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Christiania revisited (1981_2017)

November 30, 2017

Bei meinem ersten Besuch 1981 habe ich mich nicht getraut, Fotos zu machen. 36 Jahre später fühlte ich mich Mitte Oktober auf meinem Leihrad ausreichend untouristisch, also fast einheimisch wirkend, um fast überall in Ruhe die Kamera heraus zu holen und niemanden zu nerven. Außer rund um die „Pusher Street“. Zu dieser legendären Drogenverkaufsstraße, die hier in der 1971 entstandenen Freistadt geduldet wird, gab es mir zu viele Geschichten von wütend entwendeten Kameras, zum Beispiel 2009 vom bekannten Journalisten Henryk M. Broder auf SPIEGEL Online. Und in aller Deutlichkeit aufgemalten Fotografierverbotsschildern rundum. Es laufen viele Touristen herum, auch in geführten Gruppen, sogar für ältere Schulkinder.

Aber der Ort ist insgesamt einfach zu faszinierend. Man möchte seine Eindrücke festhalten. Zum einen die vom Fehlen einer klassischen Ordnungsmacht, die auch anderes anarchisches Treiben – wie die Omnipräsenz von Graffitis oder das Autoverbot – unterbinden würde. Zum anderen die stark gegensätzlichen Eindrücke von stillem, idyllischem Wohnen am Wasser, die Christiania ebenfalls ausmachen. Jedenfalls wenn man hinter der Pusherstreet und den anderen Infrastruktureinrichtungen noch ein paar hundert Meter weiter geht oder radelt, was kaum ein Besucher macht. Christiania ist genauso schrill wie still.

Wichtig ist, dass man sich hier mit Respekt vor den BewohnerInnen bewegt und auch fotografiert. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, dabei kaum aufzufallen.

Mein Impuls, erstmals nach Kopenhagen zu fahren, war im April 1981 an der Jugendherberge in Strasbourg entstanden. Ich hatte dort eine Dänin mit einem Begleiter kennen gelernt, die keinen Platz mehr bekamen, weil alles ausgebucht war. Ich lieh ihnen – auf dem Rückweg von meinem ersten Trip per Anhalter, der mich an die Côte d’Azur geführt hatte – mein Zelt. Wurde eingeladen und besuchte sie dann zu Pfingsten per Anhalter, Zug und Fähre. Lise Hansted wohnte in einem Studentenwohnheim südlich des Vergnügungsparks Tivoli in der Anker Heegards Gade, den wir natürlich besuchten (ich bekam ein Eis spendiert und revanchierte mich mit einer Fahrt im Riesenrad mit Fesselballons).

In meinem Tagebuch vom 7. Juni 1983 fand ich jetzt zu Christiania leider nur einen lapidaren Eintrag:

„Ich bin zuerst nach Christiania gefahren, aber ich bin nur kurz rein und habe mich nicht weiter getraut. Überall standen runtergekommene Leute herum und da sah ich doch zu sehr nach Tourist aus. Ich bin dann in leichtem Nieselregen zum Schloß Amalienborg und zur kleinen Meerjungfrau.“

Damals wie heute habe ich das 36 Hektar große Gelände im Bezirk Christianshavn, einer Kopenhagen vorgelagerten befestigten Halbinsel, sehr ehrfürchtig betreten: eine der wenigen in Europa tatsächlich umgesetzten und funktionierenden größeren Gesellschaftsutopien. Nur war ich damals als 17jähriger mit den hier umgesetzten Ideen völlig einverstanden, erstmals erlebend, dass man auch anders leben kann – während der 53jährige mit erfahrenem, kritischem Blick schon etwas genauer hinschaut und auch sieht, was an dieser Utopie wohl gescheitert ist oder nicht umsetzbar war. Beide betraten das Gelände unter einem imposanten hölzernen Torbogen neben einer der großen ehemaligen Kasernenbauten, aus denen die Freistadt zur Hälfte besteht.

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Rechterhand in dem Kasernengebäude finden sich ein Restaurant, ein Café, ein Verkaufsbüro der Volksaktien, ein – wohl nicht mehr genutztes -Postamt und die „Rockmaskinen“, was immer das ist. Geradeaus trifft man auf touristische Läden in Holzbuden und ein Café an einem zentralen Platz. Von dort aus findet man linkerhand die berühmte Fahrradmanufaktur und einen Jazzclub an der Ecke zur Pusherstreet mit ihren Fähnchen, in der man an improvisierten Ständen Marihuana und Haschisch kaufen kann. Jenseits dann (ohne Fotos) das Café Manefiskeren, in dem man sich seine Joints drehen, sie – falls mit Haschischkrümeln gefüllt – schnell, ja ungeduldig hin und her durch die Flamme des Feuerzeugs ziehend, damit nichts anbrennt und dann selten drinnen, meist draußen rauchen kann, ferner eine Art Offener Bücherschrank mit anderen Gegenständen zum Mitnehmen, ein Lebensmittelgeschäft und einen Laden mit Kunsthandwerk. Die zentrale Infrastruktur der Fristad also.

