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Café de Paris_Tunis

November 4, 2017

Das „Café de Paris“ ist nicht wirklich das berühmteste Café von Tunis, zieht man die Vororte mit ein, fällt diese Ehre eindeutig dem „Café des Nattes“ in Sidi-Bou-Said zu. Dieses ist jedoch eine aus der Zeit gefallene Orient-Phantasie, die seit einem Jahrhundert Künstler und Touristen anzieht, die ihren Träumereien in der Realität begegnen möchten und dies hier auch geschäftstüchtig serviert bekommen. Was nicht heißt, dass das Lokal seine Authentizität verloren hätte. Zumindest abends hat es sich diese bewahrt, wenn die genannten Gäste wieder in ihre Hotels zurück gekehrt sind und die Einheimischen wieder zu ihrem Recht auf Ruhe kommen.

Schon im Baedeker von 1909 wird es erwähnt und hat also schon früh westliche Touristen in diesen sehr schonen Ort gezogen, unter anderem Maler wie August Macke, der es in einem Aquarell unsterblich gemacht hat. 1993 habe ich dort zwei abendliche Aufnahmen gemacht, welche die Situation nach Abzug der Touristen zeigt.

Café de Paris_Tunis © Ekkehart Schmidt

Café de Paris_Tunis © Ekkehart Schmidt

Ein anderes Kaffeehaus entdeckte ich etwas oberhalb, perfekt eingebettet in weiße Häuser mit Blick auf die Bucht.

Café de Paris_Tunis © Ekkehart Schmidt

Aktuelle, authentische tunesische Kaffeehauskultur habe ich bei meinen Besuchen 1993 und 2010 aber eher in der Innenstadt erlebt, vor allem in der Avenue Bourguiba (ehedem Avenue Jules Ferry). Der französische Dichter Alexandre Dumas schrieb 1846/47 noch über den Gestank der Kloake, den er bei seinen Promenaden außerhalb der Mauern der Medina in Richtung Meer erlebte. Dort, wo sich nach Entstehen der Neustadt heute die Avenue erstreckt. Er schrieb generell sehr spöttisch und abwertend über all das, wo Tunesien europäisch sein wollte – hätte er die Avenue ein Jahrhundert später erlebt, hätte er das sicher icht mehr getan.

Die Avenue, die den Namen von Habib Bourguiba trägt, dem ersten tunesischen Präsidenten nach der Unabhängigkeit, ist in Tunis wie in den meisten anderen Städten noch heute das Zentrum, Paris nachahmend, Symbol der Moderne. In ihrer Verlängerung zum Rand der Medina, heißt sie Avenue de France. Auch das nach wie vor, trotz Unabhängigkeit. Auf historischen Aufnahmen (einige frühe und einige spätere, aber noch vor dem Bau des Africa Hotels) sieht man das wunderbar. Und nicht zufällig heißt eins der mindestens acht Cafés dort „Café Champs-Elysées“. Hier stoßen unvermittelt die beiden Welten und Gesichter der Stadt aufeinander: die Altstadt und die nach Europa ausgerichtete Neustadt.

Gerhard Eckert schrieb 1983: „Die im 19. Jahrhundert von den Franzosen angelegte Straße ist die Mittelachse der neuen Stadt, regelmäßig angelegt und das Ergebnis sauberer Reißbrettarbeit von Stadtplanern. Kerzengerade zeigt sie vom Meer mit der Straße nach Karthago genau auf die Medina. Eine Schaustraße…“ An der 60 Meter breiten Straße mit zwei, von breiten Baumreihen getrennten Straßenzügen, liegen die Kathedrale, das Theater und fünf Hotels, darunter zwei Luxusherbergen.

Cafés und Patisserien erwähnte er nicht, dabei sind sie es, die Leben in die Straße bringen, wenn sie auch neben Kaffee und schwarzem Tee meist nur alkoholfreie Getränke anbieten. Es gibt oft auch einen Aussenausschank für Leute, die nur auf Promenade sind, um Kontakte zu knüpfen. Dort trifft sich vor allem die tunesische Männerwelt, darunter tagsüber viele arbeitslose Jugendliche und Rentner, die bei Wasserpfeife, Spiel und Unterhaltung mit Freunden oft viele Stunden des Tages verbringen. Einheimische Frauen sieht man praktisch nie unter den Gästen. Viele sind allerdings eher heruntergekommen, jedenfalls nach französischem Maßstab.

Ich habe 1993 beidseits der Avenue, hier nahe des Theaters, einige Cafés fotografiert – damals leider noch ohne Blick für das Detail und den Mut, es auch abzulichten. Während das „Café de Paris“, das „Champs-Elysées“ und das „Le Capitole“ (als Restaurant) noch bestehten, existieren das „Chez Max“ und „Le Carthage“ so (zumindest unter diesen Namen) nicht mehr. Aktuell heißen die weiteren Cafés der Avenue „Theater“, „Panorama“, „Baghdad“, „Pyramide“, „Jasmin“ oder „Baba Club“.

Café de Paris_Tunis © Ekkehart Schmidt

Café de Paris_Tunis © Ekkehart Schmidt

Café de Paris_Tunis © Ekkehart Schmidt

Café de Paris_Tunis © Ekkehart Schmidt

Das Kino Le Capitole (von dem ich noch eine frühere Aufnahme fand) heißt heute „Zara“. Abends kam zum Schauspiel der sich begegnenden Menschen das der in faszinierend großen Schwärmen über der Avenue fliegenden Stare dazu. Wenn die Nacht über die Stadt gefallen war, konnte man hier nicht mehr spazieren, ohne Gefahr zu laufen, von den in den Bäumen rastenden und übernachtenden Vögeln angeschissen zu werden.

