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Stabiles Gleichgewicht. Der Iran von innen

Januar 3, 2018

Die am vergangenen Donnerstag begonnenen Proteste im Iran haben tiefgreifende Ursachen. An Repressalien und Menschenrechtsverletzungen hatte man sich quasi gewöhnt. Schon seit dem Sommer hatten dann allerdings Frauen protestiert, später Arbeiter und Betroffene der Zahlungsunfähigkeit von Banken und erst dann junge Leute. Ausgelöst wurden die Proteste durch Wut und Verzweiflung über ökonomisch-existentielle Probleme wie dem Verlust von Ersparnissen, unbezahlten Löhnen, gestiegenen Lebenshaltungskosten, der grassierenden Korruption und fehlenden Perspektiven insbesondere in Bezug auf die Arbeitslosigkeit junger Menschen. Dazu kam Enttäuschung über nicht eingetretene Hoffnungen einer wirtschaftlichen Öffnung und Stärkung der Wirtschaft nach dem Atomabkommen 2015.  Doch viele spüren davon nichts – und gehen auf die Straße, auch weil sie sehen, wie gut es der Oberschicht geht, wie die Londoner Daily Mail schreibt.

Nach meiner Einschätzung ist ein Großteil der Iranerinnen und Iraner heute zudem säkular eingestellt und vertritt im Stillen eher humanitäre, denn die ihnen von den Machthabern aufgezwungenen so genannt muslimischen Werte und außenpolitischen Auffassungen. Die meisten Menschen sind Opfer dieses Regimes einer Machtelite und wünschen sich jetzt (erneut) deren Sturz, obwohl man seit Jahren in einem labilen Gleichgewicht mit ihm zu leben gelernt hatte: Die so genannten Reformer an der Macht haben den Menschen in ihrer Privatsphäre bislang ungeahnte Freiheiten ermöglicht – unter der Bedingung ihres Machterhalts. Während die Mittelschicht negative ökonmische Entwicklungen gerade noch wegstecken konnte und deshalb bei den Demonstrationen eher abwesend ist, geht es bei ökonomisch schlechter gestellten sozialen Gruppen jetzt ums Überleben.

Mitte Dezember hatte ich einen Text fertig gestellt, dessen Blickwinkel nun von den Ereignissen überrollt worden ist. Oder aber: Er ist so in den Printmedien nicht mehr publizierbar, weil er die ökonomischen Aspekte (WZ vom 4.1. und BBC vom 4.1.) außen vorgelassen hatte, die nun zum Auslöser einer Revolte wurden, deren Ergebnis nicht absehbar ist. Ich möchte ihn hier dennoch veröffentlichen.

Der Text ist in angepasster und verkürzter Form am 29. Januar in der luxemburgischen Wochenzeitig Woxx erschienen.

Stabiles Gleichgewicht. Der Iran von innen © Ekkehart Schmidt

Stolz erklärt mir ein Unidozent für Informatik, wie er Colaflaschen durch ein winziges Loch entleert, dann mit selbstgemachtem Rotwein füllt und so viel Kohlensäure hinzufügt, bis die Flasche wieder derart prall ist, dass es bei keiner Kontrolle auf dem Weg zu einer Party auffallen würde. Den Wein angebaut hat sein Vater, ein pensionierter Bankdirektor. Ein paar Tage später hat seine Schwester einen Auftritt in einem Konzert klassischer Musik, das halb öffentlich in einem Kindergarten stattfindet. Unter ihrem lockeren Mantel trägt sie Jeans und Turnschuhe. Ist das nicht alles streng verboten? Oder sind das völlig veraltete Vorstellungen aus einprägsam schockierenden Presseberichten der 1980er- und 1990er-Jahre? Überraschungen wie diese erlebt ein westlicher Besucher des Iran in kurzen Abständen – falls er Familienanschluss hat.

Ich bin im Iran der Schahzeit aufgewachsen, habe das Land dann 1992 zwei Monate lang bereist und ab 2012 als Partner einer iranischstämmigen Frau noch vier Mal besucht. Mit zwei Kindern und einem halben Dutzend Tanten und Onkel auf der Besuchsliste. Meine Wahrnehmung unterscheidet sich durch intensive Erlebnisse stark von derjenigen des Medien-Mainstreams, der sich fast nur aus politischen Agenturmeldungen speist, die von Journalisten verfasst werden, die von Kairo, Istanbul oder London aus die Meldungen anderer verarbeiten. Reporter bereisen das Land mit wenigen Ausnahmen nur, wenn eine Revolution stattfindet oder ein Reiseartikel ansteht. Konkret: Es ist etwas anderes, wenn man mit seiner Freundin zum Mittagessen bei ihrer Großfamilie eingeladen ist und die Widersprüche zu den mitgebrachten Klischees hinterfragen kann. Da entsteht ein anderes Bild vom authentischen Innenleben des Landes, als wenn man zu Hause kluge Analysen liest.

