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Hotel Rye_Kopenhagen

November 20, 2017

Wenn eine hippe Stadt fast nur noch Hostels und Boutique-Hotels im Angebot hat, versuche ich etwas dazwischen zu finden, ein Traditionshaus ohne Styling und Marketingstrategie. Klingt altbacken, aber ich fühle mich da wohler. Das Hotel Rye hat mich für meine berufliche Reise nach Kopenhagen im Oktober durch die unprätentiöse Form der Eigenwerbung gleich angesprochen und ich habe es gebucht, obwohl es etwas abseits liegt.

Es war dann zwar doch fast wie ein Hostel, weil es in zwei umgebauten ehemaligen Wohnungen in zwei Etagen eines Altbaus im Wesentlichen aus einem langen, extrem engen Flur im 2. Stock mit gerade einem Dutzend kleinen Einzel- und Doppelzimmern rechts und links bestand, aber dieser doch in einem gesunden Verhältnis zum Frühstücks- und Aufenthaltsraum im 1. Stock stand. In den folgenden drei Nächten habe ich Hostels erlebt, in dem dieses Verhältnis nicht bei 1:1, sondern bei 5:1 oder 30:1 lag. Maximale Raumausnutzung mit extremer Anonymität also, wobei in der Vermarktung trotzdem die scheinbar coolen Begegnungsmöglichkeiten betonte.

Ich bin nach meinem Seminar bei der Merkur Bank per Leihrad nach mehreren Kilometern auf einer Art Fahrradautobahn entlang von vier aufeinander folgenden Seen am Sortedams Sø (=See) in einem ruhigen Viertel zur Parallelstraße abgebogen, fand das Haus und wurde von einer jungen Frau ausgesprochen nett in Empfang genommen und zum Zimmer geführt.  Das Hotel ist liebevoll in einem zurückhaltenden, aber witzigen Retro-Chic eingerichtet, durchaus spärlich, aber völlig ausreichend. Es liegt im Stadtteil Østerbro, in Kopenhagen auch einfach als Ø bekannt, der ein wenig eingeengt zwischen den Seen und einem der größten öffentlichen Parks in Dänemark liegt, in dem sich auch das Nationalstadion befindet. Die Straße bildet so etwas wie die Hauptachse dieses langgestreckten, aber schmalen Stadtteils, der ab 1870 von Anfang an als eher wohlhabendes Viertel entstanden ist. Jenseits der Grünanlagen beginnt das Viertel Nørrebro, das schon immer eher ein Arbeiterviertel war und heute für seine große Migrantencommunity bekannt ist. Eine optimal Lage, wenn man die Stadt erkunden möchte, es gleichzeitig aber auch etwas ruhiger haben will.

„Ryesgade?“ fragte mich Lars Phearson, CEO und Mitbegründer der Merkur Bank, am nächsten Morgen, nachdem ich seine Frage nach meinem Hotel beantwortet hatte. „I still remember the riots there.“ Aha! Er deutete an, dass es dort in den 1980ern heftige Auseinandersetzungen rund um Hausbesetzungen in der Straße gegeben hat, an die sich wohl nicht nur er erinnert. So ruhig und bürgerlich wie es mir schien, war das Viertel also zumindest nicht immer gewesen. Benannt ist die Straße nach Olaf Rye, einem Militär aus der Zeit der zweiten so genannten Schleswiger Kriegs (1849-50 und 1864), von denen ich noch nie gehört hatte. Bekannt wurde sie auch für die vielen Second Hand Läden, von denen manche noch überlebt haben. Bei den Ryesgade-Riots ging es 1983-1986 vor allem um ein Haus in Nr. 58, also etwas weiter weg von der Hausnummer 115 meines Hotels. Ob das Gemälde im Frühstücksraum aus der Zeit stammt?

Hotel Rye_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Hotel Rye_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Hotel Rye_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Hotel Rye_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Das Geschäft namens „Hugo“, rechterhand des Eingangs, existiert jedenfalls noch, es ist ein Verkaufsladen eines Künstlers, der mit Backsteinen experimentiert. Und linkerhand auch ein Second Hand Laden einer karitativen Vereinigung. Das Fahrradgeschäft besteht jedoch nicht mehr. Man kann aber hier, wie in offenbar sehr vielen Hostels und Hotels, sehr unkompliziert Räder ausleihen (hier kostet das 125 Kronen am Tag). Faszinierend fand ich über dem üblichen Arrangement von Marmeladen, Tees, Müslibehältern und (jetzt leeren) Saftkrügen vor allem das Foto zweier Tennislegenden.

