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Sudanesische Lokale in Kairo

Mai 12, 2019

Meine erste Begegnung mit Sudanesen in Kairo hatte ich 1991/92, als mir James begegnete, der als christlicher Flüchtling nach Europa wollte. Dann fiel mir vor einem Jahrzehnt auf, dass sich nahe des zentralen  Midan Obera eine Gasse mit sudanesischen Lokalen versteckt: die Haret al-Sufy. Die dortige Szenerie wirkte selbst in Kairo ungewohnt befremdlich: In der größten Stadt Afrikas sind Schwarze erstaunlicherweise ein seltener Anblick.

Seit gut 15 Jahren leben jedoch Zehntausende sudanesische Flüchtlinge in Kairo, sicherlich auch viele Eritreer und Äthiopier, aber letztere sind im Stadtbild unsichtbar. Ägypten war das naheliegendste Fluchtland für Menschen aus den südlichen Nil-Anrainerstaaten. Die Situation der Sudanesen ist nach den Konflikten in Darfur und der Teilung des Landes sehr schwierig –  juristisch und ökonomisch (mehr dazu auf Wikipedia). Dennoch haben sie sich in Kairo eine eigene Infrastruktur aufgebaut, zu der auch Cafés und Restaurants gehören, also Orte der Kommunikation, des Austauschs und der gegenseitigen Unterstützung. Ich kenne keine andere Flüchtlingsgruppe in Kairo, der dies räumlich sichtbar gelungen ist (immerhin war Kairo zum Beispiel für Palästinenser seit Jahrzehnten ein wichtiger Flucht- oder Exilort).

Erstmals aufgefallen ist mir diese soziale Infrastruktur in der Haret al-Sufy unmittelbar südlich des von Schneider*innen gesquatteten ehemaligen Continental Savoy-Hotels am Westrand des Midan vor etwa zehn Jahren. Von ihr führt ein schmaler, kurzer Durchgang namens „Haret Al-Shwarbi“ zurück zum Platz, der früher einmal eine der attraktivsten Bereiche der vom Vizekönig Ismail ab 1869 neben der Altstadt errichteten Neustadt war: In beiden Gassen gab und gibt es u.a. armenische Goldschmiede und Juweliere sowie Fischbratereien. Bei einer Kartierung der Neustadt traf ich hier im November/ Dezember 1990 noch rund zehn Goldschmuck-Läden an, dazu mobile Händler von Büchern und einen Friseur, aber auch mehrere leerstehende Lokale. Und nur ein Teehaus.

Ende Januar 2018 traf ich hier rund fünf gut besuchte sudanesische Lokale an, habe erstmals zwei Fotos der Haret Al Shwarbi aus der Hüfte geschossen und mir gesagt, dass dies ein spannendes Thema ist:

Der Blick aus der Gasse fällt genau auf die Statue von Ibrahim Pascha, hinter der das Parkhaus steht, das an der Stelle der in den frühen 1970er-Jahren abgebrannten Oper steht: Dem Ort des Übergangs vn Altstadt zur 1870 neu errichteten Neustadt nach Pariser Vorbild. Ibrahim Pascha, der Sohn von Muhammad Ali, war aber auch der (osmanische) Vizekönig, untr dessen Ägide der Sudan mit Ägypten zu einem gemeinamen Reich zusammen geführt wurde. Vor zwei Wochen bin ich wieder zu diesem spannenden Ort (die Gasse oben führt auf dem Bild unten am grünen Eckhaus nach rechts):

Sudanesische Lokale in Kairo © Ekkehart Schmidt

Sudanesische Lokale in Kairo © Ekkehart Schmidt

Sudanesische Lokale in Kairo (c) Ekkehart Schmidt

Nubier, also Schwarze aus dem Süden des Landes, mit sudanesischem Hintergrund, leben seit Jahrzehnten in Kairo und arbeiten als Kellner oder Hauswärter („Bawuab“). Wirklich aktuell aus dem Sudan kommende Menschen sind aber etwas Neues im Kairener Stadtbild.  Ich bin erstmal in das Café und trank einen Mokka. Es wird von zwei Frauen geführt, was für Kairo sehr ungewöhnlich ist.

Sudanesische Lokale in Kairo © Ekkehart Schmidt

Sudanesische Lokale in Kairo © Ekkehart Schmidt

Ich liess mir Zeit, die Szenerie dieses kleinen Mikrokosmos zu beobachten. Hier, wie in den anderen Lokalen verkehren ausschließlich Sudanesen – im Unterschied etwa zu griechischen, schweizerischen oder italienischen Treffpunkten der jeweiligen Community, die auch von anderen Europäer*innen besucht werden, wie etwa dem griechischen Club oder dem Swiss Club. Dann aber trieb mich der Hunger ins Restaurant. Es ist nach Angaben eines Kellners 12 Jahre alt. 1990 hatte ich hier kein Lokal angetroffen.

