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Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo

April 4, 2019

Diesen Bahnhof und den Großen Markt zu sehen, waren mir im Januar die Hauptmotive, die sechsstündige Busfahrt von Ouagadougou nach Bobo Dioulasso auf mich zu nehmen. Stilistisch ist der Bahnhof der Inbegriff der kolonialistischen Interpretation des „sudanesischen Stils“, wobei man wissen muss, dass damals der Großteil des Sahel „Sudan“ genannt wurde. So bin ich gleich am ersten Tag von unserem Hotel „Villa Bobo“ auf einen sehr langen, ermüdenden Marsch gegangen, um nach gut einer Stunde endlich das weiße Bahnhofsgebäude auf der von Ouaga kommenden Nationalstraße 1 am  Westrand der kolonialen Neustadt zu sehen.

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo © Ekkehart Schmidt

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo  © Ekkehart Schmidt

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo © Ekkehart Schmidt

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo  © Ekkehart Schmidt

Ein sehr beeindruckender Bau. Und man könnte es – wie es wohl die wenigen Touristen tun – bei der äußeren Bewunderung belassen und sich dann dem Markt zuwenden. Ahnte man nicht, dass dieses Gebäude eine sehr besondere Geschichte hat.

Es wurde 1934 nach mehreren Jahren Bauzeit fertig gestellt. Damit war eine weitere Etappe in der französischen Vision einer Zugstrecke von Abidjan am Atlantik bis Niamey mitten in der Sahara realisiert. Erbaut wurde die Strecke nach Angaben des renommierten Reiseführers Bradt fast ausschließlich mit einheimischem „forced labor“. 1954 erreichte man Ouagadougou, errichtete dort aber keinen vergleichbar pompösen Bahnhof (ein solcher entstand erst später). Die Kosten waren enorm angestiegen und mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs stockte der Bau und auch die Fortführung über Ouaga hinaus bis Kaya wurde lange unterbrochen. Und ab dort nie wieder aufgenommen.

„Forced labor“, also Zwangsarbeit, wurde wohl in den Kolonien aller europäischer Mächte praktiziert, meist deklariert als „Dienst für die Öffentlichkeit“. Es galt, Straßen oder Bahnlinien zu errichten oder dort zu „helfen“, wo die örtlichen Behörden etwas brauchten. In der Regel wurde dies nicht bezahlt und es gab meist auch keine Verpflegung, schreibt Gert v. Paczensky mit Blick auf das offenbar diesbezüglich besonders inhumane portugiesische System. „Auch in den Gebieten unter französischer Herrschaft gibt es Zwangsarbeit, die mit Hunger, Schlägen oder Schlimmerem belohnt wird“.

Nachdem der renommierte französische Schriftsteller André Gide dies in seinem Buch „Reisen“ 1926 schildert und die Franzosen somit „aus der Feder eines ihrer großen Schriftsteller erfahren, was sich in den eigenen Kolonien abspielt, wollen sie ihren Augen nicht trauen“, hat Gert v. Paczensky, der ehemalige Stv. Chefredakteur des STERN  recherchiert. „Ein paar Mißstände werden auch abgestellt; die meisten bleiben“. Ihm zufolge gab es darüber hinaus 1904 in Französisch Westafrika bei 8,25 Millionen Einwohnern 2 Millionen Personen, die mit dem Begriff „Non Libres“ bezeichnet wurden (ein Euphemismus für Sklaven). Gerade beim Eisenbahnbau sei die Sterblichkeit sehr hoch gewesen. Zu Westafrika liegen keine Zahlen vor, aber alleine beim Bau der Eisenbahn im Kongo ab 1922, zu dem 150.000 Personen verpflichtet wurden, starben über 10 %.

Die Infrastruktur richtete sich in der Kolonialzeit ganz nach den Belangen des Handels. Regionen, die als landwirtschaftlich uninteressant galten, wurden nicht erschlossen. „Die Wirtschaftsstruktur der französischen Kolonien war einseitig auf die Landwirtschaft ausgerichtet, die Vermarktung der Rohstoffe (Erdnuss, Baumwolle, Kaffee, Kakao) bildete die alles dominierende ökonomische Grundlage. Einnahmen erhielt die Administration durch Kopfsteuer und Zollgebühren, die von den Bauern mit Bargeld zu bezahlen waren. Dies zwang die Afrikaner, Exportprodukte zum Verkauf anzubauen“, schreibt Thomas Krings.

