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Brasserie Theaterstuff_Luxemburg

Oktober 14, 2018

Auf der Suche nach der Demo „Rise for Climate„, deren Start ich verpasst hatte, radelte ich gestern von der Place Clairefontaine zum Glacis-Feld: Niente. Mist. Man hat die Demo also nicht nur einen Monat später als am globalen Aktionstag angesetzt, sondern dann auch schon nach etwa zwei Stunden beendet. Ach, aber da ist ja diese Brasserie, in die ich schon immer einen Blick werfen wollte! Nur war ich hier am Platz neben dem Grand Théâtre de la Ville de Luxembourg und der Auffahrt auf die rote Brücke selten außerhalb eines Busses unterwegs. Auf einen Kaffee also, für ein Viertelstündchen.

Brasserie Theaterstuff_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Brasserie Theaterstuff_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Das Lokal ist authentisch mit Mobiliar aus den 1980er-Jahren (Tische und Stühle) und einem deutlich älteren Tresen eingerichtet. leider haben die Inhaber aber einen Hang zu kitschigen Schildern – insbesondere Bildnissen von Stan Laurel, Oliver Hardy  und Charlie Chaplin – was ich nicht nachvollziehen kann, wenn sich eine Gaststätte „Theaterstube“ nennt. Ob das noch ein Erbe aus Zeiten des legedären, ehemaligen Hausherrn Fernand Fox ist? Wohl kaum.

Brasserie Theaterstuff_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Theaterstuff

Das Lokal besteht aus zwei Räumen: neben der Schankstube gibt es noch ein gleich großes Nebenzimmer, in dem sich wohl die besondere Geschichte abspielte, von der ich bei meinem Besuch noch nichts wusste (wieder ein Beispiel für den Gedanken, dass man oft nur sieht, was man weiß).

Brasserie Theaterstuff_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Brasserie Theaterstuff_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Brasserie Theaterstuff_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Brasserie Theaterstuff_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Brasserie Theaterstuff_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Fernand Fox (heute 84) hatte nach zwei Jahren bei einer Bank eine Stelle bei der Arbed angetreten, wo er bis zum Alter von 48 Jahren in der Direktion arbeitete, aber parallel auch schauspielerte. Dann machte er sich 1981 selbstständig. Für viele war das nicht nachvollziehbar, wie das Tageblatt 2011 berichtete:

„Der ist verrückt geworden“, hätten die Kollegen und Freunde damals gesagt. „Gibt eine gut bezahlte, feste Stelle auf und eröffnet eine Gaststätte.“ Doch der Erfolg seiner Theaterstuff eingangs des Viertels Limpertsbierg sollte ihm recht geben. Und natürlich gab es eine Vorgeschichte: Hier bestand mit der „Dikrecher Stuff“ bereits ein Lokal, das von seinem Freund Jempy Sontag geführt wurde, aber seit einem Jahr leer stand. Hier hatte Fox bereits seit 1972 an Kabarettabenden mitgewirkt. „Sie wurde zur Theaterstuff und rasch zu einer neuen Heimat für die in den 1980er Jahren lebendige und vielfältige Kleinkunst. Während neun Jahren war die Theaterstuff der Ort schlechthin, wo Kabarett und Literaturprogramme, Café Théâtre und Café Littéraire zu Hause waren, bis ihre Initiatoren über eigene Säle verfügen konnten“ (das heißt: eigene kleine Theater gründeten), schrieb Simone Beck 2004 in einem Text zum 70. Geburtstag von „Fern“.