Oder Sätze wie diesen, den ich zu Beginn des Reflektierens geschrieben habe: Aktuell wird das Land erneut – nachdem dies durch die Auflösung des Atomkonfliktes 2015 überwunden zu sein schien – durch Protagonisten der neu belebten amerikanisch-israelisch-saudischen Allianz als Hauptverursacher destabilisierender Konflikte vom Irak über Syrien und Libanon bis zum Jemen angeprangert. In einer jahrzehntelangen Kontinuität der Darstellung als „Land der Achse des Bösen“ zwischen Sudan und Nord-Korea. Gemeint ist die politische Führung des heutigen Regimes, dessen revolutionärer Gründungsgedanke war, dass man sich vom Einfluss des „Satans USA“ und seinem – als Handlanger deren Interessen empfundenen – Herrscher befreien müsse.

Erst 2015 ist durch Publikationen wie „Wer den Wind sät: Was westliche Politik im Orient anrichtet“ von Michael Lüders dargestellt worden, dass es sich bei den anti-amerikanischen Ausfällen Teherans nicht um die irrationale Jagd auf Chimären handelte, sondern dass man sich da tatsächlich zu Recht gegen eine neokolonialistische Politik wendete. Der noch heute oft skandierte Slogan „Marg bar Amrika!“ (Tod Amerika!) ist eben nicht als Angriff gegen das westliche Wertesystem gemeint, sondern gegen Auswüchse des globalisierten Kapitalismus und einen heuchlerischen Interventionismus aus Eigeninteresse. So führt eine direkte Linie vom Sykes-Picot-Abkommen über die 1953 durchgeführten „Operation Ajax“, einer durch den CIA inszenierten Ablösung des demokratisch gewählten Premierministers Mossadegh, der es gewagt hatte, die durch Briten und Amerikaner ausgebeuteten Erdölquellen zu nationalisieren, über die westliche Unterstützung des irakischen Diktators Saddam Hussein in seinem Angriffskrieg gegen den Iran 1980-88 letztlich bis zur Hölle von Aleppo.

Westliche Medien machen seit Jahren den Fehler, zur Bebilderung politischer Nachrichten nur entweder massenhaft auftretende Frauen im Tschador zu zeigen, die wütend demonstrieren. Obwohl ihnen klar sein müsste, dass sie da einer Inszenierung des Regimes aufsitzen, das behauptet, das Volk stünde hinter ihm. Diese völlig schwarzen Gestalten prägen keineswegs das normale Straßenbild. Oder eben Fotos von – durch Kleidung und Frisur – westlich wirkenden Aktivisten, die sich 2009 im gefährlichen Einsatz gegen Wahlmanipulationen und die Normen auflehnten. Sicherlich 60 bis 80 Prozent der Bevölkerung lebt jedoch ein manchmal schizophren wirkendes Leben zwischen diesen beiden Extremen. Von ihnen, die in den Darstellungen unsichtbar bleiben und sich zutiefst missverstanden fühlen, möchte ich berichten.

In den Anfangsjahren der Theokratie, als alles verboten wurde, was mit Lebensfreude zu tun hat („Leide bis Du erlöst wirst…“), hat die Zahl der Tee- und Kaffeehäuser und anderer Orte der Begegnung und des Austauschs stark abgenommen, wenngleich es im Iran im Vergleich zur Türkei und der arabischen Welt schon vorher wenig Orte des spontanen geselligen Zusammenseins gab. Ausflugsorte wie die vielen Wasserpfeifen-Lokale an Bergbächen nördlich von Teheran, bilden eine Ausnahme. Es ist nicht erst heute fast verpönt „draußen“ etwas zu trinken. Für die Mutter meiner damaligen Lebensgefährtin war es fast eine Pein, sich mit uns in eins der neuen, modernen Cafés zu setzen. Ich verstand, wie sehr man auf die Familie fixiert ist und gar kein Interesse an Kontakten zu Fremden hat. Die Revolution 1979 hat diesen Rückzug ins Privatleben nur verstärkt.

