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Begräbnisanarchie in Ouagadougou?

September 2, 2018

Das Undenkbare hindert manchmal am Sehen und Erkennen. Als Bewohner eines Landes mit sehr strikt geordnetem Friedhofswesen, war mir Mitte August nicht vorstellbar, was in Ouagadougou offenbar zu einem Riesenproblem geworden ist. Sicher, in Deutschland gilt es bei Todesfällen neben der Trauer auch ein finanzielles Problem zu stemmen, kostet eine Beerdigung doch mehrere Tausend Euro. Aber niemand käme auf die Idee, einen Freund oder Verwandten einfach eigenhändig zu beerdigen – geschweige denn, auf einem Friedhof nach einer ungenutzten Ecke zu suchen, in der noch Platz für ein Loch von 2 x 1 m ist. Das klingt nicht sehr würdevoll. Jedenfalls aus deutscher Sicht.

In der über zwei Millionen Seelen zählenden Stadt Ouagadougou gibt es zur zeit 21 Friedhöfe. Von ihnen können neun noch für Begräbnisse genutzt werden, während 12 weitere diesbezüglich geschlossen sind. Offiziell jedenfalls. Über einen jener der zweitgenannten Kategorie stolperte ich bei einem Spaziergang durch den Vorort Tampoui rund um das Restaurant Savane Plus, weil mir Ziegen ins Auge fielen. Beim Näherkommen erkannte ich, dass sie in einem Gelände auf einem Grab standen, das fast vollständig vom frischen Grün der Regenzeit überwuchert waren. Einem christlichen Grab. Und daneben ein muslimisches! Darüber wachend eine Ziege in einem Baum.

Cimétière Borgo Tampoui_Ouagadougo ⓒ Ekkehart Schmidt

Cimétière Borgo Tampoui_Ouagadougo ⓒ Ekkehart Schmidt

Cimétière Borgo Tampoui_Ouagadougo ⓒ Ekkehart Schmidt

Cimétière Borgo Tampoui_Ouagadougo ⓒ Ekkehart Schmidt

Cimétière Borgo Tampoui_Ouagadougo ⓒ Ekkehart Schmidt

Fasziniert begann ich, das Gelände zu erkunden. Ich hatte von der Existenz eines Friedhofs gewusst, er war auf meiner Karte als „Bargo Tampoui“ gegenüber des Krankenhauses Paul VI eingezeichnet. Nur wusste ich – selbst am vierten Tag – mangels Straßennamen noch gar nicht, wo auf dieser Karte ich mich eigentlich befand. Gerade erst hatte ich eine sehr urtümlich wirkende Moschee entdeckt, von der ich im Nachhinein verstand, dass sie an der Südwestecke des Friedhofs steht.

Cimétière Borgo Tampoui_Ouagadougo ⓒ Ekkehart Schmidt

Cimétière Borgo Tampoui_Ouagadougo ⓒ Ekkehart Schmidt

Cimétière Borgo Tampoui_Ouagadougo ⓒ Ekkehart Schmidt

Cimétière Borgo Tampoui_Ouagadougo ⓒ Ekkehart Schmidt

Cimétière Borgo Tampoui_Ouagadougo ⓒ Ekkehart Schmidt

Ich fühlte mich leicht unwohl, weniger wegen der Präsenz des Todes, sondern eher weil ich keinerlei Vorstellung hatte, wie die Menschen in Westafrika einen Friedhof spüren, wahrnehmen, mit Bedeutung aufladen und ob es in Ordnung ist, wenn ich hier herumlaufe und fotografiere. Aber mir begegnete keine Menschenseele. Mich faszinierten die Schilder, zumal ich gerade erst angefangen hatte, handgemalte Friseurschilder zu dokumentieren. Das Schicksal des Todes trifft einen deutlich unmittelbarer, wenn Namen und Lebensdaten ungelenk aufgemalt oder in Metall eingeritzt sind, statt perfekt in Stein gemeißelt zu sein.

Aber es zeigten sich hier auch Hinweise auf die hiesigen Lebensumstände: Oft fehlten Geburts- oder Todesdatum bzw. waren sehr ungenau. Rührend auch der Wunsch, die Seele der Person möge in Frieden ruhen („paix à son âme“). Und tatsächlich: Hier lagen Muslime und Christen nebeneinander. Erstere an Halbmond und Stern erkennbar. Letztere ruhten eher unter großen Grabplatten oder einem an ein Kreuz geschweißten Herz. Sehr selten war ein Grab mit einem Zaun umgeben, wie auch der ganze Friedhof in keiner Weise  „umfriedet“ war.

Cimétière Borgo Tampoui_Ouagadougo ⓒ Ekkehart Schmidt

Cimétière Borgo Tampoui_Ouagadougo ⓒ Ekkehart Schmidt

Cimétière Borgo Tampoui_Ouagadougo ⓒ Ekkehart Schmidt

Cimétière Borgo Tampoui_Ouagadougo ⓒ Ekkehart Schmidt

Cimétière Borgo Tampoui_Ouagadougo ⓒ Ekkehart Schmidt

Cimétière Borgo Tampoui_Ouagadougo ⓒ Ekkehart Schmidt

Cimétière Borgo Tampoui_Ouagadougo ⓒ Ekkehart Schmidt

Cimétière Borgo Tampoui_Ouagadougo ⓒ Ekkehart Schmidt

Cimétière Borgo Tampoui_Ouagadougo ⓒ Ekkehart Schmidt

Obiges „Grabschild“ zeigt diese Mischung der Kulturen, religiös, aber auch sprachlich.

