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Khiabane Pahlavi 1966-71

April 8, 2018

Wenn wir uns damals an der Hand der Mutter der Einmündung unserer kleinen Seitenstraße in diese Allee näherten, dann war das wie wenige Jahre später, wenn sich die Straßenbahn anschickte, auf die Deutzer Brücke zu fahren (erst recht, als sie seit Ende der 1970er-Jahre aus dem U-Bahn-Tunnel hoch ans Licht kam, um in einer fast dramatischen Rechtskurve den Rhein zu queren): Hier war die große Stadt, hier begann die weite Welt, hier wurden räumlich und historisch ganz andere Dimensionen spürbar, als in unserer kleinen Sackgasse, von der man auf die Khakzad Straße, eine der vielen parallel laufenden Zubringerstraßen ins Wohnviertel gelangte. Obwohl es zunächst einmal dunkel wurde: Die wie Soldaten in Reih und Glied in vier Linien, je zwei dies- und jenseits der Straße, stehenden Platanen (in meiner Erinnerung waren es Pappeln, die ich aus unserem Garten und den typischen persischen Bergdörfern kante) beschatteten die hier beginnende Sphäre schnell fahrender Autos.  Es gab hier keinen Himmel, erst weiter oben am Tajrish lichtete sich das etwas. Aber Schatten ist im Wüstenklima des Iran ja etwas sehr wohltuendes.

Kh Vali-e Asr Teheran Copyright Ekkehart Schmidt-Fink

Djoub in Teheran Copyright Ekkehart Schmidt-Fink

Um genau zu sein, gab es diese Situation im Stadtteil Schemiran zwei Mal: erst in einer Backsteinvilla nahe der Fereshte- und der heutigen Tahkti Street, nach einem Umzug dann in einem Bungalow etwas weiter südlich. Aber die Abfolge war immer gleich: Man verließ die private Sackgasse, gelangte auf eine halböffentliche Straße, ehe es auf die große, rein öffentliche Hauptstraße ging – klassisch für die (auch soziale) Struktur einer orientalischen Stadt.

Rechts ging es hoch zum Tajrish und also zum Basar, in dem Mutter per Taxi und Träger einkaufte, während wir beim Hühnermann, in der Höhle des Schmieds oder anderen netten Menschen warteten –  oder weiter hoch zum Tal von Darband mit seinen sich entlang des Weges ins Elbursgebirge am Wildbach aneinander reihenden Teehäusern und Kebabrestaurants. Rechts bog der Vater auch ab, um an seine Arbeit an der Uni zu fahren (um kurz drauf links abzbiegen). Irgendwo rechterhand gab es neben einem oder mehreren Chello- und Chicken-Kebabküchen auch einen Bäcker und einen chinesischen Zirkus sowie einen Laden, von dem unsere Meerschweinchen stammten, die wir zu Weihnachten bekamen.

Links ging es runter nach Teheran, wo der Vater anfangs ein- bis zweimal in der Woche per Sammeltaxi zu Behörden („um etwas durch den Zoll zu bringen“) oder zum Goethe Institut musste, um Deutschunterricht zu geben – das war immer stressig, bis wir endlich den VW durch den Zoll hatten; runter nahm auch die Mutter gelegentlich ein Sammeltaxi, um bei den armenischen Schlachtern Arzuman und Mihaeliyan nahe der Khiabane Manuchehri Schweinefleisch einzukaufen; links runter war auch der Flughafen und links runter begannen viele Touren in den Süden des Landes.  Auf der Hälfte der Strecke gab es einen noch unbebauten Hügel. Oben am Berg lebten die Reichen, weltlich ausgerichteten modernen Teheraner, unten die armen, gläubigen und traditionell lebenden Menschen. Die 18 km vom Tajrish zum Bahnhof sind bis heute ein Mikrokosmos für sich. Soweit in den großen Linien.

