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Café Zahrat al-Bustan_Kairo

Februar 22, 2018

Diese eher unscheinbare Teestube, gelegen in einem toten Winkel im Herzen der ägyptischen Metropole, ist ein echter literarisch-revolutionärer Kultort. Obwohl ich hier in 30 Jahren Kairo dutzende Male vorbei gelaufen bin, habe ich sie Ende Januar erst wirklich wahr- und ernst genommen, nachdem  ihr Außenbereich kürzlich mit ein paar Lichtgirlanden und durch einen Graffitikünstler aufgepeppt worden war.

So ist das manchmal. Die Stadt birgt einfach zu viele Geschichten in geschätzt 30.000 traditioneller Ahwas und Cafés. Und man nimmt nur wahr, was man weiß. Für mich war das immer nur so eine Teestubenecke wie viele in Kairo, an der mich nichts zum Verweilen einlud, weil ich auf die mondänen Hauptstraßen nahebei fixiert war. Jezt weiß ich, dass dies ein historischer Ort ägyptischer Geschichte ist.

Das erste Foto zeigt das Café von Süden, das zweite von Norden, jeweils nicht in Zeiten großen Andrangs:

Café Zahrat al-Bustan_Kairo © Ekkehart Schmidt

Café Zahrat al-Bustan_Kairo © Ekkehart Schmidt

Café Zahrat al-Bustan_Kairo © Ekkehart Schmidt

Die entscheidende Veränderung für die äußere Wahrnehmung, auch von Leuten wie mir, erfolgte durch die Aktion, an den Wänden der Passage durch den Philosophie-Studenten und Street Art-Künstler Ahmed Fathy sechs großformatige und ein kleines Porträt bekannter Persönlichkeiten aus dem kulturellen Leben anbringen zu lassen, auf die man in Ägypten stolz ist. Und dadurch die Passage endgültig informell in Besitz zu nehmen.

Café Zahrat al-Bustan_Kairo © Ekkehart Schmidt

Café Zahrat al-Bustan_Kairo © Ekkehart Schmidt

Café Zahrat al-Bustan_Kairo © Ekkehart Schmidt

„Blume des Gartens“ lautet der Name in deutscher Übersetzung. Blume der Nacht oder der Hinterhöfe würde ich als passender empfinden. Wenn hier auch drei Bäume stehen. Aber der poetische Name hat tatsächlich im Laufe der Jahrzehnte, vor allem aber in den 1960er-Jahren, einige Intellektuelle und Künstler angezogen – wohl durch seíne Lage direkt hinter dem 1908 entstandenen, durch seine Rolle als Treffpunkt von Revolutionären 1919 und 1952 sowie von Künstlern berühmten Café Riche. Es lag eben doch den kleinen Tick abseits der Hauptwege der Passanten und bot dadurch einen Ruheraum. So für den Filmregisseur Youssuf Chahine oder die Romanautoren Akkawi  Said, Sonallah Ibrahim und Khaled Ismail (der 2010 einen gleichnamigen Roman veröffentlichte). Bei letzterem heißt es:

“I sat at the Zahrat al-Bustan Cafe. I drank my tea, read the papers, and found myself alone in this crisis. My money is running out, and I don’t know where to stay for the night…I’m not sure how ready my friends are to host me. I hadn’t imagined I would be so confused. I thought that the minute I arrive in Cairo, I would find work, a home, reach glory and become a famous star. I’d find solutions to all my problems and forget the days of grinding poverty I lived back in the country.”

Akkawi Said dagegen hat hier bis zu seinem Tod 2017 gute 20 Jahre lang ab dem Frühstück bis etwa 15 Uhr gesessen und geschrieben, sich auch an literarischen Meetings beteiligt, und kam später abends zurück. Er blieb aber eher unbekannt, bis er 2007 nach vielen Kurzgeschichten den Roman „The Swan Song“ über die Nebenstraßen und Straßenkinder Kairos veröffentlichte, einem bislang kaum behandelten Sujet, und bekannt wurde.

