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La Divette de Clichy_Paris

Juni 4, 2018

Vorletzte Woche kam ich abends von der Gare de l’Est kommend an der Station „Place de Clichy“ aus der Metro hoch, um auf dem Weg zum Hotel de Nantes noch ein bisschen zu stöbern, ob es in der Avenue de Clichy nicht interessante Funde zu entdecken gibt: Abgewrackte Ecken, Billighotels und andere Idyllen. Vor allem einen würdigen Ort für meinen ersten Espresso in Paris seit zwei Jahren. Man kommt ja meist so an, dass es sofort runter in die Metro geht und ein paar Kilometer weiter per Treppe wieder hoch: Vom internationalen Bahnhof mitten hinein in ein lokales Quartier.

La Divette de Clichy_Paris © Ekkehart Schmidt

Ich bin von der Place de Clichy die Avenue de Clichy hoch gelaufen, auf der Suche nach Spuren der legendären Zeiten der Belle Epoque und ihrer Künstler, die sich auch hier, unterhalb des Hügels von Montmartre über Gemälde von Henri de Toulouse-Lautrec und Romanen von Henry Miller verorten lassen. Der erste Fund gleich an der dritten Ecke rechterhand war dann auch der richtige: Die Bar-Brasserie „La Divette de Clichy“, deren stark abgenutzte Raucherkabinette vor der Tür mich faszinierten. Der Name dieser heutigen Tabac- und Wettkneipe stammt von den „Diven“ ab, die hier früher gesungen haben, wie mir der Kellner mit fernöstlichen Wurzeln erklärte.

La Divette de Clichy_Paris © Ekkehart Schmidt

La Divette de Clichy_Paris © Ekkehart Schmidt

Ob das stimmt, kann ich nicht beurteilen, mich interessierte eher ein räumliches Phänomen: In der Pariser Kaffeehauskultur gibt es einen Zwischenraum zwischen Innen und Außen, den man in Deutschland so nicht kennt. Hierzulande sitzt man entweder im öffentlichen Raum vor dem Café auf einer Terrasse auf der Straße oder im halbprivaten Raum drinnen. In Paris hat man einen überdachten Raum zwischen die Terrasse auf dem Bürgersteig  und dem von außen kaum einsehbaren Innenraum geschaltet: Man sitzt da zwar noch im Café, ist aber völlig auf den Bürgersteig und die Passanten ausgerichtet. Die Leute im Inneren interessieren die Besucher nicht, die sich hier hinsetzen. Sie wollen das Leben der Straße erleben. Diese bietet ihnen mehr Abwechslung als die Szenerie innen.

In den großen Kaffeehäusern am Boulevard Montparnasse oder den  Champs Elysées ist dieser Zwischenraum Teil des Innenraums. Wer draußen sitzt, ist wirklich draußen.  In der Avenue de Clichy erlebte ich letzte Woche eine mir bis dahin nicht aufgefallene Variante eines Cafés, deren überdachter Zwischenraum nur zur Straße hin offen ist, ohne dass es noch Stühle auf dem Bürgersteig gibt. Das ist etwas Besonderes.

La Divette de Clichy_Paris © Ekkehart Schmidt

La Divette de Clichy_Paris © Ekkehart Schmidt

La Divette de Clichy_Paris © Ekkehart Schmidt

La Divette de Clichy_Paris © Ekkehart Schmidt

Spielen soll man hier auch, wie Monsieur, der minutenlang, auf sein Smartphone starrend,  in  meinem Blickfeld ausharrte. Aber ehe ich mich nach außen wandte, erkundete ich erstmal die Details eines dieser beiden kleinen Voräume, dem kleineren mit einer Größe von vier Quadratmetern, der bei schlechter Witterung auch verschließbar ist.

La Divette de Clichy_Paris © Ekkehart Schmidt

La Divette de Clichy_Paris © Ekkehart Schmidt

La Divette de Clichy_Paris © Ekkehart Schmidt

La Divette de Clichy_Paris © Ekkehart Schmidt

La Divette de Clichy_Paris © Ekkehart Schmidt

Ich war zur Bestellung meines Espresso kurz in das Innere eingetreten, das von außen noch deutlich düsterer wirkte. Ob da eine Bühne war, vielleicht eine uralte, längst umfunktionierte, vergaß ich zu schauen. Wie immer muß ich als noch einmal zurück kommen, um den Ort wirklich und tief zu erfassen.

La Divette de Clichy_Paris © Ekkehart Schmidt

La Divette de Clichy_Paris © Ekkehart Schmidt

La Divette de Clichy_Paris © Ekkehart Schmidt

Dann schaute ich, wer hier so vorbei kommt. Leider hatte ich mir gesagt, jetzt doch eher schnell zu meinem Hotel und dann ins äthiopische Restaurant „Menelik“ zu wollen, sonst wäre die Ausbeute dieser leicht voyeuristischen Beobachtungen sicher interessanter geworden.

La Divette de Clichy_Paris © Ekkehart Schmidt

La Divette de Clichy_Paris © Ekkehart Schmidt

La Divette de Clichy_Paris © Ekkehart Schmidt

La Divette de Clichy_Paris © Ekkehart Schmidt

Was aber hat es nun mit den „Divettes“ auf sich? Eine Ausstellung „Divettes de la Belle Époque 1880 – 1914“ widmete sich 2016 im Vorort Chelles diesen Sängerinnen der Variété-Theater und Revuen, Music-Halls, Cabarets oder auch  Bars wie dieser, in denen sie „Café-concerts“ gaben. Sie sangen wohl vor allem Operetten, wobei sie neben ihren schönen Stimmen auch ihren Körper zur Geltung brachten, wie es in der Zeitschrift „Forum Opera“ schön auf den Punkt gebracht wurde:

„… ces reines de l’opérette dont une plastique irréprochable rendait encore plus appréciable le joli brin de voix.“

Divettes de la Belle Epoque_540

divette_540

Der Ausdruck „Belle Epoque“ könnte auch mit ihnen zu tun haben, gab es doch offenbar vorher weibliche Schönheit kaum öffentlich zu sehen, wenn man einmal von den Huren absieht. Offenbar wurde ihre Gesangskunst nicht immer ganz Ernst genommen, ist „divette“ durch die Nutzung des Suffixes „-ette“ doch eine Verkleinerungsform des Grandeur bezeichnenden Begriffs „Diva“, der der Oper vorenthalten war. So ganz nahm man diesen Teil ihrer Darbietungen wohl nicht ernst, nehme ich an. Es finden sich aber kaum Quellen zum Thema. Offenbar wurden sie aber auch obszön angegangen, als wären sie „leichte Mädchen“. Und die noch heute bestehenden Lokale „La Divette du Moulin“ in der rue du moulin sowie „La Divette de Montmartre“ in der rue Marcadet scheinen darauf  zu spekulieren, ein entsprechend motiviertes männliches Publikum anzuziehen.

Die ausstellung fand nicht zufällig in Chelles statt: Ein Operettenbesuch in Kleinstädten wie dieser rund um Paris war damals ein bourgeoises Vergnügen. Dort hatte man sich nahe der Eisenbahnstationen auf das Genre spezialisiert. Aber auch in der Umgebung der innerstädtischen Gare de l’Est gab es einige solcher Theater.

Leider habe ich keinerlei Hinweis auf die Aussage des Kellners bezüglich dieses Lokals gefunden. Aber genau gegenüber entdeckte ich ein Mosaik eines früheren, 1830 gegründeten Geschäfts für Malerartikel, das ich als Relikt der Geschichte des Quartiers und ihrer Künstler aus aller Welt interpretiere.

La Divette de Clichy_Paris © Ekkehart Schmidt

La Divette de Clichy_Paris © Ekkehart Schmidt

Adresse: 18 avenue de Clichy, 75017 Paris/ Frankreich, Tel.: +33 9 60 44 38 19

Verwendete Quellen: Rizoud, Christophe: Divettes en goguette à Chelles, forumopera.com, 16.09.2016; Quelle des Ausstellungsfotos: Phonofolies & Phonographies

La Divette de Clichy_Paris © Ekkehart Schmidt

One Comment
  1. andreashfotografie permalink

    Sehr interessanter Bericht!

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