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Grand Café_Luxemburg

Dezember 16, 2018

Die Finanzkolonie Luxemburg wird immer mehr zur Fake-Stadt. Kaum noch etwas in der Café-Restaurant-Welt ist hier, was es zu sein vorgibt. Meist wird gar nicht groß rumgemacht und vorgegeben, ein authentisches traditionsreiches Lokal zu sein. Das Alte, peinlich milieubehaftete Kleinbürgerliche  hat keinen Wert mehr, nur coole globale Modernität hat im kurzfristigen Denken von Investoren eine Chance, umgesetzt zu werden. So präsentieren sich heute die Lokalitäten des Bahnhofsviertels wie die der Oberstadt als für die Wohnbevölkerung zunehmend entfremdete Orte. Es verbleiben kaum noch echte Kneipen und Cafés, als familiengeführte Orte des sozialen Austauschs: Immer mehr von ihnen werden fremdbestimmt durch Gesellschaften aufgekauft, unter Renditeaspekten verwandelt und zum ökonomischen Erfolg geführt, der meist ein lokalpsychologisches Desaster bedeutet. Welches wiederum niemanden zu stören scheint.

Das ist tatsächlich auch weniger augenscheinlich, als man denken würde, fällt kaum auf. Schaut man hinter die Kulissen sieht man:  Schlaues Marketing, teure Innenarchitekten und Business. Die Stadt ist ja auch tatsächlich in drei Jahrzehnten durch die Finanzwirtschaft derart kolonisiert worden, dass das Flair und der besondere, spezifisch lokale Anstrich der Lokale der Belle Epoque oder der 1950er-Jahre quasi systematisch vernichtet wurde.

Banker, die nach zehn Jahren London und 5 Jahren Shanghai oder 5 Jahren Frankfurt und zehn Jahren Dubai jetzt plötzlich hier einen weiteren Karriereschritt tun, sollen ihr Geld in Lokalitäten ausgeben, in denen sie sich wohlfühlen. Lokalkolorit ist wichtig, aber bloß nichts wirklich authentisches. Das würde abschrecken.

Ein trauriges Beispiel hierfür lässt sich an der Place d’Armes bestaunen, die von einheimischen einfach Plëss genannt wird. Hier findet sich ein „Grand Café“, dessen äußere Optik viel verspricht, vor allem Authentizität.

Grand Café_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Grand Café_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Grand Café_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Eröffnet wurde das Café vor genau 171 Jahren am 16.12.1847 von Jean Winandy, der vorher schon das „Café de Paris“ betrieben hatte. Allerdings nicht hier, sondern gegenüber des Hauses, das später zum Palast des Grand Duc wurde, also neben dem heutigen „Bistrot de la presse“. Das Lokal wurde eines der prestigeträchtigsten Etablissements der Stadt. Es sollte gemäß den Vorstellungen seines Gründers  „le rendez-vous de toutes les classes de la société noble“ werden (man beachte, dass er innerhalb der so genannt noblen Gesellschaft der Stadt mehrere Schichten ausmachte). Damals war Luxemburg noch eine Festungsstadt, das Land war eben erst acht Jahre unabhängig.

Um 1864 gab es hier Konzerte und Variététheater, aber schon 1867 zog das Lokal hierher um an den Platz, der nach Abzug der Truppen der ehemaligen Garnisonsstadt zum „Salon“ der nun bürgerlich werdenden Stadt wurde. 1868 bestätigte das Satiremagazin „d’Wäschfra“, dass das Grand Café tatsächlich weiterhin Treffpunkt „angesoffener Elegans“ sei. Bei folgendem historischen Foto kann ich nicht sicher sagen, ob es am alten oder neuen Standort entstanden ist.

Grand Café_Luxemburg

Nach Schleifung der Festungsstadt zwischen 1893 und 1895 entwickelte sich die Stadt und dehnte sich über die Altstadt und der sie umgebenden Schlucht aus. Damals entstand auch der Neubau des Grand Café am heutigen Platz. Der Architekt Charles Mullendorf ließ sich von Pariser Brasserien inspirieren, wie den „Folies Bergères“, aber auch von ähnlichen Häusern in Nizza, Biarritz und Ostende. Eröffnet wurde der eine echte Revolution für die Belle Epoque darstellende Bau am 22. Dezember 1894: Ein Café auf zwei Etagen! Die Mezzanine-Etage wurde als was besonderes gesehen, ebenso die Beschriftung und die Qualität der Lampen innen.

