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Cafészëmmer im Hotel du Globe_Luxemburg

November 6, 2018

Sie sind eine luxemburgische Spezialität: ein unsichtbares Massenphänomen am Rande der Legalität, aber auch eine pragmatische Lösung für das Wohnungsproblem von allein lebenden Kleinverdienern in dieser Stadt der extrem hohen Mieten. Die Behörden sehen das aber anders. Zum Teil zu Recht. Die Rede ist von so genannten Cafézimmern, also Zimmern über Kneipen, die zum Teil zu horrenden Preisen (meist 400 – 800, teilweise über 900 Euro) und oft an mehrere Personen vermietet werden, die keine andere Wahl haben – meist Migranten, häufig aus Portugal, die auf dem Bau oder in der Gastronomie tätig sind.

Das Phänomen existiert seit Jahrzehnten. Ursprünglich entstanden sie als Kurzzeit-Unterkunft für Leute mit befristeten Jobs. Sie bekamen ein Zimmer und morgends einen Kaffee (daher der Name). Heute leben manche hier aber monatelang als erste Anlaufstelle, ehe sie etwas anderes finden. Oder bleiben nach einer Krise – etwa einer Scheidung – hier hängen und geben fast ihr ganzes Einkommen für Miete und Alkoholika aus – wofür sie nur die Treppe runter gehen müssen, wo sie dann vor einem Tresen stehen (und keinen Kaffee wünschen). Schnell werden aus ein paar Wochen mehrere Monate.

Der zweifelhafte Ruf kommt daher, dass diese Zimmer nicht selten eine Sackgasse bilden, aus denen man mangels Ersparnissen selten ohne Hilfe anderer herauskommt. Oft ist es ein Teufelskreis, heißt es in einer Reportage des Luxemburger Wort vom Oktober. Dort werden auch Zahlen für Luxemburg-Stadt genannt: Seit 2010 wurden 105 Gebäude mit insgesamt rund 400 Zimmern überprüft, von denen nur 100 in einem akzeptablen Zustand waren, das heißt pro Person neun Quadratmeter und ein Fenster aufweisend, mit Waschbereich, einem Klo und einer Dusche pro sechs Personen.

Mein Zugang zu dem Thema ergab sich durch die Suche nach preiswerten Übernachtungsmögichkeiten nach beruflichen Abendterminen in der Stadt. Mit der Jugendherberge und später der Auberge de Reims und dem Hotel Bella Napoli habe ich ordentliche Orte gefunden. Ich kann mich aber noch genau erinnern, vor etwa fünf Jahren einmal im Hotel du Globe nachgefragt zu haben, ob sie noch ein freies Zimmer haben: Ich wurde fast ausgelacht, so absurd erschien der alten Dame hinter dem Tresen meine Frage. Nein, hier war nichts frei (also alles auf Wochen und Monate belegt).

Cafészëmmer im Hotel du Globe_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Das so genannte Hotel habe ich jahrelang nur von außen betrachtet, also von meinen wechselnden Zimmern in der Auberge. Neugierig, fast auch voyeuristisch.

Cafészëmmer im Hotel du Globe_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Cafészëmmer im Hotel du Globe_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Cafészëmmer im Hotel du Globe_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Cafészëmmer im Hotel du Globe_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Cafészëmmer im Hotel du Globe_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Cafészëmmer im Hotel du Globe_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Cafészëmmer im Hotel du Globe_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Bis ich dann einmal auch tagsüber unten in’s Café gegangen bin.

Cafészëmmer im Hotel du Globe_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Cafészëmmer im Hotel du Globe_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Cafészëmmer im Hotel du Globe_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Mein Eindruck: Hier findet sich ein Überbleibsel einer Milieu-Welt, die immer mehr aus dem Viertel verdrängt wird. Zugleich gibt es ein legitimes Anliegen der Stadt – wie auch anderer Gemeinden im Land -, aufgrund mangelnder Gesundheits- und Hygienestandards gegen die Betreiber der Cafészëmmer vorzugehen.

Viele Betreiber verlangen horrende Mieten und melden die möblierten Zimmer oft nicht einmal an. „Wegen der grassierenden Wohnungsnot und eines eklatanten Mangels an sozialen Mietwohnungen sind die der Unterbringungspflicht unterliegenden Gemeinden aber gleichzeitig in hohem Masse auf die `Cafészëmmeren` angewiesen, etwa um Menschen zu logieren, die aus unterschiedlichen Gründen aus ihrer Wohnung ausgewiesen werden“, analysiert das Tageblatt. Seit etwa 2010 agieren sie in diesem Widerspruch.

Laut Tageblatt gibt es im Land über 70 Gaststätten und Restaurants mit Cafészëmmern. Bei einer Untersuchung im Jahr 2016 lebten bei einer Kontrolle von 40 Gaststätten in Esch/ Alzette 450 Menschen in solchen Verhältnissen. Die Lokale seien „Teil eines ausbeuterischen Geschäftsmodells, mit dem sich die Brauereien ihre Pacht sichern“. Der schlechte Zustand liege auch daran, dass sich viele Pächter Renovierungsarbeiten nicht leisten können oder wollen. Nicht zuletzt würden viele von sogenannten Schlafhändlern vermietet, die sich an keinerlei Bestimmungen halten und trotzdem horrende Mieten verlangen.

Andere Lokale mit Cafészëmmern, die mir begegnet sind, waren das Café Chez Nadia und das De Jangeli. Ersteres wurde nach einer Drogenrazzia geschlossen, letzteres abgerissen.

Verwendete Quelle: Clemente, Rosa: Ein Leben über der Kneipe, Luxemburger Wort, 23. 10.2018; Laboulle, Luc: Wohnungsnot: Im Teufelskreis. Wie die Gemeinden mehr schlecht als recht versuchen, ihre Unterbringungspflicht zu erfüllen, Tageblatt, 20. November 2020; Trapp, Wiebke: Wohnungsnot  /Die Sache mit den „Cafészëmmeren“, Tageblatt, 1. Februar 2021

Nachtrag: Dieser Text wurde ohne mein Zutun mit allen Fotos auf der Seite bookinghotel.pro dupliziert.

Cafészëmmer im Hotel du Globe_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

From → Cafés, Hotels, Luxemburg

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