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„Entartet“, „Neger- und Kanakenkunst“

Januar 2, 2018

Text vom 2. Januar, unten aktualisiert am 14. und 24. März 2018

Einmal hat(te) er (oder sie) es ja schon getan: Auf die im Sommer frisch neu besprühte legale Graffitiwand am Staden in Saarbrücken das Wort „Entartet“ zu sprayen. Wer auch immer. In den letzten Tagen hat sich die Person – oder jemand anderes – noch einmal ausgetobt. „Entartete Kunst“ war während der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland der offiziell propagierte Begriff für eine Moderne Kunst, die mit rassentheoretischen Begründungen diffamiert wurde. Ich empfinde es als sehr erschreckend, dass da heute wieder jemand eine solche Wortwahl benutzt, um eine – prinzipiell durchaus legitime – Kritik an Kunst im öffentlichen Raum auszudrücken, die natürlich nicht jedem gefallen muss.

Eine kleine Doku vom 31. Dezember 2017:

"Entartet", "Neger- und Kanakenkunst" © Ekkehart Schmidt

"Entartet", "Neger- und Kanakenkunst" © Ekkehart Schmidt

"Entartet", "Neger- und Kanakenkunst" © Ekkehart Schmidt

"Entartet", "Neger- und Kanakenkunst" © Ekkehart Schmidt

Bei der Saarbrücker Zeitung gab es am 15. Januar eine Reaktion auf diesen Post, in dem das Thema einmal ganz grundlegend angesprochen wurde: Schmierereien in Saarbrücken. Stadt: Illegale Graffiti sind eine Straftat. Nicht thematisiert wurde die mir zugetragene Vermutung, dass es sich um die Aktion eines Mitglieds der so genannten identitären Bewegung handelt, auf die man besser nicht eingeht, weil sie dann zu viel Aufmerksamkeit bekommen. Ich kann das nicht beurteilen.

Nachtrag vom 25. Januar: Zehn Tage später sind die „Schmierereien“ (oder welcher Begriff wäre treffender?) immer noch da. Natürlich. Wer sollte sie denn auch entfernen wollen bzw. sollen? Die Künstler/innen vielleicht. Aber an einer offiziell legalen Wand zum Sprayen gibt es auch keinen Eigentümer, dem das wichtig wäre. Oder ist ein Eigentümer (in diesem Fall die Stadt oder das Bundesverkehrsministerium) im Falle von Nazi-Sprühen dazu verpflichtet? So ähnlich wie Facebook nun gesetzlich verpflichtet wurde, Hass-Posts zu löschen.

Mich erinnert das an eine lange, heftige Debatte mit meinem Vater, der mir sagte – nachdem ich an der Eissporthalle im heimischen Bergisch Gladbach in den frühen 1980er-Jahren einen ausländerfeindlichen Spruch sah und ihn mit Farbe entfernen wollte – dass das dann meinerseits ebenfalls Sachbeschädigung wäre. Auch in einem solchen Fall. Er verbot es mir und ich glaube, ich habe mich zähneknirschend daran gehalten.

Nachtrag vom 14. März 2018: Heute sprach mich ein Bekannter an, um mir den aktuellen Stand und von einer Begegnung mit dem „Täter“ (oder wie soll man ihn nennen?) zu erzählen. Dieser, ein etwa 65-jähriger Mann, habe sich nach längerer Pause heute erneut ausgetobt und weitere Werke mit seinen Bemerkungen gecrossed, also entwertet. Die Szene sei sehr aufgebracht, weil er die Arbeit von oft ein bis zwei Tagen zerstört. Einige Künstler haben seine Anmerkungen wieder entfernt, aber ein paar Tage später seien sie wieder da gewesen.