Cafés, Musik und Tanz: Der Alltag hinter der Politik

Der Iran von innen © Ekkehart Schmidt

Stabiles Gleichgewicht. Der Iran von innen © Ekkehart Schmidt

Stabiles Gleichgewicht. Der Iran von innen © Ekkehart Schmidt

Seit etwa einem Jahrzehnt gibt es eine Reihe interessanter Neugründungen von Cafés, die aber eher Refugien der oberen Mittelschicht sind. Seitdem sind die Millionenstädte des Landes in Sachen Cafés keine Wüste der Restriktionen mehr. Es entstehen immer mehr nette Orte des ungezwungenen und halbwegs freien Austauschs bei einem Tee oder Espresso, zwischen Freunden, Mann und Frau, oder auch unter Fremden im Alter zwischen 20 und 40. Cafés nach europäischem Vorbild, in denen die junge Generation, Intellektuelle und Künstler verkehren. Aber man muss wissen, wo man sie sucht.

Das Café Tamandouni neben dem Theaterplatz in Teheran fand ich per Zufall. Der Schriftzug „Café“ war nur erkennbar, wenn man die Hauptstraße verließ und direkt davor stand. Zwei Frauen gingen gerade, riefen mir trotzdem fröhlich freundlich und fast zu einladend „Hello!“ zu. Drinnen traf ich auf drei Theker, bekam meinen Espresso mit Schokostückchen und merkte, dass ich der einzige Gast war. Schnell wollten wir alles – oder jedenfalls alles Wesentliche – voneinander wissen. „Tamandouni“ heißt „Zivilisation“, bekam ich erklärt. Das klingt frech in Zeiten der islamischen Republik, zudem hier verpönte westliche Musik lief.

„Man“ (also „sie“) hätten den Laden deshalb schon öfters zu gemacht, erzählt einer der Theker, der durch riesige Koteletten auffiel. Aber dann habe man einfach ein paar Wochen gewartet und wieder aufgemacht. Er kennt die erstaunlichsten Bands. Als Deutscher werde ich nach „Eloy“ gefragt, offenbar Krautrock der frühen 1970er-Jahre. Er spielt mir etwas vom Laptop vor. Ich empfehle meine Lieblingsband dieser Stilrichtung: „Can“ aus Köln. 1979, als alle Kunstorganisationen aufgelöstwurden, auch Orchester und Musikschulen, war er noch nicht geboren. Viele Musiker emigrierten, ihre Musik kann man sich heute überall downloaden. Pop- und leichte Rockmusik ist seit einer gewissen Liberalisierung in den 1990er-Jahren wieder erlaubt. Hard Rock und Heavy Metal bleiben aber tabu. Die Texte dürfen auch keine anstößigen Inhalte haben. Konzerte werden unter bestimmten Bedingungen zugelassen, wenn auch oft kurzfristig abgesagt. So ist eine beachtlich große Untergrund-Rockszene entstanden. Mehr als 500 verbotene Bands soll es allein Teheran geben.

Anderswo erzählte mir ein junger Musikinstrumentenhändler seine Alternativen: Fatalistisches Erdulden oder Gehen? Fast alle gebildeten jungen Leute sagen, dass sie am liebsten in den Westen auswandern würden. Zumindest haben sie einmal darüber nachgedacht. Seine Brüder sind nach China und Rumänien gegangen. Er wollte das auch, aber sein Englisch war nicht gut genug. Vor allem aber wollte seine Frau die Familie nicht verlassen. So blieb er notgedrungen und führte den seit 20 Jahren bestehenden Laden weiter: Man hat hart zu arbeiten, bekommt aber vergleichsweise wenig dafür. Das Geschäft läuft nicht so gut: Er darf nur Tombak, Sitar oder Violinen verkaufen. Für die gibt es zwar eine Nachfrage, aber kein Vergleich zu der nach E-Gitarren oder Synthesizern, die er nicht bedienen darf. Ihm zufolge gibt es etwa seit 10-15 Jahren eine schrittweise Liberalisierung: erst durfte man wieder zuhause musizieren, dann auch öffentlich, aber erst nur Männer. Seit etwa fünf Jahren sind auch öffentlich musizierende Frauen erlaubt. Texte singen dürfen aber weiterhin nur Männer, Frauen dürfen zur Begleitung höchstens summen. Ähnliches gilt für das Tanzverbot: Öffentlich dürfen nur Männer tanzen, etwa auf Hochzeiten, aber man kann Tango- oder auch Zumba-Fitness-Kurse in Privatwohnungen besuchen. Oder einfach – wie schon immer – Freund/innen zum „doreh“ einladen.

