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Café littéraire Le Bovary_Weimeschkierch

Januar 16, 2018

Nein, ich wüsste nicht, weshalb ich noch einmal hier einkehren sollte: Hier sieht es ja aus, wie bei mir… Nur etwas aufgeräumter. Allerdings gibt es eine gute Espressomaschine und sehr leckeres Essen. Und nette Gäste, ganz zu schweigen von der Inhaberin Lili Fouet, die im November 2015 aus einer alten Dorfspelunke etwas ganz Besonderes machte. Mit ihren Büchern vor allem. Tausenden. Und alten Sesseln, in die man sich fallen lassen kann. Einen Ort also, um die Seele baumeln zu lassen. Deshalb gab es ja auch diese fast schon hymnischen Beschreibungen des ehemaligen „Café Am Duerf“ im Luxemburger Wort, Tageblatt, Luxembourg Time und in Joels Blog.

Aber ehe wir so richtig hineinschauen in dieses von außen überaus nüchtern wirkende Haus, will ich die Beschreibung noch einmal neu anfangen: Mit einer historisch-geografischen und soziologischen Tiefenbohrung. Ich bin heute erst einmal hoch zur katholischen Kirche gehe, die direkt hinter dem Café auf einem Hügel in diesem engen Seitental der Alzette, etwas nördlich der Stadt Luxemburg, thront. Der Hügel ist ein Ausläufer des Nordhangs, der sich vom heute hypermodernen Kirchberg-Plateau kommend bis zur Talsohle erstreckt, durch das alle Viertelstunde ein Zug auf der parallel zum Fluss geführten Bahntrasse in den Norden des Landes und der nahen Eisenschmelze von Dommeldingen vorbei donnert. Es fällt dennoch nicht wirklich schwer, sich 1200 Jahre zurück zu denken, als hier in fränkischer Zeit eine erste Pfarrei entstand, es gab wohl auch einen Gutshof und ein kleines Dorf. Manche Häuser unterhalb der Kirche wirken noch heute so, als hätten sie ähnlich alte Fundamente. Und dann bin ich wieder hinunter gegangen.

Café littéraire Le Bovary_Weimeschkierch © Ekkehart Schmidt

Café littéraire Le Bovary_Weimeschkierch © Ekkehart Schmidt

Café littéraire Le Bovary_Weimeschkierch © Ekkehart Schmidt

Café littéraire Le Bovary_Weimeschkierch © Ekkehart Schmidt

Café littéraire Le Bovary_Weimeschkierch © Ekkehart Schmidt

Irgendwann wurde Weimerskirch dann zum Wohn- bzw. Aufenthaltsort der Jenischen, die hier auch Lakerten und Dëppegéisser genannt wurden. Dieser Begriff bezeichnet Angehörige der marginalisierten Schichten der Armutsgesellschaften in der frühen Neuzeit und des 19. Jahrhunderts. Merkmale dieser Gruppe, die nicht mit Sinti und Roma (so genannten „Zigeunern“) zu verwechseln sind, weil sie keine eigene ethnische Gruppe bildeten, sondern aus ökonomischen, rechtlichen und sozialen Gründen aus der Mehrheitsbevölkerung ausgeschlossen worden waren, wodurch sie zur Dauermigration gezwungen waren, waren spezifische ambulante Gewerbe wie die Kesselflicker oder die Lumpenkrämer. Einige wurden bzw. blieben aber auch sesshaft. So wird die Zahl der um 1900 in Weimerskirch lebenden jenischen Familien auf vierzig geschätzt. Bis in die 1950er-Jahre haben hier Jenische gewohnt. Diese Zeiten sind im Wesentlichen vorbei.

Aber nicht ganz: Es gibt noch über 3000 Jenische in Luxemburg, von denen ein Viertel tatsächlich fahrende Lakerten sind. Wörter aus der Lakersprache oder dem Jenischen sind teilweise in den Luxemburger Sprachgebrauch übergegangen, was dazu führte, dass man heute fälschlicherweise das Weimerskircher Jenisch als eine alte Luxemburger Mundart ansieht. Das Jenische ist den Weimerskirchern immerhin noch durch schriftliche und mündliche Überlieferung erhalten geblieben. So gibt es auch noch heute einige  geläufige Ausdrücke, die vor allem den gebürtigen Weimerskirchern bekannt sind und die sie offenbar gelegentlich auch noch benutzen. Insofern existiert hier noch eine echte „Sprachinsel“.

