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Pierre Sioufi vom Tahrir_Kairo

März 4, 2018

Heute starb Pierre Sioufi, der durch die Medien zum „Guru der Revolution“ hochstilisierte Besitzer eines Appartments am Midan Tahrir, von dessen Balkon mit Panorama-Blick Dutzende, sich als Revolutionäre verstehende junge Leute 18 Tage lang die Ereignisse unten verfolgten, um drinnen per Facebook weitere Aktivitäten zu koordinieren. „House of the revolution“ wurde die Wohnung des 56jährigen bärtigen, schwergewichtigen Hünen, einem eher schüchternen, Marlboro kettenrauchenden, aus dem Irak stammenden Christen genannt, weil er im Januar 2011 spontan seine staubig- chaotische Bohème-Wohnung voller Bücher den „kids“ öffnete, die unten gegen das Regime protestierten und Gefahr liefen, zu Opfern der Repression zu werden. „Schutzengel“ des Aufstand wäre insofern auch ein passender Name.

Pierre Sioufi_800

Zu den „kids“ gesellten sich bald Künstler, Journalisten, Intellektuelle und Menschenrechtsaktivisten, die eine Internet-Verbindung brauchten, um per Facebook weitere Aktionen zu koordinieren. In diesen Januartagen waren täglich gut 40 Personen hier, schliefen auf Matratzen und kochten Linsensuppe für die Leute unten. Pierre Sioufi, der sich selbst nur als „Salon-Revolutionär“ bezeichnete, bot ihnen – als die Mauer der Angst einmal gebrochen war – in bemerkenswerter Zivilcourage das Recht, sich zu treffen, Sichtweisen auszutauschen und politische Kampagnen zu organisieren. Nicht ohne Risiko. Aber er tat, was zu tun war.

Am wichtigsten war wohl, dass man von hier die Ereignisse unten verfolgen konnte und Pierre über einen exzellenten WiFi router verfügte, mit dem Neuigkleiten in die sozialen Medien „gepumpt“ werden konnten, wie es Mark LeVine vom Sender Aljazeera ausdrückte, deren Kameras über dem Appartment aufgebaut waren.

Pierre Sioufi am Tahrir_Kairo © Ekkehart Schmidt

„No gods, no masters“ heißt es auf seinem letzten Profilfoto auf Facebook. In einem Film von Laila Rodenbeck führte er 2017 durch sein Appartment. An einem Tisch hängt (noch) ein Zettel: „This is a work space. If you are not working: Go out on the street and revolt“.

Das Haus an der prominentesten Ecke des Platzes, eingangs der Talaat Harb- und der Tahrir-Straße  (auf dem Foto vom Januar 2018 mittig, direkt unter dem Werbeplakat), haben seine Großeltern 1961 erbaut, in seinem Geburtsjahr. Seine Eltern, katholische Chaldäer aus dem Irak, hatten ihn auf eine jesuitischen Schule nach Kairo geschickt. Seitdem wohnte er hier, arbeitete als Schauspieler und Filmregisseur und lebte aber wohl vor allem von den Mieteinnahmen dieses und einiger anderer Häuser.

Von September 1988 bis Mai 1989 war ich sein Nachbar: Von meinem Balkon aus konnte ich auf den seinigen blicken, etwa 3 Stockwerke höher, weshalb er über das kleine Gebäude zwischen unseren hinausragte. Ich habe ihn aber nie kennen gelernt. Die Nachwehen der gescheiterten Revolution habe ich – mit „Schiss in der Bux“ von einem Billighotel im Nachbargebäude – miterleben dürfen und hörte dabei von ihm. Daher möchte ich mich vor seinem Mut verneigen, im richtigen Moment, weil am richtigen Ort, das richtige zu tun.

Davon habe ich als Enkel der Nazizeit auch immer geträumt. Leider gab es weder in Refrath, noch in Marburg, Bonn, Saarbrücken oder Ottweiler und Wiebelskirchen je ein Revolution oder die Notwendigkeit, ein Schutzengel zu sein und bedrohte Menschen aufzunehmen. Nur einmal, als der aus einem Dorf bei Herat stammende junge Afghane Ali eine Bleibe brauchte.

Pierre Sioufi starb an Krebs. Die ägyptischen Medien haben seinen Tod offenbar bslang nicht erwähnt, nicht melden dürfen. „Natürlich nicht“, wie mir eine in Kairo lebende Freundin sagte. Noch nicht. Aber es gab viele Würdigungen in den sozialen Medien.

Quelle des Fotos: Pierre Sioufi

Reportagen zu Pierre Sioufi von 2011Guru of the revolutionEgypt’s man in the moonHouse of the coupsCairos Facebook flat (Video, gedreht in seiner Wohnung), Pierre’s gang und 2013:  Der Tahrir-Platz von oben. Reportage von Mark LeVine 2018:  In memory of the ‚Watcher of Tahrir‘ (aljazeera.com)

Pierre Sioufi am Tahrir_Kairo © Ekkehart Schmidt

From → Kairo

2 Kommentare
  1. Ira Osterwind permalink

    Danke für diesen so treffenden und schönen Nachruf auf eine wunderbare Person – Pierre, ein Freund auch aus meinen Kairoer Jahren. Es hat mich sehr gefreut, gerührt und auch getröstet, sogar auf Deutsch eine Würdigung dieses lieben Menschen lesen zu können.

Trackbacks & Pingbacks

  1. Midan Tahrir 2015_Kairo | akihart

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