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Drei Schwestern für das Stadenbeet

März 17, 2019

Heute haben wir uns zu viert bei mir getroffen, um am konkreten Beispiel zu lernen, wie man ein Frühbeet für Kräuter- und Gemüsesamen anlegt. Klingt langweilig, aber es ist der Auftakt der diesjährigen Saison des Urban Gardening-Projekts der Transition Gruppe Saarbrücken.

Man sollte sich genau überlegen, was wann wo draußen gesät oder drinnen vorbereitet werden soll. Das machten wir natürlich im Austausch gemeinsam und nutzten die Chance, dass unser Gärtnereiprofi Florence gerade in den Semesterferien aus Dresden zurück an die Saar gekommen ist (selbst sie musste manches googeln).

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Als erstes galt es, das Dutzend von SEED erstandener Samentütchen in zwei Gruppen zu teilen. Ich hatte Pappmaché-Eierverpackungen gesammelt, jetzt musste entschieden werden, was wir in ihnen einsäen und was erst im Mai nach den Eisheiligen (falls es die noch gibt) direkt ins Beet kommt. Das erklärte uns Florence:

  • Eierbecher: Tomate „Yellow Submarine“, Gurken „Marketer“ und „Persiko“, den Riesenkürbis „Red Kuri“, Zucchini „Zuboda“ und last, but not least die Riesen-Sonnenblumen.
  • Beet: Karotten „Milan“ (mit Radieschen, die ich noch besorgen muss – dazu später), Grünkohl „Halbhoher Grüner Krauser“ (Abstand 40 x 80 cm), Bohnen „Haricot d’Espagne, Orteil de Précheur“ und ab unserem ersten Dienstag am Beet (26. März, 18 Uhr) den Spinat „Géant d’hiver“. Erbsen, Kapuzinerkresse und Ringelblumen sollen auch noch dazu kommen.

Alles natürlich Sorten, die vom in Luxemburg gegründeten Verein SEED bewusst gezüchtet werden, um alte einheimische oder seltene Sorten aus Gründen der Biodiversität zu vermehren.

In anderthalb Stunden lernten wir im Austausch beim gemeinsamen Tun ein halbes Dutzend Gartengeheimnisse:

Zwei Möhrensaatgeheimnisse

Florence trägt das Wissen ihrer Oma weiter, die auf der Bellevue einen großen Garten hat und einige Saatgeheimnisse kennt. Zum Beispiel sät sie immer Karotten und Radieschen gemeinsam aus: Letztere wachsen schneller, kommen früh zur Ernte und halten dadurch Platz zwischen den Möhren frei, die wir letztes Jahr viel zu eng gesät und nach der ersten Wuchsphase auch nicht ausgedünnt hatten. Resultat: Hunderte Minikaröttchen, die noch nicht einmal die Größe eines Fingers erreichten. Jonas kannte einen ähnlichen Tipp: Die winzigen Möhrensamen mit Sandkörnern mischen und aussähen. Auch so wird der Effekt erreicht, dass sie nicht zu eng stehen.

Das spanische Spinatgeheimnis

Ethymologisch hätte ich es ahnen können: Die deutschen, englischen und französischen Wörter „Spinat“, „Spinache“ und „Epinard“ verweisen auf Spanien bzw. Espagne. Spinat sei von den Arabern während der Eroberung und Besiedlung Andalusiens dort eingeführt worden und habe sich dann erst in Europa verbreitet. Jedenfalls sät man ihn breit im Beet aus und er keimt und wächst sehr schnell.

Ein indianisches Geheimnis

Florence wurde durch meine Saatauswahl an die „Drei Schwestern“ erinnert: So nennen Indianer eine symbiotische Pflanzkombination von Mais oder des Öl- und Kernspenders Sonnenblume mit einer an ihr hochrankenden Bohne sowie einer Gurken- oder Kürbispflanze, die den Boden abdeckt und feuchtigkeitsbewahrend wirkt. Mal sehen, ob wir das auch in Saarbrücken hinkriegen. Das Gelingen hängt schließlich von der zeitlich aufeinander abgepassten Aussaat zusammen.

