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Epicerie Am Duerf_Schrondweiler

November 7, 2017

Wie in fast allen kleinen Kommunen in Luxemburg, gab es auch in Nommern jahrelang keine Geschäfte mehr. Doch das hat sich im Oktober 2013 überraschenderweise geändert: In Schrondweiler, eins der drei Dörfer der zwischen Colmar-Bierg und Larochette gelegenen Gemeinde Nommern, die so eben einmal 300 Bewohnerinnen und Bewohner zählt, gibt es nun wieder ein Lebensmittelgeschäft – aber nicht irgendeines, sondern ein Lokal mit Herz bzw. Häerz, das trotz veränderter Sozialstruktur anstrebt, auch wieder Kommunikationsmittelpunkt des Dorfes zu werden. Der Sinnspruch unter´m Dach des Hauses drückt dieses Ansinnen bestmöglich aus.

Epicerie Am Duerf_Schrondweiler © Ekkehart Schmidt

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Schon seit Mitte 2012 tat sich hier viel: Das Haus, eine ehemalige Kneipe, wurde aufwändig saniert. Mit wie viel Neugier und wohlwollendem Interesse die langwierigen, weil behutsamen Arbeiten beobachtet worden waren, zeigte sich im guten Besuch bei der Eröffnung. Albert Goedert und Nathalie Meiers (Foto oben) haben in Schrondweiler ein altes Gebäude erworben, das vom Abriss bedroht war, um es – im Inneren wie in der Außenansicht – mit viel Wert auf den Denkmalschutz vollständig zu renovieren. Dabei haben sie in ähnlicher Weise Wert auf Energieeffizienz, wie auf die Nutzung ökologischer Materialien gelegt.

Durch diese sozialen und ökologischen Aspekte des Projekts erhielt das Projekt einen zinsvergünstigten Kredit von etika, einem Verein der Sozialfinanz, und dessen Kooperationspartner, der luxemburgischen Spuerkeess. Als etika-Verantwortlicher für Öffentlichkeitsarbeit war ich nicht nur zur Eröffnung vor Ort, sondern kam bei Radtouren, die wir zu interessanten Projekten organisieren, noch zwei Mal zum Mittagessen vorbei. Insofern habe ich die Entwicklung dieses durchaus ziemlich mutigen, ja fast riskanten Projekts, gut beobachten können.

Epicerie Am Duerf_Schrondweiler © Ekkehart Schmidt

Epicerie Am Duerf_Schrondweiler © Ekkehart Schmidt

Epicerie Am Duerf_Schrondweiler © Ekkehart Schmidt

Epicerie Am Duerf_Schrondweiler © Ekkehart Schmidt

Anders als es die rostigen Stühle vermuten lassen könnten, sind die Epicerie, das Lokal und vor allem die Appartements in diesem edlen, aber dabei im Detail durchaus lässigen Vintage-Chic gehalten. Das Tante-Emma-Geschäft, das man durch den Haupteingang betritt, hat durch seine verwinkelte Ausdehnung auf drei Räume und den Blick in die Gaststube sehr viel Charme und lädt sofort und unwiderstehlich zu einer Entdeckungstour ein.

Epicerie Am Duerf_Schrondweiler © Ekkehart Schmidt

Epicerie Am Duerf_Schrondweiler © Ekkehart Schmidt

Epicerie Am Duerf_Schrondweiler © Ekkehart Schmidt

Epicerie Am Duerf_Schrondweiler © Ekkehart Schmidt

Eigentlich sollte das Haus, ein Café, dessen ältester Teil aus dem Jahr 1780 stammt, abgerissen und ein Wohnbau errichtet werden. Die Gemeinde aber entschied sich für das Projekt von Nathalie Meiers und ihrem Partner. Die ehemalige Kindergärtnerin hatte nach einer neuen Herausforderung gesucht, als sie sah, dass das alte Café leer stand. „Wir haben wenig verändert und vieles gerettet“, sagt sie: Alles, was das gemütliche Flair des Gebäudes ausmachte – der Holzboden, die Stuckdecken und die Eingangstür – blieben erhalten. Dazu wurden auf dem Flohmarkt alte Lampen und Möbel erstanden, die dem ehemaligen verstaubten Café wieder eine Seele einhauchten – natürlich nicht ohne eine sehr bewusste Prise Retro-Schick. Eine Cousine ihrer Mutter steuerte ein Radio von 1955 bei, das von einem Dorfbewohner repariert wurde. Dazu steht im ersten Stock ein Fernsehgerät von 1963. In der Toilette grüßt ein Originalfoto aus der Gründungszeit des Vorgängerlokals (oder der Vorfahren der Inhaber – leider habe ich das vergessen). Und in das Guckloch der Toilettentür wurde der Deckel eines alten Weck-Glases eingefügt.