Hinzu kamen die ‚freiwilligen‘ Arbeitsleistungen auf den Baumwollfeldern des Kommandanten sowie beim Straßen- und Eisenbahnbau. Zahlreiche Friedhöfe entlang der Bahnlinien zeugen von den ungeheuren Menschenopfern, die der ausbau der Infrastruktur forderte.“ Die ökonomischen Vorteile des Kolonialsystems lagen „einseitig bei den fremden Herren, nicht aber bei der Masse des Volkes“.

Steht man vor dieser weißen Pracht, ahnt man davon nichts. Jedenfalls nicht, wenn man nicht hinter die Kulissen schauen will.

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo © Ekkehart Schmidt

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo  © Ekkehart Schmidt

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo  © Ekkehart Schmidt

Ich bin ins Gebäude, nahm im Hintergrund einige Güterwaggons mit Containern von „Hapag Lloyd“ und anderen Firmen wahr, die sich sogar bewegten – ansonsten gähnende Leere, bis auf eine Putzfrau und einen Angestellten, der es mir nur erlaubte, das Fahrplanschild, nicht aber die sehr authentischen Ticket-Verkaufsschalter zu fotografieren. Ich bin dann zum Nordrand des Platzes, hatte – müde – das Bedürfnis nach einem Nescafé.

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo  © Ekkehart Schmidt

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo © Ekkehart Schmidt

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo  © Ekkehart Schmidt

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo  © Ekkehart Schmidt

Am Nordrand des Bahnhofsvorplatzes, der seit 1984 nicht mehr „Place de la gare“, sondern in Erinnerung an den König der Tiéfos „Place Tiofo-Amoro“ genannt wird, entdeckte ich den „Jardin Sidwaya“, einen Café- und Restaurantgarten, der gut und preiswerte afrikanische Küche bietet. Seit 20 Jahren ist Tantie So Marie-Louise die Patronin des kreisrunden Geländes, unter dessen Bäumen einige Wege zu Terrassen und Pavillons führen, in denen man in Ruhe sitzen kann, was ich zwei Mal gemacht habe.

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo © Ekkehart Schmidt

Eine Stunde später machte ich mich auf den Heimweg, im Gefühl, dass dieses Gebäude  für die meisten Bewohner der Stadt nur noch Kulisse ist, der Hintergrund zu einem wenig frequentierten Gemüse- und Obstmarkt.

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo © Ekkehart Schmidt

In der Struktur der Stadt hat der Bahnhof freilich eine große Bedeutung: Von hier aus öffnet sich in drei sternförmig ausgreifenden Straßen die koloniale Neustadt. Geht man geradeaus in die Avenue Coulibaly, gelangt man zum Grand Marché, hinter dem sich die Altstadt mit der berühmten Lehmmoschee erstreckt.

Vor Ort habe ich als Tourist mein Bedürfnis nach Exotik befriedigt bekommen. Zurück in Deutschland, nach der Lektüre vertiefender Literatur wurde mir klar: Es gab nicht nur den berüchtigten transatlantischen Dreieckshandel, bei dem über 10 Millionen Sklaven aus Afrika nach Amerika gebracht wurden, um dort auf Zucker-, Rum- und Baumwollplantagen zu arbeiten, deren Produkte nach Europa exportiert wurden und dort die industrielle Revolution ins Laufen brachten, um schließlich Flinten, Schnaps und Kattun zurück nach Afrika zu bringen.

Auch in den afrikanischen Kolonien selbst wurden Unschuldige versklavt. Und errichteten wunderschöne Gebäude wie dieses.

Verwendete Quellen: Burkina Faso, Bradt Travel Guide May 2006, S. 260; Jaguar, S. 116; Krings, Thomas: DuMont Kultur-Reiseführer. Sahel, Köln, 1982, S. 101; Le petit futé Burkina Faso, 3. Auflage, Nouvelles éditions de l’université, Paris 2007/08, S. 204; Michler, Walter: Weißbuch Afrika, Verlag J.H.W. Dietz, Berlin, Bonn, 1988, S. 81ff; Paczensky, Gert v.: Weiße Herrschaft. Eine Geschichte des Kolonialismus, Fischer Verlag, Frankfurt/ Main 1979 (Original: Hamburg 1970), S. 66, 187ff, 199f, 202

Die weiße Unschuld? Der Bahnhof von Bobo © Ekkehart Schmidt

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