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Anteilnahme und Solidarität mit den Opfern der Unruhen im Iran

Januar 6, 2018

Iran-Unruhen 2018_Anadolu Agency_Getty_A_800

Iran-Unruhen_A__AP-Foto_dpa_800

Zwei schon ikonische Fotos zu den Unruhen: Das erste suggeriert, dass Intellektuelle und die Mittelschicht demonstriert, das zweite zeigt Arbeiter und einfache Leute. Es ist wohl realistischer.

Ich weiß jetzt gar nicht, warum ich ausgerechnet heute keine Fotos gemacht habe. Vielleicht war ich überfordert, bei der ersten von mir verantwortlich organisierten Demo, während derer ich auch meine zwei kleinen Kinder betreuen musste. Aber wenn iranischstämmige Regimegegner demonstrieren, ist die Frage von filmischen und fotografischen Dokumentationen natürlich immer sehr heikel. Auch in Deutschland. Das Regime hat seine Späher und registriert Gegnerschaft.

Ich wurde zum Veranstalter und Leiter dieser Demo, weil eine Freundin und ein Freund iranischer Herkunft meinten, es wäre schwierig für sie oder andere, diese Rolle auszufüllen, auch weil man in der hiesigen Community schnell in Schubladen gesteckt werde (Monarchisten, Linke, Feministinnen etc.), was dann zur Konsequenz haben könnte, dass die jeweilig anderen dann nicht kämen. Diese Erfahrung hatte man bei der letzten Demo von iranischen Migrant/innen 2009 am gleichen Ort in Saarbrücken gemacht. Wir wollten aber, dass alle am Iran interessierten Menschen in Saarbrücken und Umgebung gemeinsam den Toten der aktuellen Unruhen gedenken und miteinander ins Gespräch kommen. Ein Deutscher mit Iran-Erfahrung ist dann eine gute Lösung.

Die Idee war letzten Samstag entstanden, am Dienstag beantragte ich die Demo beim Ordnungsamt, die Genehmigung kam dann am Donnerstag und ab da konnten wir versuchen, mit einer Pressemitteilung (siehe am Textende) und per Telefon und Soziale Medien Werbung zu machen. Die Saarbrücker Zeitung interessierte sich – anders als der SR – und kündigte unsere Demo in zwei Artikeln an (hier die Kurzfassung: Vorankündigung in der Saarbrücker Zeitung). Insofern waren wir froh, dass heute mittag zwischen 12 und 13 Uhr immerhin gut 65 bis 80 Leute kamen.

Ich hielt eine kurze Ansprache, an deren Ende dieses Video einsetzt:

 

Redetext mit manchen Unterlassungen:

„Wir versammeln uns hier, um den mind. 21 Menschen zu gedenken, die bei dem Aufstand im Iran, der vor 10 Tagen so richtig begann, zu gedenken. Ich sage „so richtig“, weil es schon seit dem Sommer Unruhe und Proteste gegeben hat, die man hier in Deutschland nur nicht so richtig mitbekam. Wie so vieles andere auch nicht.

Viele von uns kennen den Iran: Sie oder ihre Eltern sind dort geboren und aufgewachsen. Oder sie haben das Land bei einer Reise erlebt und lieben gelernt. Oder sie haben Filme und Fotos gesehen und sich ihr Bild gemacht. Wir stehen hier gemeinsam, obwohl wir vielleicht unterschiedliche Gedanken und Gefühle haben.

Manche, die wir eingeladen haben, wollten nicht kommen, weil sie das zu sehr aufregt oder weil sie mit den Problemen ihres Herkunftslandes nichts mehr zu tun haben wollen. Einige die hier stehen sind schon zur Schahzeit geflohen, andere später, nach der Revolution 1979 oder während des vom Irak ausgelösten Kriegs 1980-88. Einige die hier unter uns sind stehen politisch eher links, andere eher rechst und wiederum andere sind Feministinnen, Humanisten oder Menschenrechtler. Was uns eint, ist, dass wir uns Freiheit für den Iran wünschen.

Es geht uns darum, zum Ausdruck zu bringen, dass wir Anteil nehmen an den Forderungen der Demonstranten nach mehr Freiheit, einer besseren Wirtschaftspolitik und einer Reduzierung außenpolitischer Eskalationen. Und wir verurteilen die beiderseitige Gewalt.

Wir haben das hier organisiert, weil wir versuchen wollen, miteinander ins Gespräch zu kommen, uns auszutauschen. Was uns Deutsche und Iraner eint, ist die Erfahrung jeweils zweier Diktaturen. Also: In jedem Land gab es zwei Diktaturen.

