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Café de France_Casablanca

November 1, 2018

Um 7.04 Uhr sah ich im Landeanflug hinter dem Atlasgebirge die Sonne über dem Atlantik aufgehen, runter ging’s in einen dichten Küstennebel – und schon gegen 7.50 Uhr fuhr mich mein Taxi für satte 30 Euro vom Flughafen durch das sonntäglich ausgestorbene Casablanca in die gleiche Richtung. Am Boden, in rasender Fahrt durch ein derart modern wirkendes Land, dass mir klar wurde:  Mein Marokko der Besuche von 1983 und 2000 existiert nicht mehr. Oder jedenfalls würde ich suchen müssen, um es noch zu finden. Aber es war eh klar, dass ich hier eine wilde Aktion machen würde. Ich hatte auf dem Weg nach Ouagadougou einen Transitaufenthalt von 5 Stunden. Um 11.25 ging mein flieger nach Frankfurt. Vorab hate ich mir ein klares Ziel ausgeguckt: Das „Café de France“ als historisch, symbolisch und auch räumlich zentralem Ort zwischen Altstadt und der Neustadt der damaligen französischen Kolonialherren. Um 8.24 Uhr bekam ich dort meinen Espresso mit Pain au Chocolat. Um 9 Uhr musste ich schon wieder los…

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Ich hatte 40 Euro in 400 Dirham gewechselt, 300 gingen gleich für’s Taxi drauf, aber ich hätte nach der ersten Zigarette seit 0.30 Uhr in Ouagadougou wieder durch eine lange Kontrolle zurück in den Airport gemusst, um dort einen – deutlich günstigeren – Zug zu nehmen. Und die Aufenthaltszeit war doch deutlich knapper als gedacht, zumal ich unsicher war, ob ich wieder zwei Stunden vor Abflug zum Check-In muss, obwohl ich nur Handgepäck hatte. Egal.

Es war sehr früh am Morgen die Stadt schlief noch und ich hatte – nach einem Nachtflug über die Westsahara in völliger Dunkelheit, also ohne mehr als nur einmal ein paar Lichtern einer Kleinstadt unter uns – bei der Einfahrt in die koloniale Neustadt schon das Erlebnis eines fast überirdisch-mystischen Anblicks einer weißen Kirche, die in der Morgendämmerung über der Stadt zu schweben schien, dass sich das alles schon gelohnt hatte: Die 1930 erbaute, neo-gothische Kathedrale Sacré-Coeur wurde nach der Unabhängigkeit 1956 allerdings erst zu einer Moschee, dann zu einem Kulturzentrum. Und dann noch das 1916 erbaute „Excelsior“, das während der 1930er- und 40er-Jahre das Hotel der First Class war. Ich bin tatsächlich bei dieser Stippvisite unvermittelt in der „weißen Stadt“ angekommen. Waow!

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Ich roch den Atlantik hinter der Medina, aber es war keine Zeit

Die Place des Nations Unies (Platz der Vereinten Nationen, ehemals Place de France, dann Place Mohammed V) trennt die Medina von der „französischen“ Neustadt, von hier aus geht es weiter zum riesigen, ab 1912 errichteten Hafen zwischen beiden Stadtteilen. Hier eine Luftaufnahme von damals:

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Der Platz ist mehrmals, zuletzt 2013-18 komplett umgestaltet und heutigen Verkehrs- und Einkaufsbedürfnissen einer City angepasst worden (Abriss der äußeren Stadtmauer, Tram, unterirdische Parkdecks etc.). Das Tor zur Medina wirkte da nur noch wie eine Reminiszenz an eine längst vergangene Epoche. Ähnlich wie in Tunis oder Kairo. Zwei Welten trennend.

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Ich roch den Atlantik hinter der Medina, aber es war keine Zeit. Nach der ersten Orientierung die Ernüchterung: Mein Café um die Ecke befand sich in einem Bau, der so gar nicht kolonial wirkte. Meine „Vor-Stellung“ war halt die gewesen, hier ein Überbleibsel der französischen Kolonialzeit zu finden und mir anzuschauen, was von diesem Kontext noch sichtbar ist. Stattdessen befand ich mich auf einem modernen Platz, deren Bauten auf den ersten Blick aus den  1960ern zu stammen scheinen. Das Gebäude meines Cafés stammt aber vielleicht tatsächlich – als früher Bau des Modernismus – aus den 1920er-Jahren.

