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Resafa – eine syrische Wüstenstadt

November 17, 2017

ERINNERUNGEN AN SYRIEN, Samstag, 19. März 1988

Unterwegs zwischen Deir-ez-Zor und Aleppo hatte ich den etwa gleichaltrigen Studenten Gerd kennen gelernt. Wir fuhren zusammen nach ar-Raqqa (Rakka). Ich habe vergessen, woher er kam und wohin er wollte. Ich war per Anhalter durch Jugoslawien in die Türkei und per Bus in Quamishliye in Syrien eingereist, auf dem Weg nach Kairo. Nach dem Besuch der Ruinen von ar-Raqqa haben wir mittags erst einmal schnell noch „ein Felaffel in Brot gewickelt“ gegessen. Im Tagebuch beschrieb ich dann unsere Tour nach Resafa, einer unbewohnten Ruinenstadt:

„Wir wurden dabei ziemlich über’s Ohr gehauen und sind dann zum Busbahnhof. Ich mit allem Gepäck, weil’s nach Aleppo weiter gehen soll, Gerd ohne viel Kram, er bleibt noch eine Nacht hier. Wir kriegten gleich einen Bus für die erste Etappe bis zum Dorf Al Mansura, 30 km von hier, der aber eine Stunde brauchte (2 Militärkontrollen). Das gibt ’ne ganz schöne Expedition heute: 25 km geht’s in die Steppe, wer weiß, ob wir, wenn wir da jemals hinkommen, heute auch wieder ’nen Lift zurück kriegen? Da liegen nur ein paar Winzdörfer, ein paar noch dahinter in Richtung Palmyra. Ein Bus fährt natürlich nicht. Wir kriegten aber mit viel Glück gleich einen Lift hinten auf ’nem Pick-up-Truck, auf dem schon fünf Beduinen saßen. Wir gurkten aber noch was rum, nahmen noch drei Passagiere mit und saßen nun absolut gequetscht zu zehnt auf 3 x 3 Metern. Ich auf der Kante, immer in Angst, bei ’nem Schlagloch ’ne Rolle rückwärts zu machen. Machte aber total Spaß: ‚Ne richtig gute Aktion. Gerd mir gegenüber. Eine echte Knochentour raus in eine ewig weite grüne Ebene, nur zwei Mal unterwegs ein Dörflein. 

 

Resafa - eine syrische Wüstenstadt © Ekkehart Schmidt

Resafa - eine syrische Wüstenstadt © Ekkehart Schmidt

„3 km vor Resafa dann ein Polizeiposten, der uns erstmal zu ’nem Maté einlud, diesem argentinischen Zeugs, das man aus einem eisernen Strohhalm trinkt. Was haben die Leute für eine Ruhe! Unser ‚Taxi‘ mußte natürlich warten, bis wir den Tee fertig hatten. Dann kamen die riesigen Mauern der Ruinenstadt auf uns zu, mitten in der absolut saftig grünen Ebene, die ich im Sommer sicher als Wüste gesehen hätte. Ein riesiges Viereck von so 500 x 400 Metern, mit fast vollständig erhaltener Stadtmauer.“ (Leider habe ich nur Fotos von innen gemacht)

Resafa - eine syrische Wüstenstadt © Ekkehart Schmidt

„Zuerst war die Stadt im 5. Jahrhundert Pilgerziel (der Märtyrer Sergios starb hier), dann wurde daraus ein Bistum, das ummauert wurde (unter Kaiser Justinian). Nach den Mongolenstürmen im 13. Jahrhundert wurde die Stadt aufgegeben und liegt seitdem wie Palmyra als Geisterstadt in der ‚Wüste‘. Wirkte super. Gerd machte noch Witze: Jetzt müssten da zwei Touristenbusse stehen… – was man sich absolut nicht hätte vorstellen können, so einsam lag das hier und so schön war die Anfahrt auf die Mauern zu. Doch was sah ich? Genau zwei Touristenbusse, eindeutig! Wir wurden rausgelassen, hatten übrigens reichliche 30 syrische Pfund (zu zweit) gezahlt und latschten auf die Busse zu: Studiosus Reisen München, modern und deutsch, aber mit syrischem Kennzeichen. Irgendwie hatte ich total Bock, die zu treffen und mir das anzuschauen. Am Bus warteten nur die beiden Fahrer. Wir sind quer durch’s Ruinenfeld und trafen ’ne 20er-Gruppe Deutscher zwischen 40 und 60, nur der Führer war ein jüngerer, sicher ehemaliger oder noch Student der Kunstgeschichte. Die Leute sahen aus, wie erwartet, in T-Shirts (weiß) und mit Kamera vor’m Bauch, aber doch nicht so Vadder und Mudder aus Wanne-Eickel, eher wie Lehrer und schon interessierte Leute, sonst wären sie sicher auch nicht in Syrien. Machte Spaß, locker und versifft vorbei zu schlendern, mit Schlafsack und Ziegenledersack, ‚Grüß Gott‘ zu wünschen und uns dann, ohne dass man groß aufeinander einging (schade) auf’s Südtor zu setzen und erstmal über die Anlage zu schauen.“

