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Depots de Café du Yemen & du Bresil_Heliopolis

Februar 17, 2018

Kairo ist in Bezug auf Kaffee nicht nur irgendein Ort des Konsums, sondern war in der Geschichte des globalen Handels mit diesem Genussmittel mindestens ab 1532 ein entscheidend wichtiger Umschlagplatz. Kaffee ist nach Benzin der zweitwichtigste weltweit gehandelte Rohstoff. Und ein exemplarisches Beispiel für ein Agrarprodukt, das ausschließlich im globalen Süden hergestellt, aber größtenteils (zu 70 %) im globalen Norden konsumiert wird. Der Weg von den ersten, ursprünglichen Herstellerregionen Kaffa in Äthiopien und dem Jemen nach Norden führte über die ägyptische Hauptstadt, die seit einem Jahrtausend die größte Stadt Afrikas ist.

Während einer Expedition nach Ägypten entdeckten Europäer 1517 den bis dato unbekannten Kaffee. Ein Jahrhundert später war er schon ein globales Handelsgut geworden. Anders als der Name der Region „Kaffa“ suggeriert, gilt sie jedoch nicht als Namensgeber des Getränks. Der Name kommt vielmehr aus dem Arabischen. Das arabische Wort „qahwa“ heißt so viel wie Lebenskraft, Stärke oder pflanzliches Getränk. Diese poetische Beschreibung nutzen Muslime auch für den ihnen verbotenen Wein. Die Beschreibung stand für die belebende Wirkung, die auch Kaffee so beliebt macht. Vor allem die Bevölkerung des Osmanischen Reiches begann im 16. Jahrhundert Kaffee wegen der anregenden Wirkung anstelle des vergorenen Traubensaftes zu trinken und nannte ihn den “Wein des Islam”.

Begeistert von dieser Art des neuen Lebensgefühls, trank man überall zwischen Istanbul, Tunis und Kairo plötzlich Kaffee. Zur Gebetsstunde in den Moscheen und in Kaffeeschenken diskutierten die Leute, spielten Backgammon und entspannten. Diese Lebensfreude missfiel den Geistlichen und Rechtsgelehrten und sie ließen die „Kaffeehöhlen“ wieder schließen. Dies war aufgrund vieler Anhänger des belebenden Getränks aber nicht von langer Dauer. Es heißt, dass der Sultan von Kairo ein Kaffee-Fan gewesen sei, weshalb er das Verbot wieder aufgehoben habe. Er empfahl das Getränk als „gottgefällig“, daher durfte es von allen Muslimen getrunken werden. Ehemänner wurden sogar angehalten, ihre Frauen mit Kaffee zu versorgen. So verbreitete sich das Getränk schnell in den Regionen der islamischen Kultur.

Wie aber kam es aus dem Süden in den Norden? Bevor der Suezkanal 1870 eröffnet wurde, gelangten Schiffe mit Kaffeebohnen nach Suez, wo das Produkt dann auf Kamelkarawanen nach Kairo gebracht und von dort über den Nil weiter nach Alexandria ans Mittelmeer verschifft wurde – und von dort ab dem 17. Jahrhundert auch nach Hamburg. Ein Teil der Ware verblieb vor Ort, wurde geröstet und verkauft. Diese alten Handels- und Weiterverarbeitungsstrukturen existieren natürlich längst nicht mehr. Ende Januar besuchte ich aber erneut eine Rösterei, die ich schon vor einem Jahrzehnt entdeckt, aber nicht weiter beachtet hatte. Sie liegt in Heliopolis, der um 1912 entstandenen ersten Stadterweiterung im Norden von Kairo. Etwa aus dieser Zeit, zumindest aber aus den 1930er-Jahren, stammt der Laden „Depots de Café du Yemen & du Bresil“, wie mir ein Angestellter erzählte. Auf dem Weg dort hin waren mir schon 2013 vor den Gebäuden im orientalisierenden Stil, für die Heliopolis berühmt ist, Werbeschilder einer „Coffeeshop Company“ aufgefallen – einer Firma, für die diese Historie wohl völlig irrelevant ist.