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Das Kartoffelnreifenmysterium

Jetzt ging es ans Befüllen der Eierbehälter mit Erde: Meine Komposterde war Florence zu nährstoffreich und „scharf“, also haben wir sie mit sandiger Erde aus dem Garten gemischt. Auf der Fensterbank am Balkon entdeckte Florence einige schon stark keimende Kartoffeln, die ich dort abgelegt hatte, um sie bald auf dem Balkon einzupflanzen. Sie verriet mir einen Tipp eines Freundes, der damit auf einem halben Quadratmeter Dutzende Kilos Kartoffeln geerntet habe: Man nehme einen Autoreifen, lege ihn flach auf den Boden, befülle ihn mit Erde und setze Kartoffeln. Wenn die ersten Sprosse aus der Erde kommen, lege man einen zweiten Reifen drauf und fülle wieder Erde nach. Das könne man zwei Mal machen: Die Kartoffelpflanzen würden in jeder Reifenebene neue Kartoffeln bilden. Das klingt eher nach einem Mysterium, denn nach einem Geheimnis. Aber ich habe keine Reifen zur Hand.

Der Trick der hüpfenden Amseln

Mir fiel beim Mischen der Erde auf, dass keine Regenwürmer zu sehen waren. Anlass genug für eine Erklärung, warum Amseln auf Wiesen oft auffällig herumhüpfen: Irgendwann hatte ich gehört, dass sie damit Regentropfen imitieren und die Regenwürmer damit – aus Angst vor zu viel Wasser in der Erde – dazu bringen, an die Oberfläche zu kommen: um flugs geschnappt zu werden. Klang logisch. Kürzlich las ich, dass das nicht stimme: die Regenwürmer würde das Hüpfen an die Geräusche erinnern, die ihr größter Fressfeind, der Maulwurf, beim Graben mache. Deshalb fliehen sie. Ob die Amsel weiß, warum sie hüpft? Sie interessiert wohl nur der Effekt.

Als wir fertig waren, stellten wir die Eierbecher in die doppelt verglasten Fenster eines Zimmers, in der Hoffnung, dass da ein wenig Gewächshauswärme entsteht. Wenn Florence zurück in Dresden ist, werde ich wohl gelegentlich nachfragen müssen, was zu tun ist. Aber eigentlich kann nichts schiefgehen, wenn ich angemessen gieße.

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Das Transition-Geheimnis

Gemeinsam neu (er)lernen, wie unsere heimischen Nahrungsmittel wachsen. Jeder weiß etwas und teilt es in der Gruppe, die das lernt und weiterträgt. Oder auch vergisst. Im übertragenden Sinne viele Samen, die irgendwann Früchte tragen, wenn wir uns von der Nahrungsmittelindustrie emanzipiert haben werden. Jedenfalls ein bisschen.

Und eine Anregung zur Rückbesinnung

Zwei Tage später sahen wir uns im Filmhaus wieder zu einer Vorführung eines Films über den Kampf eines indigenen Volkes aus Ecuador für die Anerkennung und den Schutz ihrer Lebensweise. Die Kurz-Doku „Kawsak Sacha – Lebendiger Wald, das Lebenskanu“ zeigte den Bau eines Kanus, das als Symbol ihrer bedrohten Lebensweise zur Klimakonferenz 2015 nach Paris gebracht worden war (mehr zu ihrem Kampf auf der Webseite der Organisation Sarayaku).

Organisiert hatte das das Netzwerk Entwicklungspolitik Saar, die Initiative Transition Saarbrücken und die BUND-Jugend waren Partner der Veranstaltung, bei der über 50 Teilnehmer*innen anschließend zwei Vertretern des Volks der Kichwa Fragen stellen konnten: Tupac Viteri Gualinga (links) und Dionicio Machoa (rechts).

