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Grand Kredens_Warschau

November 13, 2017

Die Idee war ja schön, aber ich habe mich dann doch nur besch… gefühlt. Sorry für die Ausdrucksweise. Aber so empfand ich meinen Aufenthalt von viereinhalb Stunden in Warschau, der eine Zwischenlandung auf dem Rückweg von Kopenhagen war: Statt den preiswerten Flug mit zwei Stunden Aufenthalt (was im Transitbereich sehr öde gewesen wäre) zu nehmen, fand ich die Idee faszinierend, ein halbes Jahr nach meinem ersten längeren Aufenthalt in der polnischen Hauptstadt, die Variante eines vierstündigen Transitaufenthalts zum gleichen Preis zu wählen und dann aber vom Flughafen schnell per S-Bahn in den stark vom sozialistischen Wohnungsbau geprägten Stadtteil „MDM“ südlich des Kulturpalasts zu fahren, dort zu Mittag zu essen und etwas herum zu laufen. Das hatte ich schon einmal bei einem Flug nach Manila mit einem verlängerten Transit in Doha/Qatar gemacht.

Ich kam zwar sehr schnell aus dem Flughafen raus, erwischte auch direkt eine S-Bahn und war nach kaum einmal 20 Minuten an der Station „Ochota“, aber dann fand ich eben doch erst nach einigem Herumlaufen das im Reiseführer empfohlene Lokal, das doch an der extrem unwirtlich-lärmigen Hauptstraße Av. Jerozolimskie und nicht im hinteren Bereich zwischen den Wohnblocks nördlich der großen Trinkwasserfilteranlage lag, wie auf der Karte verzeichnet. Mitten in einem Viertel sozialistischen Wohnungsbaus eine faszinierend grün umrankte Oase.

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

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Irgendwie tickte aber gleich unangenehm die Uhr, nachdem ich bestellt hatte. Und sofort glaubte ich deshalb, herum laufen zu müssen, um die unterschiedlich gestalteten Teilbereiche dieses arg zwischen Kitsch und Echtheit polnischer Restaurantkultur schwankenden Lokals zu fotografieren. Genießen geht anders. Dieses unangenehme Gefühl entstand vor allem, weil ich mir eingestehen musste, das Lokal vor allem deshalb aufgesucht zu haben, um einen Blogtext zu schreiben. Aber auch weil ich – völlig gegen meine Überzeugungen – ein extrem unökologisch-fleischlastiges Gericht bestellte, weil das am schnellsten ging. Dazu eine ungewöhnlich leckere handgemachte Zitronenlimo.

Aber tatsächlich war schon das Äußere – ein dornröschenhaft zugewachsenes Lokal in grauer Hochhaus-Umgebung an der Hauptstraße – sehr ungewöhnlich und fotografisch keine große Herausforderung. Man kommt dann durch einen holzvertäfelten Garderoben-Vorraum in eine weite Gaststube, von der aus der Blick in ein halbes Dutzend weiterer Räume und Ecken geht. Auf den ersten Blick wirkt der Hauptraum wie ein Restaurant bei IKEA oder einer Hotelkette. Aber dann geht man auf Entdeckungstour in diesem Lokal, dessen Namen übersetzt „Großer Speiseschrank“ bedeutet…

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

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Betritt man die Schwelle zu einem Nebenraum, wechselt die Szenerie unmerklich, oder auch abrupt: Man findet sich plötzlich in einer Bar oder einem Wohnzimmer wieder. Die Inneneinrichtung mag für manchen Westler generell viel zu kitschig sein, „aber die meisten Besucher scheinen sich in diesem von ungewöhnlichen Einfällen nur so überquellenden Restaurant wohl zu fühlen“, heißt es im Warschau-Reiseführer des Michael Müller Verlags, wobei wohl Einheimische gemeint waren. Es war der folgende Satz, der mich dazu brachte, bei einer großen Auswahl interessanter Lokale in diesem Stadtteil genau dieses zu wählen: „Es gibt wohl kaum ein Plätzchen, in dem das Warschau der Vorkriegszeit so zu spüren ist“. Die Betreiber wollten allerdings nicht nur die Atmosphäre von Wohnzimmern längst vergangener gutbürgerlicher Warschauer Häuser nachbilden, sondern haben das gemischt mit den Reminiszenzen an die Straßen von Paris, irischen Tavernen und sogar saarländischen Spelunken mit Maggi-Schildern. Auch die Toilette scheint sehr besuchenswert zu sein, aber diesen Tipp hab ich dann blöderweise vergessen.

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

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Mir kam eine Begriffskopplung in den Sinn, die widersprüchlich wirkt, aber hier passt: eklektizistische Authentizität. Ich meine damit, dass hier viele Ecken in einer Weise passend stilistisch jeweils für sich so authentisch polnisch eingerichtet sind, dass man sich in ihnen fast echt in einem solchen Lokal oder einer guten Stube fühlen kann, würde man nicht direkt nebenan eine ganz anders eingerichtete Ecke sehen oder wenigstens von ihr wissen. Es ist also kein purer Eklektizismus, weil jede stilistisch andere Ecke in sich einheitlich und nicht durchmischt ist. Was ich in jedem anderen Ort als zu disneyworldlike empfunden hätte, ist in Warschau angemessen: schließlich ist die Stadt von den Nazis fast dem Erdboden gleich gemacht worden, inklusive der typischen Interieurs. Dies in einer modernen Umgebung (in der Altstadt hat man alles originalgetreu wieder aufgebaut) derart wieder auferstehen zu lassen, ist also legitim. Zumal man durch die modern gestaltete Decke und die Beleuchtung klar signalisiert bekommt, dass diese Ecken eingebaut sind. In der Altstadt gibt es mit dem Restaurant „Galeria Fletu“ übrigens ein Pendant, das aber mit seinen Original-Interieurs eher das Polen der Nachkriegszeit aufleben lässt. Beide sind so etwas wie Heimatmuseen, in denen man gut speisen kann.

Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

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Grand Kredens_Warschau © Ekkehart Schmidt

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Im Nachhinein, einen Monat nach meinem Besuch und nach Reflektieren über das Lokal, fühle ich mich besser: Das Fotografieren an sich war OK, in dieser Umgebung machen das sicher viele, auch Einheimische. Unangenehm in Erinnerung bleibt eher diese Hast. Aber das erlebe ich bei meinen Kaffeehausstudien auch öfters, weil eben meistens doch nur eine Stunde Zeit ist und ich die Lokale selten mehr als ein bis drei Mal besuche. Wirklich übel war es diesbezüglich allerdings beim Besuch des Café Filtry, in dem ich anschließend einen Espresso trank…

Adresse: Al. Jerozolimskie 111, Tel. 22-6298008, http://www.kredens.com.pl

Verwendete Quelle: Szurrmant, Jan/ Niedzielska-Szurmant, Magdalena: Warschau, Michael Müller Verlag, 3. kompl. überarb. und aktual. Auflage, Erlangen 2015, S. 202

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  1. Café Filtry_Warschau | akihart

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