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Café de la gare_Munsbach

November 24, 2017

Erwischt worden! Ich hatte ja schon so ein Vorgefühl, dass ich mich hier in etwas Intimes hineinwage, in dem ich aus den Augenwinkeln beobachtet werden würde und wo ich vielleicht nicht heimlich Fotos machen sollte. Und so war es dann auch. Als ich – wie immer hoffentlich unbemerkt – nicht nur meinen Espresso und die Bestuhlung, sondern auch den „Croque Monsieur“ in einem Blickwinkel Richtung Theke fotografieren wollte, bemerkten das einige Gäste wegen der aufleuchtenden Laser-Autofokus-Funktion und sagten dem Wirt Bescheid. Nur so, offenbar. Nicht als Beschwerde. Er kam dennoch zu mir, setzte sich und fragte: „Sie fotografieren?“ Klammer auf: Warum? Was soll das? Erklärung bitte! Shit…

Das war mir bislang in hunderten anderen ähnlichen Situationen des heimlichen Fotografierens noch nicht passiert. Aber es war wohl einfach die falsche Uhrzeit. Ich hatte hier im August 2016 mittags schon einmal vor der Tür dieses gut 100jährigen Hauses gestanden und musste feststellen, dass erst ab 17 Uhr geöffnet ist, also für mich die völlig falsche Zeit: Da bin ich auf dem Heimweg nach Saarbrücken. Außer gestern. Da musste ich Zeit überbrücken, bevor ich in der Synagoge einen Film über den weitestgehend unbekannten Exodus gut 900.000 arabischer Juden aus dem Irak, Marokko, Ägypten… in der Zeit nach der Staatsgründung von Israel schauen wollte.  Eine schnelle achtzehnminütige Zugfahrt hin nach Munsbach und nach einer Stunde zurück.

Café de la gare_Munsbach © Ekkehart Schmidt

Café de la gare_Munsbach © Ekkehart Schmidt

Café de la gare_Munsbach © Ekkehart Schmidt

Café de la gare_Munsbach © Ekkehart Schmidt

Café de la gare_Munsbach © Ekkehart Schmidt

An dieser langen Straße durch Munsbach, an der es keine Geschäfte mehr gibt, nur noch Edelrestaurants und ein monströses Gemeinde-Kulturzentrum neben einer ähnlich gigantischen Schule, strahlte das Café abends sehr viel anziehende Wärme aus, aber auch eine gewisse Exklusivität. Das war in doppelter Hinsicht keine Billigkneipe: Mein Espresso kostete 2,40 Euro und der Croque Monsieur satte 5,80 Euro. Die Gäste waren fast ausschließlich über 50, Handwerker und bürgerliche Mittelschicht, sie schienen durch die Bank Stammgäste zu sein und kannten sich offenbar alle beim Vornamen (von Jos bis Maria).

Ich betrat das Lokal genau in der Prime time, in der mehrere Dutzend Leute nach der Arbeit einen schnellen Absacker trinken wollten, wie das in den fast ausgestorbenen „Café de la gare“ hierzulande immer war. Nur dass heute nur noch ein kleiner Teil der Gäste die 50 Meter vom Bahnhof her kommt. Fast alle standen an der Theke, in gepflegte Unterhaltungen vertieft – in Letzebuergisch ebenso wie in Deutsch oder Englisch – und viel lachend. Nur eine Frau hatte schon etwas über den Durst getrunken: „Ich lach mich kaputt!“ wiederholte sie mehrmals. Insgesamt eine sehr gemütliche Atmosphäre: Das scheint hier die „gute Stube“ des Dorfes zu sein.

Café de la gare_Munsbach © Ekkehart Schmidt

Café de la gare_Munsbach © Ekkehart Schmidt

Café de la gare_Munsbach © Ekkehart Schmidt

Café de la gare_Munsbach © Ekkehart Schmidt

Die Sessel waren keine Vintage-Sessel, sondern schienen schon immer hier gestanden zu haben, wirkten aber nicht altbacken. Überall im Lokal verteilt finden sich ferner uralte Krüge, Waagen, Bügeleisen, Radios, Waffeleisen, Kerzenständer und sogar Grubenlampen. Und die Stapel roter Bücher auf der Fensterbank? Das waren gebundene Ausgaben der in den 1970er-Jahren erschienenen französischen Zeitschrift „La dernière guerre“, in der viele Detail- und Sonderthemen aus dem 2. Weltkrieg behandelt wurden, ohne besonders militaristisch zu sein.

