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Café des Nattes_Sidi Bou Saïd

Oktober 31, 2017

Das berühmteste Café von Tunis, wenn nicht von Tunesien oder gar ganz Nordafrikas zwischen Kairo und Tanger ist eindeutig das „Café des Nattes“ in dem über der Mittelmeerküste gelegenen Vorort Sidi Bou Saïd. Aber das Lokal mit weltweiter Reputation ist eine aus der Zeit gefallene Orient-Phantasie, die seit einem Jahrhundert Künstler und Touristen anzieht, die ihren Träumereien in der Realität begegnen möchten und dies hier im Ort auch geschäftstüchtig serviert bekommen. Was nicht heißt, dass das Café seine Authentizität verloren hätte. Zumindest abends hat es sich diese bewahrt, wenn die genannten Gäste wieder in ihre Hotels zurück gekehrt sind und die Einheimischen, die es nicht nach den früher offenbar bemerkenswerten Matten („nattes“) benennen, sondern oft nur einfach „Café du haut“ (das obere Café), wieder zu ihrem Recht auf Ruhe kommen.

Schon im Baedeker von 1909 wird es im Kontext des Besuchs der Ruinen von Karthago nördlich von Tunis erwähnt:

„Der fast rein mohammedanische, wohlhabende und überaus malerische Ort, mit einem Sommerhaus des Beys, schönem Badestrand und der freitags viel besuchten Grabkapelle (sic!) des Ortsheiligen, liegt auf der Ostspitze der Halbinsel, welche als Cap Carthae oder Cartagena (129m; arab. Ras Sluguia) den Namen der Punierstadt durch die Jahrhunderte hindurch bewahrt hat. Vom Eingang des Dorfes, wo die Straßenbahnstation und die Droschkenhaltestelle, steigt man geradeaus zu einem kleinen Platz mit mehreren arabischen Kaffeehäusern hinan“.

Abgesehen von der Straßenbahn, die heute eine S-Bahn ist, sowie einer deutlich gestiegenen Zahl westlicher Bewohner, hat sich an der Beschreibung wenig geändert – was vor allem daran liegt, dass der Ort 1915 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Und dass Baedeker von einer Kapelle sprach, statt den Sufi aus dem 12. Jahrhundert zu nennen, dessen Mausoleum unmittelbar oberhalb des Cafés liegt, mag man ihm nachsehen. Rundum des Grabbaus von Sidi Bou Saïd (vollständig: Abou-Saïd Ibn Khalef Ibn Yahia Attamimi El Béji, genannt Meister der Meere, 1150-1230) entstand das Dorf.

Auch den Namen des optisch dominanten Cafés zu nennen, wäre damals zu viel verlangt gewesen – falls es überhaupt schon einen gab. Viel erstaunlicher ist, dass die Cafés in diesem frühen, stark auf Bauwerke konzentrierten Reiseführer, überhaupt genannt wurden. Der erste westliche Besucher, der das Erleben solcher Cafés beschrieb, war allerdings der französische Dichter Alexandre Dumas, der sein Erleben eines „maurischen Cafés“ im Jahr 1846 bei einer Wanderung von Tunis nach Karthago beschrieb (bis nach Sidi Bou-Saïd kam er wohl nicht):

„Un café maure est toujours une chose charmante pour la poésie et la peinture: S’il y a un arbre dans la plainte, il va s’y adosser; puis il s’appuie avec un sans-façon si charmante, l’arbre et lui font un gorge si heureux d’ombre et de jour, de vert sombre et de blanc mal, les gens qui l’habitent causent une allure si pittoresque avec les gens qui passent, le mendiant est si bien draqpé dans ses haillons, le cavalier est si fièrement capé sur sa montre, que le tableau se trouve tout composé et que nous nous demandons comment la religion défend de peindre des images d’hommes dans un pays ou l’image de l’homme semble si bien être l’image de Dieu.“ Im Anschluss an diese Gedanken darüber, wie einfach ein Maler hier ein pittoreskes Bild schaffen kann, wundert er sich noch: „En Afrique on prend le café vingt fois par jour, et cela sans aucun inconvénient“.