Aber das sind gar nicht die echten Björn Borg und John McEnroe, sondern die Schauspieler Shia LaBeouf (McEnroe) und Sverrir Gudnason (Björn Borg) vom Film „Borg/McEnroe“ von Janus Metz (Dänemark, Schweden, Finnland 2017), der wirklich ein besonders guter Sportfilm zu sein scheint. Zwei Temperamente und zwei völlig unterschiedliche Spielphilosophien, die da aufeinander treffen. Die Tenniswelt in Wimbledon 1980 freute sich auf ein Aufeinandertreffen der beiden  – im Finale. Der sachliche schwedische Grundlinienspieler Borg, der Wimbledon schon 4 mal gewonnen hatte, würde auf den New Yorker McEnroe treffen, einem streitsüchtigen und aufbrausenden Charakter, der immer den sofortigen Weg zum Netz sucht. Der Film zeigt aber auch die Vorgeschichte, den mühsamen Weg zum Spitzensportler mit Verzicht auf Kindheit und Jugend und beständigem Kampf gegen die Erwartungshaltung von Eltern, Trainerstab und Fans.

Hotel Rye_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Ich erwähne das deshalb ausführlich, weil ich damals als 16-jähriger durch Björn Borg (und ABBA) plötzlich auf die Existenz von Schweden aufmerksam wurde. Und weil ich irgendwann zwischen 1978 und 1981 einmal selber ein Tennis-Match gegen John McEnroe gewonnen habe. Ja wirklich. Als Autogrammjäger war ich eines Freitag-abends wieder einmal im Hotel Crest im Kölner Stadtwald (heute Leonardo Royal Hotel), hatte mich eingeschlichen, um Autogramme einer Bundesligemannschaft zu ergattern, die am Samstag gegen den 1. FC Köln spielen würde. Zufällig gab es zeitgleich ein Tennisturnier und John McEnroe übernachtete im gleichen Hotel. Ich erkannte ihn und stellte mich neben ihn, während er mit einem Mann ein Computerspiel spielte. Sie saßen beidseits eines Bildschirms, der in einen kleinen Tisch eingebaut war. Als der andere Mann wegen einer Unterbrechung aufhören mußte, wurde ich von John McEnroe spontan gefragt, ob ich einspringen wolle. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, ob ich das Spiel dann tatsächlich gewonnen habe oder mir nur dachte: Wie cool wäre das denn, wenn ich jetzt gegen McEnroe gewinnen würde! Langer Rede…: Ich fühlte mich gleich gut aufgehoben hier. Zum Frühstück schnell noch: Es hieß, es sei zwischen 90 und 100% bio. Gut war es tatsächlich, vor allem durch die frisch (auf)gebackenen Brötchen. Aber ob die Eier und der Saft wirklich bio waren? Ich war etwas skeptisch.

Hotel Rye_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Hotel Rye_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

2015 hat es hier einen Besitzerwechsel gegeben. seit wann das Hotel existiert, konnte ich aber nicht herausfinden. Die Zimmer hatten kein Bad, man hatte zwei Gemeinschaftsbäder mit Dusche und WC im Flur zu nutzen, aber das war OK, weil kein Hochbetrieb war und alles sauber war.

Hotel Rye_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Hotel Rye_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Hotel Rye_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Mein Zimmer hatte durch einen uralten Sessel und zwei auf die Wand gemalte illusionionistische Gemälde einen sehr individuellen Charme. Als sehr nett empfand ich, dass neben Handtüchern auch Bademäntel und Puschen bereit stehen.

Hotel Rye_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

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Hotel Rye_Kopenhagen (c) Ekkehart Schmidt

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Der Rest der Einrichtung war eher klassisch modern, sauber und bequem wie in einem Business-Hotel. So weit ich das von meinen wenigen Begegnungen mit anderen Gästen beurteilen kann, übernachten hier auch eher Leute mit besseren finanziellen Möglichkeiten. Mir begegneten zwei deutsche Paare und eine Japanerin

Hotel Rye_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Hotel Rye_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Hotel Rye_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Hotel Rye_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Den Balkon vor dem Aufenthaltsraum zum Entspannen und Rauchen hab ich nur einmal nach dem Frühstück genutzt. Meine nächsten zwei Nächte verbrachte ich im Urban Hostel, das mit etwa 30 Euro im Achterzimmer nur ein Drittel des Einzelzimmerpreises des Hotel Rye kostete. In dieser hippen und teuren Stadt hat halt jeder so seine individuelle Wahl zu treffen.

Hotel Rye_Kopenhagen © Ekkehart Schmidt

Adresse: Ryesgade 115, Kopenhagen/ Dänemark, Tel.: +45 35 26 52 10, Handy: +45 21 30 72 80, Homepage

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  1. Verpasste Cafés in Kopenhagen | akihart

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