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Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou

Februar 7, 2019

Bétail ist der französische Ausdruck für Vieh, somit ist der „Marché de bétail“, den ich im Sommer auf einer Karte von Ouagadougou eingezeichnet fand, ein Viehmarkt. Spannend! Vor allem, weil es hier im Vorort Tampouy sonst wenig Sehenswertes gab – jedenfalls, was ich bislang darunter verstand. Egal: ich hatte ihn erst später entdeckt und jetzt verpasst, obwohl ich mehrmals in der gleichen Straße im nur wenige 100 m entfernten Café Pyramide gesessen hatte. „Bétail“ klingt ähnlich wie das englische „beast“: sehr urtümlich. Also attraktiv.

Das gibt es ja in Mitteleuropa so gut wie gar nicht mehr. Die wenigen Viehmärkte, die noch regelmäßig stattfinden und Großvieh anbieten, sind singuläre Ereignisse, meist eingebettet in eine Art Jahrmarkt mit viel Amüsement drumherum. Im französischen Saint-Christophe-en-Brionnais in der Franche-Comté hat ein 500 Jahre alter Viehmarkt überlebt und im luxemburgischen Ettelbrück ist die Foire Agricole jährlich ein Riesen-Event. In Deutschland kann man die Märkte von Arolsen, Aurich (ebenfalls 500 Jahre alt), Bad Wildungen, Lembeck, Waldbröl oder Brockum nennen. Der Brockumer Großmarkt ist ein gutes Beispiel: Es gibt dort Rinder (also Bullen, Kälber..), Esel und Pferde zu kaufen, zugleich ist das aber auch eine Tierschau, die von Familien mit Kindern besucht wird. Sie beginnen meist mit einem spektakulären „Auftrieb“ und enden mit Schlagermusik im Festzelt. Da amüsieren sich dann die Händler nach erfolgreichen Verkäufen. Letzteres erinnert mich an das Café Le Citoyen in Lille, das früher einmal das Lokal war, in dem die Pferdehändler ihre Tagesgewinne in opulente Speisen, Alkohol und Prostituierte verprassten.

In Burkina Faso gibt es nach Angaben des Konsulats in Nizza aktuell 1400 Viehmärkte. Kleine und große. Dieser, der hier zufällig in der Nähe lag,  ist einer der großen. So stand ein Besuch bei meinem jüngsten Aufenthalt Anfang Januar ganz oben auf der Liste der Ziele für Spaziergänge. Zunächst besuchte ich aber an Silvester den Marché Toécin Yaar, einen Markt mit umfassendem Angebot an Obst, Gemüse und Alltagswaren. Zwei Tage später ging ich die Avenue Yatenga noch ein Stückchen weiter stadtauswärts bis zur Kreuzung mit der rue Nana Yilen.

Der korrekte Name des Marktes ist mir auch nach längeren Recherchen nicht klar geworden. Inoffiziell wird er auch einfach „Toécin bétail“ genannt, vielleicht wegen der Lage nahe des anderen Marktes. Der komplizierte Name hat wohl darin seine Ursache, dass er wohl nach 1997 genau an der Grenze zwischen den beiden Stadtteilen Tampouy und Kilwin entstand. Genauer gesagt an einem beide trennenden Bachlauf, von dem bei meinem Besuch nichts zu ahnen war (dazu später mehr). An der Kreuzung war reger Verkehr. Erst später verstand ich, dass sich hinter der Reihe informeller Läden im Norden ein Rest der grünen Bachaue verbarg. Den 50 Meter entfernten, etwas tiefer gelegenen Eingang zum Viehmarkt würde man ohne Kenntnis seiner Existenz völlig übersehen.

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Ich bin etwas „drauflos“ hinein, überlegend, wie ich es anstellen könnte, hier zu fotografieren, als mich ein Händler in blauer Jacke ansprach. Er meinte, ich müsse zum „Chef de marché“ und begleitete mich gleich zu ihm, einem Händler von Handys und Smartphones, außerhalb des Markts. Ich erklärte mein Anliegen, bekam die Erlaubnis und mein Händler führte mich herum. Sehr nett und friedlich alles: Ziegen und Rinder, auch ein paar Pferde und Esel. Als erstes zeigte er mir den Bereich außerhalb des ummauerten Gevierts mit Ziegen, den ich zuerst betreten hatte.

