Zum Inhalt springen

Café Pyramide_Ouagadougou

September 22, 2018

Mein erstes Café in Westafrika war eine dreistündige Geduldsprobe. Nadège, meine Gastgeberin, schickte mich mit ihrer Cousine und ihrem Bruder per Moto hierher (er fuhr mich und brachte sie dann später), weil sie die Nacht nach meiner späten Ankunft – im Gegensatz zu mir – nicht hat schlafen können. Jetzt konnte sie das. Und mir gefiel die Gegend an einer der wichtigsten Hauptstraßen durch den Vorort Tampoui: sehr fremd, aber aufregend. Nebenan eine Art LKW-Umschlagplatz, viele dreckige Pfützen, Straßenhändler*innen und ei heftiger Verkehr, bei dem allerdings Rad- und Motofahrer*innen dominierten. Er fuhr zurück, sie blieb mit mir. Nicht als Aufpasserin, aber doch, um zu gewährleisten, dass der weiße Gast nicht verloren geht (dabei wäre dieser am liebsten alleine auf Erkundigungstour gegangen).

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Ich ahnte nicht, dass ich derart lange hier würde hocken und warten müssen. OK, ich hatte mich anzupassen. Es war ja mein erster Tag in Burkina Faso. Wir hatten mittags im Restau Savane Plus gegessen. Wir setzten uns auf die Terrasse und ich bestellte Marie Ange erstmal einen Fruchtsaft und mir einen Espresso und ein Pain au chocolat. Der Espresso war nicht so cremig wie in Äthiopien, aber dennoch überraschend gut, an äthiopische Highlights erinnernd. Ich lernte von Marie Ange, warum man hier auf Getränke eine Serviette oder die Untertasse legt: Nicht etwa als Schutz vor Fliegen, sondern vor dem Staub. Später lernte ich auch, warum einem die Bierflaschen zwar immer geöffnet werden, der Kronkorken aber auf dem Flaschenhals bleibt: Zum Schutz gegen Leute, die einem vielleicht irgendetwas hineingeben könnten. KO-Tropfen auch in Ouagadougou?

Neben der Café-Konditorei gab es einen Eingang für die Großbäckerei Wend Konta. Und viele andere Details, die enem nur auffallen, wenn man an einem Ort mehrere Stunden verbringt.

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Es war 15 Uhr. Ich saß und beobachtete die Saftverkäuferin am Rand der staubigen Hauptstraße, die Bäckereikunden, den Enteneierverkäufer und die Männer, die aus einem LKW Mehlsäcke in einen kleineren Lieferwagen umluden. In aller Ruhe, weil ich wusste, dass Nadège erst zur Dämmerung kommen würde. Gut so, dadurch erlebte ich einen Mikrokosmos, durch den ich den Makrokosmos der Zweimillionenstadt Ouagadougou verstehen lernte.

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Die lange Warterei war nur etwas öde für Marie Ange, die erst 12 war. Ich gab ihr meinen Reiseführer, eine Art Medium, von dessen Existenz sie vielleicht noch nie gehört hatte. Sie hat den Ort bisher wohl kaum verlassen. Und kennt auch kaum mehr als diese Vorortwelt.

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Ich startete mehrere vorsichtige Kommunikationsversuche. Erzählte von mir und warum ich hier bin, fragte sie, was sie so macht und was sie interessiert. Als feedback bekam ich nur, dass sie gerne Schriftstellerin werden würde und irgendwie, aber nicht so recht wirklich, auch selber liest. Es gibt hier kaum Bücher. Einmal sah ich einen fliegenden Händler, der einen Stapel illegal nachgedruckter französischer Taschenbücher afrikanischer Autoren zu verkaufen versuchte. Und in der Innenstadt sah ich auch nur zwei kleine und einen großen Buchladen, letzterer mit überwiegend christlicher Literatur. Wir sind dann wegen der Hitze in den klimatisierten Innenraum.

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart SchmidtCafé Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Ich lernte, dass dieses so ungewöhnlich sauber und gepflegte Lokal seit einigen Jahren existiert und es insgesamt 3-5 Filialen gibt.

Zwischendurch bin ich drei Mal etwas herum gelaufen, ein bisschen im Gefühl wie 2011 in Gondar, dem ersten äthiopischen Ort, den ich für mich entdeckte. Erst etwas unsicher, aber als mich niemand anlaberte und ich mich zunehmend frei fühlte, die erste vorsichtige Scheu verlierend. Neben der Funktion als Durchgangs- und Ausfallstraße raus ins Land, sind diese Flächen Verkaufsmöglichkeiten für tausende von mobilen Straßenhändlern und kleinen improvisierten Läden, die Obst und Gemüse, Säfte, Benzin und Kleidung verkaufen oder Dienstleister, die Motorräder waschen. Informelle Armutsökonomie. Die eigentlichen Geschäfte im Hintergrund dienen nicht dem täglichen Alltagsbedarf und werden kaum frequentiert: Banken und Büros zur Abholung internationaler Geldüberweisungen, ab und an ein Supermarkt, ein Möbelgeschäft oder eine Schule.

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Nadège holte beim Einbruch der Dunkelheit per Moto erst Marie Ange ab und brachte sie nach Hause, dann mich. Ich lief bis dahin vor zur Metzgerei mit Fischverkauf und Café an der Ecke und wartete dort auf sie, bei Einbruch der „blauen Stunde“ fasziniert die Hauptstraße in Richtung des Café Pyramide zurück blickend.

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

Am letzten Abend meines Aufenthalts hieß es, Marie Ange habe einen Wunsch, aber es falle ihr schwer, ihn zu äußern. Alors? Sie wünscht sich einen Kontakt zum Austausch, aus Europa („Brieffreundschaft“ hätten wir das in analogen Zeiten genannt), irgendwie per Whatsapp oder FB, obwohl sie keinen Account hat. OK, ich werde sehen, was ich machen kann. Ob ihr mein Besuch und der lange Nachmittag den Horizont erweitert hat – und sie auch etwas mehr von der Welt mitbekommen möchte?

Café Pyramide_Ouagadougou ⓒ Ekkehart Schmidt

2 Kommentare
  1. … und hat das geklappt mit dem in-kontakt-treten?

  2. Nein, leider nicht: Ich habe drei passende junge Leute gefunden und gefragt, aber vielleicht gibt es in heutigen Social-Media-Zeiten im Norden unseres globalen Dorfes kein Bedürfnis mehr nach so etwas? Schade

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: