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Le François Coppée_Paris

Mai 25, 2018

Die paar Male, die ich hier schon vorbei gelaufen bin, war mir diese Café-Brasserie äußerlich immer ein bisschen zu sehr rot. Fast aufdringlich suggerierend, es handele sich hier auch um eines der legendären Künstler-Kaffeehäuser am Boulevard Montparnasse, wie La Coupole, La Closerie des Lilas, Le Dôme, dem Falstaff, Le Sélect oder La Rotonde, in denen sich Anfang des 20. Jahrhunderts Hemingway, Fitzgerald, Picasso oder Cocteau und andere Bohemiens trafen. Vorgestern bin ich aus zwei Gründen dann doch hinein, um hier einen Großteil des Bisschen Freizeit eines 36-stündigen beruflichen Aufenthalts zu verbringen : Wegen der Geschichte seines Namens und weil mir eine überraschende rote Erscheinung etwas offenbarte.

Le François Coppée_Paris © Ekkehart Schmidt

Le François Coppée_Paris © Ekkehart Schmidt

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Das Café in Hausnummer 1 des Boulevard Montparnasse eröffnet an der Metrostation „Duroc“ diesen Reigen berühmter Lokale, der sich erst in Hausnummer 171 mit der Closerie des Lilas an der Metro Port Royal schließt. Zwei französische Dichter, also nicht Amerikaner oder Spanier, stehen in enger Beziehung zu diesem Lokal. Beide sind heute fast vergessen. Der eine, François Coppée (1842-1908) der seine Popularität einigen feinsinnigen und auch sentimentalen Gedichten über Abeiter, Bauern und das Kleinbürgertum verdankte, verkehrte sehr oft in diesem Haus, das damals noch Café des Vosges hieß. Er, der ein paar Häuserblocks weiter wohnte, traf sich hier mit seinen Freunden und hatte hier – wie viele andere auch – seinen eigenen Tisch, „um den sich die Gäste scharten, weil er ein sehr guter Erzähler war“, wie die Amerikanerin Noël Riley Fitch recherchiert hat.

Nach dem Tod von Coppée benannte der Eigentümer das Café nach seinem treuesten Stammgast um. 1934 wurde es am gleichen Standort wieder eröffnet, nachdem das vorher aus unbekannten Gründen zerstörte Gebäude neu errichtet worden war. Im Dachgeschoss des neuen Gebäudes lebte in seinen letzten Lebensjahren der zweite eng mit der Geschichte des Lokals verbundene Dichter Léon-Paul Fargue. Er war ein Liebhaber belebter Cafés, insbesondere natürlich dieses Hauses, wo er, so Riley, „von Tisch zu Tisch, von Freund zu Freund, von Unterhaltung zu Unterhaltung schlendern konnte“. Woraufhin manche Gedichte entstanden, manchmal direkt vor Ort, von zuhörenden Freunden mitgeschrieben. Eine kleine Tafel linkerhand des halb öffentlichen Raums, den der Schatten unter der großen Markise bildet, erinnert an ihn.

Le François Coppée_Paris © Ekkehart Schmidt

Da er im zweiten Weltkrieg einen Schlaganfall erlitt und es hier noch keine Fahrstühle gab, hat er sich, so Riley, zwei starke Männer gemietet, „die ihn mit Hilfe von Seilen und einem Flaschenzug auf einem Stuhl sitzend im Lastenaufzug hinauf- und hinunterhievten“. Unten ging er oft gleich ins Café, in dem er wohl öfters auch einfach mal für 1 bis 2 Stunden an einem Tisch ein Nickerchen machte. Aber – wie gesagt – reizte mich diese angelesene Geschichte bei der ersten Passage letzten Mittwoch noch nicht, hier vor meinem Termin noch schnell einen Espresso zu trinken. Ich ging weiter zum Café „Au chien qui fume„. Erst gegen 14 Uhr, als ein interessanter Vortrag noch tiefer, als es meinem Bedürfnis entsprach, debattiert werden sollte, bin ich für ein Stündchen nochmal hierher – und hatte die erwähnte rote Erscheinung:

Le François Coppée_Paris © Ekkehart Schmidt

Le François Coppée_Paris © Ekkehart Schmidt

Einen Salat oder ein in Plastik verpacktes Sushi-Gedeck in der Hand lief eine Frau in rotem Kleid an mir und dem Café vorbei, ebenfalls einen ruhigen Ort suchend. Ihr Gesicht habe ich nicht gesehen. Nur die Kniekehlen und Ellbogen. Aber das war auch nicht relevant für eine meiner diesjährigen Paris-Erkenntnisse, sondern diese Lebensfreude, ein solches Kleid zu tragen, anstelle des omnipräsenten Pariser Schwarz: Hallo, hier bin ich. Und urteilt nicht falsch über mich, nur weil ich diesen Mut habe.

Hopp, also bin ich rein, habe einen Espresso bestellt (während sie weiter ging), und meine berufliche Lektüre heraus geholt, die für den Nachmittag im Anschluss an diese „Escapade“ nötig war. Bilanztabellen lesend, während mir das rote Kleid nur schwer aus dem Kopf ging

Le François Coppée_Paris © Ekkehart Schmidt

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In diesem auf den Bürgersteig gesetzten Vorraum, der fast genauso groß war, wie das eigentliche Café im Gebäude, saßen noch so manche andere einsame oder mit Freunden gekommene Leute.

Le François Coppée_Paris © Ekkehart Schmidt

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Zwischendurch bin ich für eine Zigarette raus und erlebte den Vorbeimarsch einer Gruppe von Inderinnen, die vom Restaurant „Welcome India“ nahebei kamen. Der für den Außenbereich zuständige Kellner fragte mich nach meinen Wünschen. Ich sagte, ich sei von drinnen und wolle hier nur kurz eine rauchen. Ah, OK, er sei von draußen und habe mit drinnen nichts zu tun, kam die witzige Erwiderung.

Le François Coppée_Paris © Ekkehart Schmidt

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Le François Coppée_Paris © Ekkehart Schmidt

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Zurück bei meiner Veranstaltung in einem sehr christlichen Kontext, lernte ich Estelle kennen, die dann aber ähnlich schnell plötzlich weg war. So ist das manchmal. Aber ich fand ein wunderbares Video, in dem sie die Arbeit der Organisation beschrieb, zu deren Mitgliederversammlung ich gekommen war. Schaut euch das Filmchen an, wie charmant sie ist! Vorgestern hatte sie kein rotes Kleid an, sondern ein orange-blaues mit Füchsen. Wir sprachen über Berlin, den Rassismus hier und dort und die Kinder. Ihre sind schon etwas älter. Aber auch bei ihr ist der Partner weg.

Adresse: 1 Boulevard du Montparnasse, 75006 Paris, Frankreich, Tel.: ++33 1 47 34 72 70

Verwendete Quellen: Riley Fitch, Noël: Die literarischen Cafés von Paris, Zürich 1993; Wikipedia-Artikel „François Coppée„.

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