Grand Café_Luxemburg

Vergleicht man dieses historische Bild von 1940 mit den obigen Fotos, würde kein Zweifel daran aufkommen, dass es sich hier um ein Lokal handelt, das all diese Zeiten überdauert hat. Dem ist aber nicht so. Das Lokal sah zwischendurch fast ein halbes Jahrhundert lang völlig anders aus.

1905, nach dem Tod des letzten Inhabers, Léon Schmit, ging das Haus auf die Familie Harpes-Schmit über, die es 1915 renovierten. 1956 erfolgte ein weiterer Umbau, ebenso Anfang der 1970er-Jahre, diesmal verlor es nicht nur seinen Namen, sondern – offenbar aber erst in den 1980/90er-Jahren – auch die Fassade mit den Fayencen und wurde mindestens ab 1996 (unsichere Daten) von einer Brasserie in ein Restaurant verwandelt: das „Restaurant L’Académie“. Die Fayence-Keramik der Fassade gelangte ins Museum der Stadtgeschichte. Die Küche muss wohl gute vier Jahrzehnte sehr gut gewesen sein, wurde schnell vom Gault et Millau-Führer ausgezeichnet. Hier Fotos von 1934 – 1996, drei von vielen, die während der Umbaumaßnahmen auf großen Stellwänden am Platz veröffentlicht wurden (von der Stadt oder den Architekten?).

Grand Café_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

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Grand Café_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Bis September 2014 konnten Einheimische und Touristen insbesondere das berühmte „Fondue bourguignonne“ probieren. Zu schade, dass ich nie eingetreten bin, obwohl ich hier schon seit 2008 regelmäßig vorbei kam. Ich hatte einfach immer zu sparsam zu sein, wenn es um Restaurantbesuche in der Mittagspause ging. Im November begannen die Umbaumaßnahmen und im „Wort“ hieß es, das Gebäude würde „umgebaut“ (ob man ahnte, was wirklich passierte?).

Erst als mir Ende August 2015 auffiel, dass das „Académie“ geschlossen war und offenbar Umbauarbeiten anstanden, habe ich zur Kamera gegriffen:

Grand Café_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Grand Café_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Grand Café_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Ein grosses Plakat kündigt an, dass hier eine Art „Remake“ des Grand Café enstehen soll: Ist das ernst gemeint?

Grand Café_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Grand Café_L'Académie_Luxemburg (c) Ekkehart Schmidt

Da ich die vermutete Komplett-Entkernung unbedingt dokumentieren wollte, ging ich in eine Unterhaltung mit den Arbeitern und erreichte, einmal kurz hinein schauen zu dürfen und „nur privat“ ein paar Fotos zu machen, das Versprechen gebend, diese nicht irgendwie zu veröffentlichen. Das habe ich dann hiermit gebrochen. Pardon.

Grand Café_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Grand Café_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Aber es ist längst kein Geheimnis mehr, dass das schon damals als „denkmalgeschützt“ deklarierte Gebäude bis auf die Fassaden des 2. und 3. Stockwerks völlig umgestaltet worden ist. In einer zumindest zweifelhaften Interpretation: Man hat den Zustand von vor über 50 Jahren durch Komplettzerstörung des Baus wieder hergestellt. Allerdings nur optisch und nur was die Fassade betrifft. Der Umbau sollte schon 2016 fertig werden, es dauerte aber bis 2017.

Grand Café_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Grand Café_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Die Architekten des kernsanierten Baus, das Büro Tetra Kayser Associées haben in Zusammenarbeit mit dem Museum für Stadtgeschichte und dem Service de l’Architecture der Stadt die großen Schaufenster und die Fayenceschilder rekonstruiert, aber weder das Innere, noch arabeske Dekoelemente außen.

Grand Café_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Grand Café_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Grand Café_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Grand Café_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Für das Innere war der Architekt Rodolphe Mertens verantwortlich: Er schuf einen Vorraum, der fast völlig in Schwarz gehalten wurde, dominiert von historischen Aufnahmen, sowie einem weiteren Raum dahinter sowie das Obergeschoss, die mit ihren Holzverstrebungen ähnlich unverhüllt zeitgenössisch, dafür wenigstens etwas originell wirken. Ich hatte keine Lust, diesen unglaublichen und nur halb – durch die Fassade – legitimierten Fake zu dokumentieren, dazu kann man beschönigende Fotos auf Explorator schauen.