Cimétière Borgo Tampoui_Ouagadougo ⓒ Ekkehart Schmidt

Cimétière Borgo Tampoui_Ouagadougo ⓒ Ekkehart Schmidt

Cimétière Borgo Tampoui_Ouagadougo ⓒ Ekkehart Schmidt

Im Nordosten schimmerte die Silhouette des Krankenhauses Paul VI durch die Bäume – wegen dieser Lage hatte ich automatisch gedacht, es handele sich um einen christlichen Friedhof. So vorgeprägt ist die Sichtweise oft – und man kann froh sein, wenn einem diese mal völlig durcheinander gerüttelt wird. Erst recht geschah mir dies angesichts einiger freier Flächen inmitten des Grüns, die die Ausmaße von Gräbern hatten, aber keinen Grabstein aufwiesen.

Cimétière Borgo Tampoui_Ouagadougo ⓒ Ekkehart Schmidt

Cimétière Borgo Tampoui_Ouagadougo ⓒ Ekkehart Schmidt

Was konnte das sein? Verlassene, eingeebnete oder gar frische Gräber? Es wirkte etwas anarchisch.

Cimétière Borgo Tampoui_Ouagadougo ⓒ Ekkehart Schmidt

Cimétière Borgo Tampoui_Ouagadougo ⓒ Ekkehart Schmidt

Anlass für eine „Tiefenbohrung“, wie ich es von Jürgen Blenck gelernt habe: Online recherchieren, der Frage auf den Grund gehen und dabei im Detail etwas grundlegendes über den Gesamtkontext lernen.

Ich fand zwei Artikel, die das Problem thematisieren, dass sich in der schnell wachsenden Metropole Ouagadougou kaum noch Begräbnisplätze finden. In einem Text fand ich diesen Friedhof als einen derjenigen benannt, der „geschlossen“ (non fonctionnel) ist. Ein Text von Moné Théophile Kambire beschreibt, wie Angehörige von Toten diese oft informell – also in deutscher Sichtweise illegal – dort begraben, wo Platz ist:

„Dès qu’il y a un départ, les jeunes, encore très solidaires et compatissants, se débrouillent pour trouver un espace dans l’un de nos cimetières souvent déjà saturés. Justement, comme il faut forcément trouver un coin, ils ne regardent plus les tombes existantes. Ils creusent parfois entre plusieurs tombes. Ce qui crée plus de désordre et contribue à dégrader les anciennes tombes (les uns marchent dessus, les autres s’assoient au-dessus…).“ 

Das hat auch damit zu tun, dass man nicht das Geld hat, Tote offiziell begraben zu lassen:

„Et bien que certains cimetières soient déclarés non fonctionnels, ils le sont pour des populations qui ne veulent pas entendre parler d’une réorganisation qui, elles le savent très bien engendrerait des frais à payer. Elles préfèrent l’anarchie, le chaos, pour «jeter» (on peut le remarquer sur les lieux) tard dans la nuit, les parents fauchés par la mort. A Taab-Tenga, l’un des cimetières non encore clôturé, il n’est pas rare de voir des tombes fraichement creusées aux bords des voies, comme celle que nous avons vue le lundi 13 octobre. Selon les témoignages des voisins, c’est le samedi 11 octobre 2014 que cela s’est passé dans la nuit et Dieu seul connait la profondeur de ces tombes qui ne servent finalement qu’à se débarrasser des morts et passer à autre chose.“

Die Kommunalverwaltungen der Viertel der Stadt haben offensichtlich ein Problem, das Thema in den Griff zu kriegen. Es gibt wilde Grabungen, bei denen auch alte Grabstätten ignoriert oder gar zerstört werden. „Eine Schande“, heißt es:

„Les municipalités, chargées de délimiter les cimetières et de veiller à leur bon entretien, ont visiblement du mal à le faire adéquatement. Les cimetières de Ouaga sont une honte. Quelle tristesse! Comment nos morts peuvent-ils reposer en paix dans des lieux pareils?“

Der Friedhof sieht außerhalb der Regensaison völlig anders aus, wie mir auf einem Satellitenbild auf Google Earth klar wurde: Trocken, staubig… Zwischen den Bäumen wenige weiße Flecken (christliche Gräber), aber auch viele braune Punkte zeigend (Grabstätten?).

GoogleEarth_800

Ich habe gelernt, dass es in Burkina Faso schon immer normal und natürlich war, seine Toten zu begraben, wie man es wollte, auch auf Privatgelände. Jedenfalls im dörflichen Kontext. Das für mich „Undenkbare“ ist nur kulturell bedingt und keineswegs absolut zu stellen. In der Hauptstadt wird von Zuwanderern ohne städtische Sozialisation diese legitime Tradition fortgesetzt. Und dagegen ist auch eigentlich nichts einzuwenden, es sei denn, man erhebt die deutsche bzw. koloniale französische Friedhofssatzung zur global vorgegebenen Normalität.

Die Stadt will sich jetzt offenbar des Themas annehmen, auch weil in manchen Friedhöfen Kriminelle ihr Unwesen treiben, wie es heißt.

Verwendete Quellen: Courrier confidentiel: Grand reportage:  Avec les croques-morts, vendeurs de cercueils, gestionnaires de morgues, 10.08.2011; Tielmè Innocent: Gestion des cimetières à Ouagadougou : bientôt il n’y aura plus d’espace pour inhumer, in: sidwaya.bf, 10.11.2014; Kambire, Mone Theóphile: Ouagadougou: Les cimétières de la honte, lesechosdufaso.net, 09.09.2016

Cimétière Borgo Tampoui_Ouagadougo ⓒ Ekkehart Schmidt

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