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Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg

Dezember 19, 2017

Die Brasserie Nonaro hat mich im letzten Jahrzehnt nie interessiert, geschweige denn angezogen. Sie wirkte auf mich wie ein Lokal, deren Inhaber und Kunden nicht so richtig wissen, was sie wollen: Kneipengespräche für einsame Migranten oder Hotelgäste, an den Spielautomaten zocken, im Anonymität bietenden hinteren Bereich – in dem auch sonstige lichtscheue Geschäfte getätigt werden könnten? Jedenfalls eine Gaststätte am Rand bzw. Zugang zum Bahnhofsviertel, in dessen Milieu ich nichts verloren bzw. nichts zu suchen habe.

Zwischen Januar 2016 und Januar 2017 war ich dann doch – etwas neugierig – vier Mal dort, um nach einem verpassten Bus an der nahen Luxemburger Gare per Espresso Wartezeit zu überbrücken. In einer Situation, als gegenüber eine riesige Baugrube entstanden war, in der mit viel Staub, Lärm und Effizienz das neue Headquarter der ING Bank Luxemburg hochgezogen wurde. Ich machte jeweils ein paar Fotos, aber erst beim letzten Besuch mit dem klaren Ziel, das Lokal zu dokumentieren. Das verlief sich dann und fand keine Fortsetzung, zu sehr lag das Lokal im toten Winkel meiner üblichen Wege, zudem einen die Baustelle davon abhielt, hier entlang zu laufen, wenn es nicht unbedingt sein musste. Es war dann eher der brutale Eingriff in das Quartier – per Abriss, gähnend tiefer Baugrube und dann hochwachsendem Neubau – der mich auch für Fotos reizte.

Zusammen gefasst lief das in diesen drei Etappen:

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Aber zurück zum Ablauf dieses brutalen Eingriffs: Von der schmalen Rue Joseph Junck, die rechts im Bild auf den Bahnhofsplatz mündet und jenseits des Areals sahen die Abrissarbeiten so aus (die Brasserie rechts mit grünem Schild):

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Von der anderen Seite so:

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Dann entstand der ING-Neubau gegenüber des Cafés mit seiner runden grünen Bofferding-Werbung:

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Seit dem Abriss der „Galerie Kons“ und  einem ähnlichen Nachbarbau, die den Bahnhofsvorplatz seit einem guten Jahrhundert dominierten, die bis Ende 2015 bzw. Mitte 2017 durch zwei riesige Bürokomplexe des Mischkonzerns Société Générale sowie der ING Bank ersetzt wurden, hat der Platz ein völlig neues Gesicht bekommen, das an den Kirchberg oder die Clôche d’Or erinnert. Wer selten in den Straßen der rückwärtigen Bereiche dieser Gebäude unterwegs ist, wird nicht bemerkt haben, wie sehr diese gut 80 m langen achtstöckigen Betonklötze mit – allein bei ING 20.000 Quadratmeter Nutzungsfläche – das dahinter liegende kleinteilig strukturierte Wohn-, Kneipen-, Rotlicht- und Drogendealerviertel an der Rue Joseph Junck geradezu beängstigend bedrängen. Dazu kommt der jüngst vollendete Neubau der Post um die Ecke.

Am 15. November fiel mir plötzlich auf, dass das Lokal auf seinem großen Bofferding-Schild jetzt mit „Bei der Gare“ firmierte – dies just nachdem sich die ein gutes Jahr dauernde Suche nach Überbleibseln jener luxemburgischer Arbeiterkultur der Institution „Café de la Gare“ erschöpft zu haben schien. Am 12. Dezember habe ich mir das daher mit neu geweckter Neugier genauer angeschaut und verstanden, dass ein interessanter Zusammenhang mit einer sich etwa seit 2010 abzeichnenden Umstrukturierung des Viertels besteht.

Ich beschreibe hier also zunächst das alte Lokal, dann das seit September so bestehende neue – beide mit der gleichen Inhaberin:

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Ich konnte für „Nonaro“ keine Wortbedeutung finden, stolperte online lediglich über einen portugiesischen Nachnamen und den gleichlautenden Namen einer lombardischen Villa. Beides würde hier passen: Eine von Portugiesen oder Italienern, den historisch wichtigsten Einwanderergruppen in Luxemburg, gegründete Brasserie in Bahnhofsnähe, gut als Treffpunkt geeignet. Vorne am Tresen und hinten im privateren Bereich.