Dann besuchten die Maler August Macke, Paul Klee und Louis Moillet im April 1914 den Ort. Die drei liebten es, in Cafés zu sitzen und zu philosophieren. Macke hielt manche Szenerie in Zeichnungen und Aquarellen fest. Vor allem die Aquarelle, die dort entstanden, bildeten einen Höhepunkt der Kunstgeschichte. Darunter eins, das von Macke bezeichnenderweise „Blick auf eine Moschee“ genannt wurde. Vielleicht erkannte er das Café nicht als solches, sondern missverstand sein Portal als Eingang zu der dahinter liegenden Moschee aus dem 19. Jahrhundert. Aber hier wird es schwierig, im Nachhinein korrekt und genau zu sein: Entweder lag das Minarett der Moschee zufällig in der Blickachse des Platzes und der von ihm hochstrebenden Stufen, während das eigentliche Grabmal mit angeschlossener theologischer Schule durch einen unauffälligen Eingang zwischen beiden zu erreichen ist, wie ein Reiseführer von 1998 schreibt. Oder aber das Café residiert tatsächlich in einem früheren Vorraum der Zawiya, die mit dessen Erfolg nach hinten auswich, ehe dann sogar ein Minarett gebaut wurde.

Höhepunkt der Kunstgeschichte weniger wegen der Bildinhalte, denn wegen der Farbenpracht. Die Verbreitung dieser Bilder trug enorm viel zur Anziehungskraft des Ortes für Künstler und Touristen sowie dem Mythos rund um das Café bei. Sidi Bou wurde zum Sehnsuchtsort schlechthin. An berühmten anderen Besuchern zu nennen sind Guy de Maupassant, André Gide (der hier ein Haus hatte), Ali Ben Salem, Fathi Ben Zakoar, Robert Hue, der Baron d’Erlanger oder G.L. Lemonnier, sowie Dutzende weitere, die nicht aktenkundig wurden, weil man damals noch keine Instagram-Fotos gepostet hat.

Nach seiner Rückkehr hat Macke in Hilterfingen zwei weitere berühmte Gemälde mit ganz ähnlichen Motiven geschaffen: „Türkisches Café I und II“. Beide hat er nach Fotos gemalt, „die er mit seiner kleinen Kamera in Tunesien selbst schoss“, heißt es bei von Bassewitz/von Friesen. Sie wirken allerdings arg künstlich.

In einem Reiseführer von 1983 heißt es: “ Mittelpunkt des Dorfes ist das arabische Café des Nattes im maurischen Stil mit Sitzmatten und zwei Aussichtsbalkonen, wo man sitzt und den Pfefferminztee schlürft“. Erwähnt wird auch der „Thé à la menthe“, den man hier „unbedingt“ trinken solle. Der Autor, Gerhard Eckert, nimmt auch Bezug auf den offenbar – wegen der Künstler – häufigen Vergleich mit St. Tropez: Dieser tue dem Ort Unrecht. Anders als die Stadt an der Côte d‘ Azur, die fast gegenüber jenseits des Mittelmeers liegt, verliere Sidi Bou-Saïd seine „friedliche Gelassenheit und seinen malerischen Zauber“ nicht.

1995 heißt es in einem anderen Reiseführer: „Wo einst die Muse Künstler küsste, flanieren heute die Touristen durch die Straße“. Mit der Dämmerung kehre dann Ruhe ein. Es verblieben alte und junge Männer, ihre Schischa schmauchend und plauschend – in einem scheinbar unveränderten Alltag rund um dieses tagsüber „meist fotografierten Cafés Tunesiens“. Wenn die Touristen abends wieder in ihre Ferienhotels zurück gekehrt sind – gleich in der Nachbarschaft gibt es elegante Hotelpaläste mit marmornen Lobbies und nicht weit davon auch palmengesäumte Golfplätze -, sei es ein belebter Treffpunkt der Einheimischen.