Die Hardliner unter den religiösen Führern befürchten eine „samtene Unterwanderung durch Kultur“, wie ein iranischer Autor schrieb. Musik sehen sie als ein Mittel des Westens, einen Regimewechsel herbeizuführen. Der derzeitige Präsident Hassan Ruhani, Vertreter einer moderaten Haltung, verkündete Anfang des Jahres dagegen an ihre Adresse: „Mischt euch nicht in das Leben der Leute ein, man kann sie nicht mit Gewalt und Peitschenhieben zum Paradies führen“. Der Grad der Strenge der Zensur von Musik, Literatur und Kino ist ein Indikator für den aktuellen Stand des jahrzehntealten Machkampfes zwischen Konservativen und Reformern. Erstere dreschen oft nur hohle Phrasen und letztere wollen mit vielen Zugeständnissen aber auch nur die Jugend besänftigen, die seit der gescheiterten Grünen Revolution von 2009 wütend ist.

Konsumverhalten im privaten Raum

Stabiles Gleichgewicht. Der Iran von innen © Ekkehart Schmidt

Stabiles Gleichgewicht. Der Iran von innen © Ekkehart Schmidt

Bei meinen Versuchen, das vor Ort erlebte zu verstehen, war ich zwischen den Reisen sehr dankbar für drei Publikationen, die sich dem Land endlich einmal fundiert von innen heraus nähern. „Es ist falsch zu glauben, dass Säkulare oder Areligiöse automatisch gegen und Gläubige automatisch für das Regime sind. Es ist viel normaler, als man von außen denkt, dass die Leute nicht religiös sind. Aber sie leben konform zu den Vorgaben des Regimes“, sagt die österreichische Anthropologin Ariane Sadjed, die in ihrer Publikation „Shopping for Freedom“ das Konsumverhalten der Ober- und Mittelschicht untersucht hat. „Ich wollte zeigen, dass es tatsächlich so etwas wie eine ausgeprägte Konsumkultur im Iran gibt und die Menschen einen Alltag haben, der nicht nur von Religiösität und Schreckensherrschaft geprägt ist“, sagte sie mir kürzlich in einem Telefoninterview. Festgemacht am Konsumverhalten seien von westlichen Medien ein neues Stereotypen aufgebaut worden: „ Eine Widerständigkeit mit heimlichen Partys oder dem Kauf bestimmter Waren werde automatisch als säkularer, hedonistischer und westlicher Lebensstil interpretiert“. Das sei viel zu simpel gedacht.

„Das Spezielle im Iran ist, dass das äußere Auftreten und das Prestige unheimlich wichtig sind“, erklärt sie weiter. Man kaufe bestimmte Artikel wegen des Prestiges, das man dadurch erlangt. Die anderen sollen sehen, dass man sich das leisten kann. Teure deutsche Wagen, riesige Flachbildschirme, Davidoff- oder Dunhill-Zigaretten und Pflaster von Nasen-OPs sind Statussymbole, die mir auffielen. Der Iran sei nach wie vor eine sehr hierarchische Gesellschaft, erklärt sie. Zugleich seine religiösen Pflichten zu erfüllen, sei kein Widerspruch: „Das liegt zum Teil daran, dass im Iran der 1960er-Jahre die Konsumkultur nach westlichem Vorbild quasi von oben verordnet wurde.“

Während die Ausweitung der Konsummöglichkeiten in den westlichen Ländern die sozialen Grenzen verwischt haben, sei diese im Iran nicht der breiten Masse zugute gekommen, sondern habe die Kluft zwischen den sozialen Schichten vergrößert. Diese Elitenbildung sollte durch die Islamische Revolution aufgehoben werden, was aber nicht gelungen sei. Heute gebe es neue Eliten, die vermögend seien, politischen Einfluss hätten und die Ideale der Islamischen Republik zumindest nach außen hin repräsentierten. Sie kaufen nicht in modernen Shopping-Zentren ein, bevorzugen nationale Güter und verbringen ihre Zeit an Orten, wo nicht konsumiert werden muss – besonders gerne beim Picknick. Im Gegensatz dazu gibt es ein etwas weniger wohlhabendes Segment der Mittelschicht, das ziemlich hedonistisch orientiert sei. Konsum, Vergnügen und materielle Werte nehmen also einen großen Raum ein ohne das man in Gegnerschaft zum Regime steht, wie es von vielen westlichen Medien missverstanden wird.