Das Café hatte für Jahrzehnte einfach nur ein paar Stühle vor der Tür in einem mit durchaus erstaunlich viel Marmor in der Fassade protzenden einstöckigen Bau der Sharia al-Bustan al-Saidi stehen. Gegenüber führte eine 1925 zwischen zwei Häuserblocks entstandene Passage zur Sharia Talaat Harb, diente aber eher als Parkplatz, denn als Fußgängerweg. Sie mündete neben dem Café Riche auf diese wichtige Haupteinkaufsstraße der Neustadt, war von dort aus aber eher unsichtbar. In den 1970er-Jahren begannen die Inhaber des Cafés Zahrat al-Bustan und des Café Riche diesen Straßenraum in einen Caféraum zu transformieren. Heute stehen dort über 40 Tische mit Plastikstühlen.

Während das Café Riche diesen in den 1980er-Jahren durch einen Pavillon zu einem Teil des Café-Inneren machte und damit die Straße zu einer Passage, stellten die Inhaber des Zahrat el-Bustan weiterhin nur Tische und Stühle in den Raum der Passage (aber immerhin gut 40), an denen zum Tee Tawla/ Backgammon gespielt und Shisha geraucht wird. Das Lokal blieb also eher unauffällig im Schatten und wurde vielleicht gerade deshalb in den revolutionären Monaten der (letztlich gescheiterten) Revolution 2011 am 200 m entfernten Tahrir-Platz ebenfalls zu einem Treffpunkt von Revolutionären, die hier vor Demos zusammen kamen, um sich zu sammeln und vorzubereiten, was auch mir völlig entging und erst später erfuhr.

Ich bin nach dem ersten nächtlichen Besuch ein zweites Mal tagsüber gekommen. Die Klientel wenig intellektuell. Normale Leute´, die hier auch ihre Fellafel vom Felfela nahebei essen. Und ein paar abenteuerlustige Mädels. Sonst das übliche Kairener Shisha-Teehaus-Bild. Nur mit dem Unterschied, dass sich viele Leute – im Gegensatz zu meinen früheren Erfahrungen – nicht von ihrem Smartphone zu lösen imstande waren.

Café Zahrat al-Bustan_Kairo © Ekkehart Schmidt

Mir gegenüber die berühmteste Sängerin des Orients, Oum Koulthoum, rechts davon der Literatur-Nobelpreisträger Naguib Mahfouz, hinter mir der aktuelle afrikanische Fußballer des Jahres, Mohamed Salah vom FC Liverpool.

Café Zahrat al-Bustan_Kairo © Ekkehart Schmidt

Café Zahrat al-Bustan_Kairo © Ekkehart Schmidt

Café Zahrat al-Bustan_Kairo © Ekkehart Schmidt

In einem Text über das „Dreigestirn“ berühmter Kairener Ahwas, zu denen der Autor neben dem Riche und dem Fishawi auch das Zahrat el-Bustan zählt, heißt es 2014 in dem deutschen Foodmagazin Effilee:

