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Vom stillen Sterben der Pariser Bistros

Juni 13, 2018

Die Pariser Bistros wollen UNESCO-Kulturerbe werden. Sie seien bedroht und müssten deshalb geschützt werden, so die Begründung einer Interessenvertretung aus Gastronomen, von der die dpa am Montag aus Paris berichtete. Die Meldung machte die Runde und regt auch mich an, meinen Senf dazu zu geben.

Eine Gruppe von Bistro-Inhabern (frz.: Bistrot) rund um Alain Fontaine sowie bekannter Schauspieler – darunter Pierre Arditi („Der Graf von Monte Christo“) und Yolande Moreau („Die fabelhafte Welt der Amélie“) teilte mit, bei der UN-Organisation um die Aufnahme dieses Lokaltyps in das Weltkulturerbe zu werben. Die seit gut 150 Jahren bestehenden „bistrots parigots“ und ihre Terrassen seien „familiäre Orte und stehen für eine echte Volkskultur“, heißt es in dem Antrag, der dem französischen Kulturministerium übergeben werden soll. Die drastisch steigenden Immobilienpreise würden der Bistrot-Kultur in der Hauptstadt immer mehr zusetzen und lokale Eigentümer vertreiben.

Vom stillen Sterben der Pariser Bistros © Ekkehart Schmidt

Die französischen Bistros sind kleine Lokale, die den ganzen Tag geöffnet haben und oft einfache, hausgemachte Küche anbieten. Sie gelten als beliebter Treffpunkt von Einheimischen und Touristen, die hier morgens ihren Kaffee genießen, mittags dazu etwas Kleines essen und abends ein Glas Wein trinken – und sich vor allem begegnen und vielleicht auch im Gespräch austauschen. Für viele eine Art zweites Wohnzimmer, Teil des Lebens. „Savoir-vivre“, Genuss und Müßiggang, aber auch ein Schuss Nostalgie sind die Gefühle, die man spontan mit diesem so typischen französischen Lokal verbindet – vielleicht in diesem Sinne mit der ebenfalls stark bedrohten deutschen „Eckkneipe“ vergleichbar. Nur dass man sich in dieser drinnen hinter Milchglas verschanzt, während man im Bistro vor allem draußen auf der Terrasse sitzt, auch wenn es dort teurer ist, als an der Theke. Aber hier spielt sich eben „das grandioseste Schauspiel ab, dass es auf Erden gibt, das Drama des alltäglichen Lebens“, wie Peter Bamm schrieb.

Manche haben eine glorreiche Vergangenheit als Treffpunkte für Künstler und Literaten (als sie noch nicht berühmt und wohlhabend waren). Jedenfalls prägen sie mit ihren runden Tischen und geflochtenen Stühlen auf dem Bürgersteig das Pariser Stadtbild an jeder zweiten Straßenecke.

Morgens trinken die Pariser hier ihren Kaffee, abends einen Wein. Hier trifft man sich, Freunde und Unbekannte, Mann und Frau, besprechen den Tag und das Leben, und es scheint unvorstellbar, dass dieser halböffentliche Begegbungsraum verschwinden könnte. Aber Alain Fontaine war deutlich, wenn auch nicht alarmistisch: „Unsere Bistros sind bedroht und müssen entsprechend geschützt werden“. Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo twitterte in einer ersten schnellen Reaktion, die Lokale seien „ein wesentlicher Bestandteil des Charmes und der Identität von Paris“. Sie wird das Vorhaben wohl unterstützen.