Es gibt ein Foto von uns oben am Basar, in dem (der uns sonst nie hierher begleitende) Vater mit uns abgebildet ist:

Diese erst kürzlich aufgetauchte Aufnahme der uns etwa 1969 besuchenden Schwester meines Vaters hat mich stark beeindruckt, weil mir (in weißem Pulli) heute scheint, dass der Mann rechts uns fast amüsiert wie Außerirdische betrachtete, während wir Leute wie ihn und seine Frau hinter ihm in spiegelverkehrt ähnlicher Weise als jemanden aus einer anderen Welt einschätzten: „rückständige Bauern“ (aber das ist ein ganz anderes Thema).

Im Kleinen ging es eingangs der Alleee links vor allem zu einem bescheidenen Lebensmittelladen, nicht viel mehr als einem Verkaufsstand in einer Nische zwischen zwei Gebäuden, dessen Händler bei uns Drei- bis Siebenjährigen Kindern mit einem Tresen mit Süßigkeiten in Hülle und Fülle natürlich Begehrlichkeiten weckte. Meine Mutter erzählte heute, dass sie da nie eingekauft habe. Uns entgangen ist der Laden freilich nicht.

Da sie sehr sparsam war, auch was das Zustecken von Lutschern oder dem Eingehen auf Kaugummigequengel angeht, haben wir zwei ältesten Brüder einmal die Gelegenheit genutzt, während ihres Mittagsschlafs Mamas Portemonnaie zu finden: Mit einem Geldschein in der Hand sind wir in den Schatten und zum Händler und erstanden eine komplette runde große Box (meine Mutter erinnert sich an Dimensionen von 40 x 50 cm, aber es war wohl eher 20 x 30 cm) voller Kaugummis oder anderer Süssigkeiten, aus der heraus er normalerweise wochenlang verkaufte, ehe sie leer war . Da wir diesbezüglich noch zu ungeschickt waren, entdeckte die Mutter wenig später unsere schlecht versteckte Beute und so hatten wir ihn – jetzt mit ihr an der Hand – wieder zurück zu geben. Der arme Mann kriegte einiges zu hören, nehme ich jedenfalls an: In meiner Erinnerung war der abrupte Verlust des gerade erst erworbenen Schatzes deutlich prägender als das Erleben einer empört Farsi radebrechenden Mama. Sie konnte sich nicht mehr erinnern.

Die Straße wurde ab 1921 von Schah Reza erbaut, wie Ramita Navai recherchiert hat, obwohl er damals noch kein König war:

„Erst nach einem Miltärputsch, mit dem Schah Ahmad, der letzte Herrscher der Kadscharen, abgesetzt wurde, nahm die Straße Formen an. Obsthaine und wunderschön gestaltete Gärten, die Aristokraten, Staatsmännern und Prinzen aus dem Haus der Kadscharen gehörten, wurden zerstört, um ihr Raum zu schaffen, wenngleich Schah Reza die besten Grundstücke für sich und seine Familie sicherte. Es dauerte noch weitere acht Jahre, bis die straße fertiggestellt war, denn sie wurde nach Norden hin verlängert, um die Paläste des Schahs miteinander zu verbinden: die winterresidenzen im wärmeren Süden der Stadt und die Sommerresidenzen, die in den kühleren Bergen im Norden lagen.

Die Straße war Teil von Schah Rezas umfassendem Reformprogramm, denn er wollte den Iran zu einem modernen Land umgestalten. Sie sollte zum glanzstück des Mittleren Ostens werden: großartig und ehrfurchtgebietend, mit der Vornehmheit und Schönheit baumgesäumter französischer Boulevards und der Majestät einer römischen Straße. Shah Reza beaufsichtigte persönlich die Pflanzung von etwa achtzehntausend Platanen. Er benannte die Straße nach sich selbst: Pahlevi“

Die Platanen waren in den Jahren 1966-71 wohl in ähnlicher Weise deutlich kleiner, sicher auch schlanker als 1992, 2012 und 2016, als ich wieder unten ihnen durchfuhr. Und die Kronen der Bäume bildeten jetzt ein echtes, undurchdringliches Dach, unter dem der Verkehr wie durch einen Tunnel fuhr. Mit diesen bergab durch eine Art schattigen Schlauch führenden Fahrten habe ich ein tief verankertes Heimatgefühl. Dass da zwischen den Bäumen Wasser bergab lief, habe ich eher von den Situationen in Erinnerung, in denen wir an der Einmündung der Khakzad Straße auf ein Taxi warteten. Bestimmt haben wir da auch gespielt. Die Funktion dieser „Djoub“ genannter Wasserläufe verstand ich aber erst später (Djoubtown Teheran).