Ich bin gleich hin, um zu dokumentieren:

"Entartet", "Neger- und Kanakenkunst" © Ekkehart Schmidt

"Entartet", "Neger- und Kanakenkunst" © Ekkehart Schmidt

"Entartet", "Neger- und Kanakenkunst" © Ekkehart Schmidt

Auf eine – offensichtliche – Widmung für einen Verstorbenen zu sprayen ist schon sehr rücksichtslos. Aber was an diesem Schriftzug soll „Schweinekunst“, „undeutsch“ oder gar „entartet“ sein? Beim folgenden Werk hat er seine Bemerkung vom Januar ergänzt und mit schwarz-rot-goldener Farbe doppelt übersprayt.

"Entartet", "Neger- und Kanakenkunst" © Ekkehart Schmidt

„Weg mit der Scheisse“:

"Entartet", "Neger- und Kanakenkunst" © Ekkehart Schmidt

"Entartet", "Neger- und Kanakenkunst" © Ekkehart Schmidt

OK. das gehört noch in die Rubrik „Freie Meinungsäußerung“. Charlotte Britz habe gesagt, an der Wand dürfe jeder sprühen, verteidigte ich der Herr gegenüber meinem Bekannten. Aber ob ihm nicht bewusst sei, dass er Nazi-Vokabular verwende, kam die Rückfrage. Wieso? Das sei doch entartet und undeutsch, antwortete der Mann, der nicht wirkte, als gehöre er einer ungebildeten Schicht an.

„Volksschädling“ geht noch einen Schritt weiter. Denn: Schädlinge darf man vernichten. „Ausmerzen“, wie man auch zu Unkraut sagt. Also töten. Das ist ein Aufruf zur Gewalt und Volksverhetzung, juristisch sicherlich strafbar, weil eindeutig rassistisches Vokabular.

"Entartet", "Neger- und Kanakenkunst" © Ekkehart Schmidt

"Entartet", "Neger- und Kanakenkunst" © Ekkehart Schmidt

Und „Schwuchtelkunst“ ist homophob:

"Entartet", "Neger- und Kanakenkunst" © Ekkehart Schmidt

"Entartet", "Neger- und Kanakenkunst" © Ekkehart Schmidt

"Entartet", "Neger- und Kanakenkunst" © Ekkehart Schmidt

"Entartet", "Neger- und Kanakenkunst" © Ekkehart Schmidt

"Entartet", "Neger- und Kanakenkunst" © Ekkehart Schmidt

„Rassenschande“ ist ebenfalls reinrassiges Nazi-Vokabular, in Verbindung mit „Völkermord“ wohl eine rechtsradikale Anspielung auf die deutsche Flüchtlingspolitik:

"Entartet", "Neger- und Kanakenkunst" © Ekkehart Schmidt

Noch ein Dialog:

"Entartet", "Neger- und Kanakenkunst" © Ekkehart Schmidt

"Entartet", "Neger- und Kanakenkunst" © Ekkehart Schmidt

"Entartet", "Neger- und Kanakenkunst" © Ekkehart Schmidt

"Entartet", "Neger- und Kanakenkunst" © Ekkehart Schmidt

Nachtrag vom 15. März: Es ist jetzt ein Rechtsanwalt eingeschaltet worden, um die Strafbarkeit gemäss § 130 Absatz 1 des Strafgesetzbuchs (Volksverhetzung) oder eines anderen Paragraphen zu prüfen und Anzeige zu erstatten.

Nachtrag vom 24. März: In einem Interview mit SR 3 kündigt Alexander Karle für die hiesige Szene an, dass es neben einer juristischen Aktivität auch eine Spray-Aktion am 21. April geben wird. Mehr dazu in der Saarbrücker Zeitung vom 19. April.