Brasserie Theaterstuff_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Laut Tageblatt entwickelte sich die Stuff  „sozusagen über Nacht zum Szenetreff: Künstler, Journalisten, Politiker … alle gaben sich hier ein Stelldichein. Und der frisch gebackene Wirt konnte endlich in eigenen Räumlichkeiten spielen. Regelmäßig, bis er das Lokal 1989 aufgab, um sich nur noch der Schauspielerei und dem Reisen zu widmen…“

Simone Beck beschreibt die Karriere dieses vielleicht bekanntesten Schauspielers der Stadt noch genauer: Fern Fox bekam jetzt auch Rollen am Theater, wurde immer bekannter, auch weil seine Stücke im Fernsehen übertragen wurden. „Aber eine Gastwirtschaft führen und gleichzeitig ernsthaft Theater spielen zu wollen ist nur schwer möglich und wurde auch Foxe Fern rasch zuviel. Und so kam es zu dem paradoxen Ergebnis, dass er, der eine Gastwirtschaft übernommen hatte, um bessere Bedingungen für das Theaterspielen zu haben, den Wirtsberuf aus eben dem gleichen Grunde aufgab. An einem Freitag, den 13. hatte er die Theaterstuff eröffnet, an einem Freitag, den 13. (1989) senkte sich der (virtuelle) Vorhang zum letzten Mal. In der Tat wollte Fernand Fox wieder mehr Zeit für das Theater haben…“

Eine Insiderin, die dort oft war, erzählte mir später, dass es dort gar nicht so viele Auftritte gegeben habe. Es sei vor allem viel gesoffen worden und Fox habe nach Mitternacht stets das Problem gehabt, wie er seine Gäste zu den gegebenen Zeiten wieder aus dem Lokal bekommt…

Nach seiner Pensionierung übernahmen neue Pächter das Lokal im markanten Eckhaus, zu dessen Fortentwicklung ich nichts sagen kann. Außer, dass dort nicht mehr gespielt wurde und man offenbar vor allem auf Gäste setzte, die vor oder nach Theaterabenden im Groussen Theater hier etwas zu trinken wünschten. Doch dann eröffnete direkt am Theaterplatz mit der Brasserie Schumann ein neues Café-Restaurant. Seitdem kommen wohl nur noch treue, alte Stammkunden in die von 10 bis 01 Uhr geöffnete Stuff – jedenfalls nach dem Theater. Das jedenfalls entnahm ich gestern der Aussage der Wirtin, die mit ihrem Mann oder Angestellten im Vorderraum saß und auf Gäste wartete.

Brasserie Theaterstuff_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Brasserie Theaterstuff_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Aber es kommen jetzt wohl auch wieder bessere Zeiten: Vor wenigen Wochen wurde direkt vor der Tür eine Haltestelle der neuen Tram eröffnet, durch die sicherlich eine neue Klientel die breite Terrasse wert schätzen wird.

Dann ist es auch höchste Zeit, die Deko auszutauschen. Bitte nur die Deko. Und bloß nicht den Fußboden rausreißen, dessen Mosaiksteine mich stark an Pixel von QR-Codes erinnern und der also ausreichend modern sein sollte. Man könnte Fotos der Abende mit Fox aufhängen. Eigentlich naheliegend, oder? Modernisiert zu werden, was in Luxemburg meist „kaputtsanieren“ heißt, hätte dieses Lokal mit seiner originellen Geschichte nicht verdient. Josée Hansen von der Wochenzeitung „Land“ steht sicherlich nicht alleine, wenn sie die Theaterstuff als Teil des hiesigen kulturellen Erbes bezeichnet.

Brasserie Theaterstuff_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

Adresse: 49, allée Scheffer (Ecke Glacis), L-2520 Luxembourg/Limpertsberg, Tel.: 26 20 35 56, Homepage (bietet nur die tägliche Speisekarte)

Verwendete Quellen: Beck, Simone: Ein Leben für die Bühne. Zum 70. Geburtstag von Fernand Fox, in: Ons Stad, Nr. 75, 2004, S. 38-39; Besch, François :  Kettenraucher mit jungfräulicher Lunge, Tageblatt, 26.01.2011; Hansen, José: Discovery Zone : Films made in Luxembourg. Notre héritage, Letzebuerger Land, 07.03.2014

Brasserie Theaterstuff_Luxemburg ⓒ Ekkehart Schmidt

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