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Persische Eiscafés

November 25, 2018

Bling Bling – in persischen Innenstädten locken Eisverkäufer mit sehr bunten Leuchtreklamen, wie in Deutschland das Klingeli-Kling der Eiswagen in der Nähe von Spielplätzen… Man kommt nur schwer an der Versuchung vorbei, sich einfach hinzugeben, in Deutschland vor allem mit Kindern an der Hand, im Iran auch ohne. Nicht nur, wenn es heiß ist.

Iranische Eiscafés bieten meist auch Säfte und andere Erfrischungen, sowie Kaffee oder Tee an. Die meisten haben aber keinen großen Innenraum mit vielen Sitzplätzen: Mann und Frau nehmen sich ihre Eiswaffel oder ihren Becher eher in die Hand und genießen im Gehen oder Stehen. Ins Eiscafé gehen bedeutet kaum, sich mit Freunden oder der Familie zum Klönen hinzusetzen oder mit einer Person des anderen Geschlechts zu turteln, jedenfalls nicht drinnen, in gediegener Atmosphäre – das ist eher eine deutsche Tradition.

An diesem kalten Novemberabend erinnere ich mich an wunderbar bunte Eindrücke bei unseren drei Reisen von 2012 bis 2016. Zunächst zwei Lokale im Osten von Teheran, neben dem Spielplatz, auf dem wir vom Nachmittag bis in die Abendstunden bestimmt drei Stunden verbracht haben:

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Beide Lokale bedienen nur Laufkundschaft. Und haben „Italian Icecream“ im Angebot – das ist etwas sehr besonderes und eher teuer im Vergleich zum Softeis. Das findet man außerhalb der Hauptstadt selten in der Altstadt, außer vielleicht als besonders exquisites Angebot ausgangs des Basars von Kerman:

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Per Hand hergestelltes Eis italienischen Stils ist teurer als das hier übliche Softeis aus der Maschine oder traditionelle Sorten. Daher findet man Lokale mit solchem Angebot nur in den teuren Wohnvierteln der Großstädte. Zum Beispiel im Hamza-Viertel in Kerman:

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

In Kerman habe ich auch gelernt, dass man im Iran besonders gerne auch abends Eis isst: Wenn man nach der nachmittäglichen Siesta der Hitzemonate abends noch einmal raus geht, wenn die Temperaturen endlich wieder erträglich werden.

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Und auch hier: Man setzt sich nicht hinein ins – klimatisiert – Kühle, sondern bleibt draußen in der Abendstimmung.

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

So erklärt es sich auch, dass viele Eiscafé erst nachmittags öffnen, wie hier am Midan Shohada in Kerman:

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Wie überall im Orient bieten Händler und Lokale oft ein spezifisches Produkt. Es ist selten, einen Eisverkäufer zu finden, der alle üblichen Eisvarianten bietet. Das hat natürlich auch etwas mit der Entstehungsgeschichte des Lokals zu tun: Wenn ein Laden in den 1970ern mit Softeis (also mit der Investition in eine entsprechende Maschine) aufmachte, wird er in den Nullerjahren selten auch italienisches Eis mit ins Angebot aufgenommen haben. Während die obigen Beispiele eher vor Kurzem entstanden und entsprechend mit Leuchtreklamen etc. für sich werben, sieht das normale, konventionelle Eiscafé, das meist Softeis bietet, eher so aus, wie hier in der Khiabane Djumhurriye Eslamiye, der Straße der Islamischen Republik im Zentrum von Teheran

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Oder an der Hauptstraße in Kerman, an der Eis ebenfalls neben Säften und Gebäck für Passanten verkauft wird:

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Auch in der Nähe der Freitagsmoschee in Isfahan hat der Inhaber die Eismaschine gleich so vor den Eingang geschoben, so dass man nicht hineinkommt.

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Außerhalb der Großstädte bedeutet Eis vor allem Softeis, wie hier in Rayen und anderswo:

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Und natürlich gibt es auch industriell gefertigtes Eis, in billigen oder teuren Varianten, wie hier – ebenfalls im Städtchen Rayen – mit Pistazien:

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Mobile Eiswagen habe ich nie gesehen, lediglich einen Verkaufswagen, bei dem man Kirschsaft auf Eiswürfeln bekommt (nahe des Basar-e Naser Khosrow von Teheran):

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

In Kerman fand ich dann doch auch Eiscafés mit kleinem Innenraum, manche cool und verspielt-modern aufgemacht, andere eher volkstümlich.