Es gab übrigens nur ein Schild mit dem Namen des Ortes, aber keinerlei sonstige Infrastruktur, etwa ein Kassenhäuschen oder Ähnliches.

Resafa - eine syrische Wüstenstadt © Ekkehart Schmidt

Resafa - eine syrische Wüstenstadt © Ekkehart Schmidt

„Ich wusste gleich, dass sich dieser Ausflug echt absolut gelohnt hatte. Das ganze Gelände ist grün, überall wachsen gelbe und blaue Blumen in einer Hubbellandschaft mit 1000 ‚Kratern‘, wie in Van in der Ost-Türkei. Das meiste innen ist zerstört, nur noch zwei Basiliken, ein ‚Zentralbau‘ und die Eingänge zu einer riesigen Zisterne stehen ziemlich gut erhalten in der Landschaft – alles aus einem sehr schön zum Grün und all dem Weiß des Himmels kontrastierenden Silbergrau. Das passendste wäre jetzt ein schwarzer Himmel, aber nach Regen sieht es auch so schon aus.

Gerd erklärte mir, wieso aus den alten Gipssteinen jetzt Kristallbrocken, die wie Quartz aussahen, geworden sind, die langsam zerbröseln: Wenn der Gips fest wird, ist er völlig faserig, weil er schneller erstarrt, als sich die Teile regelmäßig ordnen können. Die energetisch günstigste Struktur ist aber die regelmäßige. Der Stein versucht sich so umzulegen, er verliert die Faserung und wird zu einem regelmäßigen Kristall, das dann zerbröselt – in 1000 Jahren natürlich erst. Das gleiche hatte ich in Dura Europos schon gesehen.

Wir legten uns erstmal in die Wiese auf dem Stadttor und schauten eine halbe Stunde lang herum. Bald war die Tourigruppe weg, mit denen ich dann irgendwie doch Mitleid hatte, oder besser gesagt: mich schämte, weil ich doch auf sie ‚runtergeschaut hatte und glaubte, ich wäre was besseres. Trotz Klischeebestätigung fand ich’s doch OK, dass und wie (nämlich sicher recht anspruchsvoll) die hier herumreisen, auch wenn sie heute von Aleppo gekommen sind, dann noch Hallabiye sehen werden und vielleicht noch ganz schön was weiter fahren, vielleicht sogar noch bis Palmyra. Jetzt, wo wir ganz alleine hier waren (der Beduinenpapa, der vorhin mit ‚echt antiken Münzen‘ angerannt kam, ist auch schon wieder weg, hat uns nicht gesehen – Touristen ohne Autos kann’s ja nicht geben), genossen wir das richtig. Stöberten zwei Stunden herum, hatten viel Spass dabei und verstanden uns viel besser als anfangs, wo ich ihn etwas komisch fand. Nicht gerade ein ‚Yuppie‘, aber schon einer von den 20jährigen, die ich schon kaum mehr verstehe und ziemlich langweilig finde.

Ich fand das hier ähnlich schön wie mit (Freundin) Edith (1981) in Meteora, zumal es bald auch leicht zu nieseln und dann kräftig zu regnen begann, was aber absolut nicht störte. Das ist hier so richtig das erste Frühlingserlebnis – und wie komisch: eine ‚Wüstenstadt‘ im Frühling zu erleben. Mir kam das hier fast wie in Schottland vor, gerade weil bald auch echt schwarze Wolken kamen, es aber hell blieb und überall plötzlich Schafe herum rannten.“

Resafa - eine syrische Wüstenstadt © Ekkehart Schmidt

Resafa - eine syrische Wüstenstadt © Ekkehart Schmidt

Resafa - eine syrische Wüstenstadt © Ekkehart Schmidt

„Die Zisterne wirklich riesig, eine dreifach mit Säulenreihen unterteilte unterirdische Halle von je ca 50 x 15 Metern, in die wir von oben reinschauten. Von der so genanten ‚Basilika B‘ standen nur noch Reste vom Chor und des Fussbodens, durch die man sich das Gebäude aber gut vorstellen konnte. Toll dann die Basilika A, die Kathedrale, die bis auf’s Dach noch fast vollständig erhalten ist (Fotos oben). Wir mussten da regelrecht hinflüchten, weil’s wirklich stark zu regnen begann. Ganz komisch die Lichtverhältnisse, ziemlich helles Licht, trotz Wolken und Regen. Die Säulenreihen glänzten richtig , nass wirkt alles noch schöner. Die Kirche war wirklich das schönste hier, gerade die Säulen mit den Kapitellen vor der braunen Außenwand. Ich bin dann noch auf der Seite halb die Außenwand hoch geklettert und kriegte ’nen schönen Blick in’s Innere.

