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Café de la Gare_Hellange

Oktober 30, 2017

Zwischen 1899 und 1952 führte die Trasse der Schmalspurbahn Bettembourg –Aspelt, offiziell „Vizinaleisenbahnlinie„, inoffiziell, wie anderswo im Süden Luxemburgs auch Jhangeli genannt, parallel zur französischen Grenze durch Hellange (dtsch.: Hellingen, lux.: Helleng). Es gab einen Bahnhof und wahrscheinlich schon sehr früh auch ein Lokal mit Kegelbahn namens „Café de la Gare“ unweit des Haltepunkts. Der Ort liegt etwa zwei Kilometer westlich von Frisinge (dtsch.: Frisingen) an der Nationalstraße 13, die heute Bettembourg und Aspelt verbindet und auf der ich jeden Abend von der Arbeit zurück nach Saarbrücken fahre.

Heute bin ich in der Mittagspause in diesen ehedem bäuerlichen, heute urbanisierten Ort mit gut 700 Einwohnern gefahren, um mir das im Oktober 2015 neu eröffnete „Café de la Gare“ anzuschauen. Mein Bus hielt an der dem heiligen Willibrord 1812 geweihten Kierch. Gegenüber liegt ein Lokal namens „Letzebuerger Kaschthaus“, einem offenbar urigen ehemaligen Landrestaurant, das zumindest von 1991 bis 2016 von der Spitzenköchin Lea Linster als Zweitlokal neben ihrem Stammhaus in Frisingen für individuelle Feste vermietet wurde, aber offenbar in Konkurs ging. Daneben führt die Straße „Garerbierg“ an einem schönen alten Gutshof vorbei in eine Talsenke, in der ich hinter einer Ecke mein gesuchtes Café entdeckte. Andere Geschäfte oder Lokale gibt es hier nicht (mehr).

Café de la Gare_Hellange © Ekkehart Schmidt

Café de la Gare_Hellange © Ekkehart Schmidt

Der ehemalige Bahnhof (Bildmitte) ist als solcher nicht mehr zu erkennen. Fabien Pierrot, der das offenbar lange verwaiste Lokal im Sommer 2015 mit Géraldine Savard auf Vordermann gebracht hat, zeigte ihn mir. Er ist heute ein Wohnhaus an einem Spielplatz. Linkerhand liegt das Café.

Café de la Gare_Hellange © Ekkehart Schmidt

Café de la Gare_Hellange © Ekkehart Schmidt

Café de la Gare_Hellange © Ekkehart Schmidt

Café de la Gare_Hellange © Ekkehart Schmidt

Das für den Bierlieferanten Diekirch typisch lachsfarben gestrichene Lokal war überraschend groß. Man betritt erst eine eher enge Stube mit dominanter Theke, dann sieht man, dass es geradeaus und links Türen zu zwei weiteren, deutlich größeren Räumen geht: Einem mit vier Dartscheiben und einem mit Kegelbahn. Die Stube war ziemlich voll besetzt, deshalb gibt es hier nur ein kopiertes Foto von der Homepage des Lokals und eins aus Google-Earth:

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Ich bin gleich durchgegangen zum Dart-Raum, bestellte einen Espresso und las etwas im Quotidien, der hier mit dem Tageblatt zur Lektüre ausliegt. Über den vier Dartscheiben stehen gut 30 Pokale. Die Gaststätte ist Sitz des Clubs „DC Brooklyn Zoo“. Ausßerhalb des Trainings darf hier aber jeder sein Glück versuchen. Man hat alles etwas modernisiert, zum Glück aber die klassische Bestuhlung nicht verändert. Ob in diesem von 10 – 1 Uhr geöffneten Lokal zumindest am Wochenende noch ‚was los ist? Als sich die Gaststube plötzlich leerte, bin ich etwas herum gelaufen und habe fotografiert.