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Ich wusste, dass Viehzucht in der Wirtschaft von Burkina Faso eine erhebliche Rolle spielt. Bekannt ist dies vor allem von den Fulbe (frz.: Peuls) im Norden des Landes, die ehedem nomadisch lebten, oft riesige Herden besaßen, mit denen sie zur sommerlichen Regenzeit im Norden lebten, um dann gen Süden zu wandern. Sie sind größtenteils von ihrer animistischen Religion zum Islam konvertiert. Tiere, vor allem Rinder, bedeuteten Reichtum und Vermögen. Ihre Milch wurde gegen Hirse und andere Produkte getauscht. Heute handeln sie natürlich auch mit Ziegen und Rindern, die dann geschlachtet werden. Leider habe ich solche Details zur Herkunft der Tiere nicht erfragt, froh genug, in Ruhe fotografieren zu können.

Ich habe im „Orient“ schon einige Viehmärkte besucht, unter anderem in Marokko und Kairo. Oftmals strahlten diese eine für Westler etwas unangenehme Atmosphäre eines Vorhofs zum Schlachthaus aus. Bei uns werden die Geschehnisse im Umfeld der Fleischproduktion ja peinlichst verborgen gehalten. Hier fühlte sch das nicht so an. Es war fast ein kleines Idyll: Den Tieren ging es gut, nur wenige wirkten abgemagert, alt oder krank. Sie hatten genug Raum und ordentlich zu fressen. Es wirkte, als würden die Tiere von Bauern an Bauern verkauft werden.

Im Gespräch mit meinem „Führer“ habe ich auch das nicht weiter thematisiert. Hier standen neben den, an europäische Arten erinnernde Rinder der Taurin-Rasse (ohne Buckel) vor allem Zebu-Rinder – Buckelrinder, wie es sie auch in Indien gibt. Sie sind sehr gut an das Klima angepasst. Es gibt verschiedene Züchtungen, offenbar dominiert die Rasse der Goudali-Zebus. Es gibt sie in weißer, brauner und weiß-schwarz gesprenkelter Färbung. Dazu gibt es die Azawak-Zebus.

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Neben hier zur Ankettung der Tiere genutzten Autoreifen, gab es auch einen kleinen Bachlauf, der vor Müll strotzte. Insgesamt war es hier aber sauber. Kein Vergleich zu einem anderen Viehmarkt, zu dem es 2013 einen Bericht in burkina24.com gab.

https://burkina24.com/2013/09/06/arrondissement-5-de-ouagadougou-marche-de-betail-ou-dordures/

https://burkina24.com/2013/09/06/arrondissement-5-de-ouagadougou-marche-de-betail-ou-dordures/

https://burkina24.com/2013/09/06/arrondissement-5-de-ouagadougou-marche-de-betail-ou-dordures/

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

In völliger Unkenntnis westafrikanischer Rinder-Arten war ich fasziniert von unterschiedlichsten Buckeln, Hörnern und Färbungen.

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Und ihren Augen. Im Blickkontakt. Falls es einem Menschen möglich ist, in den Augen von Tieren auf einem Markt zu empfinden versuchen, was sie fühlen, kann ich hier für mich nur sagen, dass es ihnen gut ging. Eine friedliche Atmosphäre. Keine Angst. Eher stoisches Sein.

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Einige bewahrten ihre Würde und ihren Stolz, wenn ich das so interpretieren darf. Meist gut genährt, für den Verkauf an Bauern. Bei anderen war freilich klar, dass es in Richtung Schlachthof ging.

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

An Hintergründen erfuhr ich wenig, wir liefen herum und ich nahm überall wartende Händler wahr (aber keine Kunden). Dafür bekam ich unmittelbar mit, was gerade anstand: die Fütterung der Rinder meines Führers.  Sie bekommen neben Heu auch getrocknete Baumwollsamen, relativ mehlig, die dann in Wasser aufgelöst in Plastikkanistern verfüttert werden.