Beidseits dieser und praktisch aller anderen bergab führenden Straßen führen Djoubs Wasser des Gebirges hinunter in die Ebene. Da das Elbursgebirge fast ganzjährig schneebedeckt ist, führen die 30 – 100 cm breiten Wasserläufe nicht nur zur Haupt-Schneeschmelze im Frühjahr, sondern praktisch immer Wasser, das als Trinkwasser und zur Bewässerung von Gärten genutzt wird. Jedenfalls hatte die Straße mit Schatten, Wasser und Süßigkeiten  etwas von einem Paradies. Jedenfalls hier oben auf 1700 Metern, im armen Süden kommt nur noch eine dunkle Kloake an.

In einem wortwörtlichen Paradies, also einem ummauerten Garten – so die persische Wortbedeutung – lebten wir damals. Und bevor ich in den Kindergarten und dann in die erste Klasse der Deutschen Schule kam, verbrachten wir den allergrößten Teil unserer ersten drei Jahre in Teheran, ganz unter uns, in einem Garten mit Schwimmbad, in dem wir manchmal auch unser Unwesen trieben, zum Beispiel mit Mutterns Stiefmütterchen. Nach draußen ging es selten. Aber dorthin zog es uns natürlich manchmal, gerade wenn wir (Mittagsschlaf) nicht unter Aufsicht waren. Dann kletterten wir auch mal über die hohe rückwärtige Mauer auf das riesige Freigelände, das sich uns dort als Abenteuerspielplatz, unter anderem  mit einer Bauernhütte aus Lehmziegeln stand. Es gab dort eine Schafherde und abends brannte Feuer. Das war wild und gefährlich.

Aber wir haben ein paar Mal Kontakt aufgenommen. Teheran hatte erst 1-2 Millionen Einwohner, aber es boomte und die vorausschauende Stadtverwaltung hatte eine Autobahn vorgesehen, die von Downtown tief unten in der Ebene zu uns am Berg nach Schemiran hoch führen sollte, wo sie sich 200 m von unserem Haus mit der Khiabane Pahlavi kreuzen würde. Dort, wo mir vor allem das Hilton Hotel in Erinnerung blieb, aus dem am Autobahnkreuz meiner Kindheit nach der Revolution 1979/80 das Hotel Esteghlal wurde. Daher diese Freifläche. Die eigentlich ein langes Band unbebauter Erde war. Aber das wussten wir nicht.

Unser zweites Haus, ein Bungalow aus den 1960er-Jahren, existiert nicht mehr, es wurde durch ein Mehrfamilienhaus ersetzt. Die Sackgassen und Seitenstraßen des Viertels wirken aber relativ unverändert und werden auch einem heute dort lebenden Kind in der Annäherung auf die Allee – die im Jahr nach dem Sturz des Sohnes ihres Erbauers nicht mehr nach dieser Dynastie, sondern nach dem vom CIA gestürzten Premierminister Mossadegh und dann einer mythischen schiitischen Figur benannt ist, dem verborgenen Imam Muhammad al-Mahdi, der auch mit dem Begriff „Prinz der Zeit“ umschrieben wird – Vali-e Asr Straße, ein ähnliches Gefühl vermitteln, wie uns vor 50 Jahren.

