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Versuch über einen Baobab

Februar 27, 2019

In der Hauptstadt von Burkina Faso ist im Februar 2017 eine Straße nach der deutschen Stadt Wiesbaden benannt worden. Und es war natürlich ein witziger Zufall, dass ich dort gut zwei Jahre später vorbei kam. Aber viel faszinierender war für mich der Anblick, der sich dort bot, als ich mit meiner Gastgeberin am letzten Tag in Ouagadougou eine gute Freundin besuchte: Ein Baobab! Aber nicht irgendeiner (wenn er auch hier in der staubigen Banlieue völlig deplatziert wirkte), sondern einer, der auf einem imposanten Felsen thronte. Irgendwie urweltlich-exotisch.

Ich spürte, dass da etwas Tieferes ist, das ich zwar intuitiv erfasste, aber erst nicht in Worte fassen konnte. Etwas verbarg sich hinter der Oberfläche, das ich nicht durchdringen konnte, obwohl ich hier schon so viel gesehen hatte. Oder gerade deswegen.

Der Baobab in der rue de Wiesbaden_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Der Baobab in der rue de Wiesbaden_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Der Baobab in der rue de Wiesbaden_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Der Baobab in der rue de Wiesbaden_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Der Baobab in der rue de Wiesbaden_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Roter Staub, ein Fels, Müll drumherum, ein Baobab oben drüber, davor ein abgewrackter Lastwagen, vorbei laufende und radelnde Nachbarn und ein vorbeiflitzender Hahn unter einem Himmel mit Feldern von auseinander gewehten Wolken (deren Flug ich dann aber nicht genauer beobachtet habe).

Der Baobab in der rue de Wiesbaden_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Der Baobab in der rue de Wiesbaden_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Wir besuchten eine Freundin, die mit Mutter und Mann in einem sehr sauber gehaltenen Haus mit schönem Innenhof unter einem Mangobaum im Südwesten der Stadt wohnt. Eine Stadtrandsituation mit einem sehr merkwürdigen solitären Felsen (ein zweiter wurde zum Straßenbau abgetragen, sagte man mir – ansonsten habe ich im völlig flachen Stadtgebiet nie einen anderen solchen Felsen gesehen). Ich versuchte mir vorzustellen, wie das hier vor 30 Jahren aussah.

Als hier noch ein Dorf existierte und Ouagadougou viele Kilometer entfernt war, wurden hier wohl auch heilige Handlungen vollzogen, was mir sehr nahe liegend erschien. Zumindest waren solche solitär stehenden Bäume oft Versammlungsorte der Dorfältesten.

Die Freundin erzählte von einem „Fou“, einem „Ver-Rückten“, der noch bis vor einigen Jahren oft gekommen sei und auch längere Zeiten oben gelebt habe. Was er genau dort machte, wusste sie nicht, aber er habe den Felsen am Affenbrotbaum oft mit Wasser besprengt. Irgendwann sei er verschwunden. Wie das Dorf.

Ich bin dann hoch auf den Felsen. Und tatsächlich: Am Fuße des Baumes gab es keine Erde, er wurzelte direkt im Gestein. Ein Mysterium, wie er da wachsen und so groß werden konnte. Weil den neuen Nachbarn der Baobab nicht ganz geheuer sei, würden sie nicht von seinen Früchten essen. Eigentlich finden in der afrikanischen Volksmedizin nahezu alle Teile des Baums Verwendung. So wird aus den länglichen, grünen Früchten ein weißes, säuerlich schmeckendes, stärkehaltiges Fruchtfleisch herausgeschält, das reich an Vitamin C, B und Kalzium ist und entweder roh gegessen,  getrocknet und in Milch oder Breie gemischt, zu einem Erfrischungsgetränk verarbeitet oder auch zu Bier vergoren wird.

Zudem wird es beispielsweise gegen Infektionen und Krankheiten wie Pocken und Masern eingesetzt. Die Blätter, die der europäischen Roßkastanie ähneln,  werden von den Bauern als Gemüse oder Sauce zum Hirsebrei verzehrt, indem sie wie Spinat zubereitet werden, aber auch getrocknet und pulverisiert bei Erkrankungen wie Ruhr, Diarrhöe, Koliken und Magen-Darm-Entzündungen eingenommen. Die Samen finden Verwendung als Herzmittel, bei Zahnschmerzen, Leberinfektionen und Malaria-Erkrankungen.

Mich faszinierte seine Erscheinung mitten im Müll. Bezeichnend, dass man heute unterhalb des noch immer „heilig“ wirkenden Felsens in einer herausgesprengten Einbuchtung Abfälle verbrennt.

Der Baobab in der rue de Wiesbaden_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Der Baobab in der rue de Wiesbaden_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Der Baobab in der rue de Wiesbaden © Ekkehart Schmidt

Ich war dann noch kurz im „Café Jeune Mouqvaid“ (junger Junggeselle), dessen Inhaber aber zwei Frauen und zwei Kinder habe, wie es hieß. Es liegt am Abzweig der rue de Wiesbaden zu diesem unbebauten Gelände, mit Blick auf den Baum. Die besondere Ehre der Benennung einer Strasse einer Stadt, in der – außerhalb der Innenstadt „the streets have no name“ – gilt der Arbeit des Freundeskreises Wiesbaden der christlichen Africa Action, dessen Mitglieder sich seit vielen Jahren für die Heilung und Überwindung von Blindheit hier und in weiteren Sahel-Ländern einsetzen (Quelle).