Café de Paris_Tunis © Ekkehart Schmidt

Bei den männlichen Tunesiern und interessierten Reisenden gleichermaßen beliebt waren immer vor allem das Café de Paris und der Tunis Club an der wichtigsten Kreuzung der Avenue Habib Bourguiba: derjenigen mit der der Av. de Paris und der Av. de Carthage. Beide Lokale sind seit über einem Jahrhundert beliebte gesellschaftliche Treffpunkte, wie es so schön heißt (schon der Baedecker von 1909 erwähnt sie sowie ein drittes Lokal als einzige für Europäer zu empfehlende Cafés). Hier eine historische Aufnahme etwa aus den 1960ern:

Tunis-Cafe-de-Paris_800

Es wird heute – wegen der Nähe zum Theater vielleicht – gelegentlich auch behauptet, hier würden sich unter anderem Künstler treffen (was ein weiter Begriff ist). Das kann ich nicht beurteilen. Aber mir wurde plötzlich klar, dass nicht nur beim „Café des Nattes“, sondern auch hier Orient-Phantasien ihre Wirkung zeigen. Während ersteres für die „guten alten Zeiten“ steht, repräsentiert das Café de Paris die Epoche der Verwestlichung in und nach der französischen Kolonialzeit, in der – so dieser Mythos – eine gesunde Symbiose beider Welten bestand.

Café de Paris_Tunis © Ekkehart Schmidt

Café de Paris_Tunis © Ekkehart Schmidt

Café de Paris_Tunis © Ekkehart Schmidt

Café de Paris_Tunis © Ekkehart Schmidt

Am 18. März 2010 war ich 17 Jahre nach dem ersten Mal wieder im Café de Paris, diesmal wegen eines Lehrauftrags für eine zweiwöchige geographischen Exkursion der RUB Bochum. Für einen Espresso alleine. Ich klaute mir die Tasse und fotografierte sie später. Meine Online-Recherchen heute zeigen: Die blaue Markise existiert nicht mehr, stattdessen wurde da im Zuge einer Sanierung eine schwarze Leiste mit goldenem Schriftzug installiert, auf den Bürgersteigen stehen jetzt rote Sonnenschirme. Vor allem ist es jetzt eher eine Brasserie mit Pizza-Angebot. Das Café mit dem großen Namen wirkt heute innen etwas schäbig. Es hat seine ursprüngliche Rolle als Ort der Kommunikation in Zeiten von modernen Coffee Shops längst eingebüßt und ist nur noch ein Relikt. Was freilich nicht verloren ging, ist seine Rolle als Ort zur Beobachtung der Passanten – abends auch bei einem Bier, wohlgemerkt, wenn das Café zur Bar geworden ist.

Café de Paris_Tunis © Ekkehart Schmidt

Neben der Avenue Bourguiba war für mich in Tunis immer das Viertel Bab Souika das zweite Viertel mit klassischen Kaffeehäusern (hier einige historische Postkarten). Es ist während des Ramadan „der Schauplatz eines der Reeperbahn ähnelnden Nachtlebens mit Bauchtänzern, Verkaufsständen… und der ausgelassene Betrieb dehnt sich über die ganze Nacht hin – auch ohne Alkohol!“, schrieb Eckert 1983 in seinem Reiseführer. Ich habe das durch die Stadtsanierung stark umgewandelte Viertel im Normalzustand erlebt. Auch hier wieder diese mächtigen roten Coca-Cola-Markisen wie an der Avenue.

Café de Paris_Tunis © Ekkehart Schmidt

Café de Paris_Tunis © Ekkehart Schmidt

Café de Paris_Tunis © Ekkehart Schmidt

Leider fehlen mir Fotos vom Café Sidi Amara mit seinen grünen Fenstern an der Place Halfaouine weiter westlich von Bab Soueika. Hier habe ich mich in Tunis mit Abstand am wohlsten gefühlt, was man vielleicht bei diesen Google-Fotos nachvollziehen kann. Eine wunderbar ruhig-friedliche Stimmung an einem altstädtischen Platz.

Ich habe damals 1993/2010 so manches Café erlebt, aber leider mit wenigen Ausnahmen nicht fotografiert. Stellvertretend hier eins nahe des Übergangs von Altstadt zu Neustadt:

Café de Paris_Tunis © Ekkehart Schmidt

Adresse: 2, Avenue de Carthage, 1080, Tunis

Verwendete Literatur: Baedeker, Karl: Das Mittelmeer. Handbuch für Reisende, Leipzig 1909, S. 344, 366; Dumas, Alexandre: Le Véloce ou Tanger, Alger et Tunis, Paris 1848, S. 77; Eckert, Gerhard: Tunesien kennenund lieben, Lübeck, 5. Aufl. 1983, S. 67ff, 73; Eckert, Wolfgang und Ursel: Tunesien – Vom Mittelmeer zu den Oasen der Sahara, Reise Know-How, Hohenthann 1993, S. 180, 206; Femmes de Tunisie: En photos, Tunis autrefois: beauté et espaces verts, 14.09.2016.

Café de Paris_Tunis © Ekkehart Schmidt

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  1. Namen von Gastwirtschaften | akihart

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