All das ahnte ich nicht, als ich hier heute mittag hin bin. Und ich hätte das Lokal auch nicht gefunden, hätte ich nicht vorher recherchiert. Von der Hauptstraße aus sieht man nur ein eher kleines Werbeschild der Diekirch-Brauerei. Dahinter den ähnlich unauffälligen Schriftzug „Café am Duerf“. Erst wenn man am Fuß des Treppenaufgangs zur Kirche steht, nimmt man das Lokal wahr.

Café littéraire Le Bovary_Weimeschkierch © Ekkehart Schmidt

Café littéraire Le Bovary_Weimeschkierch © Ekkehart Schmidt

Café littéraire Le Bovary_Weimeschkierch © Ekkehart Schmidt

Café littéraire Le Bovary_Weimeschkierch © Ekkehart Schmidt

Café littéraire Le Bovary_Weimeschkierch © Ekkehart Schmidt

Die Umwandlung des alten Cafés war wohl nicht einfach für die Frau, die jahrelang im Bankensektor gearbeitet hatte, bis ihr klar wurde, dass sie das nicht erfüllte. Anfangs kamen frühere Kunden des Lokals, die ihr buchstäblich „vor die Theke gekotzt“ haben. Aber dann überzeugte die Innengestaltung mit ihren angesammelten Büchern, von denen sie sich eigentlich nicht trennen mag, es sei denn jemand hat ein ganz besonderes Interesse, immer mehr Gäste aus dem Ort, aber – vor allem durch literarische Veranstaltungen – auch aus der Stadt. Namensgebend war der Roman „Madame Bovary“ des französischen Schriftstellers Gustave Flaubert, einer Frau, die ebenfalls in einem Dorf lebte, das ihren Ansprüchen nicht wirklich genügte.

Café Bovary_Weimerskirch (c) Ekkehart Schmidt

Café littéraire Le Bovary_Weimeschkierch © Ekkehart Schmidt

Café littéraire Le Bovary_Weimeschkierch © Ekkehart Schmidt

Café littéraire Le Bovary_Weimeschkierch © Ekkehart Schmidt

Ich setzte mich rechterhand an einen Wohnzimmertisch und bestellte einen Espresso, ehe ich die Karte studierte: Oh, sehr anspruchsvoll. Aber ich bekam die Antipasti zum halben Preis für 8 Euro: Sehr köstlich.

Café littéraire Le Bovary_Weimeschkierch © Ekkehart Schmidt

Café littéraire Le Bovary_Weimeschkierch © Ekkehart Schmidt

Auf dem Tisch lag ein schmaler Gedichtband des luxemburgischen Autors Jean-Paul Jacobs mit dem Titel „ephemer“, in dem ich ein faszinierendes Poem entdeckte:

in den luxemburger weinbergen

ein imaginärer dichter
könnte mit der einen oder anderen
imaginären leserin
seiner nicht geschriebenen gedichte
wundersame spaziergänge
durch die luxemburger weinberge machen

Oder hier einkehren.

Café littéraire Le Bovary_Weimeschkierch © Ekkehart Schmidt

Café Bovary (c) Ekkehart schmidt

Café littéraire Le Bovary_Weimeschkierch © Ekkehart Schmidt

Im Sommer sitzt man hier sicher sehr schön in diesem versteckten Winkel. Das Lokal ist freilich in pragmatischer Weise nur zu den Zeiten echter Nachfrage geöffnet: Dienstag – Samstag von 11-14.30 und 17-24 Uhr, Montag von 12-14.30 sowie 18-23 Uhr.

Café littéraire Le Bovary_Weimeschkierch © Ekkehart Schmidt

Nochmal zurück zu den Jenischen bzw. Lakerten: Etliche sind sich ihrer Wurzeln bewusst. Viele Nachkommen sind im Alteisenhandel, der Schaustellerei oder dem ambulanten Handel tätig. Es existiert auch noch die Lakergruppe „Lompekréimer“, die versuchen, authentische Jenische Musik zu machen und viele Lieder in der Lakersprache komponieren. Ich muss der Inhaberin einmal von ihnen erzählen: Das Café oder die Salle des Fêtes nebenan wären historisch-geografisch die perfekten Auftrittsorte. OK, ich muss also doch mindestens noch einmal hin…

Adresse: 1, rue de Laroche, L-1918 Luxembourg (Ortsteil Weimerskirch), Tél: 27295015, Homepage

Verwendete Quellen: Jacobs, Jean-Paul: ephemer, Edition Guy Binsfeld, Luxemburg 2015; Wikipedia-Artikel „Jenische„, „Lakerten“ und „Weimerskirch„, oberstes Foto: Wikimedia.org

Café littéraire Le Bovary_Weimeschkierch © Ekkehart Schmidt

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