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Gasthaus Stephan_Walhausen

April 12, 2019

WORK IN PROGRESS

Zunächst war das heute für mich nur eine weitere „tote Gaststätte“ im ländlichen Raum. Es wirkte, als wäre es seit ein paar Jahren geschlossen. Dann trafen wir eine Frau, die sich hier im nördlichen Saarland engagiert, eine Gemeinschaft namens proWAL aufzubauen. Die Planungen sind schon weit fortgeschritten und neben einem Neubaugebiet an der  seit 1997 bestehenden Waldorfschule gehört dieses Haus mit dazu: Das Lokal wurde ihr zufolge vor etwa 20 Jahren geschlossen, d.h. für Einheimische war es aber durchaus noch geöffnet und der ortsansässige Stammtisch und die Bowlespieler hätten sich immer noch dort eingefunden. Etwa seit 2012 stand es aber wirklich leer.

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Zum Lokal gehörte ein Saal-Anbau und eine Schlachterei mit Metzgerei. Der Inhaber hat zuletzt noch Lyoner, Hartwurst und Frikadellen verkauft, wurde mir gesagt. Aber dann wurde das Haus recht abrupt  verlassen. So kann es gehen. So schnell. Alles war noch so, als wäre der Inhaber überraschend in ein Krankenhaus eingeliefert worden und nie wieder zurück gekommen (und auch keine Erben – aber das war falsch vermutet). Als wäre er nur kurz weg. Später lernte ich, dass das Lokal über 50 Jahre lang von Werner Stephan und seiner Frau „es Friedche“, die im Übrigen die Hosen angehabt habe, geführt wurde. Im Prospekt von ProWal sind Fotos von Innen abgedruckt:

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Im 620-Einwohner-Dorf Walhausen gibt es seit vielen Jahren keinen Laden und kein Lokal mehr mehr – bis auf den improvisierten Bioladen auf dem Demeter-Hofgut an der Waldorfschule, mitten auf dem Feld, in dem man während der Saison in Selbstbedienung einkaufen kann, was gerade geerntet wurde. Ebenfalls  in der Straße am Bahnhof fanden wir auf dem Rückweg noch ein Tanzlokal, das auch gestorben ist (ehedem Gasthaus Gisch). Zwei Wirtschaften am Bahnhof: Ein Hinweis darauf, dass die Kundschaft dort wahrscheinlich zu einem großen Teil aus Arbeitern bestand, die hier nach der Rückkehr per Bahn von der Schicht in der Neunkircher Hütte oder einem anderen Industrie-Arbeitsplatz ein Bier tranken.

Die Gemeinde erwarb das Gasthaus Stephan und wollte es abreissen, um keinen „Schandfleck“ im Ortsbild zu haben. Da aber im Haushalt die dafür nötigen 20.000 Euro kurzfristig nicht mehr vorhanden waren, unterliess man es vorerst. Der Verein „proWAL“ kann das Haus nun zum gleichen Betrag kaufen und plant, die Kneipe als Begegnungszentrum wieder aufleben zu lassen, die Metzgerei zu einem Lagerraum zu machen (der die bekannten, alle 5 Jahre stattfindenden Köhlertage – zuletzt im August/ September 2018 – organisierende Verein nutzt sie bereits entsprechend) und oben zwei Wohnungen mit 80 und 50 m“ einzurichten.

Wie es kommt, dass es im Nachbardorf Steinberg-Deckenhardt noch ein weiteres – allerdings noch geöffnetes – Gasthaus Stephan gibt, muss ich noch schauen. Nach der Geschichte des hiesigen glaube ich nicht, dass da ein Umzug stattgefunden hat, sondern dass da eiine zufällige Namensgleichheit vorliegt.