Vertreter des Volks der Kichwa aus Ecuador bei einer Veranstaltung des NES am 19. März 2019 © Ekkehart Schmidt

Wir lernten, wie dieses Volk im Einklang mit dem sie umgebenden Regenwald und ihren Ahnen leben, ohne zerstörerisch zu agieren – und dass sie sich gegen Erdölfirmen wehren müssen, die hier Bohrungen machen wollen mehr dazu bei der Initiative Kawsak Sacha. Für unsere Gruppe ergaben sich interessante Anstöße und Fragen. Natürlich werden wir hier nach 2000 Jahren Christentum („Macht euch die Erde untertan“) nicht zu einer solch naturreligiösen Sichtweise zurückkehren können.

Aber wir können das vielleicht im kleinen, lokalen versuchen. Indem wir uns an das Leben unserer Ahnen hier erinnern (was haben sie uns heute zu sagen?) und uns einmal fragen, welche einheimischen Pflanzen wir hier eigentlich haben, die wir essen und kultivieren können – um uns auch mit unserem kleinem Gemeinschaftsgarten wieder besser mit der hiesigen Natur zu verbinden.

Das ist gar nicht so wenig: Wir können Löwenzahn, Spitzwegerich und viele andere Kräuter zu erkennen und essen lernen, ebenso Früchte von Sträuchern wie Brombeere, Wacholder oder Hagebutte, sowie natürlich Äpfel, Birnen, Kirschen und Mirabellen. Aber was Gemüse angeht, müssen wir uns fragen, was eigentlich die hier seit Jahrhunderten üblichen Nutzpflanzen sind: Wir haben keine Ahnung (mehr), also noch einen spannenden Weg vor uns.

Am 22. März haben wir den Garten bereinigt und umgegraben, Möhren und Radieschen gesät. Am Dienstag, 26. März war ich alleine dort und habe rundum das Beet circa 20 Kronkorken, 20 Kippen, 15 Glasscherben und diverses Plastik aufgesammelt – auch eine meditative Arbeit.

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Wir müssen jetzt warten, bis die Keimlinge gewachsen sind (die Zucchinis und Kürbisse haben schon begonnen). Ein luxemburgischer Freund vom Gartenbauverein „Gaart an Heem“ gab mir den Rat, meine Fenster täglich zu lüften und die Keimlinge, wenn sie einmal gute 3 cm gewachsen sind und Wurzeln geschlagen haben, ruhig nach draußen zu pflanzen, mit einer Plastikfolie oder Glas in einigem Abstand drüber, damit sie richtig tief anwachsen, ehe sie an den Staden kommen.

Bis dahin werden wir uns vorerst dienstags ab 18 Uhr wieder im Café Zing treffen, erst ab Mitte April wieder am Beet. Interessierte sind herzlich willkommen, aber Vorsicht:

Das Gartenvirus kann einen heftig erwischen. Es reicht zu merken, wie leicht sich leckere Kräuter und Gemüse direkt zu Hause, auf dem Balkon oder im Garten, ziehen lassen. Susanne Wiborg, die 2019 das Buch „Gäste in meinem Garten: Bienen, Amseln, Huhn und Star“ geschrieben hat, schreibt in Bezug auf desen Virus: „Willkommen in einer der ältesten, glückbringendsten und vergnüglichsten Leidenschaften der Menschheitsgeschichte“.

Nachtrag Anfang April: Die Samen haben gut gekeimt, sind fleissig in meinem improvisierten Mini-Gewächshaus eines doppelt verglasten Zimmers  gewachsen und warten auf die Eisheiligen.

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Dann trafen wir uns noch einmal, um das Beet von uns nicht nützlichem Kraut zu reinigen, insbesondere Löwenzahn.

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Vor allem aber galt es, das von der HBK-Studentin Leonie produzierte obercoole neue Schild in den Boden zu setzen und beim REWE-Markt weggeworfene, weil leicht die Blätter hängen lassende, aber gerettete Kräuter einzupflanzen.

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

Drei Schwestern für das Stadenbeet © Ekkehart Schmidt

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