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„Krach in der Moschee“

März 12, 2019

Die Essenz der Kindheit ist vor allem die Erinnerung an sie, schreibt Verena Lueken in einer Besprechung des oscarprämierten Films „Roma“ (FAZ vom 5.12.2018). Gefühle in Situationen sind dabei vielleicht am nachhaltigsten. Sie zu erinnern, dazu sind freilich meist Handlungen und Anekdoten nötig, die einem im Nachhinein erzählt werden oder auf Fotos festgehalten worden sind. Denn wirklich eigenständig erinnern kann man sich erst als Schulkind.

"Krach in der Moschee" © Ekkehart Schmidt

Meine Mutter erzählt mir immer wieder ein paar Erinnerungen, die mir zeigen, dass ich ein Kind mit Migrationshintergrund war: Lustige Anekdoten, die aber auch die ganze Verwirrung eines Zwei- bis Siebenjährigen zeigen, der von Kassel nach Teheran und dann nach Köln umgezogen wurde. Das Foto oben zeigt mich vor dem mächtigen Vulkanberg Demawend links, als ich – wohl nach längerer Autofahrt – meinen Teddy „Hansi“ ausführe. An den Ohren. Dabei war meine Aufmerksamkeit sicherlich nicht auf den fernen Berg gerichtet, sondern auf die Steine vor mir. Wir hatten hier Rast gemacht, mein Bruder knabbert noch an einer Melone. Dies war meine Heimat.

"Krach in der Moschee" © Ekkehart Schmidt

Während der fünf Jahre im Iran sind wir viel per VW-Käfer auf Schotterpisten durch das Land gereist, das zweite Foto entstand im Wanderungsgebiet der Ghasgai-Nomaden bei Schiraz. Man erzählte sich damals buchstäblich manche Räubergeschichte über sie, aber davon wusste ich nichts, als wir unterwegs einen Stopp machten, damit wir Kinder die Ziegen erleben konnten. Das war toll, aber das Mädchen auf dem Foto bedrohte mich per Stock, als ich mir eine Ziege schnappte. Jedenfalls wirkt das so. Ich war einfach nur begeistert. Wir waren für sie genauso fremd wie umgekehrt (man beachte meine Lederhose).

Ein anderes Foto vom Tajrish-Markt im Norden von Teheran zeigt das ähnlich: Mir scheint, dass der Mann rechts uns fast amüsiert wie Außerirdische betrachtete, während wir Leute wie ihn und seine Frau hinter ihm in spiegelverkehrt ähnlicher Weise als jemanden aus einer anderen Welt einschätzten: „rückständige Bauern“ (aber das ist ein ganz anderes Thema).

Weder der Blick auf den imposanten Vulkan, noch die Schönheit der Moscheen von Isfahan sind Teil meiner Kindheitserinnerungen, sondern ganz banale Erlebnisse oder Spiele an diesen Orten. Bei einer Besichtigung der alten, schönen Moscheeruine von Soltaniye eine Wendeltreppe entdecken und triumphierend vom unbefestigten Rand der Kuppel oben meinem 30 m tiefer stehenden und dem wichtigen deutschen Gast die Architektur erläuternden Vater ein ihn heftig erschreckendes „Haaallloooo!“ zuzurufen.

Ähnlich bei unseren Wanderungen ins Darband-Tal mit seinen Ausflugscafés am Bach hoch über Teheran. Wir Kinder liebten es, auf einen etwa drei Meter hohen kugeligen Brocken zu klettern, der da am Wegesrand lag: Unser „dicker Stein“. Die Schönheit des Tals war irrelevant, was zählte, war der Triumph, auf diesen Stein zu klettern.

Oder bei einer zufälligen Begegnung mit dem Kollegen vom Goethe Institut Schiraz am Rand der Wüste die Situation, mit den Brüdern rauszulaufen und Ghanatlöcher zu entdecken (einem uralten Bewässerungssystem mit tiefen Löchern in regelmäßigem Abstand), die zugeschüttet waren. Irgendwann im Spiel nahm ich einen weiten Anlauf, und sprang über ein solches zugeschüttetes, ungefährliches Loch, um den Zuschauern Angst zu machen, ich könnte da hineinfallen. Dummerweise nahm ich ein Ghanatloch ins Visier, das noch voll intakt war  – und sprang nur mit Glück so gerade eben drüber.

In Teheran gab es Bauern, die mit Kamelen durch die Gassen unseres Vorortes zogen, um von Holzkarren aus Mist für die Gärten oder auch Fleisch und Gemüse zu verkaufen. „Kamele, Kamele“ riefen wir dann immer aufgeregt. Einmal bin ich rausgelaufen, trat an einen stehenden  Karren und habe wohl ein Kamel am Schwanz gezogen, woraufhin es mich – wie eine lästige Fliege – mit einem kurzen Tritt nach hinten wegstiess. Zum Glück haben Trampeltiere sehr weiche Füße.

