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Gestern war die Yalda-Nacht

Dezember 22, 2018

Die längste Nacht des Jahres muss wohl – jedenfalls auf der Nordhalbkugel – für die Menschen schon immer etwas sehr ambivalentes gewesen sein: bis zum 21. Dezember wurde es immer später hell und immer früher dunkel. Wusste man denn, ob das aufhört, sich wieder umkehrt? Dass sich in dieser Nacht des 21. auf den 22. die Wintersonnenwende vollzieht?

Im längsten Teil der Menschheitsgeschichte nicht. Dieses Naturphänomen zu erleben, hatte also etwas zutiefst beunruhigendes. Erst als in frühen Kulturen die Astronomen feststellten, dass mitten im Winter eben doch der Keim eines neuen Frühlings lag, gab es wohl Beruhigung. Aber dieser kosmische Moment war natürlich zu würdigen, musste gefeiert werden. Als Naturfest bzw. Jahreszeitliches Fest gehören die Sonnenwendfeiern zu den ältesten Feste der Völker und Kulturen und werden bis heute von den Mitgliedern vieler ethnischer Religionen weltweit begangen: von den Hopi-Indianern bis zum Stamm der Kalash in Pakistan. In China, Japan und Korea ist der Winter die Jahreszeit des Yin und der Sommer des Yang. Diese Nacht markiert den Wechsel vom Yin in das Yang. Es ist auch die Zeit, in der die Ahnen zurückkehren und ihre Familien besuchen (ähnlich in der Ukraine).

Mir ist ein solches Fest erst durch das Zusammenleben mit einer Iranerin begegnet – später fand ich auch in Europa Analogien. Bita, die Mutter meiner jüngsten Kinder, feierte gestern zugleich 30 Jahre Ankunft in Deutschland. Da gab es eine spannende doppelte Symbolik.

Die Yalda-Nacht, persisch-aramäisch Schab-e Yaldā (persisch شب يلدا, /‚Nacht der Geburt‘) wird in der „längsten und dunkelsten Nacht des Jahres“ gefeiert. Im iranisch-zoroastrischen Kalender entspricht dies der Nacht vom 30. Azar (Feuer) auf den 1. Dey (Schöpfer). Zugleich ist Yalda auch das Fest am „Vorabend der ersten vierzig Tage des Winters“. Das Fest stammt ursprünglich aus dem Zoroastrismus, d. h. aus dem vor-islamischen Glauben der iranischen Völker, wird aber auch von den heute mehrheitlich muslimischen Völkern des iranischen Kulturkreises und Zentralasiens gefeiert (u.a. in Afghanistan und Tadschikistan). Es handelt sich dabei um die Geburt des (vorzarathustrischen Sonnengottes) „Mithra“.

Der einheimische iranische Name des Nachtfestes ist Schab-e Tschelle(h) („Nacht der Vierzig Tage“). Dies war ursprünglich kein Fest, sondern ein religiöser Brauch, um sich in der längsten und dunkelsten Nacht des Jahres gegen das Böse zu schützen. In der zoroastrischen Tradition waren Nachtstunden eine Zeit der Dämonen und anderer böser Handlanger des satanischen Ahriman. Zudem wurde geglaubt, dass die dunklen Mächte in der längsten und dunkelsten Nacht des Jahres besonders stark und aktiv seien, und den Menschen wurde entsprechend empfohlen achtsam zu bleiben und den Schutz in der Menge mit vertrauten Freunden und Verwandten zu suchen. Aus diesem Brauch entwickelte sich das Familienfest, wie es heute noch besteht. Bita lud mich, ihre zwei ältesten Söhne und zwei Freundinnen gestern zu sich ein, um gemeinsam Chello Kebab vorzubereiten und ihr persönliches Fest zu feiern: Sie erinnere sich an den Moment der Ankunft hier, als wäre es gestern, erzählte sie. Sie habe sich als 15jährige für den Flug mit ihrem Vater und der Schwester als Flüchtlinge bewusst weiße Kleider angezogen. Also etwas „jungfräuliches“, unschuldiges, freies.

Weiß-grün war auch unser Tisch: Kräuter, Salat, Zwiebeln, Ayran (statt Dugh) und Reis. Ehe das Kebab mit den Tomaten aus dem Ofen kam.

Gestern war die Yalda-Nacht © Ekkehart Schmidt

Gestern war die Yalda-Nacht © Ekkehart Schmidt

Gestern war die Yalda-Nacht © Ekkehart Schmidt

Gestern war die Yalda-Nacht © Ekkehart Schmidt

Interessanterweise stammt das Wort „Yalda“ ursprünglich aus Zweigen der frühen christlichen Kirche des Ostens im Reich der Sassaniden im Iran. Im mittelaramäischen Dialekt, wie er von dieser Ostkirche verwendet wurde, bedeutet Yalda wörtlich Geburt und wurde im kirchentechnischen Sinn als Begriff für die Geburt Christi verwendet. Obwohl nicht klar ist, wann und wo der christliche Begriff ins Persische übernommen wurde, wurde Heiligabend in der frühen Kirche in der Nacht zur Wintersonnenwende zelebriert, in eben derselben Nacht wie Schab-e Tschelleh. Es wird angenommen, dass diese Gemeinsamkeit dazu führte, dass der Name des christlichen Festes so auf das einheimische Fest übertragen wurde. Heute feiern die Christen drei Tage später das Fest von Christi Geburt – nach geschickter Überprägung bestehender Feste.

Im Iran finden sich in der Yalda-Nacht Freunde und Verwandte in den Häusern der Ältesten zusammen, wo sie die Nacht über gemeinsam feiern. Traditionell werden zu diesem Anlass vor allem Melonen, Granatäpfel, rote Trauben und Backobst gegessen: Früchte, die man sich vom Sommer aufgehoben hat. So wie in Deutschland ehedem die Äpfel für den Weihnachtsbaum.

Man sitzt zusammen und liest aus dem Dīwān des Dichters Hafis vor, dessen Verse im Sinne einer Art  Orakelbefragung oder Weissagung interpretiert werden (ganz ähnlich den Vogelorakeln auf Marktplätzen).

Ein weiterer Brauch ist das Entzünden eines großen Feuers, das Licht und Hoffnung repräsentiert. Die Menschen freuen sich, dass das Licht neu geboren wird und sich gegen die Dunkelheit durchsetzt, denn nach der Yalda-Nacht werden die Tage wieder länger. Und drei Monate später wird dann Nowruz, das Frühlingsfest gefeiert.

Verwendete Quelle: Wikipedia-Artikel „Yalda-Nacht“ und „Feste zur Wintersonnenwende

Gestern war die Yalda-Nacht © Ekkehart Schmidt

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