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Ein Jahrzehnt Grenzpendelei

Juni 14, 2018

Heute vor 10 Jahren hatte ich meinen ersten Termin eines neuen Jobs in Luxemburg: Eine Sitzung des Verwaltungsrats des Vereins etika – Initiativ fir Alternativ Finanzéierung. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, es länger als ein Jahr auszuhalten, morgens in Saarbrücken den einzigen Bus um 7.15 Uhr erwischen zu müssen. Und 17.15 Uhr zurück.

Heute gibt es täglich nicht mehr nur vier, sondern 13 Expressbus-Verbindungen zwischen meinem Wohn- und dem 90 km entfernten Arbeitsort, die eine Stunde 15 Minuten brauchen, falls es keinen Stau gibt (es gibt immer Stau auf der Rückfahrt). Aber ich darf seit ein paar Jahren den Bus um 8.25 Uhr nehmen und den um 16.15 Uhr zurück.

Das bedeutet eine jahrelang durchgetaktete, immer gleiche Routine jeden Morgen. Mit manchen Zwanghaftigkeiten, die sich eingespielt haben:

7.25 Erstes Weckerklingeln

7.30 Erstes Erinnerungsklingeln

7.35 Zweites Erinnerungsklingeln: Smartphonewecker ausstellen und aufstehen

7.36 Espressokanne zubereiten und auf den Herd stellen

7.37 Auf die Toilette und unter die Dusche (seit einem Jahr ohne Shampoo)

7.40 Aus der Dusche, abtrocknen, anziehen

7.42 Uhr Espressokanne vom Herd, Herd ausstellen, Zucker in die Tasse löffeln, Espresso drüber gießen

7.43 Brot, Brotmesser, normales Messer, Brotbrett, Apfelsaftflasche, Glas, Marmelade plus noch einen Aufstrich auf den Tisch stellen, Deckel von der Butterschale abheben  und mit der Espressotasse auf den Balkon

7.45 Zigarette anzünden, Espresso nippen, entspannen

7.50 Erstes Brot schmieren und zu essen beginnen, dazu ein erster Schluck Apfelsaft, Apfelsaftflasche und zuerst benutztes Aufstrichglas (Orangenmarmelade) zurück in den Kühlschrank

7.54 Zweites Brot schmieren und zu essen beginnen, wieder am Espresso nippen, Deckel zurück auf die Butterschale

7.58 Ein Stück Obst und anderen letzten Kram in den Rucksack

8.00 Mich fertig anziehen

8.02 Tisch abräumen, Glas und Brotbrett abspülen (Krümel in den Komposteimer), einmal mit dem Lappen überall an Herd und Spüle abwischen

8.03 Zähne putzen und aufs Klo, mit einen Stück Klopapier die Haare aus der Dusche wischen

8.05 Schuhe anziehen

8.07 Frühstückstisch wischen bzw. Krümel in die Hand schieben und in den Komposteimer, Apfelsaftglas spülen

8.08 Rucksack startklar machen und runter ins Treppenhaus

8.09 Rad aus dem Flur und Saarbrücker Zeitung aus dem Briefkasten holen, in den Rucksack stecken, Zigarette anzünden, losradeln

8.19 Ankunft am Bahnhof, Rad abschließen, zum Bus laufen

8.20 Am Bus noch eine Zigarette anzünden, mich auf die Bank setzen und Zeitungslektüre beginnen

8.23 In den Bus, Ticket vorzeigen, Platz suchen, Zeitungslektüre fortsetzen

ca. 9.00 Check, ob die Wolken über dem AKW Cattenom ein Foto wert sind

9.35 Ankunft in Luxemburg, Zigarette anzünden, L’essentiel aus der Zeitungsbox holen, in die Avenue de la liberté gehen

9.40 Ankunft im Büro, „Bonjour“ und Computer hochfahren

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© Ekkehart Schmidt

Naturata 088_540

16.05 Computer runterfahren, Rucksack packen

16.08 Losgehen, Zigarette anzünden

16.15 Zigarette in den Mülleimer an der Haltestelle, Monatskarte vorzeigen, Platz vorne links, Abfahrt des Busses, Beginn der Presseschau, die ich als Arbeitszeit abrechnen kann

ca. 16.50 erneuter Check der Wolkengebilde von Cattenom für ein etwaiges Photo

17.35 (plus Stauverspätung), Ausstieg, Zigarette anzünden, zum Rad und nach Hause

17.50 Zuhause

Diese auf die Spitze getrieben wirkende Effizienz ist nötig, will ich mir ausserhalb von „Metro – Boulot – Metro – Dodo“, wie die Pariser dazu sagen,  Freizeit erhalten. Ich bin werktäglich neuneinhalb (in den ersten Jahren 12) Stunden unterwegs. Komme müde zurück, seit über 3000 Tagen. Das ist genug jetzt. Ich möchte diese Art Leben verändern.

Vielleicht auch, weil ich in der Mittagspause jetzt alle Lokale der Umgebung dokumentiert habe (von den portugiesischen Lokalen Le RelaxSede do FC Porto und der Boulangerie Beatriz bis zu Beim Änder oder der Casa Fabiana – um nur ein paar zu nennen) und selbst diese Dreiviertelstunde zunehmend öde wird.

From → Luxemburg

4 Kommentare
  1. uiii, das ist hart. und deine haare sehen so gut aus( ohne shampoo). und : guter Plan! es grüßt diekopistin

    • Shampoo hat uns die Kosmetikindustrie aufgelabert: Wenn man Shampoo nimmt, sehen die Haare übel aus, wenn man mal keins nimmt. Wenn man aber aufhört, welches zu nehmen, ändert sich das. Und ist auch viel gesünder.

  2. magali permalink

    soll ich dir wirklich jetzt zu denen 10 jahren gratulieren. jein… ich bin jedenfalls froh dass du dein metro-boulot-dodo noch immer durchziehst… merci fir dain engagement!!

    • Upps, die „Chefin“ liest mit! Danke auch an dich für 10 Jahre etika-Präsidentschaft!

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