Da meine Mutter sehr sparsam war, auch was das Zustecken von Lutschern oder dem Eingehen auf Kaugummigequengel angeht, haben wir zwei ältesten Brüder einmal die Gelegenheit genutzt, während ihres Mittagsschlafs Mamas Portemonnaie zu finden: Mit einem Geldschein in der Hand sind wir in den Schatten und zum Händler und erstanden eine komplette runde große Box (meine Mutter erinnert sich an Dimensionen von 40 x 50 cm, aber es war wohl eher 20 x 30 cm) voller Kaugummis oder anderer Süssigkeiten, aus der heraus er normalerweise wochenlang verkaufte, ehe sie leer war . Da wir diesbezüglich noch zu ungeschickt waren, entdeckte die Mutter wenig später unsere schlecht versteckte Beute und so hatten wir ihn – jetzt mit ihr an der Hand – wieder zurück zu geben. Der arme Mann kriegte einiges zu hören, nehme ich jedenfalls an: In meiner Erinnerung war der abrupte Verlust des gerade erst erworbenen Schatzes deutlich prägender als das Erleben einer empört Farsi radebrechenden Mama. Sie konnte sich nicht mehr erinnern.

Es gab zudem jeden Sommer einen vom Arbeitgeber meines Vaters, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), bezahlten „Heimaturlaub“. Wir flogen also vier Mal vom Flughafen Mehrabad, der heute nur noch der Inlandsflugplatz des Landes ist, mit Zwischenlandung in Beirut nach Deutschland und machten Urlaub im Kleinwalsertal. Einmal mit Stopp in Jerusalem, damit wir unseren „christlichen Hintergrund“ vermittelt bekommen konnten. Natürlich nicht ohne vorher oder nachher die Verwandschaft zu besuchen, insbesondere meinen Opa väterlicherseits, Ludwig Schmidt in Marburg.

"Krach in der Moschee" © Ekkehart Schmidt

Was es bedeutet, von einem Kontinent zu einem anderen zu fliegen, konnte ich nicht verstehen. In meiner Erinnerung fuhren wir an diesem großen Monument vorbei (dem Azadi-Turm, errichtet vom Schah), waren dann gleich am Flughafen und stiegen in ein Flugzeug. Ich bin sehr glücklich, dieses Bild von mir gefunden zu haben, das den Azadi-Turm mit einem Ghashgai-Mädchen und Ziegen zeigt. Dass die Entfernung einer Flugreise für Kinder unbegreiflich ist, sehe ich immer wieder an meinem bald sechsjährigen Sohn Johann, der mich bei der Zugfahrt von Saarbrücken nach Mannheim fragt, ob wir noch in Deutschland sind.

Ende der 1960er-Jahre gab es in Marburg zwei Situationen, die das zeigen. Einmal kam ich aufgeregt zu meiner Mutter gerannt: „Mama, die Ashkali sprechen Deutsch!“ – was tatsächlich sehr erstaunlich war, weil die im Iran Ashkali genannten Müllmänner natürlich immer nur Farsi sprachen, wenn sie mit ihrer improvisierten Ausrüstung, vielleicht mit einem Eselskarren, an unserem Haus in der Kutsche Yasami vorbei kamen und wohl „Ashkal“ riefen, um den Abfall der Häuser entgegen nahmen.

Und dann die Situation, als wir Opa in Marburg besuchten und die Glocken der Liebfrauenkirche in einem sehr modernen Bau mit schlankem Turm, plötzlich laut zu läuten begannen. Ich fragte: „Mama, was ist denn das für ein Krach in der Moschee“? Ich kannte keine Kirchen (bis auf die Geburtskirche in Jerusalem und die Grabeskirche Jesu in Bethlehem, die aber völlig anders aussahen als Kirchen in Deutschland). Und ein solcher Turm – eindeutig ein Minarett – ließ mich auf Moschee schließen. Das Kreuz nahm ich nicht wahr.

Liebfrauenkirche_540

Schließlich kehrten wir nach Deutschland zurück, ich kam in der Kölner Trabantenstadt Neu-Brück in die 2. Klasse, wurde von der unfassbar unsensiblen Lehrerin vorgestellt mit den Worten: „Da haben wir also wieder einen neuen aus der Türkei“ (jedenfalls von irgendwo da hinten), bloß weil gerade manche türkischen Gastarbeiter nach einem einsamen Jahrzehnt als FORD-Arbeiter begannen, ihre Familie nach Deutschland zu holen. Ich war strohblond und kam aus dem Iran.

Meine Mutter nahm mich nach ein paar Wochen aus dieser Schule heraus. Ich kam in die Montessori-Grundschule. Da ging es mir besser. Richtig gut. Und später war ich immer sehr stolz, aus dem Iran zu kommen.

Quelle des letzten Fotos: Hydro bei Wikipedia [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D

„Krach in der Moschee“ © Ekkehart Schmidt

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