz mannigfacher Nutzung immer noch ist.

Spannend, zu beobachten, wie sich da zwei Frauen hinsetzten und kurz drauf zwei Männer dazu kamen, ehe wiederum ein Paar hinunter kam…

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

ein Jahr später kam ich jetzt im April vom Süden her zur Brücke und diesem Lokal, das ich mir genauer anschaute – unter anderem mit der informell selbst gebauten Treppe über das Geländer. Eine Freundin wollte hier – wie schon oft erprobt – nach einem anstrengenden Tag die Ruhe des Flusses erleben.

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

Im Unterschied zu 2018 hatte der das „Lokal“ betreibende Mann seine Utensilien jetzt am Geländer aufgebaut, nicht mehr an der lärmenden Straße. Der Nil also! Blick auf Boote in der Abendstmmung.

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

Und das Beobachten eines klugen Vogels, einem Kranich (?), der auf einer Art Insel einer Styroporplatte stand und auf Fische wartete.  Danach zurück nach Zamalek. Im aufleuchtenden Licht der Werbung von Restaurantschiffen jenseits des Flusses – einem ganz anderen Thema. Wie dem der Klimakatastrophe: Sollten die jährlichen Regenfälle in Äthiopien und Ruanda eines Tages ausfallen, gäbe es hier bald ein trockenes Flussbett und 100 Millionen Ägypter hätten abrupt das unwirtlich gewordene Land zu verlassen. Diese Gefahr wird hier erfolgreich verdrängt. Man hat andere Probleme.

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

Auf Plastikstühlen am Nil © Ekkehart Schmidt

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