Neben dem Atomkonflikt berichten westliche Medien in sehr einseitiger Fixierung vor allem über Menschenrechtsverletzungen. Es geht fast nur um die Unterdrückung von Frauen und der religiösen Gruppe der Bahai oder Einschränkungen der Freiheits-, Gleichheits-, Teilhabe-, Meinungs-, Versammlungs- und Persönlichkeitsgrundrechte nach westlichem Maßstab. Wie es sich für Frau und Mann tatsächlich damit lebt, wird kaum angesprochen. Es ist aber im Iran sehr wichtig, das Kulturelle vom Politischen zu unterscheiden. Und die reale Praxis hinter der formalen Norm.

Bei gelebter Homosexualität oder Drogenhandel droht sehr real der Strang. Ebenfalls verboten, heute aber fast schon toleriert, sind Alkohol, Glücksspiel, Popmusik und öffentlicher Tanz. Im öffentlichen Raum herrscht die Geschlechtertrennung mit einem Berührungsverbot von Mann und Frau sowie die islamische Kleiderordnung, welche auch für Angehörige anderer Religionen und Touristinnen gilt. Nicht mehr wirklich geahndet wird es, wenn unverheiratete Männer und Frauen sich miteinander zeigen. Auf Ehebruch steht formal die Steinigung und auf Geschlechtsverkehr zwischen Unverheirateten Peitschenhiebe und auch die Zwangsheirat. Wenn einer der beiden nicht Muslim ist, droht sogar der Tod für beide Beteiligten. Uns hat man als unverheiratetes Paar mit zwei Kindern allerdings selbst in Hotels nie behelligt. Während Verstöße gegen all diese Regeln bis vor einem Jahrzehnt tatsächlich schlimme Folgen haben konnten, interessiert das die Staatsgewalt nur noch, wenn ein Exempel statuiert werden soll.

Subversive Lebenskunst

Stabiles Gleichgewicht. Der Iran von innen © Ekkehart Schmidt

Im privaten Raum wird heute das Gegenteil eines solch restriktiven Lebens gelebt. Weite Teile der Ober- und Mittelschicht des Landes vergöttern den „american way of life“ und hassen ihr eigenes Regime abgrundtief. In subversiver Lebenskunst werden Partys gefeiert oder man bucht Busreisen, die gar nicht die plakatierten touristischen Bedürfnisse, sondern solche der Begegnung zwischen den Geschlechtern bedienen. Frauen kleiden sich zuhause fast wie Luxemburgerinnen. Überall in den Seitenstraßen gibt es Beauty-Salons. Und auch die Schönheitschirurgie boomt im Land der großen Nasen. Sexualität ist intern keineswegs so tabuisiert, wie es kulturell sein sollte. Zugleich studieren an den Universitäten mehr Frauen als Männer. Sie dominieren Branchen wie die der Rechtsanwälte, stellen 50 bis 65 % der Studierenden und in den meisten Familien haben sie „die Hosen an“. Natürlich wird die eingeschränkte Reisefreiheit als erniedrigend empfunden, aber viele machen gerne einmal einen Trip für eine Woche nach Armenien oder in die Türkei und genießen die dortigen Freiheiten.

Selbst in Provinzstädten sieht man Schaufensterauslagen mit T-Shirts für Mädchen und Frauen, die nicht dem persischen Dresscode entsprechen. Jedenfalls nicht dem für den Aufenthalt in der Öffentlichkeit. Zuhause zieht sich jeder an, wie er will – durchaus ganz ähnlich wie im „Westen“. Aber es gibt Ausnahmen. Nicht nur aufgedonnert geschminkte Frauen im reichen Norden von Teheran. Eine junge Frau in Kerman trug 2016 auf ihrem Rücken ein mutiges, berührendes Statement, während sie vorne „korrekt“ gekleidet war: „Add me to your heart“. Dieses Kleid war durchaus für draußen gedacht. Sittenwächter, die es in diesen Jahren kaum noch gibt, jedenfalls nicht mehr Angst machend, würden durch so etwas Unvorhergesehenes jedoch sicherlich „entwaffnet“, hätten keine Gegenargumente. Falls sie denn Englisch verstehen würden. Ich war fasziniert, lief ihr einige Meter hinterher, aber überholte sie dann doch nicht, um sie anzuschauen. Trotz Neugierde.