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Sudanesische Lokale in Kairo © Ekkehart Schmidt

Sudanesische Lokale in Kairo © Ekkehart Schmidt

Sudanesische Lokale in Kairo © Ekkehart Schmidt

Die Auswahl bot Leckerbissen wie Salata iswid („schwarzer Salat“), eine gut gewürzte Mischung aus Auberginen und Erdnüssen, sowie Garassa, einen Eintopf, der in einer Brotschale serviert wird. Ich bestellte eine Linsensuppe und Grasa mit Tomatensoße, bekam aber keine Suppe, sondern einen mich optisch an das äthiopische Fladenbrot Injera erinnernden Fladen mit einer Fleischsoße drin (also eine andere Brotschale), dazu eine Schale Reis: Sehr lecker. Der Fladen schmeckte eher nach einem Pfannekuchen, hatte nichts von der Säuerlichkeit von Injera. Die Mahlzeit kostete 30 ägyptische Pfund (1,50 Euro).

Sudanesische Lokale in Kairo © Ekkehart Schmidt

Sudanesische Lokale in Kairo © Ekkehart Schmidt

Nach dem Essen setzte ich mich noch für einen Tee in den Hof.

Sudanesische Lokale in Kairo © Ekkehart Schmidt

Sudanesische Lokale in Kairo © Ekkehart Schmidt

Hier überraschte mich die Frage: Möchten Sie den Tee mit Milch? Nein. Ich fühlte mich wohl, weil ich seit dem ersten Wahrnehmen dieser Community drei Mal in Äthiopien und zwei Mal in Burkina Faso war und ich mich hier dadurch selbstverständlicher wohl fühlte. Unter Schwarzen zu sitzen hatte nichts befremdliches mehr. Das war neu: Keine Berührungsängste.

Das älteste sudanesische Restaurant in Kairo ist aber wohl das „Al-Khartoum„, nahebei in der Sharia Al-Manasra 37. Sein Inhaber, Sayad Rashid, war 1985 in die ägyptische Hauptstadt gekommen und vermisste dort das sudanesische Brot „Kisra“ so sehr, dass er 1987 zunächst begann, es sich selbst zu backen, wie Miriam Berger 2013 in einer schönen Reportage für „Egypt Independent“ beschrieben hat. Da in der wachsenden sudanesischen Community Nachfrage entstand, produzierte er dann in einer eigenen Bäckerei auch für sie. Er war aus dem Sudan zunäcshst nicht nach Ägypten gekommen, sondern verbrachte einige Jahre in London, Rumänien, Irak und Kuwait, ehe er nach Kairo kam und 1989 dieses Restaurant in einer Sackgasse gegenüber der Othman Katkhuda Moschee übernahm:

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Das Lokal hat eine wichtige Rolle im Leben der Sudanesen in Kairo, es gibt Veranstaltungen und oben im Haus befindet sich offenbar auch ein Hotel, wie 2015 Sali Osama berichtete. Leider hatte ich jetzt im Mai keine Zeit, mich hier hinzusetzen. Es soll gut zehn solcher Lokale rund um den Midan Obera und entlang der Sharia Gumhuriya weiter südwärts geben. Ich habe nur ein halbes Dutzend kennen gelernt – da bleibt also eine schöne Aufgabe für den nächsten Besuch.

In diesem Viertel am Ostrand der Neustadt, das vor einem Jahrhundert eine Art europäische Front gegen die orientalische Altstadt bildete, kam es zu einer Transformation: Die Straßen mit edlen und teuren Geschäften wurden „basarisiert“, es entstanden Läden, die die Konsumbedürfnisse einer traditionelleren Kundschaft bedienten, ohne dass alle alteingesessenen Geschäfte verschwanden. Der Kontrast ist teilweise groß. Die Sudanesen haben als ökonomisch und sozial eigentlich prekäre Bewohner ausgerechnet hier, im Zentrum der alten City zwischen Alt- und Neustadt, ihre Nische gefunden.

Matt Hanson hat die Szenerie 2014 sehr schön, aber nicht beschönigend, für MintPressNews beschrieben. Sehr anregend, für eine Tiefenbohrung mit Gesprächen – irgendwann bald. Neben diesem Mikrokosmos gibt es noch anderswo vereinzelte Lokale, so das „Areej Eastern Sudanese Restaurant“ in Dokki, das bestimmt auch eine gute Küche, nicht aber in einer Umgebung mit diesem altstädtischen Flair liegt.

Was übrigens James betrifft, habe ich erst etwas gezögert,  gab ihm dann aber nach mehreren Begegnungen etwa 500 DM für das Erreichen seines Ziels. Das war das erste Mal, dass ich einem Flüchtling unter die Arme griff. Weil es einfach nötig war und er mir als jemand erschien, den ich unterstützen wollte. Er schaffte es tatsächlich nach Paris und meldete sich von dort. Dann verloren wir uns aus den Augen.

Sudanesische Lokale in Kairo © Ekkehart Schmidt

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