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Ahwa Al-Kabtan_Kairo

Mai 19, 2019

Die Sharia Mohammed Mahmoud wurde vor acht Jahren weltbekannt: zum einen durch die Straßenschlachten zwischen Demonstrant*innen und Sicherheitskräften des Regimes, zum anderen durch die revolutionären Graffitis. Jedenfalls an ihrem westlichen Ende, wo sie auf den Midan Tahrir mündet. Ihr östliches Ende nahe des Abdin Palastes war mir bislang eine weitestgehend unbekannte Gegend geblieben. Zwar wohnt im dortigen Viertel eine langjährige Freundin, aber es war für mich – abgesehen von einer Konzentration von altansässigen europäischen Schulen, sowie Optikern und Brillengeschäften – ein Quartier von eher geringem Interesse. Es ist einfach ein nettes, ruhiges Wohnquartier am Südrand der Citysüdöstlich des Midan Falaky, im Übergang zum Regierungsviertel.

Im April, in den Tagen des Referendums, in dem es unter anderem um eine Verlängerung der Amtszeiten des Präsidenten – derzeit General al-Sisi – ging, lernte ich es aber genauer kennen. Eine Deutsche, die hier früher gewohnt hat, führte mich zu einem der wohl besten „Fatatri“-Bäcker der Stadt: „Baba Abdou“. Wir bestellten und setzten uns in das Café nebenan, um uns die Blätterteigpizzen später holen zu gehen.

Ahwa Captain_Kairo © Ekkehart Schmidt

Ahwa Captain_Kairo © Ekkehart Schmidt

Ahwa Captain_Kairo © Ekkehart Schmidt

Ahwa Captain_Kairo © Ekkehart Schmidt

Die Terrasse des Cafés befindet sich unter einem metallenen Vordach, man sitzt dort sehr angenehm an Holztischchen. Ältere Männer vor allem solche, die sich etwas zu erzählen haben. Aber auch andere, die sich eine Ruhezeit nehmen. Und junge Männer, die eine Schischa rauchen. Wir setzten uns auf die Plastikstühle vor der Terrasse, mit Blick auf eine Kreuzung, deren Randbereich von Taxis zugeparkt war und ließen das über uns, sowie rundum aufgehängte halbe Dutzend Banner, die zur Teilnahme am Referendum aufriefen, auf uns wirken. Sehr dominant gab es hier nur die offizielle Sicht der Dinge. Teilnahme = Zustimmung, natürlich. Oppositionelle Banner habe ich keine wahrgenommen.

Ahwa Al-Kabtan_Kairo © Ekkehart Schmidt

Das Lokal ist auffällig bunt gestaltet – sehr ungewöhnlich für Kairo.

Ahwa Captain_Kairo © Ekkehart Schmidt

Ahwa Captain_Kairo © Ekkehart Schmidt

Ahwa Al-Kabtan_Kairo © Ekkehart Schmidt

Ahwa Al-Kaptan_Kairo © Ekkehart Schmidt

Ahwa Al-Kabtan_Kairo © Ekkehart Schmidt

Ahwa Al-Kabtan_Kairo © Ekkehart Schmidt

Wir bekamen unseren Nescafé und das Milchgetränk Sahlab, während mich jetzt das schräg und grell vom Tahrir kommende Licht der untergehenden Sonne faszinierte. Und ich also – das Fatatri war noch nicht abgeholt – nochmal auf die Kreuzung bin, um zu fotografieren.

Ahwa Al-Kabtan_Kairo © Ekkehart Schmidt

Ahwa Al-Kabtan_Kairo © Ekkehart Schmidt

Ahwa Al-Kabtan_Kairo © Ekkehart Schmidt

Ahwa Al-Kabtan_Kairo © Ekkehart Schmidt

Ahwa Al-Kabtan_Kairo © Ekkehart Schmidt

Ahwa Al-Kabtan_Kairo © Ekkehart Schmidt

Ich versuchte, die vor dem Hintergrund des Sonnenuntergangs auf der Straße laufenden Menschen in die Bilder zu integrieren. Menschen, die schon gewählt hatten, jetzt auf dem Weg nach Hause waren. Oder die es bevorzugt hatten diese – in westlicher Sicht – Farce zu boykottieren.