„Der Schriftsteller Mekkawi Said hingegen meint, »die Intellektuellen, die sich im Riche treffen, haben die (aktuelle) Revolution mehr aus der Konserve erlebt – sie haben mit den Leuten auf der Straße eigentlich nichts zu tun. Sie haben die Revolution im Fernsehen gesehen.« Ein hartes, vernichtendes Urteil, aber der 56-Jährige Said, der zum Kandidatenkreis für den arabischen Booker-Preis zählt, ist ein authentischer Chronist der Kairoer Straße. Etwas mitgenommen, aber freundlich wirkt der groß gewachsene, unrasierte Mann, wie er hier im Café Zahrat al-Bustan, gleich hinter dem ­Riche, sitzt. Und er ist direkt. »Das Kairo von ­heute«, sagt er, »hat etwas von den Zeiten, über die Dickens schrieb. Die ›Kinder der Straße‹, so die Erwartung, könnten revoltieren – vielleicht wegen Hunger. Sie sind die Freunde auf meiner schriftstellerischen Reise. Ich erzähle ihre Geschichten, ihre persönlichen Schicksale, ihre Zeit in den Cafés und Bars im Herzen der Stadt. Das Bustan«, fährt er fort, »war in den Achtzigern ein einfaches kleines Café«, aber seit das Riche einer, wie er es bezeichnet, elitären Geschäftspolitik (sprich Gesichtskontrolle) folgt, trinken viele ihren Kaffee lieber hier. »Das Bustan entwickelt sich immer mehr zu einem wichtigen Treffpunkt und hat große Bedeutung für die Revolution. Junge Aktivisten, Graffitikünstler, Maler … sie alle sitzen hier. Je angesehener Schriftsteller werden, umso mehr zieht es sie in luxuriöse, klimatisierte Lokale. Was auf der Straße passiert, kriegen sie nicht mehr mit. Hier hingegen kommt man immer wieder mit neuen Leuten ins Gespräch.« Said, der in seinem Verlag Al-Dar vor allem neue Literatur veröffentlicht, wird noch deutlicher: »Die Rolle des Schriftstellers in der Revolution ist, den Menschen Mut zur Revolte zu machen. Ich habe keine Angst. Wenn mich am Ende eine Kugel erwischt, dann ist es ein schönes Ende …« Er wirkt wie ein arabischer Bukowski, grinst breit und wendet sich wieder alten Freunden zu.

Zwei Tage später ist eine weitere Demonstration durch die Stadt gezogen und das Bustan ist rappelvoll. Das eigentliche Café, ein kleiner, gekachelter Raum, hat sich draußen auf dem Gehweg zu einem großen, lang gestreckten T erweitert. Familien mit Transparenten gesellen sich zu finster dreinblickenden Politaktivisten an wackligen Tischen. In einem klassischen Ahwa müssten Frauen damit rechnen, keinen Zutritt zu erhalten, das Bustan jedoch heißt sie willkommen. »Sehen Sie die Narbe an meinem Kopf?«, fragt Hesham Farahat, der Geschäftsführer des Bustan. »Die habe ich einer amerikanischen Journalistin am Tag der Kamelschlacht [dem 2. Februar 2011] zu verdanken. Sie wurde von Schlägern angegriffen und hatte sich hierher geflüchtet. Wir konnten doch nicht zulassen, dass eine Frau geschlagen wird und verteidigten sie. Frauen fühlen sich hier sicher.« Während wir reden, brüllt eine junge Frau mit einer um ihren Kopf gebundenen politischen Parole in ihr Mobiltelefon und fängt an zu lachen. Die älteren Gäste sitzen vor der Küche und spielen Backgammon, während alle anderen sich dort einrichten, wo gerade Platz ist. »Hauptsache Luft!«, lacht Farahat. »Ägypter sitzen nicht gern zu lange in geschlossenen Räumen, lieber draußen im Freien, wo sie sich ganz ungezwungen unterhalten können.«“

Mich, der ich glaubte, diese Stadt so gut zu kennen, machte die Erfahrung dieser Neuentdeckung in gesunder Weise demütig.

Im April 2019 war ich noch einmal hier. einmal abends, dann tagsüber mit einer Gruppe von Architekten und Stadtplanern aus Hamburg: Das Café ist durch den „arabischen Frühling“ im darauf folgenden „bitteren Herbst“ zu einem touristisch interessanten Hotspot geworden.

Café Zahrat al-Bustan_Kairo © Ekkehart Schmidt

Verwendete Quellen: Cluster Mapping Initiative: Al-Bustan al-Sa’idi Passageway, ohne Datum (ca. 2017/18) ; Effilee: Die Ahwas von Kairo, 17.01.2014; Mauricech: Weird and wonderful Cairo, 29.09.2012; El-Wardani,  Mahmoud: Obituary: Egyptian novelist Mekkawi Said leaves his seat in Al-Bustan Café, Al-Ahram, 10.12.2017; Mantiqti Downtown-Zamalek: Local Graffiti for global hero, Year 5, Issue 36, Cairo, January/ February 2018, page 18.

Café Zahrat al-Bustan_Kairo © Ekkehart Schmidt

From → Cafés, Kairo, Street Art

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