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Ex. Buccellati_Kairo

Mai 1, 2019

Der Midan Mustafa Kamil fristet heute ein eher unauffälliges Dasein im Bankenviertel am Ostrand der Kairoer Neustadt. Es gibt hier auch – neben den kreisrund um die Statue von Mustafa Kamil errichteten Bürogebäuden – kein irgendwie interessantes Lokal. Bis auf eines an der nördlichen Ecke der Sharia Emad ed-Din, das ich vor zehn Tagen neu entdeckte und dessen Geschichte ich jetzt erkunden möchte.

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Im april 2015 war es noch geöffnet, wie dieses Bild von GoogleEarth zeigt. Aber was für ein Geschäft verbarg sich hinter der schönen, jedenfalls Nostalgiker ansprechenden Fasssade?

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Der Laden befand sich an der Ecke eines halbkreisförmigen, vierstöckigen Gebäudes, das wohl 1911 erbaut wurde. Stilistisch ist es dem Spätklassizismus zuzuordnen: Es weist in den ersten beiden Geschossen Pilaster, Girlanden und Kartuschen auf, ist ansonsten aber ein in bescheidenem Rahmen gehaltenes Wohn- und Geschäftshaus, heißt es in Mohamed Scharabis Standardwerk zur Architektur der Kairoer Neustadt.

Ex.Buccelatti_Kairo © Ekkehart Schmidt

Ex.Buccelatti_Kairo © Ekkehart Schmidt

Ex.Buccelatti_Kairo © Ekkehart Schmidt

Es wirkt, als stünde es seit Jahrzehnten leer. Ich bin hier seit 1988 oft vorbei gelaufen. Ohne konkrete Erinnerung. Was also gab es hier?  Ich musste zunächst an „Gelati“ denken. Die Assoziation zu Eiscreme scheint falsch zu sein. Aber es hat einen italienischen Hintergrund. Es könnte sich bei der Unternehmung um eine Filiale einer 1891 von Mario Buccellati in Mailand gegründeten Schmuck- und Uhrenfirma zu handeln, die heute eine Holding in chinesischem Besitz ist. Hier, am Ostrand der Neustadt, gab es vor einem Jahrhundert tatsächlich viele Schmuckgeschäfte und Juweliere in armenischem oder italienischem Besitz.

Ob die Chinesen dieses Lokal vergessen haben? Angesichts der Patina des Ladenschilds ist es sehr alt, zudem auch schon lange geschlossen. Da werde ich noch eine Weile in den kairener Untiefen graben müssen, ehe ich wirklich sagen kann was das hier mal war. Schön jedenfalls dieses alte zweisprachige Schild, das ganz auf den Inhabernamen setzt, als müsse man nicht sagen, was hier verkauft wird.

Nachtrag: Brigitte Walk, eine Leserin, gab mir einen Tag nach dem Posten des Textes den konkreten Hinweis, dass es sich um ein Lebensmittelgeschäft oder eine Schreibwarenhandlung gehandelt habe. Beides klingt sinvoll. Letzteres hat sich bei einer schnellen Online-Suche zumindest für die jüngere Vergangenheit bestätigt. Im Rough Guide wird der Laden vor allem als Anbieter guter Karten genannt.

Wahrscheinlich war es ein Laden (denke ich mir in Erinnerung an das Käsegeschäft Au Petit Suisse an einem anderen runden Platz in Kairo) mit einer abwechslungsreichen, gut 100-jährigen Geschichte. In einem Text über Frankiermaschinen in Ägypten fand ich einen Hinweis darauf, dass ein gewisser A. Buccellati 1934 der zentrale Verkäufer für Neopost-Frankiermaschinen war:

Neopost

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Sehr interessant! Jetzt erklärt sich auch der Standort: Die Hauptpost am Midan Ataba ist nur wenige hundert Meter entfernt. Aber was bot der Laden sonst an? Und warum wurde „Ex“ vor den Namen geschrieben? Gab es einen Inhaberwechsel?

Jetzt ist er jedenfalls sang- und klanglos verschwunden. Ob das Lokal, wie so viele vergleichbare, jetzt ebenfalls jahre- und jahrzehntelang nur heruntergelassene Rolläden zeigen wird? Ob der Laden Buccellati & Co Successors in Rod el-Farag, den ich online gefunden habe, der Nachfolgebetrieb ist? Meine „Tiefenbohrung“ steht erst am Anfang, merke ich.

Adresse: 4, Mustafa Kamil Square, Kairo

Verwendete Quelle: Schaabi, Mohamed: Kairo. Stadt und Architektur im Zeitalter des europäischen Kolonialismus, Tübingen, 1989, S. 272

Ex.Buccellati_Kairo © Ekkehart Schmidt

From → Kairo

3 Kommentare
  1. Brigitte Walk permalink

    Hi, das buccellatti war eine lebensmittelhandlung, lange sehr berühmt, es gibt eine tolle stadtführung in cairo und da wird es erwähnt. See: cairo-dtour.com

    • Brigitte Walk permalink

      Sorry, ein Papierladen… Das rote Haus daneben war Treffpunkt der Gruppo Risotto.

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