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Café Filtry_Warschau

November 12, 2017

Café Filtry_Warschau © Ekkehart Schmidt

Wohin bei zwei Stunden in Warschau? Mehr hatte ich nicht. Das ist für eine Transitsituation viel und wenig Zeit zugleich. Eigentlich vier Stunden am 15. Oktober ab Landung von Kopenhagen kommend bis zum Weiterflug nach Frankfurt, wie ich mir das absichtlich gebucht hatte, statt die Variante eines kurzen Zwischenstopps zu nehmen, nachdem ich im Mai schon einmal in der polnischen Hauptstadt war. Rechtfertigen konnte ich das bei meiner beruflichen Reise durchaus, weil das die preisgünstigste Lösung war. Ein besonderes Café natürlich. Aber auch zu Mittag essen. Ich bin also vom Chopin-Flughafen erst zum Restaurant Grand Kredens an der Station Warszawa Ochota, 800 m westlich vom Kulturpalast. Von dort wollte ich in das authentisch erhaltene Viertel sozialistischen Wohnungsbaus MDM. Nach ein paar hundert Metern Fußweg durch ein unspektakuläres Krankenhaus-Viertel parallel zu den berühmten Lindley-Wasseraufbereitungsanlagen wurde mir klar: Nee, vergiss es. Du kannst jetzt nur noch hier in der Umgebung etwas suchen, dann musst du zurück zur S-Bahn in Richtung Flughafen, willst du nicht einen verpassten Flug riskieren.

Kehrtwende also, nach Check meiner vorher gefertigten Skizze möglicherweise interessanter Cafés und Gebäude: ab zum Café Filtry. Unterwegs verstand ich, worauf der Name Bezug nimmt: Die „Filtry Lindleya“, die sich hinter den roten Ziegelsteinmauern versteckten, an denen ich endlos entlang lief, bilden das historische Wasserwerk der Stadt, das bald in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen werden soll. Erbaut wurde es vom Engländer William Lindley, einem Pionier der Stadtinfrastrukturplanung. Nachdem er schon in Hamburg, Leipzig, Düsseldorf und Frankfurt moderne Wasserversorgungssysteme installiert hatte, führte sein Sohn ab 1863 die Arbeiten in Warschau aus – das Ergebnis war  schon ab 1836 schmeckbar. Klingt banal, aber ohne gute Wasserwerke gibt es auch keine guten Espresso.

Café Filtry_Warschau © Ekkehart Schmidt

Café Filtry_Warschau © Ekkehart Schmidt

Nach vielen hundert Metern ohne jegliches Geschäft oder Lokal, kam ich endlich an die Einmündung der Ulica Niemcewicza in die Ulica Raszynska, entdeckte hinter einem Werbeplakat endlich das Café, verfluchte aber mit Blick auf die Uhr zugleich meine illusionäre Reiseplanung: Mir bleiben 10, vielleicht 15 Minuten. Dann musst du zurück zur S-Bahn, jedenfalls wenn Du etwas über eine Stunde vor dem Boarding wieder einchecken willst. Schade. Dieser Ort ist wirklich perfekt zum Entspannen. „Jugendlich süß eingerichtetes Lokal mit persönlicher Note und sehr guten Kaffeemischungen. Man kann in Bildbänden und Büchern blättern, mit den sympathischen Besitzern klönen oder am Grünstreifen vorm Eingang auf einem der Hocker (im Hernst) oder Liegestühle (im Sommer) entspannen. Lecker die selbst gemachten Kuchen und das Frühstück“, hieß es in meinem Reiseführer.

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Café Filtry_Warschau © Ekkehart Schmidt

Café Filtry_Warschau © Ekkehart Schmidt

Café Filtry_Warschau © Ekkehart Schmidt

Ich fühlte mich zwar gleich wohl, aber – angesichts meiner Zeitnot – nicht schnell genug beachtet von den zwei coolen Mädels und einem Typen hinter der Theke, die ihre zu bearbeitenden Bestellungen sehr gründlich bearbeiteten, ohne meine Ankunft wahr zu nehmen. Links neben der dominanten Theke bot ein schmaler Schlauch mit Spiegeln noch ein paar Tische an einer langen Bank. Zwei eher aufgebretzelte Paare saßen da, während vorne studentisches Publikum ins Gespräch vertieft war. Das Zentrum war für mich aber mein Sitzplatz am Fenster mit all dem im Rücken und einem Blick hinaus in einen beginnenden Herbst.

Café Filtry_Warschau © Ekkehart Schmidt

Café Filtry_Warschau (c) Ekkehart schmidt

Café Filtry_Warschau © Ekkehart Schmidt

Café Filtry_Warschau © Ekkehart Schmidt

Mein Espresso kam, ich haute ihn runter, nur darauf konzentriert, heimlich wenigstens ein paar gute Fotos zu machen. Letztlich habe ich mich selbst gedemütigt in dieser fast zwanghaften Aktion, ein Café nur deswegen aufzusuchen, um es zu fotografieren. Aber es hat sich doch gelohnt: Ich habe hier ein anderes Warschau als das in Praga erlebt, eins, das frappierend westlich wirkte in einem gutbürgerlich-studentischen Wohnviertel fernab von touristischem Einfluss.

Café Filtry_Warschau © Ekkehart Schmidt

Adresse: Ul. Niemcewicza 3, Tel. 507-815204, http://www.filtrcafe.pl

Verwendete Quelle: Szurmant, Jan/ Niedzielska-Szurmant, Magdalena: Warschau, Reiseführer, Michael Müller Verlag, Erlangen, 3. Aufl. 2015, S. 197

Café Filtry_Warschau © Ekkehart Schmidt

From → Cafés, Warschau

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