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Eine futuristische Tram fuhr vorbei, jetzt aber ab ins Café, dessen Kolonnaden mich an die heimische Bahnhofstraße, aber auch an das Café Piccarozzi in Rom erinnerten. Es gab kaum Gäste, bis auf eine Gruppe draußen, die sich später als Taxifahrer entpuppten (der Mann in Rosa fuhr mich zurück zum Flughafen). Ich blieb auch auf der Terrasse.

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Café de France_Casablanca (c) ekkehart Schmidt

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Der Name des Cafés muss vor 100 Jahren eine echte Provokation gewesen sein, wie auch der Name des (damals) gleichnamigen Platzes. Cafés diesen Namens gibt es heute (noch) in Essaouira, Marrakesch, Rabat und Tanger sowie in Algerien und Düsseldorf. „Café de France“ klingt nach dem Machthaber. Der im Maghreb ähnlich häufige Name „Café de Paris“ dagegen eher nach der durchaus angestrebten französischen Lebensart. Diese Lokale wirkten doppelt: aus Sicht der eroberten Einheimischen anders, als aus Sicht der Kolonialisten, die hier ihre Lebensart installieren wollten.  Ähnlich wie vom Hotel Excelsior schaute der Gast im Café de France mit „sicherem Abstand“ auf die Medina aus und zu dessen altem Stadttor, neben dem ein Uhrturm als Symbol neuer Zeiten errichtet wurde, die Einheimischen liefen.

Café de France_Casablanca (c) Ekkehart Schmidt

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Cafe de France_Casablanca (c) Ekkehart schmidt

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Der früher sehr dominante Schriftzug des Lokals (hier Fotos von 2008-13) ist offenbar mit der Umgestaltung des Platzes entfernt worden, er ist jetzt nur noch von Nahem lesbar. Warum auch immer.

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Mein Frühstückskellner hätte mir dazu sicher einiges erzählen können.

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Nun denn. Auch die Tische und Stühle werden einige Veränderungen erfahren haben. In den drei Bereichen des Cafés (Terrasse, Unter- und Obergeschoss) gibt es fünf unterschiedliche Stühle, unten neben zwei Varianten an Plastikbilligstühlen in Weiß auch ein nach 1970er-Jahren aussehendes rotes Modell in Hartplastik. Oben Modelle in Holz mit sehr ungewöhnlich ausladend geformter Rückenlehne. Ich ging das Treppenhaus hoch, in dem sich rund um eine Art zentralen Hof ein zweiter großer Saal und die Toiletten befinden, und entdeckte ein idyllisches Bild eines Cafés: So sah das hier aber wohl nie aus.

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Die Zweiteilung von Cafés in einen unteren Bereich, reserviert für Männer, und einen oberen „Familienbereich“ gibt es in dieser 5-Millionen-Metropole sicherlich nicht mehr. Oben kann man sich zurückziehen und zugleich die Passanten beobachten.

Ende 2013 schrieb ein Marokkaner in den sozialen Medien über das Café: .„I was up in Casa last week and I have found out that it’s not closed forever, but is being renovated. But is this good news? Part of this café’s charm was that it was old (but not decrepit). I sincerely hope that it’s not going to be glitz and glamour when it reopens. Unfortunately, given the poshing-up of the whole area after the advent of the tramway, I fear the worst.“

Wovor auch immer er Angst hatte: Das Café wurde modernisiert und hat sicherlich – vor allem unten – an Patina und Charme verloren. Aber es gibt immer noch einen sehr guten Kaffee und einen guten Minztee. Es ist von 9 bis 21 Uhr gleichmäßig stark besucht, mit einem leichten „peak“ gegen 19 Uhr, insgesamt aber ist es selten voll. „L’idéal pour souffler après une journée de travail“, schrieb ein Ausländer („John“) auf die Facebook-Seite des Hauses. Die anderen Besucher posten Fotos vom Tisch vor Ihnen mit einem Espresso, selten auch mit einem Fruchtsaft und Gebäck.