Der neue Name, der den alten umgangssprachlich noch nicht ganz ersetzt hat, ist nicht zufällig für diese Allee gewählt worden: Die längste städtische Straße des Vorderen Orients führte nicht nur vom reichen Norden am Fuß des kühlen Gebirges in den armen Süden am Rand der Wüste, sondern repräsentierte auch die vom Schah angestrebte Verwestlichung der Stadt und des Landes. An der mein Vater beteiligt war. Das war sein Job, den er als Germanist voller Elan und Idealismus erfüllte, auch indem er seinen Student*innen Brecht und Böll zu lesen gab.

Das Viertel, in dem ich aufgewachsen bin, nennt sich heute „Elahiyeh“ und gilt als sündhaft teuer. Hier liegt nicht nur der eigentliche Sitz der deutschen Botschaft (in der Villa unten  in der City ist nur noch die Konsularabteilung untergebracht), hier gibt es auch Showrooms für Luxuslimousinen und Geschäfte mit Schweizer Uhren oder Apple-Computern im Angebot. Und die Cafés hier zählen zu den exquisitesten der Stadt, zum Beispiel das Cinema Café nahe unseres „ersten Hauses“.

Die Abgase der Autos haben den Bäumen in den vergangenen Jahrzehnten vor allem im Zentrum stark zugesetzt. Schon sind in der Allee größere Lücken entstanden. Aber auch im Norden kommt es vor, dass sich Platanen gefährlich neigen. Die Stadtverwaltung lässt sie, wo es möglich ist, wieder aufrichten.  Sven Wegener berichtet in der FAZ sogar von einer Statue im Mellah-Park, die drei Männer zeigt, „die mit entschlossenem Gesichtsausdruck Bäume an Seilen wieder in die Senkrechte zu ziehen versuchen“. Die Teheraner würden ihre Bäume tatsächlich lieben, schreibt er: „Ist ein Baum nicht mehr zu retten, verwandeln Bildhauer die toten Stämme in Kunstwerke. Sie schnitzen Ornamente hinein, verfremden sie mit Kugeln, Msaiken, Farben, behängen sie mit buntem Lametta, montieren aus Blech gedengelte Ersatzblätter. Manchmal sind es spontane, manchmal von der Verwaltung initiierte Aktionen, die den öffentlichen Raum beleben“, hat er beobachtet.

Verwendete Quellen: Navai, Ramita: Stadt der Lügen. Liebe, Sex und Tod in Teheran, Berlin 2016, S. 15-18; Weniger, Sven: Am Abend ist alles verboten, aber niemand stört sch daran, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Mai 2018

Khiabane Pahlavi 1966-71 © Ekkehart Schmidt

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6 Kommentare
  1. Die Geschichte mit dem Suchen und Finden von Mutters Geld, um schnell am Büdchen die süßen Kindheitsbegehren zu erfüllen kenne ich gut. Nur spielte sie sich bei uns tatsächlich in Köln, am Chlodwigsplatz und nicht in Teheran ab 😅

    • Nach Teheran kam für uns auch Köln: Ich erinnere mich an einen Automaten in Weidenpesch, bei dem man diese Traubenzuckerpäckchen bekam (Prizz?), die man in eine lustige Apparatur mit Tierkopf steckte: Man drückte und sie „spuckte“ ein Zuckerli aus. Und dann war da noch das Büdchen in Refrath an der 1, in dem auch mancher Groschen in Lakritze umgewandelt wurde… (aber das waren wohl schon Taschengeldzeiten)

      • Die Apparaturen für mit Tierköpfen für Traubenzuckerpäckchen waren bei uns auch sehr beliebt 😀 und am Büdchen haben selbst meine Kinder noch mit Vorliebe ihr Taschengeld gegen gemischte Tüten (Weingummi und Lakritze) eingetauscht.

      • Ja, aber wie hiessen sie bloss? Prickelpitz/ Pizz/ Pritz? Sind ja offenbar ausgestorben…

      • PEZ Poly, die gibt es noch, auch mit aktuellen Motiven.

      • Yeah! Du bist super, ich habe das nicht mehr gefunden, war nach dem P auf I statt E fixiert!

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