Ich vermutete einen gewissen Anteil Ernst hinter der Aufforderung. Auch die Tochter des Weinbauers, eine Uni-Absolventin von Ende 20 geht kaum aus und wenn, dann so gut wie nie alleine und nie abends. Sie ist sehr kreativ tätig und musiziert viel, hat auch Auftritte, findet aber wie ein Viertel aller jungen Leute keine Arbeit und auch die Partnersuche ist sehr schwierig. Es gibt keinen zentral organisierten Arbeitsmarkt, keine Agentur. So bleiben ihr einerseits nur Kontakte und Initiativbewerbungen, andererseits die Hoffnung auf eine glückliche Zufallsbegegnung, die sie allerdings nicht forcieren kann – etwa durch Besuche von Cafés. Bei diesen zwei so wichtigen Themen ist seit den fünf Jahren, die ich sie jetzt kenne, erfolglos geblieben.

Von der Bedeutungslosigkeit der Religion

Stabiles Gleichgewicht. Der Iran von innen © Ekkehart Schmidt

Die vom Regime aufoktroyierte Religion mit seinen heuchlerisch auf puren Machterhalt einer Herrscherclique orientierten Interpretationen hat im Alltag keinerlei Bedeutung, wird höchstens im Gespräch sarkastisch erwähnt. So gut wie niemand geht in die Moschee. Das obige Foto entstand während der Nowruz-Feiertage in Isfahan: Während der berühmte Hauptplatz voller Menschen war, verirrte man sich höchstens aus touristischem Interesse in eine der beiden Moscheen am Platz.

Diese Islam-Ablehnung hat eine uralte Tradition: Es seien damals vor einem Jahrtausend die barbarischen Araber gekommen und hätten mit dem Islam die persische Hochkultur zerstört. Deren Religion, der Zarathustrismus, erlebt daher seit vielen Jahren eine Renaissance. Im Privaten. Kurz: Der Iran ist eine Gesellschaft, in der nichts so ist wie es scheint und die vor allem überhaupt nicht so strukturiert ist, wie es von außen scheint. Verstanden habe ich dies bei meinen Aufenthalten in Teheran und einer Millionenstadt im Süden des Landes, bei denen ich mich mit einigen Männern und Frauen der Mittelschicht längere Zeit unterhalten habe.

Da war der eingangs genannte Informatikdozent, der mehrmals unmissverständlich zu den Protagonisten des Regimes sagte „Ich hasse sie!“. Er war stolz auf seine Alkoholproduktion: Das überall erhältliche alkoholfreie Bier bringt er zum Gären und mein Urteil war ihm wichtig. Sein Vater pflanzt in einem ummauerten Garten Weintrauben an und hat sich zu einem passionierten Winzer entwickelt. Der Sohn wirkt schon etwas fixiert auf seine Tricks, verschiedenste Arten von Alkohol getarnt zu Partys zu transportieren, ist aber weit vom häufigen Konsum harter Drogen entfernt. Dennoch sagt er in aller Klarheit: „Drogen sind hier billiger als Alkohol. Das ist ein Mittel, um die Leute dumm zu halten. Religion ist Opium für das Volk? Dieses Volk braucht Opium, um vor der Religion zu flüchten!“

Beim Stichwort „Islam“ assoziieren wir neben dem Alkohol- und Schweinefleischverbot das tägliche Beten, Verhüllung und Unterwerfung. Ein Mittelschichtsiraner assoziiert dagegen: Regierung, korrupte Heuchler, von den Arabern importierte Beduinen-Religion. Wenn etwas im Alltag falsch läuft, sind im Zweifel immer die Regierung und also der Islam schuld. In Wohnungen fand ich höchstens zwei Mal Symbole des Islam an der Wand, während diese in Restaurants und Hotels zwecks Absicherung vor Vorwürfen mangelnder Regimetreue omnipräsent sind. Stattdessen fast immer – und gar nicht einmal versteckt – Sardoschti-Symbole, also Nachbildungen von Ahura Mazda aus zarathustrischer Zeit. Die Theokratie scheint mit ihrer Strenge den letzten Rest Glauben zerstört zu haben.