Das Café hat eher moderate Preise, wenn es auch nicht billig ist – was ein Frühstück angeht aber im Vergleich mit den umgebenden Hotels durchaus. Kein unbedeutendes Detail für auswärtige Stadtspaziergänger: Es gibt sehr saubere Toiletten. Das Café wird bei tripadvisor als zweitbestes von 22 beurteilten Cafés der Stadt bewertet (als bestes gilt die italienische Pizzeria „Pasta d’Oro“, aber viel wichtiger: das Café de France liegt vor Starbucks…). Was das hier ebenfalls angebotene Essen angeht, liegt das Café jedoch nur auf Rang 117 von 872. Viel interessanter fand ich aber, dass hier seit einem halben Jahrhundert die Einheimischen sitzen und die Touristen aus Frankreich und anderswo beobachten, wie sie neugierig, aber etwas unsicher und unbeholfen zur Medina laufen.

Um zurück zum Flughafen zu kommen, musste ich doch noch einmal Geld wechseln und lief dafür in die Straßen hinter dem Café. Erfolglos. Aber da sah ich noch einmal einen zentralen Ausschnitt der „weißen Stadt“: Hinter der Front der Hotels und Finanzgebäude sind viele weitere Cafés und Restaurants zu entdecken, aber auch kulturelle Zentren wie das Goethe Institut.

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Zunehmend gestresst, weil mir die Zeit davon rannte, bin ich ins super-luxuriösen Hyatt-Hotel genau gegenüber des Café de France: Dort gab es noch eine Chance. Ich durfte dort dann tatsächlich – obwohl kein Gast und also… – dann doch 50 Euro wechseln und war endlich auf der sicheren Seite. Puh, das war schon etwas stressig…

Ich roch den Atlantik hinter der Medina, aber es war keine Zeit

Vor der pompösen Einfahrt nahm ich mir ein Taxi. Der Fahrer (jener im rosa Hemd) meinte, ich müsse unbedingt noch zur Moschee Hassan II, der größten in Afrika – und setzte das um: Nach einer kurzen Fahrt um die Medina herum hatte ich 3-5 Minuten Zeit für Fotos und ein Gefühl für die Weite des Platzes. Recht hatte er, wenn ich mich auch wie ein japanischer Tourist fühlte. Egal: Hier, hinter dem Minarett, war vor drei Stunden die Sonne aufgegangen.

Und tatsächlich erreichte ich wie versprochen (aber mit Extrageld natürlich) um 10.08 Uhr den Airport, mit genau der nötigen halben Stunde für einen Espresso und zwei Zigaretten nach den Kontrollen und vor dem Abflug um 11.25 Uhr.

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

Neun Stunden später in Saarbrücken glücklich über Erlebnisse in West-Afrika, Marokko und Mitteleuropa: Drei Welten in einem einzigen Tag, dem 19. August 2018. Ebenfalls etwa neun Stunden habe ich zwei Monate später gebraucht, um diesen anderthalbstündigen Aufenthalt zu verarbeiten und die Daten und Bezüge korrekt zu recherchieren. Aber es sind diese „Tiefenbohrungen“ an emblematischen Orten, für die ich gerne solche „verrückten“ Aktionen mache. Das erste Mal, dass ich auf die Idee kam, bei Flügen mit Umsteigeverbindungen nicht unbedingt die schnellste Verbindung zu suchen, war 2012 mit Doha, als ich gleich einen ganzen Tag blieb und viel erlebte.

Adresse:  10 Place Des Nations Unies, Casablanca 20 000, Tel.: +212 5222-75009

Verwendete Quellen: Abdellah, Naguib: La rue de l´horloge – première artère de la ville européenne, in: Histoire de Casablanca, 22.10.2014; Därr, Erika: Marokko – Vom Rif zum Anti-Atlas, Reise Know-How, 8. Aufl. 1999, S. 886f, 902; Troin, J.F./ Kaioua, A., Karte in: Wirth, Eugen: Die orientalische Stadt im islamischen Vorderasien und Nordafrika, Band 1, Mainz 2000, S. 90

Café de France_Casablanca ⓒ Ekkehart Schmidt

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