Depots de Café du Yemen & du Bresil_Heliopolis © Ekkehart Schmidt

Depots de Café du Yemen & du Bresil_Heliopolis © Ekkehart Schmidt

Die Rösterei findet sich am Rand des Viertelsmarkts „Suq el-Midan el-Gama“ einige hundert Meter nordöstlich des Zentrums von Heliopolis mit der Basilika. Bislang kannte ich nur das halbe Dutzend Kaffeeröstereien am Midan Falaky in der Kairoer Innenstadt.

Depots de Café du Yemen & du Bresil_Heliopolis © Ekkehart Schmidt

Depots de Café du Yemen & du Bresil_Heliopolis © Ekkehart Schmidt

Depots de Café du Yemen & du Bresil_Heliopolis © Ekkehart Schmidt

Die Nennung des Jemen im Namen zeigt den beschriebenen uralten Bezug, der von Brasilien aber auch, dass zur Gründungszeit der Rösterei der Kaffeehandel längst völlig globalisiert worden war. Jahrelang hatte die arabische Welt über das Monopol des Kaffeehandels verfügt und den Kaffeeanbau wie ein Geheimnis gehütet. Um den Transport der Kaffeebohnen als Samen zur Zucht zu verhindern, überbrühte man zum Beispiel die rohen Bohnen mit heißem Wasser, damit sie nicht mehr keimen konnten – womit der Kaffeeanbau in anderen Ländern unterbunden wurde. Aber schon im 17. Jahrhundert fiel das arabische Kaffeemonopol, als Inder keimfähige Kaffeebohnen in ihre Heimat brachten, um selber Kaffeepflanzen zu züchten. 1616 entwendeten auch Niederländer Pflanzen, um diese in ihren Kolonien zu züchten.

Depots de Café du Yemen & du Bresil_Heliopolis © Ekkehart Schmidt

Depots de Café du Yemen & du Bresil_Heliopolis © Ekkehart Schmidt

Die Rösterei faszinierte durch ihre Ursprünglichkeit. Besonders schön war die Überraschung, dass die Röstmaschine von der 1890 gegründeten deutschen Firma G.W. Barth aus Ludwigsburg stammte und immer noch ihre treuen Dienste zu tun scheint. Wie alt genau das silbergraue Gerät war, konnte ich nicht herausfinden. Ich hatte vor allem wegen dieser netten Zufälligkeit ein schönes Gespräch mit dem jungen Inhaber (oder jedenfalls erfahrensten Angestellten des offiziellen Inhabers Mahmoud Amer), der sich auch über mein Interesse freute. Er schätzte den Laden auf 80 Jahre. Das kommt hin: Diese Röstmaschinen der Reihe „Novo Cito“ stammt mindestens von 1940.

Der Tee trinkende ältere Mann auf den Fotos unten war dagegen einfach einer, der gerne auch einmal auf ein Foto wollte: Voilà, jetzt sogar online!

Depots de Café du Yemen & du Bresil_Heliopolis © Ekkehart Schmidt

Depots de Café du Yemen & du Bresil_Heliopolis © Ekkehart Schmidt

Depots de Café du Yemen & du Bresil_Heliopolis © Ekkehart Schmidt

Depots de Café du Yemen & du Bresil_Heliopolis © Ekkehart Schmidt

Depots de Café du Yemen & du Bresil_Heliopolis © Ekkehart Schmidt

Das Viertelpfund Espressokaffee, das ich erstand, erwies sich dann allerdings eher als Fehlkauf: Der Mahlgrad war nicht fein genug für die italienischen Espressomaschinchen, sondern eher für Filterkaffee gedacht. Hierzulande wird Kaffee eben immer noch vorrangig „türkisch“ aufgebrüht. Malesch, wie die Ägypter sagen: Macht nichts. In meiner deutschen Gastgeberin hatte ich eine – hoffentlich dankbare – Abnehmerin. Die Verpackung habe ich freilich als Souvenir behalten.

Verwendete Quellen: Petrus, in Kaffeerösterei Steininger; Martermühle: Kaffee-Geschichte Teil 1: Die Entdeckung des Kaffees; Wikipedia-Artikel „Kaffee„; Artikel „Le café, un produit mondialisé“ in Wikiversité; Willenbrock, Harald: Durchs Nadelöhr, in brandeins, 2012.

Depots de Café du Yemen & du Bresil_Heliopolis © Ekkehart Schmidt

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