Nachtrag vom 12. April: Eine Spray-Aktion größeren Stils gab’s schon am 25. März: Eine Crew rund um Rubin gestaltete ein gut 25 m langes Stück des unteren Teils der Wand neu, nachdem weiter flussaufwärts eine andere Crew schon ein ähnlich langes Teilstück völlig neu besprayt worden war. Der Schlafende und der Haifisch sind weg und mit ihnen alle Nazi-Sprüche. Zunächst bis auf zwei Ausnahmen, die dann Anfang April übersprayt wurden. Im „Ossel“ wurden die Sprüche wohl von anderen Sprayern entfernt, ehe alles komplett übersprüht wurde. So bleiben von der sommerlichen Neubemalung nur zwei große Werke übrig: Die Kästchenstadt und die mechanistische Figurengruppe daneben. Neben einem einem an Franz Marc angelehnten Hund und anderen Sachen von Rubin, einem silbergrauen Nashorn und einem mit einem Ekommunizierenden Riesenbaby wieder viel zu viele Styles.

Heute fiel mir erst diese schon etwas verblichene Warnung auf:

"Entartet", "Neger- und Kanakenkunst" © Ekkehart Schmidt

„Entartet“, „Neger- und Kanakenkunst“ © Ekkehart Schmidt

7 Kommentare
  1. GermaysTopBreakdanceGirl permalink

    Ob Dancebattles auf Breakbeatz , Rapbattles , oder Graffiti gegen andere Crewz … Bei HipHop ist alles mit Worten erlaubt statt mit Waffen oder Gewalt . Wenn ich als Deutsches Weisses Mädchen auf einem Battle jemanden niedermachen muss dann versuche ich es direkt ins Herz diese personen zu treffen , und wenn wir gegen schwarze Breakdance Girlgruppen antreten machen wir sie auch Rassistisch Fertig um sie aus dem Konzept zu bringen , wir haben einmal jeder eine Banane aus der Tasche gezogen und schräg wie so Nigga Ghetto gangstas auf sie gerichtet als wer es ne Knarre , oder schrieben unter unseren Schuhen auf einer Sole White auf der anderen Power und sind dann auf händen zu ihnen gelaufen mit den Füßen hoch vor ihren gesichtern WHITE POWER BOOOM hat schon einen vorteil … eine von uns hat mal übertrieben und sich NIGGER auf den Fußgeschrieben damit wurden wir Dissqualifiziert weil eine in der Jury schwarz war aber nur …und bei uns stand auch mal in einer Ecke am Bahnhof wo Afrikaner bekanntlich Dealten auf einmal Fett riesen Groß in Graffi Bunt getackt BLOODY NIGGERS

  2. Als Administrator dieser Seite habe ich lange gezögert, ob ich diesen Kommentar „zulassen“ soll. Ich kann diese Haltung nicht akzeptieren, Leute bewusst und sogar absichtlich rassistisch wegen ihrer Herkunft zu beschimpfen und sich in einer Schwarz-Weiß-Opposition zu sehen. Das ist für mich nicht harmlos. Aber ich will diese Meinungsäußerung auch nicht unterdrücken.

  3. bernhard kirsch permalink

    Der ganze Witz bei Rap-Battles ist es ja, sich gegenseitig zu beleidigen. Da ist es bestimmt sinnvoll, dass auch rassistische Beleidigungen zu den Spielregeln gehören. Aber das hier ist ja was anderes. Zum Beispiel gehört das ganz sicher nicht zu den Spielregeln beim Graffiti sprühen.

  4. bernhard kirsch permalink

    Akihart: ich finde das extrem wichtig, dass Du diesen und ähnliche Kommentare zulässt. Bravo!

    • Danke, dass Du meine Entscheidung bestätigst. Das führt dann ja zu einer kleinen Debatte. In diesem Fall hier gab es ja auch keine „Battle“, die Sprayer haben nicht in gesprühten Worten dagegen gehalten. Soweit mir gesagt wurde, ist auch die Ergänzung „Fuck“ vor „AFD“ keine Reaktion der Szene gewesen.

      • bernhard kirsch permalink

        „Fuck“ vor „AFD“ keine Reaktion der Szene? Fragt sich dann aber, wer die Szene genau ist.

      • Sagte mir jedenfalls ein Sprayer… Es kann ja auch ein einfacher Passant gewesen sein.

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