Ahwa Al-Kabtan_Kairo © Ekkehart Schmidt

Am nächsten Tag wurde ich anderswo im Süden der Neustadt Zeuge einer Schlange von Männern vor einem Seiteneingang eines Gebäudes nahebei, nicht weit entfernt von einem Wahlbüro, an dem den ganzen Tag lang Musik gespielt wurde, um die Bürger*innen zur Stimmenabgabe aufzufordern. Was trieb sie dorthin? Auch auf der Nilinsel Zamalek, wo ich wohnte, kam ich drei Tage lang immer an einem solchen Wahlbüro vorbei. Das Regime gab sich viel Mühe, ein attraktives Umfeld zu schaffen.

Ahwa Al-Kabtan_Kairo © Ekkehart Schmidt

Ahwa Al-Kabtan_Kairo © Ekkehart Schmidt

Später wurde mir gezeigt, wie das – zumindest gelegentlich – lief: Wähler*innen bekamen im Wahllokal nach der Frage, ob sie noch etwas benötigen oder so (genau konnte ich das nicht recherchieren), einen Zettel, mit dem sie dann um’s Eck zu einem anderen Eingang gehen konnten: Dort bekamen sie ein Geschenk, die Rede war von Geldbeträgen von etwa 100 ägyptischen Pfund (etwa 5 Euro, was viel ist) oder Kartons mit Lebensmitteln. Die Fotos davon habe ich zum Schutz der involvierten Personen aus diesem Blog wieder entfernt.

Jedenfalls wurde der starke Mann bestätigt. Ob das jetzt Wahlbetrug ist, mögen diejenigen beurteilen, die in einer solchen politischen Situation leben. Andere, wie ich, sollten da eher zurückhaltend sein.

Heute gab es wieder einen Anschlag auf einen Touristenbus nahe der Pyramiden. Er gefährdet, dass das Land – auch durch Einnahmen aus dem Tourismus – wieder in sicheres Gewässer kommt. Jedenfalls aus der Sicht unpolitischer Bürger. Echte Demokratie und Menschenrechte zählen vergleichsweise nicht so viel, wenn man ökonomisch überleben muss.

Der Name des Cafés ist übrigens eine Verballhornung des Wortes „Captain“ bzw. Kapitän, also desjenigen, der die Verantwortung hat, ein Schiff so zu führen, dass die Passagiere sicher dorthin kommen, wohin sie wollen. Und was sie mehrheitlich wollen, hat der wohl wichtigste zeitgenössische Autor, Alaa al-Aswany in seinem neuen Roman „Die Als-ob-Demokratie“ (bislang nur auf Französisch erhältlich: „J’ai couru vers le Nil„) über die gescheiterte Revolution klar benannt: Demokratie und Menschenrechte schön und gut, aber zunächst benötigt man eine Arbeit, von der man leben kann und die es – als Mann – auch ermöglicht, Geld zu sparen, um eine gute Basis für eine Heirat zu haben (also eine Wohnung bieten können), nach der Heirat Kinder bekommen und ihnen eine gute Bildung geben, halbwegs gut leben und vielleicht auch gelegentlich befriedigenden Sex haben können.

Die ökonomischen Unsicherheiten und ein gewisses Chaos während der revolutionären Zeiten, sowie heute die islamistische Bedrohung, gefährdeten das. Sehr nüchtern diese Analyse. Aber eine Erklärung dafür, dass die Mehrheit des Volkes einen starken Mann befürwortet, der dafür sorgt, dass man diese Grundbedürfnisse leben kann. Für mich war dieses Lokal der Ort, an dem ich das wirklich verstanden habe.

Ahwa Al-Kabtan_Kairo © Ekkehart Schmidt

From → Cafés, Kairo

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