Wieso steht hier ein Deutscher und spricht zu euch? Ja, ich bin in Deutschland geboren, aber ich habe 5 Jahre meiner Kindheit im Iran verbracht und meine 2 jüngsten Kinder haben eine Mutter, die vor 30 Jahren nach Deutschland geflohen ist. Ich bin in den letzten Jahren oft und lange im Iran gewesen. Zu dem, was jetzt gerade passiert, kann ich euch nicht viel sagen. Aber ich kann versuchen, euch zu schildern, wie ich das Land und die Menschen in den vergangenen Jahren erlebt habe.

Ich versuche das im Hinblick auf ein paar typische Themen, die einem in den Kopf kommen, wenn man an den Iran denkt. Bei manchen dieser Themen haben uns die Medien ein falsches Bild vermittelt.

  • Einstellung zum Regime: Die allermeisten Menschen im Iran sind Gegner der Regimes.
  • Bedeutung der Religion: Die allermeisten Menschen wollen mit der vom Regime aufgezwungenen Religion nichts mehr zu tun haben, sie interessieren sich nur noch für den islamischen Sufismus oder den Zarathustrismus. Der Islam im Iran ist tot.
  • Umgang mit den Regeln und Verboten: Man hat gelernt, zu Hause Bier zu brauen und im Garten Wein anzubauen, um Wein zu keltern. Kaum jemand beachtet die Regierungsmedien, man schaut TV-Sendungen aus Kalifornien.
  • Es ist wichtig zu verstehen, dass es eine Zweiteilung des Lebens gibt: Da ist ein öffentliches und da ist ein privates Leben, in dem man alle Freiheiten zu leben versucht.

Wir fordern die Führung in Teheran auf, die Versammlungs- und Meinungsfreiheit zu respektieren und den legitimen Protest gegen Missstände nicht zu kriminalisieren.

Ihr seid nicht mit allem einverstanden, was ich gesagt habe? Dann lasst uns uns bei leckerem Gebäck darüber sprechen! Tee zu organisieren ist leider an logistischen Gründen gescheitert. Schön, dass ihr alle da seid!“

Wir hatten einen Tisch aufgestellt, auf dem neben Kerzen auch Datteln und persisches Gebäck offeriert wurden. Tee zu organisieren, klappte aus logistischen Gründen nicht. Die Fotos darunter stammen von Teilnehmer/innen.

Anteilnahme und Solidarität mit den Opfern der aktuellen Unruhen im Iran

Demo in Saarbrücken 06.01.18

Danach gab es zwei weitere Personen, die kurz etwas gesagt haben: Dass sie keine AfD-Leute oder Mudschaheddin-Gruppen akzeptieren würden. Und dass wir auch an die vielen Tausend politischen Gefangenen im Iran denken sollten.

Nach einer Phase des Gesprächs untereinander begannen zunächst etwa 20 – 25 Personen, die mit Iran-Fahnen aus Schah-Zeiten gekommen waren (mit einem Löwen, statt eines muslimischen Symbols in der Mitte), persische Slogans zu rufen: „Tod der islamischen Republik“ und ähnliches. Wir ließen sie im Sinne der Meinungsfreiheit gewähren. Dann gelang es, sie zu unterbrechen und auch andere Parolen zu rufen: „Freiheit, Demokratie und Frieden im Iran“ oder „Deutschland und Europa: Solidarität“. In einer kurzen Intervention baten wir vor allem darum, die Slogans auf Deutsch zu rufen, auch um die Passanten und Besucher des Wochenmarktes nicht zu irritieren. Das gelang leidlich. Ferner hielt eine Gruppe junger Antifa-Leute eine Fahne mit der Forderung „No Jihad – Keine Toleranz für Islamismus“ hoch.

Mit Paul_540

Wir waren letztlich froh, dass unsere Aktion ohne Zwischenfälle verlief, wenngleich die Dominanz der Monarchisten nicht in unserem Sinne war. Den Wunsch, eine solche Veranstaltung künftig jeden Samstag abzuhalten, konnten wir verstehen, aber wir fanden, dass es an den jungen Leuten liegt, dies – nach diesem Auftakt – selbst zu organisieren.

Bis jetzt gelang es mir nicht, andere fotografische oder filmische Dokumente zu finden, als diese Fotos und zwei auf Youtube gepostete Filme, bei denen die Monarchisten im Mittelpunkt stehen, ehe dann ein eher links orientierter Iraner auf Deutsch andere Slogans rief. Hier der vollständigere von beiden.