Grand Café_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Grand Café_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Grand Café_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Ein Phönix aus der Asche? Nee. Natürlich macht es keinen Sinn, das Etablissement der 1950er-Jahre wieder auferstehen zu lassen. Heute leben und arbeiten die meisten Wohlhabenden nicht mehr im Stadtkern, sondern in den Außenbezirken und modernen Bürokomplexen. Sie kommen hier nicht mehr mittags oder abends vorbei.

Grand Café_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Also gibt es hier zwar Kaffee, aber keine Zeitungen und kein geselliges Zusammensein mehr. Stattdessen Produkte der Firmen „Red Beef Thionville“ und „Semecourt“, die sich als französiche Familiebetriebe geben. Sie waren wohl verpflichtet, das „Original-Äußere“ zu rekonstruieren (millimettergenau). Innen aber geht es nicht um Kaffeehausleben, sondern um den Verkauf von Fleisch vom „Four à charbon végétale“ und irgendwie tun sie auch so, als sei das bio zubereitet.

Vermarktet wird das so:

„The Red Beef has fitted out the Grand Café with very chic décor that evokes the Belle Époque establishment that used to occupy the spot. The almost-black walls, wood, brass and marble features give the place a prestigious air.

The menu is based on Red Beef’s line-up: the focus is on grilled meat, prepared in an oven fired by planted-based charcoal, and cooked at 700°, accompanied by salads and fries. The sauces are homemade. Fish and large salads are also available. The sommelier, Dominique Rizzi, plays a big part in the café’s success. Continuous service (last order at midnight). Huge terrace on the Place d’Armes.“

OK. Es ist relativ teuer, die Küche ist ganztags geöffnet, der Espresso kostet 2,50 Euro, es scheint ökonomisch ein grandioser Erfolg zu sein, aber ich wollte nie wieder hin. Und weiter innen auch keine Fotos machen (die findet man beim Restaurantführer Explorator). Die „Sanierung“ widerspricht völlig dem heute eigentlich praktizierten Grundsatz der Denkmalpflege: „Erhalten, statt Simulieren“.

Adresse: 11, Place d’Armes, L-1136 Luxemburg, Tel. 352-26270292, www.redbeef.lu

Verwendete Quellen: Clarinval, France: Le Grand Café redynamise la place d’Armes, Paperjam, 11.04.2017; Coubray, Céline: Le Grand Café en Phénix du Centre-Ville, Archiduc, 23.01.2015; Philippart, Robert L.: Hôtels, Cafés, Restaurants de la Belle Époque Luxembourg, Brain & More, Luxemburg, novembre 2018,  S. 25-27; Welter, Patrick: Kein Fake! Denkmalschutz: Hauptsache authentisch, Lëtzebuerger Journal, 07.12.2018; Luxemburger Wort (DL/rr): L’Académie wird wieder zum „Grand Café“, 26.11.2014

Grand Café_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

6 Kommentare
  1. brigitte walk permalink

    Hallo Herr Schmidt,

    ich war den ganzen Tag unterwegs, sorry. Ginge ein Telefonat möglicherweise auch morgen abends? Es wäre sehr nett, danke.

    Mit besten Grüssen

    Brigitte Walk

  2. brigitte walk permalink

    hallo herr schmidt,

    es ist gerade noch dermassen viel zu tun in den letzten zügen, darf ich Ihnen ziemlich viel material einfach zur ansicht zukommen lassen?

    https://www.dropbox.com/sh/n9q01n42jjeqdl2/AAB-JBl6aT_iXNbJv2foOTDQa?dl=0

    auf Ihrem blog habe ich noch nichts neues zu dem vergnügungsviertel gefunden, oder war eh nicht kairo gemeint sondern luxembourg?

    ab freitag sieht die welt wieder ruhiger aus, darf ich mich dann nochmals melden? herzlichen dank.

    mit besten grüssen

    brigitte walk

  3. Ja, gerne. Ich hatte beim „Kursaal“ etwas zu Kairos Vergnügnungsviertel gepostet.Ich bin voll in Kairo mit Ihnen. Freitag ist gut, kurz vor Weihnachtsabfahrt nach Köln.

  4. Uschi permalink

    Wenn man so gut und tief recherchiert, dann darf man auch so offen seine Meinung über die Entwicklung schreiben.

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