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Café Kafein_Kairo

Februar 13, 2018

Dieser Winkel entwickelt sich. Als ich hier 1988 in Downtown Kairo beinahe täglich vorbei kam, war an eine Ecke mit coolen Cafés als Treffpunkt für Leute mit Freigeist und internationalen Erfahrungen noch nicht zu denken. Wir haben nur das aus der Nasserzeit stammende Café Simonds auf der anderen Straßenseite frequentiert. Rund um die Passage einen Block  südlich der Kreuzung der Sh. Sherif mit der Sh. Abdel Khaliq Tharwat gab es ansonsten keine Gastronomie. Heute lockt ein McDonalds an der Ecke. Ein paar Meter weiter innerhalb dieser informell entwickelten Passage zwischen zwei Häuserblöcken folgt dann – ebenfalls linkerhand – erst die Café Kunst Gallery,  während rechterhand Geschäfte Mode für Büroangestellte anbieten, ehe der Blick auf ein zweites Café fällt, das aus der sich verengenden Passage in die Hinterhöfe hervorragt: Das Café Kafein.

Schon der erste Blick macht klar, dass es sich hier um ein Lokal für moderne, welterfahrene junge Leute handelt. Fast sogar mit deutlich weiblicher Dominanz unter den Gästen, jedenfalls war das bei meinen zwei Besuchen Ende Januar so. Ansässige wie Reisende, keine Touristen. Ich habe einen sehr guten Espresso getrunken, der – wie immer in diesen Lokalen mit ausgebildeten Baristas – etwas länger brauchte. Und erstmals seit Jahren wieder in einem Café gezeichnet: Die griechisch anmutenden Stühle regten das unwiderstehlich an.

Café Kafein_Kairo © Ekkehart Schmidt

Café Kafein_Kairo © Ekkehart Schmidt

Der Innenraum ist recht eng, linkerhand sitzt einer der oder der Inhaber und regelt seine Dinge, während hinter der Theke zwei Angestellte die Espressomaschine, die Saftpresse und den Ofen für die Kohle der Wasserpfeifen bedienen – eine Kombination, die ich in Kairo noch nie erlebt habe. Vielleicht, eher unbemerkt, in Restaurants wie dem Grillon. Bislang schloss sich beides aus. Wasserpfeife rauchte man in einer einfachen Teestube, mit „einfachen“ Leuten. Espresso trank man in einer edleren, bürgerlicheren Umgebung inklusive Gebäck und Kuchen. Die junge Generation bringt nun beide Genüsse zusammen, ganz ähnlich wie in Mitteleuropa.

Café Kafein_Kairo © Ekkehart Schmidt

Café Kafein_Kairo © Ekkehart Schmidt

Café Kafein_Kairo © Ekkehart Schmidt

Café Kafein_Kairo © Ekkehart Schmidt

Café Kafein_Kairo © Ekkehart Schmidt

Co-Inhaber des Cafés waren – zumindest anfangs – die beiden Frauen Dina Abouelsoud und Nadia Dropkin. Erstere kenne ich als mehrfacher Gast ihres schon früher eröffneten Hostels. Auf ihrer Facebook-Seite beschreiben die (heutigen) Inhaber des etwa 2014 eröffneten Cafés ihre Philosophie:

„Welcome to kafein, a space where global coffee and tea culture blends with the spirit of Cairo: eclectic and familiar, cozy and sometimes surprising, but always charming and personal. We are proud to offer a wide selection of artisanal coffees and premium loose-leaf teas, seasonal juices, and delicious healthy food. At kafein we are dedicated to creating an atmosphere that inspires thinking, creativity, new friendships and dreams.“

Das gefällt sage und schreibe 28.000 Leuten. Ich habe das Gefühl, dass das Café in der Aufbruchstimmung des gescheiterten arabischen Frühlings entstanden ist. Das klingt widersprüchlich, aber es war genau dieses Scheitern, das gerade in Downtown Cairo einige Leute dazu brachte, jetzt mal in Sachen Erneuerung einiges selbst in die Hand zu nehmen.

Ich kenne die Geschichte und den/die heutigen Inhaber dieses Coffeeshops nicht, aber mir zeigt der hier räumlich lokalisierte Versuch des „K Project Space„, in welche Richtung man gehen wollte: Versuchen, lokalen Künstler/innen einen Ort zum Gehen neuer Wege der Interaktion ihrer Arbeiten und Projekte mit dem Alltag zu bieten. So gab es hier zum Beispiel eine Ausstellung mit Arbeiten zum Thema „The otherness of spaces“. Aber natürlich ist das von 7 Uhr bis 1 Uhr geöffnete Lokal auch ein Ort zum Sehen und Gesehen werden. Oder, wie es jemand ausdrückte, „The perfect afternoon pick-me-up“.

Café Kafein_Kairo © Ekkehart Schmidt

Café Kafein_Kairo © Ekkehart Schmidt

Für solche Themen ist das Café perfekt lokalisiert: In einem kleinen, überschaubaren Raum, in dem man „Anderen“ zwar nicht wirklich begegnet, aber versteht, dass Räume wie dieser sehr unterschiedlich wahrgenommen werden können. Jeder schaut durch seine Brille und nimmt diesen kleinen Mikrokosmos anders wahr. Das wirkt hier diesbezüglich nicht wie ein Fremdkörper.

Café Kafein_Kairo © Ekkehart Schmidt

Café Kafein_Kairo © Ekkehart Schmidt

Café Kafein_Kairo © Ekkehart Schmidt

Café Kafein_Kairo © Ekkehart Schmidt

Café Kafein_Kairo © Ekkehart Schmidt

Café Kafein_Kairo © Ekkehart Schmidt

Café Kafein_Kairo © Ekkehart Schmidt

Mich hat diesen Nachmittag niemand „aufgepickt“ und erst recht nicht mitgenommen, aber nach dem Zeichnen hatte ich ein schönes Gespräch mit einem älteren Herren, Typ Hemingway, der als Dozent oder Professor für Physical Chemistry gearbeitet hat und mit mir Deutschem vor allem sein Erlebnis einer Fachtagung in der Nähe von Heidelberg verband – wo einer meiner Brüder seinen Doktor der Physik gemacht hat.

Ich war diesmal auch nicht oben, weil da vor allem Frauen saßen und ich nicht stören wollte. Wie in Synagogen und Moscheen gibt es in orientalischen Lokalen ja oft nach Geschlechtern getrennte Räume. Viele Restaurants bieten Frauen und „Familien“ einen „geschützten Raum“ in der zweiten Etage, wo sie nicht in der üblichen Männerwelt sitzen (müssen). Wohl gemerkt: Bei Restaurants ist das ein Angebot, keine Pflicht. Und hier erst recht nicht, vielleicht hat sich das hier sogar umgedreht: Oben sitzen die starken Frauen, in ihrem exklusivem Raum. Next time muss ich also auch mal hoch.

Adresse: 28 Sharia Sherif, Kairo 11121, Ägypten, Tel.: +20 106 413 8200, kafeinegypt@gmail.com

Verwendete Quelle: Thoraia Abou Bakr: Kafein: A coffee haven in downtown Cairo, Daily News Egypt, 17.04.2014

Café Kafein_Kairo © Ekkehart Schmidt

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