Café de la gare_Munsbach © Ekkehart Schmidt

Café de la gare_Munsbach © Ekkehart Schmidt

Café de la gare_Munsbach © Ekkehart Schmidt

Ich erklärte Mex (so heißt der ‚Wirt wohl), was ich mache (interessiert an authentischen Café und Kneipen, von denen es kaum noch welche gibt) und war überrascht, dass er das gleich verstand und nicht nur akzeptierte, sondern mir auch sofort anbot, ich könne gerne auch einmal nach hinten kommen.

Weia. Etwas warnte mich instinktiv. Nach hinten kommen? Und eine Abreibung bekommen? Aber ich spürte auch, dass er stolz auf sein Lokal war und mir mehr (zum fotografieren) zeigen wollte. Und so war es dann auch. Hinten vom Flur ging es neben den Toiletten noch zu zwei Räumen, von denen ich nicht ahnte, um was es sich handelte. An einem hing ein Schild „Chapepompel Team“, am anderen „Oxford Street“. Die Räume entpuppten sich als eine Kegelbahn und eine halb offener Raucherraum mit sehr schönen alten Gemälden und sonstigen Sammlerstücken. Da haben wir dann erstmal eine geraucht und Visitenkarten ausgetauscht. 2013 hat er mit seiner Frau das Lokal übernommen und im Oktober 2014 saniert. Und nicht weit entfernt in Contern betreibe er mit der Conterstuff noch ein ähnliches Lokal, sagte er. Ich glaube aber nach Ansicht derer Homepage, dass er nicht verstanden hat, was ich meine: dort scheint nur etwas pseudo-authentisches reproduziert worden zu sein. Von der Geschichte des Munsbacher Hauses wussten sie leider nicht zu viel, wohl aber, dass das hier früher ein Tante Emma Laden plus Kneipe war, so ähnlich, wie ich das im Café de la poste in Vianden gesehen hatte.

Er gab mir einen Freibrief, überall zu fotografieren, ich musste aber in 10 Minuten auf meinen Zug zurück und war daher nur noch scharf darauf, ein Foto von der Kegelbahn zu machen, an der gerade die Pensionäre von Luxair saßen. Er ging mit mir rüber, erklärte das den Spielern – einer hatte kurz die Bahn zu räumen – und dann ging es, nach einem schnellen Klick ohne den Blick für Details, ab zum Bahnhof. In der Gewissheit, nochmal in Ruhe wieder zu kommen. Obwohl auf der ungewöhnlich gut gestalteten Homepage genug ausgezeichneter Fotos zu finden sind, unter anderem eins des Teams, das zu übernehmenn ich mir hier erlaubt habe.

Café de la gare_Munsbach © Ekkehart Schmidt

Café de la gare Munsbach

Was hier gelungen zu sein scheint, ist etwas, für das ich noch kein anderes Beispiel gefunden habe: Eine altmodische Dorfkneipe optisch im Wesentlichen so zu bewahren wie sie ist und gerade dadurch das sehr aktuelle Bedürfnis überhaupt nicht dörflich-altmodischer Kunden nach Authentizität zu befriedigen. So ähnlich, wie es im Zeitalter digital abrufbarer Musik immer mehr Vinyl-Liebhaber gibt. Cool das!

Zu den Öffnungszeiten: „Mir si Méindes vun 17.00 – 01.00 an de Rescht vun der Woch vun 15.00 – 1.00 fir iech do!“

Adresse: 197 Rue Principale, 5366 Munsbach, Luxemburg, Tel.: +352 27 40 20 40, info.cafedelagare@gmail.com, Homepage

Café de la gare_Munsbach © Ekkehart Schmidt

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