Epicerie Am Duerf_Schrondweiler © Ekkehart Schmidt

Epicerie Am Duerf_Schrondweiler © Ekkehart Schmidt

Epicerie Am Duerf_Schrondweiler © Ekkehart Schmidt

Einmal instand gesetzt haben die beiden in diesem Gebäude am Dorfeingang auf zwei Etagen einen kleinen, verwinkelten Lebensmittelladen, eine Ferienwohnung und ein Appartment einrichtet. Ein kleines Dorfcafé, genannt « Kaffistouf », das an sechs Tagen die Woche geöffnet ist, komplettiert den „Tante-Emma-Laden“. Ziel ist, hieraus nicht nur einen Ort der Begegnung für das Dorf zu machen, der über keinen solchen mehr verfügt – beispielsweise für Vereinstreffen – sondern gewissermassen das Herz des Dorfes. In dem Lokal wurde schon im frühen 20. Jahrhundert ein Bistro betrieben, doch konnten sich dessen Nachfolgebetriebe zur Jahrtausendwende nicht halten. Nathalie Meiers wusste, dass sich eine Epicerie nur in Dörfern mit über 1200 Einwohnern rechnet. Sie musste sich also etwas ausdenken, um noch andere Einnahmequellen zu haben. Nicht nur die integrierte Kaffistouf, sondern etwas wirklich Multifunktionales.

Das Angebot ist nicht spezifisch bio und fair, wenngleich bei einem großen Teil der Waren auf Nachhaltigkeit geachtet wird. Viele stammen zumindest aus der Region: zum Beispiel der bekannte Téi vum Séi und Hunneg, frisches Brot, Kuchen und Wurstaufschnitt. „Manche Leute wollen das gar nicht oder lassen sich von ‚bio‘ abschrecken und kaufen eher Produkte, die konventionell aussehen“, erzählt Nathalie Meiers. Neben Lebensmitteln gibt es Kosmetik und auch das eine oder andere Kunsthandwerkliche. Die Preise sind etwas gehoben, für die dortigen Verhältnisse aber nicht überzogen. Ich habe für meinen Espresso 2,20 und für die Suppe 4,50 EUR gezahlt.

Das neue Konzept scheint erfolgreich zu sein: Unter dem Motto „Häerz wat begiers de!“ wird eine gute Mischung geboten: „Zopp & z’Iessen, Kaffi & Séisses, Wunnen & Feieren“ wurde weithin lesbar auf die Wand der Epicerie Am Duerf geschrieben. Ob aus dem Dorf ausreichend und regelmässig genug Gäste kommen, so dass hier auch ein Alltagstreffpunkt entsteht, bleibt abzuwarten. Ich kann das nicht beurteilen, weil ich immer nur am Wochenende hier war. Nathalie Meiers erzählt jedenfalls, dass sie vor allem wegen der frischen Backwaren kommen und dann noch anderes einkaufen. Die Zimmer des Appartements, die ähnlich originelle Tapeten aufweisen und ab 80 EUR die Nacht kosten, sind jedenfalls gut ausgelastet. Die Gäste kommen über Online-Buchungssysteme wie booking.com und auch airbnb. Oft sind es Touristen, sogar aus Japan oder den Philippinen, die in der urig-waldigen Felsenlandschaft des nahen Mullerthals wandern.