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Dann sind wir zurück auf die Straße und in den ummauerten Markt für Ziegen und Schafe (auf dem Foto oben rechts erkennbar). Auch hier waren die Tiere per Seil an Pflöcke oder Autoreifen befestigt, in äußerlich unsichtbaren Gruppen – Händler für Händler mit seinem Angebot. So, wie ich das verstanden habe, waren sie überwiegend Muslime, die in Dörfern im Norden Vieh aufkaufen und hier verkaufen. Ein Schaf kostet etwa 65.000 Franc cfa, also etwa 100 Euro (erstaunlich teuer). Zur Zeit des muslimischen Opferfestes steigen diese Preise natürlich bis auf das Zehnfache an (so ein Text in faso.net von 2013)

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Ich empfand es als schwierig, Schafe und Ziegen zu unterscheiden. Besonders rührend empfand ich eine Ziegenmama mit Kind, die nebeneinander standen und kommunizierten, aber wohl bald getrennt verkauft werden.

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

Und warum befindet sich dieser Markt genau hier? Das ist so eine herausfordernde Urfrage für Leute wie mich, die wirtschaftsgeographisch geschult wurden. Dazu schaue ich mir ein Satellitenbild auf GoogleEarth an und entdecke drei wichtige Hinweise für eine Antwort, die mir vor Ort nicht sichtbar waren: Als erstes fällt mir im strengen Schachbrettmuster des ab den 1980er-Jahren entstandenen Vorortes rund um ein früheres Dorf weiter östlich eine quer laufende Straße auf, die vom Eingang des Marktes (rechterhand) stadteinwärts führt. Der Markt befand sich also wahrscheinlich ursprünglich isoliert am Stadtrand, gleich neben der Hauptstraße in den Nordwesten des Landes, der N2 nach Yako, Ouahigouya und weiter nach Mali. Es gab rundum noch keine Wohnbebauung.

Dann entdecke ich, dass das von mir wahrgenommene Gewässer im Markt zu einem grösseren Bach gehört, der weiter südlich zum Stausee der Barrages fließt, aber durch die expandierende Stadt in Teilen überbaut wurde. Und schließlich erkenne ich, dass der obere Teil mit den Schafen und Ziegen planmäßig quadratisch ummauert wurde, während der Teil mit den Rindern eher eine informelle Erweiterung nach Süden darstellt. Eine ähnliche Mauer ist bei dem zweiten Satellitenbild auch oben links zu erkennen: Das wirkt dort so, als wäre dort (schon immer?) eine Viehtränke gewesen, deren Zugang frei gehalten wurde.

GoogleEarth_800

GoogleEarth_A_800

GoogleEarth_A2_800

Der Viehmarkt entstand also an einer Hauptstraße, die aus Regionen mit großem Viehbestand in die Hauptstadt führt, genau dort am Stadtrand von Ouagadougou, wo sich in noch angemessenem Abstand eine Wasserstelle und freies Gelände befand. Ich habe also etwas übersehen und verpasst, den Ort nicht gänzlich erfasst. Schade.

Ganz ähnlich war das wohl bei den anderen Viehmärkten der Stadt: Tanghin am Ufer der Barrages nahe der N3 nach Ziniaré und die Sahel-Region im Nordosten, sowie bei dem schon 1984-86 entstandenen Markt von Gounghin Sud, gelegen am südwestlichen Stadtrand zwischen der N1 nach Bobo Dioulasso und der N6 nach Pô und weiter nach Togo. Zu erwähnen ist noch das Schlachthaus an der N3, das ebenfalls nach 1997 entstanden ist. Die Daten entstammen einer Untersuchung von … aus dem Jahr …

Ach ja: Die Viehhändler hier verprassen ihre Einnahmen wohl nicht in opulente Speisen, Alkohol und Prostituierte… Jedenfalls fand ich keinerlei Hinweis auf so etwas… Eine ganz andere Problematik erlebte ich, als ich von außen Fotos des Marktes und der Kreuzung machen wollte (die Bilder ganz oben): Plötzlich stand eine Polizistin neben mir und wollte wissen, ob auf meinen Bildern Polizisten zu sehen seien.. Wir checkte das in Ruhe durch. eins war nicht OK, ich löschte es und durfte meiner wege gehen.

Marché de bétail de Tampouy Kilwin_Ouagadougou © Ekkehart Schmidt

From → Märkte, Ouagadougou

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