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Serhad Toprak_Völklingen

November 3, 2017

Dieses Lokal mit dem merkwürdigen Doppelnamen „Serhad Toprak“ und „Vartolu Toprak“ hat mich magisch angezogen, seitdem ich 2007 erstmals und dann 2016 noch einmal kurz hinein schaute: Urdeutscher kann ein Lokal mit seinen bunten Glasfenstern kaum wirken, aber es hat jetzt einen türkischen Namen und der Blick durch die immer geöffnete Tür zeigte eine sehr spelunkige Szenerie, in die man sich nicht ohne weiteres hinein traut: etwas düster, aber mit bunten Wänden. Serhad heisst „Grenzgebiet“, Toprak heißt „Erde“ oder „Boden“. Zugleich sind beides türkische Vornamen. Was „Vartolu“ heißt, konnte ich in gängigen Türkisch-Lexika nicht herausfinden. Vielleicht weil es ein kurdischer oder alevitischer Begriff ist? Jedenfalls schien es zunächst keine Bedeutung zu geben, die zu einem Lokal passen würde. Offenbar handelt es sich bei diesem neuen Doppelnamen einer altehrwürdigen Gaststätte an der Ecke Poststraße/ Bismarckstraße in der Völklinger Altstadt einfach um die Namen der neuen Betreiber: Herr und Frau Toprak? An Allerheiligen hatte ich Zeit für einen Besuch.

Serhat Toprak_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Serhat Toprak_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Das Lokal wirkt von außen und innen wie eine sehr typische, vor etwa 80-100 Jahren entstandene Alt-Völklinger Arbeiterkneipe, in der man vielleicht früher auch einmal getanzt hat. Mit dem Niedergang der Stadt während der Stahlkrise der 1970er-Jahre und nach Schließung der Hütte 1993 (oder war es 1986?), schlug irgendwann auch die letzte Stunde dieses Lokals. Um herauszufinden, wann das wohl erst einmal verwaiste Lokal dann von Türken übernommen wurde und was hier abends los ist, muss ich noch etwas recherchieren. Die neuen Inhaber oder Pächter haben innen jedenfalls wenig verändert. Bei meinen Recherchen für eine Studie zu Migranten in Völklingen 2007 habe ich zwar notiert, dass sich hier ein Lokal namens „Dostlar Meyhanesi“ mit türkischen Inhabern, Alkoholausschank (aber keinem Cay) und überwiegend männlichen Gästen befand, kann mich aber nicht erinnern, wie es innen aussah. Ein „Meyhane“ (von pers. Mey = Wein und Hane = Haus) ist ein bestimmter Typus traditioneller Restaurants mit Alkoholausschank, die es in der Türkei aber seit den 1980ern nicht mehr gibt. Und „Dostlar“ bedeutet Freunde.

Serhat Toprak_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Serhat Toprak_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Serhat Toprak_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Serhat Toprak_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Serhat Toprak_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Als ich eintrat, nahm die türkischstämmige Thekerin sofort die Hand mit der brennenden Zigarette runter – Alarm: ein Deutscher! Aber ich kam ja nicht vom Gewerbeaufsichtsamt und schaute nicht auf das Schild „Rauchen verboten“ oder ob das andere halbe Dutzend türkischer Gäste auch rauchte, sondern wollte nach zehn Kilometer Radfahrerei einfach erstmal nur einen ordentlichen Espresso trinken. Den bekam ich. Mit dem unvermeidlichen Spekulatiuskeks. Als ich später meine Zigarettenschachtel auspackte und auf den Tisch legte, kam sie – sehr aufmerksam – sofort und stellte mir einen Aschenbecher hin. Ich habe dann aber trotzdem brav draußen geraucht.

Die Bestuhlung und die französischen Spiegelbilder an der Wand („Bières de la Meuse“ und Lithographien) wirken sehr klassisch und auch die Theke hat schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel. Nur der derbe sich beißende Anstrich der Wände, die Bestückung des Regals mit den Alkoholika, der riesige Zigarettenautomat, die Spielautomaten und die Gardinen wirken so, als habe man etwas investiert. Bemerkenswert: Es gab kein Bild oder Objekt mit türkischem Bezug, dafür zwei deutsche Fahnen hinter der Theke, was ich fotografieren konnte, als die Thekerin und der Inhaber – der in edlem Anzug mit blitzblank gewienerten Schuhen an der Theke eine Pizza vom Pizzaservice vertilgte – kurz einmal in der Küche verschwanden.

Serhat Toprak_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Serhat Toprak_Völklingen © Ekkehart Schmidt

Ein erstes Fazit: Weder Inneneinrichtung (ich habe oben die Plastikblümchen zu erwähnen vergessen), noch die Kundschaft und ihre Bedürfnisse haben sich ernsthaft verändert: Männer aus der Arbeiterschaft trinken hier tagsüber ihr Bier und abends auch mal etwas Härteres, haben das Bedürfnis nach etwas Freizeitvergnügen und einer Unterhaltung, bei der sie über ihre Sorgen und Nöte sprechen können, wie es wunderbar auf der Homepage eines anderen hiesigen Lokals, der „Donner Quelle“ ausgedrückt wurde – und kriegen das befriedigt. Es läuft westliche Popmusik („Hey brother, hey sister“). Neu ist nur, dass es neben dem Billardtisch und dem unvermeidlichen Fernseher nun auch drei Spielautomaten gibt.

Ich bin dann weiter und aß – weil man hier nichts zu essen bekommt – nebenan in der Poststraße im „Chicken House“ ein Pide mit Fritten, um mir dann im Weltkulturerbe Völklinger Hütte die Urban Art Biennale anzuschauen.

Über Facebook bekam ich einem Tag nach diesem Posting ein feedback zu „Vartolu“: Die türkische Wiki sagt: Varto ist eine an Muş angebundene Gemeinde/Stadt im Südosten der Türkei – eine der wenigen Provinzen, durch die ich nie durchgefahren bin. 60 km südlich bin ich allerdings 1985 vorbeigeradelt. Und „Vartolu“ meint dann ‚jemanden aus Varto‘. Auf Zaza heißt der Ort wohl Gımgım. Auf einer deutschen Wikipedia-Seite zu Varto wird auch eine armenische Herkunft des Namens vermutet. Die zweite Bezeichnung des Namensschilds bedeutet also in etwa „Bei den Topraks aus Varto“.

Adresse: Bismarckstraße 32, 66333 Völklingen

Verwendete Quellen: isoplanCONSULT: Migranten in Völklingen. Eine sozioökonomische Bestandsaufnahme. Positionspapier für die Integrationsbeauftragte der Stadt Völklingen, Saarbrücken 2007; Wikipedia-Artikel: Meyhane.

Serhad Toprak_Völklingen © Ekkehart Schmidt

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