Café de la Gare_Hellange © Ekkehart Schmidt

Café de la Gare_Hellange © Ekkehart Schmidt

Café de la Gare_Hellange © Ekkehart Schmidt

Die Speisekarte wirkt ziemlich ambitiös, wahrscheinlich versuchen die neuen Betreiber, auch wohlhabende Neubürger des Ortes anzuziehen, zumindest abends. Neben den wöchentlich drei Stammgerichten für 8,50 EUR bietet sie „Joue de Porc à la bière et miel“ und Cheeseburger für 10,50 EUR, „Steak de Boeuf Angus“ für 12,50, Spaghetti für 10,50, verschiedene Omelette für 9-9,50 EUR, aber auch die typisch portugiesische Bifana für 5,50, Croque Monsieur und Croque Madame für 4 – 4,50, sowie belegte Brötchen für 4 – 4,50 EUR. Aber natürlich gibt es in anderen Wochen auch Bouche à la Reine, Cordon Bleue und das sehr luxemburgische Pferdesteak. Und eine erstaunlich große, fast exquisite Weinkarte.

Die beiden Betreiber legen Wert darauf, dass das Essen noch handgemacht ist, sagten sie gegenüber dem „Lëtzebuerger Journal“. Dort heisst es: „So werden die Kartoffeln noch in der Küche geschält und das Gemüse handverlesen. Viele Produkte werden auf den lokalen Märkten und Metzgereien eingekauft. Und diese Liebe zur Küche überträgt sich auf den Teller“. In einem RTL-Radiobeitrag wird das ebenfalls betont – und ist in Zeiten bereits zubereitet eingekaufter Zutaten auch tatsächlich ein Zeichen guter Küche.

Café de la Gare_Hellange © Ekkehart Schmidt

Café de la Gare_Hellange © Ekkehart Schmidt

Café de la Gare_Hellange © Ekkehart Schmidt

Natürlich interessierte mich vor allem die Kegelbahn. Solche gibt es in Luxemburg kaum noch. Ich habe diese Stätten kleinstädtischen Vergnügens nur noch in den Lokalen „Um Stamminet“ in Luxemburg, „Am Trapeneck“ in Alzingen, „Café Central“ in Rumelange, dem „Café de la Gare“ in Münsbach oder dem „Café bei der Gemeng“ in Rambrouch entdeckt. Im März 2017 wurde die Kegelbahn erneuert, wobei man den langgestreckten Raum ganz nett in modernen Farben saniert hat. Samstag nachmittags treffen sich hier jetzt lokale Kegelfans, aber auch aus der weiteren Umgebung. Man spielt – wie früher – in zwei Mannschaften. Es fehlt allerdings noch ein Club.

Café de la Gare_Hellange © Ekkehart Schmidt

Café de la Gare_Hellange © Ekkehart Schmidt

Café de la Gare_Hellange © Ekkehart Schmidt

Café de la Gare_Hellange © Ekkehart Schmidt

Der große Raum wird auch für Seminare oder Feiern genutzt, sagt Géraldine.

Was mir sehr gefiel, war die Abwesenheit der sonst in solchen – meist um’s Überleben kämpfenden – authentischen Lokalen aus einer anderen Zeit omnipräsenten Internet-Spielautomaten. Es gibt lediglich einen – eher kleinen – Fernseher. Im RTL-Radiobeitrag wird allerdings ein „großer Ecran“ erwähnt, auf dem die wichtigsten Sportereignisse des Jahres gemeinsam geschaut werden. Betont wird aber, dass hier wirklich noch miteinander geschwätzt wird, von der Theke zum Tisch, unter allen Anwesenden. Jeder spreche mit jedem. Auch Grenzgänger würden auf dem Weg nach Hause oft vorbeischauen. Und nicht zuletzt gehöre zur Gemütlichkeit dazu, dass es an der Theke von Géraldine immer etwas zu knabbern gibt.

Nach einer halben Stunde musste ich wieder los, zurück zur Bushaltestelle oben an der Beetebuerger Strooss neben dem Kaaschthaus. Leider habe ich keine Aufnahme des historischen Fotos des Cafés aus Jhangeli-Zeiten gemacht, das mir Fabien Pierrot im Eingangsflur zum Abschied zeigte. Ich muss also nochmal zurück kommen.

Adresse: 15 Rue de la Gare, L-3334 Hellange (Helleng), Tel. : +352 26 52 10 13, Handy: +352 621 247 770,  Homepage

Verwendete Quellen: RTL.lu – Serie: De klenge Bistro „Café de la gare Helleng“, 16.08.2016; Spielmann, Christian: Mit Liebe handgemacht. Das „Café de la Gare“ in Hellingen, Lëtzebuerger Journal, 24.10.2017; das 2. Innenfoto stammt aus Google-Earth.

Café de la Gare_Hellange © Ekkehart Schmidt

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  1. Café de la gare_Bettembourg | akihart

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