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Umbrüche von 2017 nach 2018

Dezember 31, 2017

Ein einsamer Silvesterabend. Aber immerhin muss ich nicht, wie beim letzten Mal, auf einer Isomatte im Heizungskeller schlafen. Das Jahr 2017 begann  für mich insofern wegweisend, als es noch weitere heftige Streitereien mit dieser Art Konsequenz gab, ehe Bita Ende Februar mit den Kindern auszog. Die vielfältigen Folgen prägten das Jahr. Positiv daran war aber, dass ich mich durch die wöchentlich zwei- bis dreitägige Kinderbetreuung alleine jetzt viel intensiver und mit ganz anderer Qualität und Zuneigung mit meinen zwei Jüngsten beschäftigt habe.

Wenn es auch deswegen keine Möglichkeit zu einer längeren Reise gab. Ausnahmen waren zwei berufliche Flüge zu Veranstaltungen in Warschau und Kopenhagen, die ich jeweils um zwei private Tage verlängern konnte. Neben diesen Großstadtbesuchen, zu denen noch je ein bis zwei Tage Frankfurt, Köln und Kassel dazu kamen, bin ich sehr intensiv zu Entdeckungstouren per Rad und Bahn durch luxemburgische und lothringische Dörfer geradelt, bei denen es manche Überraschungen gab – wenn ich nur langsam und achtsam genug drauf war.

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Und habe 20-30 Jahre alte Dias aus Syrien und Tunesien herausgesucht, eingescannt und zu Texten verarbeitet – am gelungensten vielleicht im Blogtext zu Holzhäusern und Kinoplakaten in Aleppo 1988. Ähnlich zurück schauend war das Projekt der Zusammenstellung von Erinnerungswerken, die ich in vier Kategorien aufteilte (hier Nr. 1), um all diese mit Bedeutung aufgeladenen alten Sammelobjekte bei einer Ausstellung im Rahmen der Nacht der schönen Künste am 21. Juli zu präsentieren.

Syrien 1988 (c) Ekkehart Schmidt

Syrien 1988 (c) Ekkehart Schmidt

Es war zunächst sehr angenehm, ohne Rechtfertigungszwang die Muße für solche Aktivitäten zu haben. Also nach fünf Familienjahren wieder einige Monate ganz für mich alleine zu wohnen. Aber die tiefroten Zahlen auf meinem Konto führten dann dazu, dass ich im August begann, hier eine WG aufzuziehen. Seitdem haben hier Christina, Juan, Mehran, Nada und Thorsten gewohnt. Mehran und Thorsten bleiben. Die anderen wohnen jetzt in Berlin, der Rosen- oder der Richard-Wagner-Straße. Der Alltagskontakt mit ihnen tat mir trotz manchem anfänglichem Umräumstress und der Notwendigkeit, Hausregeln aufzustellen…, sehr gut.

2017 war auch das Jubiläumsjahr zu 20 Jahren meines Arbeitgebers etika – mit entsprechend vielen Veranstaltungen zu Fragen der Ethik in der Finanz, aber nur vier neu zu schreibenden Beschreibungen von uns finanzierter Projekte. Diese machten dieses Jahr keinen Spaß, weil die Projekte zu abstrakt oder noch in der Vorbereitung waren. Dafür habe ich bei zwei längeren Radtouren durch den Norden Luxemburgs mehrere alte Projekte besucht, zu denen bislang kaum Fotos existierten, wobei ich mit meiner Doku zur sehr abgelegenen Mühle von Bigonville am ehesten zufrieden war. Ein wirklich dankbares Reportage-Thema, das sich auch in einer sehr angenehmen Begegnung umsetzen ließ  hatte ich zuletzt im November 2016 mit dem Nebenerwerbshof von Nico Wirth. Vielleicht habe ich deshalb in 2017 satte 130 Blogtexte geschrieben?

Das brachte mich heute zu einem grundsätzlichen Nachdenken: Beruflich seit 2008 und privat auf diesem Blog seit 2011 produziere ich mit Bildern kombinierte längere Texte. Meist sollen die Fotos im beruflichen Kontext den Text ergänzen und unterstützen. Privat ist es umgekehrt. Zudem habe ich da völlige Freiheit. Das ergab nicht immer ein wirklich befriedigendes Ergebnis, weil ich mich in Bezug auf beide  immer noch nicht kurz halten kann. Zu sehr bin ich auf Vollständigkeit bedacht und möchte die beschriebenen Lokalitäten oder Projekte in ihren räumlichen und historischen Kontext einordnen. Ich übertreibe es da manchmal mit meiner Detailversessenheit und oft sind da zu viele Fotos geringerer Qualität. Letzteres liegt vor allem daran, dass ich mich darauf ausgerichtet habe, Cafés und Hotels zu suchen und zu dokumentieren, die noch authentisch sind. Ich kann daher  schlecht die Inhaber um Erlaubnis fragen, weil sie mein Ansinnen als Inhaber manchmal durchaus „herunter gekommener“ Lokale missverstehen könnten. Um ein „Nein“ mit anschließender strenger Beobachtung zu umgehen, fotografiere ich dann lieber heimlich. Dass das unter den Begriffen „Street Photography“ bzw. „Candid Photography“ zu einer eigenen Kategorie geworden ist, lernte ich durch den Luxemburger Fotografen albanischer Herkunft, Mikel Trako.