Wir sind dann noch zum Zentralbau, wo im einzigen großen stehen gebliebenen Bauteil noch eine Treppe neben dem Altar (?) hoch führte, dann aber einfach aufhörte. Ich hatte jetzt richtig Lust gekriegt, da mal außen hoch zu klettern. Zuerst in einer Ecke schwierig zwei bis drei Meter hoch, dann über einen Mauergrat und zum Treppenturm. Dort dann reichlich riskant außen so 10 Meter hoch, an 1 Meter dicken Mauerbrocken entlang und auf’s Dach. Schöner Blick, aber doch mit zittrigen Knien. Gerd erzählte unten auch schon dauernd von seinem Erste-Hilfe-Kurs und vom „Roten Halbmond“. Ich hatte zwar Spaß am Hochklettern, kriegte jetzt aber doch Schiss, hier oben die Nacht zu verbringen.

Ich bin dann die völlig unbenutzte (vielleicht seit Jahrhunderten nur ab und zu von Narren wie mir) Treppe runter in den 1. Stock und hangelte mich von der offenen Tür in’s Nichts um die Ecke hoch auf die fetten Mauersteine. Von da ging’s dann gut runter. Was war ich froh!

Im strömenden Regen sind wir dann noch durch das sehr schöne Nordtor, das von innerhalb der Stadt unscheinbar wirkte, innen aber einen großen Hof und sehr schöne Säulenbögen hatte. Insgesamt sind es drei Tordurchgänge, der mittlere am größten. Ein äußerer Torvorbau ist in der Mitte eingestürzt. Draußen vor der Stadt sind wir noch an ’nem isolierten Bau vorbei und dann quer über ein Feld zur Asphaltstraße. Jetzt kommt Teil 3 der Aktion. Ein Trecker fuhr die Straße entlang, wir waren noch zu weit weg und winkten nicht. Hätten wir’s doch getan! Wir latschten jetzt fast ’ne Stunde durch den Regen, ich mit allem Gepäck, und nur Gegenverkehr kam. In Al Mansoura hatten wir einen Markt gesehen, von dem die Bauern jetzt wohl zurück kehrten. Aber wer sollte jetzt noch von ‚draußen‘ in der Steppe zur Hauptstraße am Euphrat fahren, wo ja auch nur Dörfer liegen? Niemand anscheinend. Wir latschten und latschten, war aber ganz lustig irgendwie, obwohl wir bald absolut durchtränkt waren. Unsere einzige Hoffnung war der Militärposten, bei dem zwei Soldatenkutschen standen, die uns zur Not vielleicht hätten zur Straße fahren können. Hätte mich nicht gewundert, wenn wir hätten in dem Winzdorf daneben würden pennen müssen.

Dann kam aber nach ’ner Ewigkeit ein Punkt aus der Richtung Resafa – ein Dreirad mit leerer Ladefläche, vorne ein Mann mit seinem Sohn, total eingemummelt. Was waren wir happy – 100 m von der Bullerei. Die winkten uns fröhlich, wir erst recht. Ziemlich langsam gings die letzten 20 km, die Leute aber echt in Ordnung. Ich schenkte dem Jungen eines meiner Feuerzeuge, der Mann stoppte dann und bot uns Arak aus ’nem 2-Liter-Benzinkanister an. Super. Ein toller Tag, den ich sicher nie vergessen werde, gerade auchweil wir zu zweit waren. Die Regenaktion alleine? (…)

Wir machten nochmal Zigarettenpause und versägten einen Trecker, unsere Kiste brummte und schnurrte wie ein Wasweißichmirfälltgeradenixein. Ziemlich verfroren warteten wir dann an der Hauptstraße auf ’nen Bus, mussten stehen und waren gegen 18 Uhr in Rakka. Dort erwartete uns leider gleich der Quälgeist, den Gerd nicht los wird.“

Zum Weiterlesen: Wikipedia-Artikel „Resafa

Resafa – eine syrische Wüstenstadt © Ekkehart Schmidt

From → Reisen, Syrien

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