Zwar trauern viele der Schah-Zeit hinterher, aber eigentlich geht es nicht um die Regierungsform, sondern um das Gefühl der fremdkulturellen Dominanz durch die Araber, die man im Bewusstsein der eigenen, glorreichen Hochkultur in einem sehr ausgeprägt arroganten Nationalismus als minderwertig betrachtet (wie im Übrigen auch die Türken. Im Iran sind die Silhouetten von Minaretten ein seltener Anblick geblieben. Es werden – anders als in der Türkei, Marokko oder Ägypten – ausgerechnet in der einzigen islamischen Theokratie der Region auch kaum neue Moscheen gebaut.

Auffällig ist die Hinwendung vieler Muslime zum mystischen Sufismus, weil sie mit der staatlich verordneten Form der Religion nichts anfangen können. Auch dies ist eine Form der inneren Emigration. Ariane Sadjed zufolge wird in der Wissenschaft sogar die These diskutiert, dass das Land durch die Revolution säkularer geworden sei: „Weil der Staat aufdrückt, wie es zu sein hat, gab es eine Reaktion der Abkehr und man hat eigene Formen der Religiosität entwickelt“.

Die Psychoanalytikerin Gohar Homayounpour sagt, dass viele ein Leben wie Gefangene führen, die ihre Bedürfnisse nicht authentisch leben können. Die Zukunft sei zerstört, man habe sein Leben nicht wirklich in der Hand und sei als Regimegegner quasi eingesperrt in einer glorifizierten Vergangenheit. Den bei Festen wie Aschura ausgeprägt intensiv gelebten Schiismus wertet sie in ihrer Publikation „Doing Psychoanalysis in Teheran“, die für mich einen völlig neuen Zugang zum Iran öffnete, als eine melancholische Antwort darauf.

Die Besuchsquote von Moscheen ähnelt der von Kirchen in Mitteleuropa. Es werden auch kaum neue Moscheen gebaut. Vorherrschend ist der totale Rückzug aus dem öffentlichen Leben, was vor allem bei Frauen schon fast sozialphobische Züge annehmen kann: in die Wohnung, die Großfamilie, das Kochen, die Gartenarbeit auf dem Lande, die Beschäftigung mit klassisch-persischer Musik oder dem Konsum moderner Medien. Mangels unabhängiger Medien im Land schauen die meisten quasi ausschließlich Exiliraner-Sendungen aus Kalifornien – möglichst viele, wenn etwas passiert ist. Um alle Ansichten darüber zu hören. Parabol-Antennen zum Satellitenempfang sind verboten, stehen aber auf jedem Dach. Früher wurden neben Alkohol und anderen verbotenen Dingen auch Videos – vor allem aus Dubai – ins Land geschmuggelt. Letzteres ist im Internetzeitalter nicht mehr nötig. Die Nutzung von Smartphones und dem Internet war hier schon vor Jahren deutlich stärker als in Mitteleuropa. Es gibt viele Tricks, um auf inkriminierte Seiten zu kommen.

Die neue öffentliche Unsichtbarkeit des Regimes

Stabiles Gleichgewicht. Der Iran von innen © Ekkehart Schmidt

Das Regime hat sich zurückgezogen, ist fast unsichtbar: Die Sittenpolizei patrouilliert sehr selten und es gibt kaum noch revolutionäre oder religiöse Wandgemälde im öffentlichen Raum. Im Wissen um die eigene Macht lässt man die Leute gewähren, sich ihre geheimen kleinen Freiheiten zu nehmen. „Reformiert“ werden nur Details innerhalb des Systems. Die meisten Regeln bleiben unberechenbar und können sich schnell ändern. Die Zügel werden periodisch oft so locker gelassen, dass all diese juristischen Einschränkungen im Alltag gar keine Relevanz mehr haben. Das erscheint paradox, ist aber wohl kalkuliert, nimmt man so doch dem Widerstand den Wind aus den Segeln. So haben sich die Menschen ihr Leben völlig im Kreis der Familie eingerichtet, sind zivilgesellschaftlich passiv und ohne Hoffnung auf Veränderung. Stattdessen wird sehr materialistisch alle Energie ins Geldverdienen investiert. Keine Seite konnte sich wirklich durchsetzen: man lebte in einem stabilen Gleichgewicht. Oder in einem „modernen Hybridstaat„, wie es der Fotograf Hossein Fatemi ausdrückt.

