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Café Resto Tonus_Bobo Dioulasso

März 5, 2019

Ich konnte einfach drauflosplappern, Smalltalk machen – und Setu ging mit. Wie ihre Schwester und die Mutter, Inhaberin dieses Cafés mit Essensangebot direkt an der von Ouagadougou kommenden Nationalstraße 1 im Vorort Koko. Nach sechs Stunden Busfahrt endlich im Hotel Villa Bobo angekommen, bin ich erstmal einmal um den Block. Und entschied mich für’s Ankommen in Bobo für das Café Tunus.

Das war vielleicht das Faszinierendste bei meinen zwei Aufenthalten in Burkina Faso: Als gut Französisch sprechender Reisender konnte ich erstmals nach Dutzenden Reisen durch Nordafrika und Vorderasien mit allen Leuten einfach so reden. Smalltalk, Banales, aber eben auch tiefer gründende Gespräche führen. Das war weder in Marokko, Ägypten, Äthiopien, Syrien oder dem Iran möglich. So habe ich mich in Burkina Faso nie wirklich fremd gefühlt.

Café Restau Tonus_Bobo Dioulasso © Ekkehart Schmidt

Café Restau Tonus_Bobo Dioulasso © Ekkehart Schmidt

Und natürlich lag die direkte Kontaktaufnahme mit Setu auch daran, dass ich mich gerade hingesetzt hatte und den Eingang fotografieren wollte, als sie aus der Küche trat, um eine Plastikwanne Wasser vom Salatwaschen (oder so) wie üblich vor die Tür zu kippen: Knips! Und sie sah mich, lachte und fand es lustig, dass ich genau in dem Moment abgedrückt hatte. Mir war es ein bisschen peinlich, weil ich möglichst unauffällig fotografieren mag. Und so machte ich dann auch weiter, nachdem ich meinen Nescafé bestellt hatte.

Café Restau Tonus_Bobo Dioulasso  © Ekkehart Schmidt

Café Restau Tonus_Bobo Dioulasso  © Ekkehart Schmidt

Café Restau Tonus_Bobo Dioulasso  © Ekkehart Schmidt

Café Restau Tonus_Bobo Dioulasso © Ekkehart Schmidt

Café Resto Tonus_Bobo Dioulasso © Ekkehart Schmidt

Café Restau Tonus_Bobo Dioulasso © Ekkehart Schmidt

Café Restau Tonus_Bobo Dioulasso  © Ekkehart Schmidt

Drinnen bereiteten die drei Frauen das Abendessen vor, während ich Tagebuch schrieb und wunderbar zur Ruhe kam. „Tonus“ stammt aus dem Lateinischen und heißt tatsächlich zugleich „Spannungszustand“ und „ausspannen“. Assatou Konaté, die alle  Setu nennen, kam dann und spendierte mir zum Riz Sauce tomate einen in einer wieder verwendeten Wasserflasche abgefüllten eigenproduzierten Saft, den ich erst nicht identifizieren konnte: ein sehr kräftiger Geschmack, aber lecker. Erst später verstand ich, dass das kein Fruchtsaft, sondern ein aus Ingwer hergestelltes Getränk war. So, wie ich sie verstand, hieß Tonus „Energie“. Passt auch.

Café Restau Tonus_Bobo Dioulasso  © Ekkehart Schmidt

Café Restau Tonus_Bobo Dioulasso  © Ekkehart Schmidt

Abends kam ich mit meiner Gastgeberin, die sich erst noch ausgeruht hatte, wieder hierher. Leider war Reis mit Tomatensoße alle, so mussten wir dafür ins Lokal auf die andere Straßenseite wechseln.

Café Restau Tonus_Bobo Dioulasso  © Ekkehart Schmidt

Café Restau Tonus_Bobo Dioulasso  © Ekkehart Schmidt

Café Restau Tonus_Bobo Dioulasso  © Ekkehart Schmidt

Café Restau Tonus_Bobo Dioulasso © Ekkehart Schmidt

Aber ich/ wir kamen in den folgenden Tagen noch zwei bis drei Mal zurück. einmal gab es ein schönes Erlebnis mit einer Orangenverkäuferin, deren Schnippelstil mich verwunderte. Setu war wieder da, fragte nach meiner Telefonnummer und löffelte mir Zucker in den Nescafé. Das empfand ich als sehr ungewöhnlich.

Orangen schänippeln_Bobo Dioulassou © Ekkehart Schmidt

Café Resto Tonus_Bobo Dioulasso © Ekkehart Schmidt

Café Resto Tonus_Bobo Dioulasso © Ekkehart Schmidt

Café Resto Tonus_Bobo Dioulasso © Ekkehart Schmidt

Nun also endlich wieder: Riz sauce tomate:

Café Resto Tonus_Bobo Dioulasso © Ekkehart Schmidt

Auch beim zweiten abendlichen Besuch hatten wir auf die andere Straßenseite zu wechseln. Das Lokal scheint nur für bestimmte Zeiten Essen vorzubereiten: mittags und abends in der Zeit, wenn die Leute von der Arbeit nach Hause kommen.