PRESSEMITTEILUNG vom 4. Januar 2018

Anteilnahme und Solidarität mit den Opfern der aktuellen Unruhen im Iran

Am kommenden Samstag finden bundesweit Solidaritätsveranstaltungen mit den Demonstranten im Iran statt, so auch in Saarbrücken ab 12 Uhr am Marktbrunnen in St. Johann. Organisiert wird diese Veranstaltung von Bürgerinnen und Bürgern aus Saarbrücken, mit und ohne iranischer Herkunft.
Es geht den Veranstaltern darum, friedlich und im weiteren Sinne unpolitisch zum Ausdruck zu bringen, dass sie Anteil nehmen an den Forderungen der Demonstranten nach mehr Freiheit, einer besseren Wirtschaftspolitik und einer Reduzierung außenpolitischer Eskalationen. Und wir verurteilen die beiderseitige Gewalt.

In Form einer stillen Mahnwache mit kurzen Reden soll auch den bislang 21 Toten der seit Donnerstag vergangener Woche andauernden Unruhen und ihrer Repression gedacht werden. Vor allem wollen wir Möglichkeiten zum Austausch bieten.

Nach unserer Einschätzung handelt es sich bei den Demonstrationen in vielen iranischen Städten um keine aus dem Ausland „ferngesteuerte“ Bewegung, wie es seitens des geistlichen Führers des Landes, Ajatollah Ali Khamenei, behauptet wird.

Die Äußerungen Khameneis stehen im Gegensatz zu denen von Präsident Hassan Rouhani. Er hatte gesagt, es sei ein Fehler, die Proteste nur als ausländische Verschwörung einzustufen. „Auch sind die Probleme der Menschen nicht nur wirtschaftlicher Natur, sondern sie fordern auch mehr Freiheiten.“

Er kritisierte damit indirekt die Hardliner, die die Umsetzung seiner politischen und kulturellen Reformen blockieren. „Aber die Regierung hat nicht alles unter ihrer Kontrolle“, sagte Rouhani, der sich als Präsident bei vielen strategischen Belangen oft dem erzkonservativen Klerus beugen muss. Seiner Meinung nach sollten die Proteste daher nicht als Gefahr, sondern als Chance angesehen werden.

Das sehen wir ähnlich. Die Proteste haben allerdings tiefgreifende Ursachen. An Repressalien und Menschenrechtsverletzungen hatte man sich quasi gewöhnt. Schon seit dem Sommer hatten dann allerdings Frauen protestiert, später Betroffene der Zahlungsunfähigkeit von Banken und erst dann junge Leute. Ausgelöst wurden die Proteste durch Wut und Verzweiflung über ökonomisch-existentielle Probleme wie dem Verlust von Ersparnissen, unbezahlten Löhnen, der grassierenden Korruption und fehlenden Perspektiven insbesondere in Bezug auf die Arbeitslosigkeit junger Menschen. Dazu kam Enttäuschung über nicht eingetretene Hoffnungen auf eine wirtschaftliche Öffnung nach Abschluss des Atomabkommens 2015.
Nach unserer Einschätzung ist ein Großteil der Iranerinnen und Iraner heute zudem säkular eingestellt und vertritt im Stillen eher humanitäre, denn die ihnen von den Machthabern aufgezwungenen so genannt muslimischen Werte und außenpolitischen Auffassungen. Die meisten Menschen sind Opfer dieses Regimes einer Machtelite. Sie sollten ein Recht haben, frei und friedlich ihre Stimme zu erheben.

Wir fordern die Führung in Teheran auf, die Versammlungs- und Meinungsfreiheit zu respektieren und den legitimen Protest gegen Missstände nicht zu kriminalisieren.

Nachträge mit Reaktionen in Saarbrücken:

Ein Exiliraner postete einen Tag später auf der Facebook-Seite „Cinema Azadi“ (Freies Kino) einen persischsprachigen Text

Nachträge zur weiteren Entwicklung im Iran:

Schon am 5. Januar wurde im Iran Journal Präsident Ruhani als enttäuschender Hofnungsträger geschildert; dieser sagte am 8. Januar, man könne nicht mehreren künftigen Generationen einen bestimmten Lebensstil diktatorisch aufzwingen (so die New York Times und Reuters), das Parlament trat zu einer Sondersitzung zusammen. Am 9. Januar gab es nach dem Tod eines Inhaftierten Debatten über die Bedingungen in Gefängnissen (The Guardian).

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