Nachtrag vom August/ Oktober 2019: Der Verein „proWal“ hat unter dem Motto „Die Zukunft ins Dorf holen“ eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um das Gasthaus Stephan zu erwerben: A better place. Dies gelang. Im Winter soll mit der Entrümpelung des Hauses angefangen werden. Sobald wie möglich soll die Renovierung der Wohnmöglichkeiten im 1. Stock beginnen und der ehemalige Gastraum als Begegnungsort für das ganze Dorf renoviert werden. „Es gibt viele Ideen, wie der Raum genutzt werden kann, wie z.B. Filmabende, Kulturcafé, gemeinsames Brotbacken, ein Repair-Nachmittag und der traditionelle Stammtisch für die Bürger“, heisst es. Im April 2020 sagte eine Sprecherin, dass auch Angebote für Kinder, Jugendliche und alte Menschen angedacht sind. „Wir wollen Begegnungsräume schaffen, in denen Menschen schöpferisch tätig sein können und Potenziale entfaltet werden.“

Nachtrag vom 7. Dezember 2019: Heute gab es mit einem Flohmarkt die erste öffentliche Aktivität von proWAL im ehemaligen Gasthaus. Erstmals war wieder das Werbeschild angeschaltet und durch die Milchglasscheiben schimmerte warmes Licht.

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Wir waren die ersten Besucher: Es gab in den beiden ehemaligen Gasträumen einen aufgeräumten Kontext – bei verbleibenden Schränken im Hintergrund – mit mehreren Tischen, auf denen die aufgefundenen  Utensilien der Inneneinrichtung verkauft wurden, parallel externe Flohmarktartikel. Preis nach eigener Einschätzung – als Spende. Nur die Theke ist abgebaut worden. Ich nutzte die Gelegenheit, Reste des alten Lokals halbwegs unverändert zu fotografieren.

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Der Windfang überraschte: Er wirkte deutlich älter als es die Fassade hätte vermuten lassen. Die Wände grün gestrichen, dazu eine Gardine unklaren Alters.

Im Hauptraum standen hinter den Exponaten – wohl an der Stelle der ehemaligen Theke – noch die Stühle. Obendrauf ein vertrockneter Kranz von einem Mai-Fest.

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Ein vollständiges Service neben Gläsern: Ob hier auch einmal gekocht wurde, oder ob das der Familienbesitz war?

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Auf der Fensterbank ein Dutzend Bilder und Urkunden, die von der Wand genommen worden sind – Werner Stephans Vater hieß wohl Hugo. Im Nebenzimmer fand sich noch ein Gruß von Leuten der Neunkircher Hütte – zu der wohl mancher Walhausener vom nahen Bahnhof zur Arbeit gefahren ist.

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Und ein Wandschrank neben der Toilette. Beide Räume waren durch eine braune Falttür abgetrennt. Vielleicht war das eher der private Bereich der Familie – oder ein Raum für private Feiern.

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

Ich war froh für die Möglichkeit, mir das ehemalige Innere vorstellen zu können. Ein Gruß aus unwiderruflich vergangenen Zeiten. Mal sehen, was die neuen Zeiten aus dem Haus machen. Als erstes finden die monatlichen proWal-Treffen jetzt jeden vierten Freitag im Monat hier statt – und nicht mehr im Gartenhaus an der Waldorfschule – Dem Haus wird schrittweise neues Leben eingehaucht. Eine bewundernswerte Initiative.

Nachtrag vom 8. April 2021: Inzwischen ist viel passiert. Das gut hundertjährige Haus, in dem auch einmal ein Zirkus überwintert haben soll, wurde 2019 von pro WAL gekauft und man begann mit der Sanierung. Im Erdgeschoss soll eine Begegnungsstätte für alle Generationen im Dorf entstehen, mit Vereinscafé, Repairwerkstatt, Filmabenden, Treffen und Angebote für Jung und Alt, Seminaren und Stammtisch, heisst es in einem SR-Beitrag „Walhausen: „Die Zukunft ins Dorf holen“ vom September 2020. Im ersten Stock entstehen zwei Wohnungen. Ende März 2021 wurde bekanntgegeben, dass das saarländische Umweltministerium die Umsetzung des Projekts mit rund 97 000 Euro fördert, berichtete die Saarbrücker Zeitung. Die Förderung dient unter anderem der energetischen Sanierung.

Adresse: Türkismühlerstr. 2, 66625 Nohfelden-Walhausen

Gasthaus Stephan_Walhausen © Ekkehart Schmidt

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