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania ist eine von mittlerweile 17 Gemeinschaften in Dänemark. Hier leben etwa 900 – 1000 Menschen, darunter 280 Kinder. Seit der Gründung wird das Projekt mit Rebellion gegen das herrschende System in Verbindung gebracht. Genauso lang werden hier aber auch neue Formen der Demokratie erprobt und mit neuen Wegen der Selbstverwirklichung experimentiert. In einem Handbuch namens „eurotopia“ heißt es: „Auf der Grundlage der Idee ‚Soviel Freiheit und Macht für das Individuum wie möglich‘ hat sich Christiania in verschiedenen Plena organisiert: das gemeinsame Treffen, das Wirtschaftstreffen, der Beschäftigtenrat, die Kooperativenversammlung, das Haustreffen – und im guten alten Nachbarschaftsfest. Entscheidungen werden nicht durch Mehrheitsabstimmung oder andere herkömmliche Wahlen getroffen. Entschieden wird im Konsens – was bedeutet, dass im Prinzip jede-r allen Entscheidungen zustimmen muß, damit sie beschlossen werden. Eventuell gibt es keine  Entscheidung.“

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Neben der Gemeinschaftsphilosophie und Infrastruktur fasziniert die Streetart: Wandmalereien per Pinsel, manche sehr alte zu Themen der 1970er-Jahre wie El Salvador, Nicaragua und Palästina, aber auch Poetisches und Programmatisches zu den Idealen von Christiania, wie „Human Justice“ oder dem Kampf gegen harte Drogen. Andere gesprayte aus jüngerer Zeit, wie die Hommage an einen Bademeister oder zum Gaza-Krieg. Meine Erinnerungsbilder aus 1981 sind leider verschwommen. Wahrscheinlich existierten die Wandmalereien schon, nicht aber die Graffitis per Sprühdose.

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Wohnen möchte ich in den Kasernen im vorderen Bereich nicht. Aber daneben gibt es einige sehr phantasievoll gestaltete kleinere Häuser, die mir sehr attraktiv schienen. Es wird Urban Gardening praktiziert und offenbar sowieso sehr ökologisch gelebt. Hinter dem kleinen buddhistischen Miniaturtempel mit einer Spielanlage für Kinder nebenan, steht ein großer Bau mit Innenhof, der sehr idyllisch wirkt. Geht man von dort 200 Meter weiter, gelangt man an eine die ehemalige Festungsanlage umgebende Wasseranlage, quert eine Brücke und kommt in ein wirkliches Idyll mit kleinen Häuschen am Wasser.

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Kann es sein, dass es hier eine Segregation gibt zwischen jeder Menge Leute, die anderswo abgestürzt sind und nun in den Kasernen ein Zimmer ergattert haben, sowie fast schon bürgerlich lebenden Leuten, die ganz konventionell im Dienstleistungssektor der Stadt arbeiten und nicht mehr wirklich zu Christiania gehören? Dann wäre die Gleichheitsutopie gescheitert. Ich kann das nicht beurteilen. Aber der Eindruck drängte sich ein wenig auf. Egal wie, das Schild am Eingang, das Christiania als „Weltkulturerbe“ benennt, hängt dort sicherlich zu Recht.

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Wichtiger als diese Frage ist aber, dass die Bewohner Christianas im April 2011 dem Angebot der Regierung zustimmten, Grundstücke und die Gebäude für 150 Millionen Kronen (20 Millionen Euro) vom Staat zu kaufen. Seitdem existiert also neuer „Freistaat“ Christiana: juristisch abgesichert, aber ausgerechnet auf der Basis von sehr kapitalistischen Aktien: Zur Finanzierung des Kaufpreises wurde eine „Volksaktie“ ausgegeben, durch die schon bis Ende Februar 2012 ca. 900.000 Euro zusammengekommen waren. Heute sind es etwa 8 Millionen Euro. Zum 1. Juli 2012 wurde schließlich für eine einmalige Zahlung von 85,4 Mio. Kronen und eine jährliche Miete von 5,3 Mio. Kronen ein Teil Christianias vom dänischen Staat an die Stiftung der Christianiter übertragen.

Ich bin dann mal wieder rausgeradelt, zurück in die EU und habe mich zum Mittagessen das Café Sankt Annae 8 nahebei gesucht.

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

Zitierte Quelle: Würfel, Michael: eurotopia. Leben in Gemeinschaften. Verzeichnis von Gemeinschaften und Ökodörfern in Europa, Beetzendorf, 2. Aufl. 2014, S. 67-69

Christiania revisited (1981_2017) © Ekkehart Schmidt

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