1998 heißt es in einem Reiseführer: „Auch wenn das so gerühmte Haus inzwischen kaum mehr ist als eine Touristenfalle – man sollte es dennoch besuchen“.

Ich habe den Ort und das Café am 10. Dezember 1993 besucht und kam – fasziniert wie jeder Besucher von den Farben der Ortschaft – zwar mittags am Café vorbei, machte aber keine Fotos, sondern ging erst abends wieder zurück, als es eher düster wirkte – dadurch aber auch fast zeitlos und tatsächlich fast wieder ursprünglich, wie oben zitiert. Vor allem die Loggia als Ziel der Stufen strahlt eine heimelige Atmosphäre aus.

Café de Paris_Tunis © Ekkehart Schmidt

Café de Paris_Tunis © Ekkehart Schmidt

Googelt man heute (oder nutzt ecosia.com) August Macke und Sidi Bou Said, erhält man eine Symphonie an Bildern in strahlendem Blau mit Weiß. Der kobaltblauer Himmel mit Dauersonnenschein ist aber die einzige wirkliche Konstante des Platzes. Die Häuser sind in den letzten Jahrzehnten, seit Einsetzen des Massentourismus, zunehmend weiß gestrichen worden, die Fensterläden und hervorragenden Erker und auch die Tore dagegen blau. Auch der Rundbogen des Portals wurde irgendwann ganz gelb eingefasst. Ganz zu schweigen vom völlig orientalisierten Inneren, wie man bei tripadvisor schön sehen kann.

Ein immer weiter perfektionierter „malerischer Platz“. Die Szenerie wird immer mehr der Sehnsuchtsvorstellung der Touristen entsprechend verändert, deren Orientbild angepasst. Tatsächlich hat man hier immer noch einen grandiosen Blick über weiße Kuppeln und – von etwas oberhalb – auch über den Golf von Tunis zur Cap-Bon-Halbinsel. Man erlebt auch immer noch einen „Sinnesreiz, als sei gerade das Farbfernsehen erfunden worden“, wie Sobik schreibt, aber der Dorfplatz ist tagsüber nicht mehr Forum und Treffpunkt der Einheimischen. Stattdessen schieben sich Touristenmassen hoch, die beiderseits des Platzes nur noch Andenkengeschäfte sehen. Neben „Thé à la menthe“ gibt es thé aux pignions (Tee mit Pinienkernen), mit Kardamom gewürzten Kahwa und die libanesischen Pistaziensüßigkeit Hallab. Es sieht etwa so aus:

Das zweite verbliebene Café, von dem aus das Café des Nattes hoch strebt, wurde vor einigen Jahren gepachtet von einem offenbar illustren Mann namens „Chenèb“, der meist mit rotem Fez und geschwungenem Schnurrbart auftritt.

Egal. So ist das nun einmal. Für mich ist dieser Ort kunsthistorisch deswegen so bedeutsam, weil die drei Maler in Zeiten, in denen in Europa malerisch Dunkelheit vorherrschte, in extrem farbenfrohen Aquarellen das Licht entdeckt wurde. Der künstlerische Ertrag dieser Reise war für Paul Klee, der vor allem vom Himmel und den klaren Formen der Architektur beeindruckt war, übrigens ein anderer: In dieser Phase seiner künstlerischen Laufbahn versuchte er vor allem, „Motive in abstrakte Kompositionen umzusetzen“ und hoffte nun „…im alles durchdringenden, alles zusammenziehenden und entmaterialisierten Licht Nordafrikas die Eigengesetzlichkeit der Farbe“ zu entdecken.