Epicerie Am Duerf_Schrondweiler © Ekkehart Schmidt

Epicerie Am Duerf_Schrondweiler © Ekkehart Schmidt

Epicerie Am Duerf_Schrondweiler © Ekkehart Schmidt

Als ich beim dritten Besuch im Juli 2017 das kleine Idyll mit Tischen und Stühlen unter einem Baum sah, wurde mir klar, dass der Traum der Inhaber tatsächlich in Erfüllung gegangen war. Oder zumindest eine erste positive Zwischenbilanz gezogen werden kann: Es ist nicht nur gelungen, das Haus stilvoll zu renovieren und das neue Lokal bei der Dorfbevölkerung zu etablieren, es ist auch ein nettes Ausflugslokal geworen. Nathalie Meiers erzählt offenherzig, dass es nicht einfach war, sie aber seit dem 4. Jahr auch Gewinne erzielen konnten. Nachdem sie den Betrieb ursprünglich mit vier Angestellten eröffnet hatte, sind es heute sechs. Ein wahres Kleinod ist entstanden, bei dem die Bewahrung der Tradition mit zeitgenössischen Ansprüchen kombiniert wurden. In gewisser Weise ein „Upcycling“ des Hauses und seiner Funktion.

Epicerie Am Duerf_Schrondweiler © Ekkehart Schmidt

Epicerie Am Duerf_Schrondweiler © Ekkehart Schmidt

Epicerie Am Duerf_Schrondweiler © Ekkehart Schmidt

Epicerie Am Duerf_Schrondweiler © Ekkehart Schmidt

Epicerie Am Duerf_Schrondweiler © Ekkehart Schmidt

Epicerie Am Duerf_Schrondweiler © Ekkehart Schmidt

Epicerie Am Duerf_Schrondweiler © Ekkehart Schmidt

Epicerie Am Duerf_Schrondweiler © Ekkehart Schmidt

Epicerie Am Duerf_Schrondweiler © Ekkehart Schmidt

Epicerie Am Duerf_Schrondweiler © Ekkehart Schmidt

Während unsere Radlergruppe im Juli nach dem Essen noch draußen saß, hab ich mich zum Fotografieren in die Gaststube neben das markante alte Radio zurück gezogen und mich wieder an der Tapete erfreut. Wer ähnlich fasziniert ist, wie ich: Sie stammt vom Taetengeschäft Reckinger in Esch/ Alzette, verriet Nathalie Meiers. Ich dachte in Bezug auf andere Gäste, ob aus Schrondweiler, Luxemburg, Tokio oder Manila: Langweilen werden sie sich hier nicht: Zur Not greift man in das Bücherregal und nimmt sich etwas zum Schmökern heraus. Die Kulturkommission der Gemeinde hat hier eine kleine Bibliothek eingerichtet: Da der Gemeinde die Räumlichkeiten für die Bücher fehlten, stellte Nathalie Meiers ihre Regale zur Verfügung.

„Die Bibliothek funktioniert nach einer Art offenem System. die Leute bringen uns ihre Bücher und leihen aus, was sie möchten“, erklärt sie. Das funktioniere sehr gut. Auf dem Dorf also genauso wie in der Stadt, wo man das ja mit den „Offenen Bücherregalen“ auch noch gar nicht so lange kennt. Montags finden hier Yogakurse statt, einmal im Monat wird ein Kurs in Klangmeditation angeboten. In regelmässigen Abständen finden hier Flohmärkte für Kinder und Erwachsene, eine Kirmes und Ähnliches statt. Für die Zukunft plant sie auch Lesungen und Konzerte. Der Veranstaltungsraum im ersten Stock, der durch eine verwinkelte Treppe erreicht wird, ist allerdings relativ klein.

Was übrigens nicht sichtbar wird: Hinter den alten Mauern verbirgt sich sehr moderne Technik. So wird die Abwärme der Kühlschränke an die Bodenheizung weitergeleitet. Das Gebäude wird zudem durch Photovoltaik-Anlagen geheizt, die auf dem Haus der beiden Investoren installiert sind. Nebenan befindet sich auch eine Tankstelle für Elektroautos. Das ist der nicht unerhebliche Anteil von Nathalie Meiers Partner Albert Goedert, einem der Pioniere im Passivhaus- und Biobau des Landes, den ich hier kaum erwähnt habe.

Adresse: 17, rue Principale, 9184 Schrondweiler/ Luxemburg, Tel.: 00352-2688321, nathalie@epicerie-am-duerf.lu, Homepage

Das Porträtfoto von Nathalie Meiers stammt von der Facebook-Seite der Epicerie. Das mit ihren Angestellten ist von Antoine Thiefels und entstand 2016 im Rahmen des Fotowettbewerbs etikamera. Siehe auch die Projektbeschreibung auf der Seite des Vereins etika

Epicerie Am Duerf_Schrondweiler © Ekkehart Schmidt

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