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Chicken House_Völklingen

November 5, 2017

Diese Tristesse der Völklinger Poststraße ist schon fast absolut. So entwickelt sich eine ehedem blühende Einkaufsstraße einer Mittelstadt, wenn man im Rahmen einer (ehedem sogar preisgekrönten) Innenstadtsanierung in den 1970er-Jahren mitten in den Altstadtkern einen monströs riesigen Discounter setzt, auch sonst die Verkaufsflächen immens erweitert und dann noch das Rathaus an den Stadtrand verlagert. Zugleich stand zentral der Kaufhof-Bau seit Anfang 2000 leer, ehe er Anfang des Jahres abgerissen wurde. Diese Fehler muß man heute durch einen erneuten Stadtumbau zu korrigieren versuchen.

Aber ich möchte hier kein billiges Völklingen-Bashing machen, sondern etwas Positives erzählen: Manche mögen das anders sehen, insbesondere die 12,5 Prozent NPD- und AfD-Wähler, aber objektiv kann man den türkischstämmigen Existenzgründern dankbar sein, dass sie mit ihren Lokalen und Supermärkten in die auch durch die Stahlkrise entstandenen Leerstandslücken gesprungen sind. Ohne sie wäre das innerstädtische Gewerbe vor allem in der Nahversorgung so gut wie tot.

Neben der Gastwirtschaft „Serhad Toprak“ bringt auch das frühere „Ali Baba Pizza Kebap Haus“ neben dem schon seit Anfang der 1960er-Jahre bestehenden (besser gesagt: überlebenden) Eiscafé Tiziani ein wenig Leben in die verkehrsberuhigte Straße, die früher eine der zwei Hauptwege durch die Stadt zum 200 Meter entfernten Bahnhof und den noch einmal 200 Meter dahinter emporragenden Hochöfen war. Wenn es auch etwas Überwindung kostete, weil ich mir an Allerheiligen auf dem Weg zur Urban Art Biennale im Weltkulturerbe mittags etwas Gutes gönnen wollte, ließ ich mich doch auf den grellbunt auf sich aufmerksam machenden Imbiss ein, der jetzt „Chicken House“ heißt. Ich bestellte, blieb aber erst noch draußen sitzen, um ein Gefühl für die Atmosphäre zu bekommen und entdeckte am Haus gegenüber eine sicherlich hundertjährige, griesgrämig hinüber blickende Dame.

Chicken House_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Chicken House_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Chicken House_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Chicken House_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Chicken House_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Chicken House_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Das Wort „Pide“ hatte mich angezogen: Auf diese Teigschiffchen, die ich Mitte der 1980er-Jahre im Osten der Türkei entdeckt hatte, habe ich immer Appetit. Ich bestellte eine vegetarische Variante mit Fritten (für 5,50 Euro) und bekam dann eine doch eher nach Pizza schmeckende, kaum würzige, also eingedeutschte Version. A propos: Im Vergleich zum Vorgängerlokal gefiel mir die einzige innen vorgenommene optische Änderung sehr gut: Rot-weiß-karierte Tischdecken, die dem doch recht schmalen Lokal etwas heimeliges geben, aber auch an typisch amerikanische Grills erinnern.

Chicken House_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Chicken House_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Chicken House_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Der große, mit Ledersofas umrahmte Tisch am Fenster ist natürlich ein perfekter Ort zum Beobachten der Passanten. Wenn denn mal jemand vorbei kommt. Also wird man eher über die Negativentwicklung der Innenstadt seit Schließung der Hütte 1986 nachdenken: Minus 8000 Einwohner seit 1974, eine nach wie vor hohe Arbeitslosenzahl, gravierende gestalterische Mängel der Häuser und ein seit langem bestehender Sanierungsstau, der die genannte Dame so griesgrämig gemacht hat. Die Ansiedlung der Migrantenbetriebe ist jedoch keineswegs ursächlich hierfür. Sie haben das Problem der Geschäftsaufgaben und Leerstände eher entschärft, als sie sich wegen der zentralen Lage trotz relativ hoher Miete vom entstandenen innerstädtischen Vakuum anziehen ließen (so jedenfalls meine Analyse, als ich 2007 die Innenstadt mit Blick auf Migranten untersucht habe).

Wenn man mit all diesen Problemen nichts am Hut hat, kann man sich freilich auch in die Abendstimmung am Leanderturm (Kız Kulesi) an der Mündung des Bosporus in das Marmarameer hineinträumen.

Chicken House_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Chicken House_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Chicken House_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Ich habe die Antwort des sehr netten jungen Mannes hinter der Theke leider nicht verstanden, als ich in Bezug auf ein anderes Lokal namens „Chicken House“ in Saarbrücken fragte, ob es sich hier um eine Filiale handelt. Nein. Offenbar hat der Inhaber des hiesigen Familienbetriebs das dortige Lokal kürzlich verkauft und ist dann hierher gewechselt, als ein neuer Pächter für das bisherige „Ali Baba Pizza Kebap Haus“ gesucht wurde. Das Logo mit dem lächelnden Hühnchen ist jedenfalls das selbe (nicht das gleiche), allerdings war es dort in Grün gehalten, während es nun Rot ist.

Adresse: Chicken House, Poststraße 25, 66333 Völklingen,Tel.: 06898-4000213, Öffnungszeiten: 11:00–23:00

Verwendete Quelle: isoplanCONSULT: Migranten in Völklingen. Eine sozioökonomische Bestandsaufnahme. Positionspapier für die Integrationsbeauftragte der Stadt Völklingen, Saarbrücken 2007

Chicken House_Völklingen © Ekkehart Schmidt

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