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Eher selten, aber auch aus Schiraz und Isfahan bekannt, sind Eisverkaufsstände mitten im Basar oder am Eingang, wie hier in Kerman:

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Aber Eis ist nicht gleich Eis. Vor allem nicht im Iran. Es waren nämlich sicher nicht erst die Italiener des 18. Jahrhunderts, die Speiseeis erfunden haben. Weit über 2000 Jahre vor Entstehen der heutigen Gelati wurde in der römischen und griechischen Antike, in China, Indien und im Iran auf der Basis von Eislagern in den Bergen mit essbarem Eis experimentiert, das man am ehesten als „Sorbet“ bezeichnen könnte.

Im Iran entstand mit „Faludeh“ (فالوده) eine der frühesten bekannten Formen von Eisspeisen, für die es offenbar schon für die Zeit um 400 v.Chr. Nachweise gibt. Die Wurzeln des Namens dieser bis heute existierenden Speise reicht möglicherweise sogar ins Alte Ägypten zurück: Das altägyptische Wort „faluza“ benennt ein Dessert, das aus gefrorenen Sekreten von Tontöpfen, in denen Wasser gelagert wurde, gewonnen wurde (wenn ich das richtig verstanden habe). Diese eisige Mischung wurde mit Honig und Früchten gesüßt. Im Iran jedenfalls stammte das Eis von den hohen, im Winter schneebedeckten Bergen des Elburs- oder Zagrosgebirges. Es wurde in so genannten Yakhchals, kup­pel­ar­ti­gen Eis­speichern, gelagert und konnte in diesen über Monate kühl gehalten werden

Bis heute ist Faludeh im Iran eine eiskalte weiße Spezialität, die in der Shirazi-Variante an Spaghettieis erinnert, aber nicht so cremig weich ist. Oder in der Kermani-Variante (die es nur in Kerman gibt) in Form von reisähnlichen Böhnchen produziert wird (wie unten in Kerman). Serviert wird beides in einem Sirup aus Zucker und Rosenwasser. Und ist – trotz Gelati und Softeis weiterhin sehr beliebt, nicht nur, weil es billiger ist.

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Im berühmten Sonnati-Restaurant in einem ehemaligen Badehaus in Kerman, habe ich erstmals die Kermani-Variante kosten können, die mir eher zusagte, wenn sie auch mit der europäischen Vorstellung von eis nicht viel zu tun hat. Und dennoch wunderbar erfrischt.

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Ein Faludeh-Laden in Schiraz bot die „Schirazi-Variante“, entfernt an Spaghetti-Eis erinnernd:

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Und dann gibt es noch Bastani, ein am ehesten an italienisches Eis erinnernde traditionelle Sorte, die aus Sesam, Pistazien und Rosenwasser hergestellt wird. In Jupar, einer Kleinstadt südwestlich von Kerman, fand ich einen Faludeh- und einen Softeisladen nebeneinander:

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Faszinierend, dieses Gelb, das im Iran offenbar mit Eis assoziiert wird. Egal in welcher Form.

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

Am letzten Abend aber, 2016 in Kerman, wurde ich in das Lokal ausgeführt, das für die Tanten und Onkel der Mutter meiner Kinder, die zur gehobenen Mittelschicht zu zählen sind, offenbar das beste – oder jedenfalls most creamy – Eis der Stadt zu bieten hatte: Den Baba Bastani Ice cream shop in der Khiabane Shohada-ye Darlak, im Osten der Altstadt. Offenbar eine Filiale eines gleichnamigen Ladens in Schiraz.

Baba_Bastani_800

Er hatte offenbar keinerlei Bling-Bling nötig. Und: Ja, es war göttlich – dabei habe ich nur die normale Variante probiert, keine mit Keksen, Kitkat oder sonstigen Aufpeppungen für verwöhnte Gaumen. Ich durfte eine der gewöhnlichen, großen Freuden des Alltags in einem ansonsten von aufoktroyierter Lustfeindlichkeit geprägten Land erleben: Natürlich war auch das hier ein Take-away, wir genossen unser Softeis im Auto, auf dem Weg nach Hause.

Das letzte Foto stammt aus Google-Maps.

Persische Eiscafés © Ekkehart Schmidt

From → Cafés, Iran

One Comment
  1. tolle fotos! ich kenne ja die atmosphäre im iran nicht wirklich, aber ich meine, du hast sie hier gut festgehalten und eingefangen, obgleich dein blick sich hier thematisch (bildlich und textlich) richtung eisvariationen orientiert. das haus auf dem ersten foto gefällt mir außerordentlich gut. fast jedes foto davon kann ich mir als zeichnung sehr gut vorstellen.

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