Café Resto Tonus_Bobo Dioulasso © Ekkehart Schmidt

Café Resto Tonus_Bobo Dioulasso © Ekkehart Schmidt

Café Resto Tonus_Bobo Dioulasso © Ekkehart Schmidt

Zurück in Deutschland rief mich Setu zwei Mal an, aber jetzt war das Gespräch sehr kurz, brach schnell ab. Ich wusste auch nicht, was ich hätte sagen sollen. Und sie auch nicht. Auf Facebook fand ich sie auch nicht, Textnachrichten schicken ging also nicht, bzw. ich schickte mal eine sms – ohne Antwort. Ganz anders als im Café, wo es möglich war, ganz unbefangen Fragen zu stellen zum Woher und wohin, der Arbeit und was sich sonst so anbot. In vertrautem Gefühl, Nähe durch die gemeinsame Sprache.

Aber da ist jetzt dieser Kontakt. Das ist schön und vielleicht rufe ich nochmal zurück. Wenn ich eine W-Frage weiß, also eine, auf die man nicht mit nur Ja oder Nein antworten kann. Was, wo, wie, warum… Damit ein Gespräch in Gang kommt. Was über diese Entfernung faszinierend wäre.

Ach Quatsch: Das habe ich gleich jetzt heute Abend gemacht und sie ging dran: Sie erinnerte sich gut, es gehe alles so ganz ok, sie sei zuhause und fragte dann erst nach meinen Kindern, dann nach meiner Frau und wieviel Uhr hier ist. Ich sagte, dass wir getrennt leben – und dann hingen wir doch – zack – in einer typisch interkulturellen (Un)verständnisthematik. Es gehe uns dennoch gut, sagte ich. Mit einer Gegenfrage erfuhr ich, dass sie einen 6jährigen Sohn namens Noureddin Ben Ali hat, der bald in die 1. Klasse geht; dass der Vater vor einem Dreivierteljahr starb und sie Muslima ist. Dann haben wir uns lange hin und her verabschiedet, während ich im Hintergrund Stimmen und Geräusche aus Bobo hörte.

Jetzt sitze ich hier und wundere mich, dass so etwas plötzlich fast schon normal geworden ist. So, wie mit meiner Gastgeberin, mit der ich seit über einem halben Jahr ständig über Whatsapp chatte: Jemand aus einem der reichsten Länder der Welt mit jemandem aus einem der ärmsten Länder der Welt. Es sind oft Banalitäten, die wir austauschen, aber dass diese Art Kontakt jetzt möglich ist, ist ein echtes Wunder. Dank gemeinsamer Sprache und moderner Technologie.

Nachtrag vom Juli 2019: Setu ruft mich seit vielen Wochen immer wieder an. Es ist ein bisschen smalltalk und die Verbindung bricht oft nach ein paar Sekunden ab. Ich lernte, dass ihr Vater starb, als sie 2 Jahre alt war. Da wiederholt sich bei ihrem Sohn ihr eigenes Schicksal. Und dass ihre Mutter jetzt in Ouagadougou lebt. Habe ich da damals etwas falsch verstanden und das Resto gehört gar nicht ihrer Mutter?

Zum Ende des Ramadan bat sie mich, ihr etwa 30 Euro zu überweisen, um zum großen Fest Fleisch und anderes kaufen zu können, Das habe ich gemacht und sie war dafür sehr dankbar. Anfang Juli schilderte sie mir, dass sie nicht mehr im Café Resto Tonus arbeitet, aber überlegt, sich mit einem kleinen Laden mit Verkauf von selbstgemachten Säften selbstständig zu machen. Sie hat ein Lokal gefunden, das sie für 15.000 FCFA mieten kann (ca. 23 Euro). Sie brauche aber einen Kühlschrank. Und der koste zwischen 200.000 und 500.000 FCFA, also schon Summen, die ich nicht so leicht locker machen kann und will (300 – 800 Euro). Das sagte ich ihr und wußte doch, dass ich in den nächsten Tagen zur Reisebank gehen werde, um eine Überweisung per Western Union zu machen. Ein kleines Opfer für mich, eine große Hilfe für sie.

Da muss ich überlegen. Es kam ein unerwarteter kleiner Auftrag herein, ein text für 500 Euro. Also überwies ich 300.

Adresse: Avenue du Général de Gaulle, Bobo Dioulasso

Café Resto Tonus_Bobo Dioulasso © Ekkehart Schmidt

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