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Bislang hatte ich vor allem Angst, dass die Struktur dieses – bei allen Problemen – doch sehr liebenswerten, weil authentischen Viertels, in dem ich vor allem bei Kartoffelkohlsuppe und Käsesandwich im Le Relax viele Hundert Mittagspausen verbracht habe, durch neue Nutzungen zerstört oder verdrängt werden könnten. Erst beim Betreten des umbenannten und im Innendesign völlig umgestylten Cafés „Bei der Gare“ wurde mir klar, dass die drohende Gentrifizierung durch über Tausend neuer Büro-Arbeitsplätze (allein bei ING gut 700 MitarbeiterInnen) auch eine Chance sein könnten. Auf deren andere Konsumbedürfnisse hatte sich die Inhaberin dieses – im Vergleich zur Größe – nach meinem Eindruck eher schlecht besuchtes Lokale augenscheinlich einzustellen versucht.

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Die gut zehn Meter lange Theke hat man unverändert gelassen, dafür im größten Teil des Raumes neue Tische und Stühle aufgestellt, die Wände in Grau bzw. Beige farbig neu gestaltet und die Säulen mit einer Art künstlicher Natursteine umkleidet. wohl, um eine „edlere“ Wirkung zu erzielen. Dazu sehr bunte Gemälde eines lokalen Künstlers namens Emile Bretz oder so ähnlich, zu dem ich online keine Info fand.

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Ob das gelungen ist und funktioniert? Mittags sah ich jetzt vor allem jüngere Leute, aber auch manche – eher ältere – frühere Stammkunden, die nunmehr etwas verloren wirken. Man kann hier frühstücken (einfach für 3,50, klassisch für 4.80 und in der Gourmet-Version für 9,90 EUR), mittags einen Hamburger ab 10 EUR oder Fleischgerichte ab 15 EUR essen. Dazu gibt es ebenfalls eher fleischlastige Tagesgerichte für 10,50 Euro. Nur der vordere Teil des Lokals ist mittags gedeckt, hinten finden sich noch Tische ohne Papierunterlage und Besteck, einfach und simpel wie früher, wo man auch einfach nur seinen Espresso trinken kann – oder um die Ecke und somit unsichtbar für die Leute im vorderen Teil, an die drei Spielautomaten gehen kann, um seine Sucht auszuleben. Begleitet und bestimmt wird die Atmosphäre – neben der sehr nett lächelnden Bedienung – durch den französischsprachigen Musikvideosender MCM Pop, der auf einem Bildschirm Bilder liefert, während aber andere Musik zu hören ist.

Neben diesen zwei Bereichen gibt es ganz hinten noch den alten kleinen Hof mit „Battin“-Sonnenschirm und einigen Tischen, in denen man unter freiem Himmel beim Bier oder nach dem Essen eine rauchen kann.

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Die Inhaberin versucht also augenscheinlich, für die Mittagspause eine neue Kundschaft mit sehr spezifischen Bedürfnissen anzuziehen und zugleich abends die alte Stammkundschaft nicht zu verlieren bzw. sogar eine neue dazu zu gewinnen, die Kontakte sucht. Ein hybrides Angebot gewissermaßen. Am 24. November organisierte sie ein Life-Konzert, bietet freitags einen „Black Friday“ (Caipi Black: 2=1 Free) und alle zwei Wochen – zuletzt am 14. Dezember und demnächst am 28. Dezember – eine Karaoke Party mit DJ CL Karaoke, hinter dessen Pseudonym sich wohl ein gewisser, mir unbekannten Luca e Tommaso verbirgt. Eine schlaue Zwitter-Lösung, wenn sie denn funktioniert.

Die meisten Restaurants in Luxemburg-Stadt haben das Problem, dass die hier tagsüber arbeitende und abends nach Hause, also oft ins Ausland, zurückkehrenden Angestellten, höchstens mittags in Lokale einkehren. Um auf die Kosten zu kommen muss also in den zwei Stunden von 12 – 14 Uhr der Großteil des Umsatzes gemacht werden. Während die meisten Restaurants entsprechend abends geschlossen sind, versucht man hier im „Bei der Gare“ eine zweite Einnahmequelle zu erschließen – als einzigem Lokal im Viertel.

Nachtrag vom 14. März 2018: Heute habe ich es geschafft, mittags von meinen Gewohnheiten abzuweichen und hier zu essen, um zu schauen, wie sich die zweite Einnahmequelle entwickelt hat. Um es kurz zu sagen: Es war derart voll, dass ich so eben noch den letzten freien Tisch ergattern konnte. 40 – 50 Gedecke, davon kann man leben! Die meisten Besucher/innen im Alter zwischen 30 und 50, darunter mehrere Gruppen Kolleg/innen aus benachbarten Büros. Vom Tagesgericht für 10,50 EUR nahm ich eine Gemüsesuppe und Spaghetti mit scharfer vegetarischer Soße. Ohne Dessert, das wären 3,50 Euro zusätzlich gewesen:

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Wie es hier vormittags und abends aussieht, wenn nicht fast alle Tische für den Mittagstisch gedeckt sind, muss ich noch per Espresso abchecken.

Adresse: 8, Rue Joseph Junck, 1839 Luxemburg, Tel.: +352 27 99 20 72

Brasserie Nonaro/ Bei der Gare_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

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