Bis jetzt.  Ob das Regime gestürzt wird oder man sich nach viel Blutvergießen wie nach 2009 in einer neuer Balance des Schreckens und der Ohnmacht wiederfinden wird, kann heute keiner sagen.

Zitierte Literatur:
Ariane Sadjed: „Shopping for Freedom“ in der Islamischen Republik. Widerstand und Konformismus im Konsumverhalten der iranischen Mittelschicht, transcript Verlag Bielefeld, 2012
Gohar Homayounpour: Doing Psychoanalysis in Tehran, The MIT Press, Cambridge, Massachusetts/ London, England, 2012
Wiedemann, Charlotte: Der neue Iran. Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten, dtv, München 2017

Stabiles Gleichgewicht. Der Iran von innen © Ekkehart Schmidt

From → Anders leben, Iran

9 Kommentare
  1. Du bist im Iran aufgewachsen zur Schahzeit? Mein Ex-Ehemann und Vater meiner Tochter auch. Nach der islamischen Revolution musste er damals noch als junger Mann in den Krieg gegen Irak ziehen, ehe er ausreisen und wir heiraten konnten…

    Danke, für diesen umfangreichen und klugen Beitrag. Empfehlenswert ist auch das Kochbuch von Yasmin Khan, Die Küche Persiens, wenn man sich für das Leben im Iran interessiert. Denn dort werden nicht nur Rezepte sondern auch die Rezeptgeber*innen mit ihren persönlichen Geschichten vorgestellt. Vor kurzem las ich Rafik Shamis Roman „Sophia oder der Anfang aller Geschichten“. Er ist Exil-Syrer(Araber) und erzählt natürlich von Syrien. Dennoch zeigt diese Erzählung wunderbar auf, welch feine Antennen die Menschen dort wie auch im Iran entwickelten, um zu erkennen, wem sie (sich anver)trauen können und wie sie ständig wechselnd zwischen einer öffentlichen und einer verdeckten privaten Welt leben…

    • Ja, mein Vater hat in Teheran 5 Jahre an der Uni gearbeitet, eine Germanistik-Abteilung aufgebaut. Mit 7 bin ich dann – gefühlt – nach Deutschland ausgewandert (worden). Das war aber viele Jahre vor der Revolution.

      Dass es bei Dir auch persönliche Bezüge zum Iran geben muss, habe ich mir immer gedacht. Hast du denn auch einmal im Land gelebt?

      • Stimmt, seit meinem 15. Lebensjahr lebe ich mit Exiliranern zusammen. Im Iran war ich leider noch nicht. . Doch so lange mein Schwager, meine Nichten und Neffen nicht bedenkenlos und frei wieder in den Iran einreisen können, werde ich das Land auch nicht bereisen. Wenn wir als Familie alle zusammen kommen wollen, treffen wir uns am einfachsten in der Türkei.

      • Das ist sehr schade. Aber du hast ja über das Kochen einen Weg gefunden, mit anderen Sinnen dort zu sein 🙂

  2. Diesen Artikel habe ich mit großem Interesse gelesen. Mein Fazit: Die Bevölkerung will einfach in Ruhe leben, um das zu erreichen, passt sie sich an an die politischen Gegebenheiten.
    In Ostdeutschland war das nicht anders, auch wenn man im Nachhinein von einer ‚Revolution‘ schwadroniert, die die ‚Wende‘ gewesen wäre. Die Mehrheit der Menschen hier, war daran nicht beteiligt.
    Magst du Salz-Dill-Gurken?
    Sie haben Weltkriege und Diktaturen überdauert und sind auch nicht aus Polen vertrieben worden … 😀

    • Haha! Ja, haben heute gerade Gewürzgurken zum Abendessen gegessen. Genau das sind die schönen unscheinbaren Dinge, die tatsächlich zählen. Wenn es seit Jahrzehnten keine realistische Chance gibt, das System zu ändern, schaut man eben, wie man irgendwie seinen „Frieden“ schließt, es ignoriert so weit es geht. Hauptsache man hat seine Gurken oder Dattelkekse… Wer da nicht selber drin lebt, darf darüber auch nicht abfällig urteilen.

  3. Dattelkekse …
    Mir fallen getrocknete Bananen ein, chinesische.
    Ich bin froh über diese Gelassenheit mit der wir die Welt betrachten …

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