Aber worum geht es genau? Ich habe 1981 als Schüler im Vorort Saint Germain-en-Laye erstmals diesen Charme erlebt, habe es genossen, in der Mittagspause in einem Bistro nahe des Lycée einen Kaffee und ein Croque Monsieur essen und die Leute beobachten zu können: Arbeiter, Angestellte, Unternehmer und Schüler oder Studenten – eben nicht nach sozialen Schichten getrennt. 30 Jahre später habe ich hier dann begonnen, mittlerweile fast zwei Dutzend ähnlicher Lokale zu porträtieren, ohne mir genauer Gedanken über den Unterschied zwischen Café, Kaffeehaus, Brasserie oder Bistro zu machen – und die jüngsten Umwandlungen durch moderne Konzepte. Größere Gastronomieketten und andere Betreiber kauften Bistros auf und wandelten sie in Schnellrestaurants oder Imbisse um – diese Entwicklung nannte Alain Fontaine als einen Grund für den konstatierten Rückgang von 2400 im Jahr 1998 auf heute 1200. Während sie vor 30 Jahren 50 % der Pariser Gaststätten ausmachten, sind es heute nur noch 14 Prozent. Die umgewandelten Bistrots haben mich nie interessiert, weil ich nach verbliebenen authentischen Häusern suchte. Aber die Analyse scheint richtig zu sein.

Vom stillen Sterben der Pariser Bistros © Ekkehart Schmidt

Dennoch: Was genau ist gemeint? Nicht die berühmten Künstler-Kaffeehäuser der Belle Epoque an der Metro Vavin, La Rotonde, dem Le Select oder auch dem Francois Coppée am Boulevard Montparnasse, den ebenso legendären und mittlerweile von Touristen überrannten Lokalen im Quartier Latin oder dem Café de la Paix an der Oper, in denen heutige Besucher einen Abklatsch der Zeiten von Picasso und  Hemingway  oder Sartre und de Beauvoir erleben wollen – und dafür teuer bezahlen.

Brasserie "Aux Rigolos"_Paris © Ekkehart Schmidt

Eher schon Brasserien wie Au Chien qui fume, Aux Rigolos, L’Ermitage (Fotos unten) oder du Croissant (das allerdings schon eher zum Restaurant geworden ist). Diese haben sich ihr edles Flair bewahren können, während das Bistro La Divette de Clichy, oder Le tabac de la Sorbonne, Café aux ours nur überleben konnten, weil sie einen genialen Standort hatten, eine treue Stammkundschaft haben oder sich im Stil an eine neue angepasst haben. Und dann gibt es noch die Beispiele moderner Konzepte wie bei Les 2 au coin und Umwandlungen in Migrantenvierteln wie zum Beispiel bei der Café Bar Dishy oder dem Le Titanic.

Café Ermitage_Paris © Ekkehart Schmidt

Café Ermitage_Paris © Ekkehart Schmidt

Jedenfalls habe ich gelernt: Wenn es auch überall außerhalb der französischen Hauptstadt Lokale namens „Café de Paris“ gibt, so gibt es doch in Paris selbst keine Cafés. Jedenfalls nicht nach der mitteleuropäischen Vorstellung eines Cafés als Ort mit einem Angebot an Kaffee und Kaltgetränken sowie Frühstück und Kuchen sowie  höchstens einem Sandwich zum Essen. In Paris gibt es nur Bistrots, in denen es nie Kuchen, dafür immer – neben einem Frühstück – auch mehrere wirklich satt machende  Speisen im Angebot gibt.

Eine gewisse Tragik wohnt der Frage des UNESCO-Weltkulturerbe-Antrags inne: Auch die Bouquinisten an der Seine sind bedroht, kaum noch jemand kauft dort aus den grünen Kisten mit den hochklappbaren Deckeln antiquarische Bücher: die Touristen interessieren sich nur für Postkarten und Fotodrucken von Paris. Und auch sie sollen als Weltkulturerbe anerkannt werden. Beide zusammen werden es aber – bei allem Charme – nicht zum Weltkulturerbe schaffen.

Verwendete Quellen: Bamm, Peter: Werke: Meditationen in einem Hafencafé, Zürich 1967, S. 246; Longin, Christine: Das bedrohte Wohnzimmer der Pariser, Saarbrücker Zeitung, 13. Juni 2018;  Pariser Bistrot soll Weltkulturerbe werden, Spiegel Online 12. Juni 2018;

Vom stillen Sterben der Pariser Bistros © Ekkehart Schmidt

From → Cafés, Paris

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