Aber zurück zu meinen Foto-Serien: Ich müsste vielleicht einmal – wie früher – versuchen, einfach auf die Aussagekraft eines einzelnen Bildes zu vertrauen. So, wie das der in Luxemburg arbeitende griechische Nikos Zampanos macht, der wie Mikel bei unserem Projekt „etikamera“ mitmachte. Der Fotograf Jürgen Hurst hat die Thematik heute in seinem Jahresrückblick „Gedankenfluss und Lichteinfall“ so beschrieben:

„Ebenso hat sich mein Denken über Einzelbilder verändert. Für mich ist die Fotografie etwas, das sehr eng mit einem Bilderplural verknüpft ist. Um das ein wenig metaphorisch zu umschreiben: Ein Bild ist, wenn es gut ist, ein visuelles Statement. Syntaktisch ein Satz. Genauso, wie beim verbalen Satz, der erst im Konzert mit anderen Sätzen zu einer vollen Aussage aufblüht, ist das eben auch mit Fotografien so. Dem will ich im nächsten Jahr konsequenter nachgehen. Methodisch und formal. Meinen weiteren Weg zwischen narrativem, essayistischem oder konzeptionellen Plural finden. Auch die passende Präsentation dafür finden. Also: Buchform, Ausstellung, Projektion oder vielleicht eine vernetzte Web-basierte Form.“

Gab es denn 2017 solche Fotos, die für sich alleine stehen können? Am ehesten Bilder meiner Jüngsten:

Oder vereinzelte Café-Szenen wie diese von der Genuss-Bar in Hamburg und der Bar Mereb in Frankfurt oder eins von vielen Stilleben aus Warschau zum wunderbaren Thema Hinterhoffußball:

Warschau (c) Ekkehart Schmidt

Was diesen Blog angeht, bin ich stolz auf über 54.000 pageviews von fast 32.000 Besuchern, davon die allermeisten aus Deutschland, aber auch vielen aus den USA, Luxemburg, Frankreich, Ägypten etcetera. Meist werden täglich 80 – 150 posts aufgerufen, vor drei Tagen aber auch mal 878, warum auch immer (vielleicht wegen der Iran-Unruhen, als alle Welt entsprechende Suchbegriffe googelte und hier landete).

Was die meistbesuchten Posts angeht, ist es eher peinlich-betrüblich, dass hier seit Jahren der Text Archetypisches  vom Bordell am Bahndamm mit diesmal 9.682 views an der Spitze steht, mit weitem Abstand gefolgt von Sammelsuriumslisten zu Künstlern und Unternehmensgründern mit Migrationshintergrund (2.614 bzw. 1.143), meiner Kleinen historischen Kartographie Nauwieser Cafékneipen (1.754), dem Uralt-Text zur Pop-up-Bar Brigitte sowie Verarbeitungen meiner Iran-Reisen, wie zum Trockenjoghurt Kaschk (1.603), der  Farbe Türkis und  Goldfischen zu Nowruz mit je gut 600 views.

Ich hoffe, euch Freude bereitet zu haben. Kommt gut ins Neue Jahr!

Ekkehart

3 Kommentare
  1. Das Gefühl eher kritisch zum eigenen Tun zu stehen, obwohl ja doch eine beachtliche Zahl an Menschen Interesse an den Leistungen zeigt, kenne ich. Und auch meine Statistik gibt her, das sich an der Spitze bestimmte Beiträge manifestierten, die ich selbst gar nicht für meine besten halte. Vermutlich hat das mehr mit den Suchmaschinen zu tun. Tolle Kinder hast du/habt ihr!
    Irgendwie klingt es bei dir nach Aufbruch in neue Lebensabenteuer. Dazu wünsche ich dir den Schwung, die Kraft, den Mut und vor allem die Freude daran.

  2. Hallo und ein gutes neues Jahr! Ich bin erst heute auf der Suche nach einem bestimmten Café in Teheran auf dein Blog gestoßen und stelle fest, daß ich hier bei entsprechender Zeit sicher noch mehr herumstöbern und lesen werde. Heute wollte ich dich nur wissen lassen, daß ich mir erlaubt habe, in meinem Blog auf deinen entsprechenden Artikel zum Café Naderi zu verlinken.
    Hier der Link zu meinem Eintrag: https://periplusultra.wordpress.com/2018/01/02/iran-once-again/
    Beste Grüße
    U.

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