Der Baobab in der rue de Wiesbaden_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Die rue de Wiesbaden führt auf der Satellitenaufnahme oben von Osten am Friedhof „Cimétière de Saponne“ und dann am Felsengelände vorbei:

GoogleEarth_nah_800

GoogleEarth_fern_800

Das untere Foto zeigt, dass die formelle Stadtentwicklung das Dorf südwärts verdrängt hat, wo man kein Schachbrettmuster der Strassen sieht. Der eventuell heilige Fels und Baum steht nun also in einem Wohngebiet, das von Christen und Muslimen dominiert wird.

Ist diese Situation ein Menetekel, also eine unheilverkündende Warnung, ein ernster Mahnruf oder in dem Sinne ein Vorzeichen drohenden Unheils, als die Stadt und das Land ihre naturreligiöse („animistische“) Herkunft und Vergangenheit zu verlieren droht? Oder nur eine Wunde einer extrem dynamischen Stadtentwicklung, die bald vernarben wird? Wie gesagt: Ich kann das noch nicht in Worte fassen.

Später fand ich Texte zur Mythologie: Aufgrund seines Aussehens ranken sich mehrere Legenden um den Affenbrotbaum. Nach einer weit verbreiteten Vorstellung riss der Teufel den Baum aus und steckte ihn anschließend mit den Zweigen zuerst in den Boden, so dass die Wurzeln nun in die Luft ragen. Einer anderen Erzählung zufolge wollte der Baum bei seiner Entstehung schöner als alle anderen Bäume werden und nicht nur Früchte, sondern auch Blumen tragen. Als ihm dies jedoch nicht gelang, steckte er seinen Kopf in die Erde und das Wurzelwerk ragte gegen den Himmel.

Auch in Schöpfungsmythologien spielt er eine Rolle: Als am Anbeginn der Welt die Hyäne beim ersten Blick ins spiegelnde Wasser ihre eigene Hässlichkeit erkannte, war sie darüber sehr erzürnt. Sie riss einen Baobab aus und schleuderte ihn gen Himmel, um ihren Schöpfer zu treffen, der ihr dies angetan hatte. Der Baum jedoch verfehlte sein Ziel, stürzte zurück zur Erde, blieb dort umgekehrt im Boden stecken und wächst seither mit den Wurzeln nach oben.

Als Sitz von Göttern und Geistern spielt er außerdem in einer Reihe weiterer afrikanischer Legenden und Sagen eine Rolle. Und in der modernen westafrikanischen Literatur steht er häufig als ein Symbol des traditionellen afrikanischen Lebens und der unberührten, ewigen Natur. Orte mit „heiligen“ Baobabs werden oftmals als Sinnbild des Garten Eden verwendet.

Und tatsächlich treffen sich bis heute „Im Schatten des Baobab“ (so der Titel einer schön illustrierten Sammlung von Märchen, zusammengetragen von Anne Wenkel) die Dorfbewohner unter dem „Palaverbaum“ und lauschen den Erzählungen der Alten. sie handeln von Königen und Prinzessinnen, von schlauen Hasen und mächtigen Elefanten, aber auch von Freundschaft, Ehre und Mut. Eine Geschichte namens „Minata“ beschreibt, wie der früher im Baum lebende böse Geist vertrieben wurde  und zu einem heiligen Ort in jedem Dorf wurde, einem Platz zum Reden, Singen und Tanzen.

Und was es mit dem „Fou“ auf sich hatte, lernte ich erst später durch eine philosophisch-religiöse Deutung, die von einer Stefanie bei wize.life publiziert wurde:

„(…) Die Dorfbewohner wissen nicht, wie der Baum in der Wüste überlebt. Sie wissen nur, dass sie froh sind über alles, was ihre Augen sehen – Krone, Äste, Früchte und Stamm. Sein Geheimnis aber sehen sie nicht: Es liegt in seinen Wurzeln. 1000 Wurzeln hat der alte Baum, armdicke und haarfeine. Jede führt zum Herzen einer Frau, eines Mannes oder eines Kindes aus dem Dorf- von heute oder aus früheren Zeiten. Sie nähren ihn. Wollt ihr wissen, wie? Jeder, der an dem Baum vorbeikommt, gießt verstohlen ein kleines Schälchen Wasser unter ihm aus, bevor er weitergeht.
Ein jeder gibt ihm ein anderes Wasser, zum Beispiel:
– Das Wasser der Dankbarkeit, wenn eine schwierige Aufgabe gelungen ist.
– Das Wasser der Freude, wenn ein Verwandter zu Besuch kommt.
– Das Wasser des Lebens, wenn ein Kind geboren wurde.
– Das Wasser der Hoffnung, wenn ein Freund krank ist.

Es sind nur wenige Tropfen. Keiner weiß vom Opfer es anderen, aber alle teilen sie ihr kostbarstestes Gut mit ihrem Baum. Und so kann er ihr Leben weiter bereichern – weil sie ihm Leben spenden.“

Verwendete Quellen: Krings, Thomas: Sahel, DuMont Kultur-Reiseführer, Köln, 1982, S. 23; Wikipedia-Artikel „Afrikanischer Affenbrotbaum

Der Baobab in der rue de Wiesbaden_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

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