Café de Paris_Tunis © Ekkehart Schmidt

Ein anderes Café vor Ort, berühmt für seinen Blick auf den Hafen und das Meer, das Café Sidi Chabaâne, ist ebenfalls benannt nach einem von einem guten Dutzend Marabouts bzw. Sufis, die hier gewirkt haben, um dessen Grab herum es entstand. Es war so benannt, muss man sagen, wurde es doch 2014 umbenannt in den sehr touristischen Namen „Café des délices“, was zu sehr viel Empörung und der Schaffung einer Facebookseite mit Boykottaufruf führte. Nicht nur, dass man den Namen preisgab, es kam auch zu einer deutlichen Preissteigerung. Das über mehrere Terrassen gestaffelte Lokal scheint am Hang über dem Golf zu kleben: ein überwältigendes Panorama, stark an griechische Inseln erinnernd. 1995 hieß es in einem Reiseführer noch, hier säßen am späten Nachmittag  fast nur noch Einheimische. Dann wurde es saniert und touristifiziert – sicherlich unter Verlust seiner Authentizität.

Wollen wir hoffen, dass dieses Schicksal dem Café des Nattes erspart bleibt. Es ist für Nostalgiker wie mich schon ein ausreichend großes Ärgernis, dass der Vorplatz völlig an die Bedürfnisse und Orientphantasievorstellungen von Urlaubern angepasst worden ist. Andererseits: Indem ein Lokal alle Touristen anzieht, werden alle anderen  wenn auch nicht der näheren, so doch der weiteren Umgebung in Ruhe gelassen. Vor allem auch die Zawiya selbst, die nicht nur im Sommer sufische Prozessionen organisiert, sondern rund um welche sich ein angeschlossener Verein auch um die Pflege sufischer Gesänge und den Malouf bemüht. Das ist freilich ein ganz eigenes Thema in diesem Ort, der auch für die tunesische Musik von großer Bedeutung ist.

Der Facebook-Seite der Zawiya entnahm ich schließlich noch zwei Fotos, die den Ort außerhalb der Saison so zeigt, wie man ihn den Sufis ganzjährig wünschen würde, wenngleich die einnahmen des Tourismus wohl auch ihnen zugute kommen:

Cafedesnattes_Zawiya_800

Cafedesnattes_Zawiya_2_800

Adresse: Rue Sidi Bou Fares, Sidi Bou Said 2026, Tunesien, Tel.: +216 71 749 661

Verwendete Quellen: Baedeker, Karl: Das Mittelmeer. Hafenplätze und Seewege (…), Handbuch für Reisende, Leipzig 1909, S. 366; Charfeddine, Moucef: Alexandre Dumas à Tunis. Impressions de voyage, Tunis, o.D. (vor 1993), S. 77f; Eckert, Gerhard: Tunesien kennen und lieben, Lübeck, 5. Aufl. 1983, S. 83; Karoui, Ahmed: Guide de Sidi Bou-Saïd, Tunis 1984, S. 28, 35; Sobik, Helge: Tunesien entdecken & erleben, München 1995, S. 8, 12ff, 142; Brockschmidt, Rolf: Mitten ins Märchen. 100 Jahre Tunisreise, Tagesspiegel, 06.04.2014 (erstes touristisches Foto); viajecomigo.com (zweites touristisches Foto); von Bassewitz, Gerd/ von Friesen, Astrid: Auf August Mackes Spuren. Eine Bildreise, Hamburg, Ellert und Richter 1997, S. 60,65; Schetar, Daniela/ Köthe, Friedrich: Tunesien. ADAC Reiseführer, München 1998, S. 34

Café des Nattes_Sidi Bou Saïd © Ekkehart Schmidt

10 Kommentare
  1. Ich war dort im August ’93.
    Der Pfefferminztee ist sehr gut.

    • Ah, also drei Monate vor mir 😉

      • Es war eine Hochzeitsreise. Eine Woche Rundreise (sehr interessant) und eine Woche Djerba (Badeurlaub) … 😉

      • Dann hoffentlich sehr schöne Erinnerungen? War es selbst organisiert nach Sidi Bou-Said zu fahren und auch dieses Café zu besuchen oder im Rahmen einer Gruppentour? Sorry für die Neugierde 😉

      • Eine Rundreise, wie gesagt: „Sie können jetzt Zeit haben über eine halbe Stunde und können profitieren von saubere Toilette …“ 😉

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